Michael Aniser spricht mit alten Hasen und neuen Wiener Acts über Clubmusik und -kultur in der österreichischen Hauptstadt

Was gibt es neues zwischen 16er Blech, Melange und Würstelstand? Gilt es Brücken zu schlagen zwischen neu und alt? Der Wahlberliner Michael Aniser hat ein Wochenende in seiner ehemaligen Heimatstadt verbracht und nachgefragt. Alte Recken wie Peter Kruder und Patrick Pulsinger treffen auf neue Acts wie Dorian Concept und Ogris Debris. Über Downbeat-Höllen und die Pratersauna.

Wien galt in den Neunzigern die längste Zeit als Downbeat-Stadt. Mego und andere interessante Nebenströmungen wurden in der, am Sound von Kruder & Dorfmeister ins Rollen gebrachten und international abgefeierten Lounge-Bewegung kleiner und kleiner. Und Downbeat ist dann auch die perfekte Untermalung für diesen Samstag im Juni – 35 Grad, den Taxifahrern rinnt der Schweiß in den Hemdkragen – aus meinen Kopfhörern kämpft die 16 Jahre G-Stone Compilation gegen temperaturbedingte Mattigkeit an, keine Chance. Meine erste Station ist passenderweise Peter Kruders Studio im 16. Wiener Gemeindebezirk. Früher war er der Kruder zum & Dorfmeister, inzwischen ist dieser Peter weit mehr als nur einer der Downbeat-Hauptverantwortlichen.

Debug: Eure Produktionen damals haben den Sound der Stadt definiert und wurden irgendwann als Klischee herumgereicht.

Peter Kruder: Wir haben einen Sound gemacht, der später als ”Wien-Sound“ abgestempelt worden ist, das ist richtig. Ich weiß allerdings nicht, ob das soviel mit Wien direkt zu tun hat. Ich vermute, das kommt von ganz wo anders her, eher aus dem Cosmic Movement. Cosmