Wir sprachen mit den Machern von WahWah, Readmill, Tweek und EyeEM


Foto: Georg Roske

Berlin etabliert sich gerade neben der Hochburg des Technoclub zur Stadt des neuen Gründermythos. Das Startup-Wort liegt über zehn Jahre nach dem großen Platzen der New Economy wieder ziemlich locker im Mund und der erfolgreiche Geek besetzt dabei aktuell die unnachahmliche Mitte zwischen Popstar und anzugtragendem Kapitalisten. Wie haben uns mit einer neue Generation von Machern zusammengesetzt und ihre Meinung protokolliert zur Gründung, der Wichtigkeit des Teams, Berlin-Hype, Ein-Prozent-Investor und der goldenen Zukunft.

Alle reden über die neue Startup-Szene in Berlin. Seien es die die hiesigen Mainstream-Medien oder biblisch abgefeierte Geek-Gazetten wie TechCrunch, GigaOM oder Wired, die ihre Nasen bereits an die Spree gesteckt haben. Man spricht vom Silicon Allee und versucht in der Kategorisierung alles, um nur irgendwie in die Nähe der kalifornischen Bay Area zu gelangen. Dabei könnten die Unterschiede größer kaum sein. Das echte Silicon Valley hat eine milliardenschwere Großindustrie mit Firmen wie Microsoft, HP oder auch Apple im Rücken. Etwas Ähnliches gibt es in Berlin nicht. Seit dem Mauerfall wird die Stadt moniert und hält sich mit verarmtem Sexappeal über Wasser. Berlin war allerdings schon immer ein wichtiger Tech-Standort. Denkt man an die erste große New-Economy-Blase vor über zehn Jahren mit Giganten wie Pixelpark: üppige Büros, Macher und Programmierer, die auf einmal in Geld schwammen, sich nach der Implosion an den Helmholtzplatz zurückzogen und dort für die erste große Kinderwelle im Bionade- Biedermeier des Prenzlauer Berg sorgten. Oder aber Unternehmen wie Jamba und zahlreiche, erfolgreiche Me-Too-Companys wie StudiVZ oder neuerdings auch Zalando und Daily Deal. Viel Geld wurde auch mit diesen Firmen verdient, allerdings hieß bis vor kurzem die Losung eben: für den lokalen Markt von amerikanischen Vorbildern klonen, statt international innovativ sein.

Mit der heutigen Generation der Startups verhält es sich anders. Berlin ist nicht nur internationaler geworden, auch hat sich die Mediensituation geändert. Smartphones, Tablets und die dazugehörigen App-Kanäle haben neue Geschäftsmodelle entstehen lassen, aber vor allem das stetig wachsende technologische Potential und dessen Neuinterpretation des Internets sorgen für inspirierende Ideen und spannende Tools für den digitalen Alltag. Es scheint sich einmal mehr das Konzept des, im Vergleich zu anderen Großstädten, liberalen, kreativen Berlin auszuzahlen. Lebens- und Lohnkosten halten sich vergleichsweise niedrig, man kann sich gut mit anderen künstlerisch-kreativen Szenen vernetzen und der Faktor Hedonismus dürfte für viele junge Menschen aus aller Welt das Zünglein an der Waage sein, das letztendlich gegen den Exodus nach San Francisco und für die deutsche Hauptstadt entscheidet.
Als Rolemodel und Initiator dieser Bewegung gilt Soundcloud. Als De:Bug 2008 eines der ersten Interviews mit der Firma überhaupt führte, war es noch ein kleines Team mit einer großen Vision. Die beiden schwedischen Gründer Eric Wahlforss und Alex Ljung hatten bis dahin zwar keine jahrelange Erfahrung als Unternehmer vorzuweisen, aber das dringende Bedürfnis, den Lebensbereich Sound/Musik für moderne Verhältnisse zu verbessern und dabei innovativ, findig und flexibel zu agieren. Heute ist Soundcloud mit über acht Millionen Usern weltweit eine der wichtigsten Audio-Plattformen im Netz geworden und hat nebenbei vormalige Musikplatzhirsche wie MySpace und Last.fm in den Sektor der Nichtbeachtung verdrängt. Eine Erfolgsgeschichte, die für viele jetzige Gründerideen Pate stand. Vor allem zieht es auch immer mehr nationale und internationale Investoren in die Stadt, die ihre Dependancen zukünftig näher am Puls der Sache haben wollen und noch mal zusätzlich für einiges an Schub in der Entwicklung der Szene sorgen dürften.


Foto: Georg Roske

Hipster-Startup
Mit Technologien die Welt verbessern, das ungeschriebene Grundgesetz des Silicon Valley, durchdringt die jetzige Berliner Startup-Generation auch. Es geht weniger um plumpen, aber zugleich administrativ recht aufwendigen E-Commerce als vielmehr um serviceorientierte, mobile, smarte Medien. Hinzu kommt, dass die Produkte slick designt sind, was zynisch gesagt auch daran liegen mag, dass die Wahrscheinlichkeit einen Designer oder Künstler als potentiellen Mitbewohner in der Stadt zu bekommen recht hoch ist (verhält sich mit DJs nicht anders). Außerdem sind die meisten dieser Startups vom Konzept her international ausgelegt. Viele argwöhnen bereits die Umschreibung Hipster-Startup, was trotz aller negativen Subschwingungen erstmal nur positiv gesehen werden muss. Denn eine Firma zu gründen, ist heute in etwa so, wie in den 70ern oder 80ern eine Rockband zu gründen. Die beeindruckenden Biografien eines Mark Zuckerberg, Larry Page, Sergej Brin, Jack Dorsey oder Sean Parker zeigen, dass man mit einer guten Idee nicht nur sehr viel Geld verdienen kann. Sie zeigen auch Möglichkeiten der Selbstverwirklichung auf. Die Macher sind dynamisch, jung, eloquent, öffentlichkeitswirksam und vor allem ziemlich klug. Man sollte kein zu großes Fass aufmachen, aber die momentan so popkulturprägende Optik des Nerds mit krudem Kleidungsmix und dicken Brillengestellen, sie zeigt auch die enorme gesellschaftliche Akzeptanz bzw. Hochachtung, die die Tech-Gründer mittlerweile weltweit genießen.

Sozialer machen
Einige der neu gegründeten Berliner Firmen schicken sich unterdessen an, vielleicht nicht unbedingt das nächste Facebook zu werden, aber mit ihren Produkten unser Medienleben zu optimieren, zu revolutionieren, und vor allem sozialer zu machen. Sei es nun Fotografie wie bei Eyeem, Film und Fernsehen bei Tweek, Literatur bei Readmill oder Musik und Radio bei Wahwah.fm. Einige von ihnen gibt es seit kurzer Zeit, andere befinden sich noch in den Beta-Startlöchern. Trotz der unterschiedlichen Ansätze, bleibt ihnen aber eines gemein. Sie sind alle Kinder der gerade erst angebrochenen Ära der Apps. Einer Zeit, in der das Internet sich noch weiter vom Computer entfernt hat und sich durch mobile Touchscreen-Devices noch tiefer in unser Leben einschreiben kann. De:Bug hat Klaus Hartl (Co-Founder Tweek), Lorenz Aschoff (Co-Founder Eyeem), Henrik Berggren (Co-Founder Readmill) und Phillip Eibach (Founder Wahwah.fm) getroffen und ihre Gedanken und Ideen festgehalten. Was ist ihr Konzept? Wie setzt man Ideen um? Was ist ihre Vision? Wie gründet man eine Firma, wieso alles gerade jetzt und was hat es mit dem Berlin-Hype auf sich?


Foto: Georg Roske

Der Hintergrund

Phillip Eibach/Wahwah: Bevor ich mit Wahwah begonnen habe, habe ich mit binauralen Kopfhörertechnologien experimentiert. Wir haben verschiedene Klanglaufzeiten zum Ohr, gerade wenn es ums räumliche Hören geht. Einmal in der U-Bahn fragte ich mich, wie es wäre, wenn man hören könnte, was die anderen gerade hören. Schwierig umzusetzen, weil man mit zu vielen Quellen zu tun hat. Ich wollte eine Möglichkeit finden, wie man unterwegs zusammen Musik hören kann, die soziale Funktion des gemeinsamen Hörens in den mobilen Kontext einbringen. Mich hat das Thema einfach nicht mehr losgelassen. Location-, Metadaten und so viele neue Technologien bieten einem gerade neue Einflugschneisen an. Diese Idee musste irgendwie realisiert werden.

Klaus Hartl/Tweek: Jeder von uns, Sven, Marcel und ich, haben im Laufe der Zeit festgestellt, dass es wirklich schwierig ist, im Internet Filme und Fernsehserien zu finden, die einen wirklich interessieren und einem gefallen. Zwar gibt es Foren und Webseiten wie IMDB, aber dort ist es unübersichtlich und wirkliche Empfehlungssysteme gibt es nicht. Wenn ich aber von der Arbeit nach Hause komme, will ich mich nicht durch Kommentar-Threads quälen oder nach dem einen Actionfilm den nächsten “Das-könnte-sie-interessieren”-Actionfilm anschauen. Bei Facebook kann man zwar Filme und Serien liken, nur bringt diese Information einem in dem Moment nicht viel, wenn man im Büro oder im Bus sitzt. Das haben wir versucht, mit Tweek zu kanalisieren, um die Möglichkeit zu schaffen, ein individuelles, soziales TV-Programm mit den Empfehlungen und Interessen deines Freundeskreises zu generieren.

Lorenz Aschoff/Eyeem: Flo, einem unserer Mitbegründer, wurde einmal in New York bereits am ersten Tag seine SLR geklaut. Infolgedessen schoss er mit seinem iPhone Fotos. Er kam dann mit der Idee zurück, eine soziale Community mit den Fotos aus Smartphones zu machen. Zu der Zeit gab es schon die ersten Filter-Apps wie Hipstamatic, ich war noch an der Kopenhagener Uni und habe mich als Wirtschaftsstudent mit Strategic Market Creation beschäftigt. Die Idee ein Foto zu machen und zugleich in die Welt zu schießen, fanden wir beide erstmal toll. Eyeem ist eigentlich als Kunstprojekt gestartet. Wir haben eine Ausstellung gemacht: ein leerer White Cube mit einem Bildschirm. Und auf dem Schirm wurden in Echtzeit Fotos von Menschen aus Tokio, Chicago und Berlin ausgestellt. Wir stellten fest, das hat ein unglaubliches Community-Potential. Wir machten noch weitere Ausstellungen in New York und anderen Städten, dachten uns dabei aber schon, aus dieser Idee eine Firma zu machen, um es professionell umzusetzen.

Henrik Berggren/Readmill: Letztes Jahr fingen David und ich damit an, uns für E-Books zu interessieren. Zwar gab es bereits soziale Lesenetzwerke im Internet, dort gab es aber das Problem, dass z.B. Zitate immer händisch abgetippt werden mussten. Als das iPad kam und wir uns die iBooks-App anguckten, waren wir zuerst voller Vorfreude, fanden das Ergebnis aber sehr enttäuschend. Es sah nicht gut aus mit diesen Fake-Holzregalen und dem viel zu kleinen Buchcover. Dazu die seltsam künstlichen Umblätter-Animationen. Ein digitales Buch muss ein digitales Buch sein und keine schlechte Kopie des analogen Vorbilds. Wir fingen also an, über eine Reader-Applikation nachzudenken, die von Grund auf alle Möglichkeiten des Digitalen zu nutzen versucht. Im Dezember 2010 fuhren wir beide nach San Francisco, weil ein guter Freund meinte, wir sollten dort doch mal Leute treffen und unsere Idee mit denen besprechen. Eine von diesen Personen war Caterina Fake, die Mitbegründerin von Flickr und Hunch. Und ehrlich, ich glaube, dass sie eine der klügsten Menschen auf dem Planeten ist. Als wir ihr von unserer App erzählten, rannte sie hoch zu ihrem Bücherregal und kam mit ihrer Kopie von James Joyce‘ Ulysses herunter. Das Buch war von oben bis unten mit Notizen beklebt, Passagen bunt markiert, unterstrichen und an den Rändern beschriftet. Ich war entzückt. Sie ziemlich deprimiert. Caterina hatte das Buch in ihrem Leben fünfmal gelesen, viel Zeit damit verbracht, Stellen markiert, hatte Fragen und konnte sich nicht darüber austauschen, weil es quasi in ihrem Buch gefangen war. David und ich schauten uns an und verstanden sofort, dass genau das eine große Sache ist. Zurück in Stockholm haben wir gecheckt, ob es irgendetwas Vergleichbares gibt …


EyeEM: Lorenz Aschoff, Elin Aram, Gen Sadakane
Foto: Georg Roske

Die Sache

Phillip/Wahwah.fm: An erster Stelle wollen wir eine so einfach wie möglich zu bedienende Musik-App anbieten. Im Prinzip handelt es sich um ein Zweiwege-Radio, mit dem du gleichzeitig senden und hören kannst. Du streamst und teilst quasi die Musik, die du unterwegs hörst, kannst dich aber auch in andere Streams einklinken. In Zukunft wird es noch weiter personalisiert, aber man muss die App erstmal rausbringen, um zu sehen, was die Leute damit machen und wie sie so ein Werkzeug am liebsten nutzen. Kids werden es anders nutzen als ältere Hörer. Wir sind keine Propheten, man muss abwarten, was mit der Musik in Zukunft passiert. Aber z.B. an zwei Enden der Welt die gleiche Musik zum selben Zeitpunkt zu hören, finden wir sehr spannend. Es ist etwas anderes, als YouTube-Links per E-Mail zu verschicken. Eine andere Sache ist, dass du sehen kannst, ob in deiner Nähe weitere User-Stationen zu finden sind. Man weiß zwar nicht, wo jemand genau ist, aber dass sich jemand 50 Meter weiter weg befindet, in dessen Musik man reinhören kann. Irgendwann lassen sich dann Soundtracks zu Städten erstellen. Man könnte sehen, welche Musik in London und welche zeitgleich in Paris gehört wird. Oder man fährt mit der U-Bahn durch die Stadt und hört, dass der Wedding einen anderen Sound hat als Friedrichshain oder Potsdam.

Lorenz/Eyeem: Wir vernetzen die Idee des Fotoalbums mit dem User und seiner Kamera. Zum einen kann ich mit Eyeem jederzeit per Schnappschuss mitteilen, was ich tue und wo ich bin, außerdem im gleichen Moment sehen, was andere bspw. auf der selben Party fotografiert haben. Man führt also verschiedene Perspektiven zu einem Stream zusammen. Es gibt thematische Alben wie Natur, Schreibtisch oder auch Orte wie unser Büro oder eine bestimmte Bar, wo alle Bilder, die dort im Moment gemacht werden, gesammelt werden können. Es geht uns darum, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was ergibt sich fotografisch gesehen an Möglichkeiten für die Zukunft. Fotos sind ein visuelles Kommunikationsmittel und es heißt bekanntlich, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Unsere Idee ist es also, die soziale Komponente der Fotografie hervorzuholen, zumal die Kamera eine der am häufigsten genutzten Handyfunktionen ist.

Henrik/Readmill: Readmill ist eine reduziert designte E-Book-Reader-App, in der man Textpassagen eines Buchs markieren und sich darüber mit seinen Freunden austauschen kann. Man sieht, wie viel Zeit man mit dem jeweiligen Buch verbracht hat und wie viel Zeit bis zum Auslesen verbleibt. Man kann das Ganze mit Geo-Daten versehen, um bspw. zu sehen, an welchen Orten man welches Buch am liebsten gelesen hat. Wir haben aber versucht, den Lesebereich so simpel wie möglich zu gestalten. Es gibt nicht viele Features bis auf die Highlight-Funktion. Finde ich eine spezielle Textstelle, kann ich sie mit meinem Finger markieren, einen Kommentar verfassen und mit meinen Kontakten teilen. Das Spannende ist, dass diese Sachen immer im Kontext des Buchs stattfinden. So kommt das Buch zum ersten Mal ernsthaft ins Internet. Man kann sich alle gesammelten Highlights eines bestimmten Buchs anschauen und sich darüber austauschen. Oder ich sehe, ob jemand anderes aktuell das gleiche Buch liest. Gerade Autoren sind das erste Mal in der Lage, Kommentare zu ihren eigenen Büchern zu verfassen und mit ihren Lesern zu teilen. Das sprichwörtliche “Zwischen-den-Zeilen-lesen” wird sozusagen aus seinem Käfig befreit, da ich immer exakt zu der Stelle hinkomme, um die es gerade geht. Meiner Meinung nach bringt das eine gänzlich neue Leseerfahrung mit sich. Es haucht dem Buch ein neues Leben ein.

Klaus/Tweek: Jeder User wird bei Tweek zu einer Art Channel. Man kuratiert quasi sein eigenes Fernsehprogramm. Dazu werden erstmal alle Facebook-Likes deiner Freunde importiert, die mit Filmen oder Fernsehshows zu tun haben. Wir arbeiten diese Information auf, so kannst du z.B sehen, wie viele deiner Freunde Inception gut fanden. Dabei soll es ausschließlich um qualitativen Content gehen. Keine kurzen Katzenclips. Wenn es sich aber über einen Indie-Kurzfilm auf Vimeo handelt, dann kommt das natürlich mit rein. Über unsere App wirst du daraufhin entweder zu dem dazugehörigen Trailer oder direkt zum Film weitergeleitet. Dabei sind alle möglichen Quellen eingeplant: iTunes, YouTube, für die USA auch Netflix und Hulu. An der Implementierung der hiesigen TV-Mediatheken arbeiten wir gerade. Wir haben auch ein Live-TV-Tab, das sich mit aktuell laufenden Programmen auseinandersetzt. Wichtig ist uns dabei der soziale Aspekt. Unter anderem ist man auch deshalb mit jemandem befreundet, weil man ähnliche Interessen hat oder sich gegenseitig in Geschmacksfragen vertraut. Diese Selektion kann ein Algorithmus nicht anbieten. Wir verspüren schon die Tendenz, dass sozialen Netzwerken immer mehr vertraut wird, was kulturelle Inhalte betrifft. Bei uns wird es nicht nur mit Facebook funktionieren, wir können genauso die Tweets eines New Yorker Filmkritikers einbinden, die man dann wie gut kuratierte Fernsehkanäle abonnieren kann.


Readmill: David Kjelkerud, Henrik Bergren
Foto: Georg Roske

Die Gründung

Lorenz/Eyeem: Flo und ich haben Ramzi und Gen mit ins Gründer-Team geholt. Wir waren also zu viert. Wenn ein Projekt zur Firma wird, dann setzt man sich plötzlich mit vielen unangenehmen Dingen auseinander. Natürlich ist einem klar, dass es kein Pappenstiel ist, eine Firma zu gründen. Zunächst muss man sehr viel pitchen, um überhaupt in die Situation zu kommen, über Finanzierungen auch nur zu reden. Die Steuerseite, GmbH- und Gesellschafterverträge nimmt ebenso viel Zeit in Anspruch, wie der Prozess, vier unterschiedliche Meinungen zu kanalisieren. Dann kamen die ersten Mitarbeiter, denen man vermitteln muss, worum es geht und das Aufteilen der Arbeitsbereiche und Verantwortungen. Gefühlt haben wir gerade erst zehn Prozent davon geschafft.

Henrik/Readmill: Bei der Gründung sind Umsetzung und Ausführung noch viel wichtiger als eine gute Idee. Ist der Masterplan lediglich, eine Multimillionen-Firma aufzubauen, dann kann man nicht von einem Plan reden. Daneben ist das Aufbauen eines guten Teams essentiell. Timing ist genauso wichtig. Wann komme ich mit einem Produkt heraus? Ist die Technologie ausgereift genug? Wartet man lieber und entwickelt weiter? Man kann kein Business mit einer revolutionären Idee und gleichzeitig miserabler Ausführung führen, wohingegen eine mittelmäßige Idee mit perfekter Arbeit auf einmal eine ganz andere Sache wird.

Klaus/Tweek: Ich wollte seit Jahren etwas eigenes machen. Ich musste dafür auch einen gewaltigen Gehaltsrückschritt in Kauf nehmen, da ich zuvor als Angestellter gutes Geld verdient habe. Das Wichtigste beim Gründen ist, Entscheidungen zu treffen und das auch zu wollen. Für deine Entscheidungen musst du die volle Verantwortung übernehmen können. Das kann eine enorme Umstellung bedeuten. Und wir haben festgestellt, dass alles sehr viel mehr Arbeit wurde, als ursprünglich gedacht.

Phillip/Wahwah.fm: Wenn man am Anfang wüsste, was bei einer Startup-Gründung alles auf einen zukommt, dann würde man es wahrscheinlich nicht machen. Sobald du drin bist, gibt es aber nur noch den Weg nach vorne. Es ist häufig wie bei einer Sinuskurve. Erst denkst du, es geht gar nicht mehr und in der nächsten Sekunde ist es das Beste, was du in deinem Leben gemacht hast. Dann geht alles wieder von vorne los.


WahWah: Phillip Eibach, Ari Stein
Foto: Georg Roske

Das Team

Henrik/Readmill: Sean Parker erzählte auf der Le Web in Paris, dass für den Erfolg von Facebook das Engagement solcher Talente wie Dustin Moscovitz und Adam D‘Angelo ausschlaggebend war. Nur das kann eine Firma nach vorne bringen. Wenn man jemanden im Team hat, der sich nicht einfügt oder nicht gut arbeitet, dann kommt das einer finanziellen Pleite gleich, weil man vielleicht Jahre damit zu tun hat, diese Schäden wieder auszugleichen.

Phillip/Wahwah.fm: Der erste Schritt ist immer, ein eigenes Team zu suchen. Ohne Team lässt sich nichts stemmen. Mit dem muss man gemeinsam eine Minimallösung des Produkts bauen. Ich würde immer sagen: erst das Team, dann das Geld.

Klaus/Tweek: Bei uns ist die Team-Aufstellung auf drei konkrete Fachgebiete aufgeteilt. Marcel hat einen BWL-Background und ist daher mit der geschäftlichen Seite viel besser vertraut als ich, wohingegen ich den technischen Sektor überwache. Sven kümmert sich um die Konzeption und das Produktmanagement, so sind die wichtigen Säulen auch personell unter den Gründern aufgeteilt. Wenn sich ein Team so ergänzt, kann es vieles vereinfachen, alleine wäre das weitaus schwieriger.


Tweek: Sven Körbitz, Klaus Hartl, Marcel Duee
Foto: Georg Roske

Der Berlin-Hype

Lorenz/Eyeem: Berlin ist günstiger als andere Großstädte, daher können hier solche Ideen auch anders entwickelt werden. Man kann risikoreicher oder aber auch kreativer an eine Sache ran gehen. Dazu kommt natürlich die Internationalität der jetzigen Startups. Es handelt sich in der Regel um Webservices und Apps, die man überall auf der Welt nutzen kann. Die Startup-Branche wird meiner Meinung nach gerade ein bisschen zur neuen Werbebranche. Hier trichtert sich gerade einiges zusammen. Es gibt viele Leute aus der Werbung, die nicht mehr nur Dinge verkaufen, sondern auch Produkte generieren wollen. Trotzdem muss ich sagen, dass die Ideen, die gerade umgesetzt werden, alle sehr spannend sind.

Klaus/Tweek: Ja, dieses Silicon Allee … Wir haben zwar mit Tweek angefangen, bevor es mit dem Hype richtig los ging, aber man merkt durchaus, dass man dadurch auch gepusht wird. Es motiviert einen, in dieser Periode aktiv etwas Innovatives beitragen zu können. Man hilft sich auf eine Art gegenseitig. Jemand schickt einem schon mal einen Investor rüber. Der große Nachteil allerdings ist: Die Leute schnappen sich gegenseitig die Entwickler weg! Momentan stürzen sich Öffentlichkeit und Medien zwar auf das Thema, aber wie lange kann so etwas für die Nachrichten aktuell bleiben? Das flaut in sechs Monaten wieder ab und dann widmen sich alle wieder anderen Themen.

Der Investor

Henrik/Readmill: Es gibt unterschiedliche Typen von Investoren. Jeder verfolgt seinen ganz eigenen Stil. Ein Venture-Kapital ist eine hochriskante Angelegenheit und wie wir es erfahren haben, setzen viele auf einen Prozent Erfolgsquote. Man kalkuliert also 99 Pleiten ein und spekuliert auf die eine von hundert Firmen, die wirklich erfolgreich wird. Firmen wie Passion Capital, die auch bei uns investiert haben, bestehen selber aus früheren Unternehmern und verhalten sich komplett anders als jene Investoren, die auf schnelle Gewinnmargen aus sind. Sie wissen, dass wir uns in einem Lernprozess befinden, beraten uns dabei und bringen auch ihre eigenen Erfahrungen mit ein. Bei ihnen ist ja auch nicht alles perfekt gelaufen. Da wird uns viel Zeit und Freiheit gegeben, weil wir sollen ja auch ein gutes Produkt machen. Unter den Investoren gibt es wohl, wie überall auch, gute und schlechte Menschen.

Lorenz/Eyeem: Gerade als wir loslegen wollten, kam der erste große Schock: Instagram wurde veröffentlicht. Wir dachten nur, scheiße, die machen ja fast genau, was wir machen wollten. Im Endeffekt war das aber positiv, weil Instagram natürlich als Türöffner funktioniert hat und wir relativ schnell an erstes Kapital gekommen sind. Bei Gesprächen mit Investoren merkt man dann, dass die wirklich völlig anders ticken, gleichzeitig entwickelt sich ein neues Vertrauen, da sie merken, dass man in Innovation investieren kann. Es ist natürlich begrüßenswert, dass das Kapital mit deutschen und internationalen Venture-Firmen gerade nach Berlin zieht, dadurch entsteht aber auch Druck, da die Gefahr besteht, dass sie Ideen übernehmen und abkupfern könnten. Sie haben im Vergleich zu jungen Firmen wie uns ganz andere Kapazitäten, Netzwerke und Arbeitskraftressourcen. Da muss man auf der Hut sein. Mit Kopien muss man rechnen.


Foto: Georg Roske

Die Zukunft

Phillip/Wahwah.fm: Erstmal müssen wir die Bandbreite des Musikangebots bewerkstelligen. Es soll ja auch die Möglichkeit geben, Mainstream-Musik zu hören. Wir glauben aber weiterhin an die Echtzeitfunktion. Leute gucken gerne den Tatort oder Fußball, weil es ein gemeinschaftliches Erlebnis ist, Google Hangouts sind ebenfalls sehr populär, eben all das, was man unter Realtime im Netz versteht. Wir planen auch ortsbezogene Radios, so dass man sich zum Beispiel am Wochenende in diverse Livestreams von Clubs einloggen kann. Stell dir vor du bist krank und deine Freunde gehen ins Watergate und du könntest das Set zeitgleich hören. Das alles kann eine spannende Alternative zum klassischen Einweg-Radio werden.

Klaus/Tweek: Wir sehen die jetzige Situation mit iPad und Rechner als Ausgangspunkt für Tweek. Was immer wichtiger wird, sind digitale TV-Geräte mit Netzanbindung und Apps. Jetzt heißt es, dass Apple auch an einem Fernseher inklusive App Store arbeitet, für uns könnte das natürlich eine ideale Ausgangsposition sein. Wir haben auch schon mit Sky, Maxdome und Pro7 gesprochen. Das läuft zwar ein bisschen schleppend, wobei man aber nicht von einer Abwehrhaltung sprechen kann. Die Sender sehen durchaus das Potential, aber das ist auch nicht unser Schwerpunkt. Wir müssen schauen, was die User wollen. Deren Interessen muss man nachkommen. Stur etwas vorgesetzt bekommen, will ja heute niemand mehr.

Lorenz/Eyeem: Wir wollen eine der besten Kamera-Apps der Welt bauen und sehen uns am Beginn der technologischen Möglichkeiten der mobilen Fotografie. Dabei wollen wir das Potential des Mainstreams nicht aus den Augen verlieren, denn momentan kennt nur ein Bruchteil der Menschen unsere App. Das Kollaborative ist ein Hauptaugenmerk bei uns. Alben wie Street Fashion oder Skateboard sind bei uns populär. Anders als bei Mode-Bloggern schießt hier die Community ihren eigenen Blog oder ein Berliner Skater sieht, wie gerade in Barcelona geskatet wird. Auch Themen wie Augmented Reality dürften spannend werden, aber da befindet man sich erst in den Anfängen.

Henrik/Readmill: Wir wollen in alle Lebensbereich rein, die mit Lesen zu tun haben. Momentan beschränken wir uns auf Romane und Sachbücher, aber vor allem der Bildungssektor ist spannend. Stell dir vor, du gehst zur Schule und siehst alle relevanten Stellen des Lehrbuchs, die deine Mitschüler markiert haben. Das könnte beim Lernen enorm hilfreich sein. Auch für wissenschaftliche Publikationen an Hochschulen dürfte das soziale Moment interessant werden. Wir glauben an die Zukunft der Bücher und hoffen, dass Readmill eine erste wichtige Rolle dabei spielt. Ich muss allerdings sagen, ich gründe ja keine Firma, nur weil ich ein Problem lösen will, sondern auch, weil ich Geld verdienen möchte. Wo wäre sonst der Punkt bei der ganzen Sache? Mein Ziel ist es ohne Frage irgendwann im Besitz einer Company zu sein, die mehrere Millionen Dollar wert ist. Das ist Teil der Vision.

WahWah
Tweek
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Elektronische Lebensaspekte.

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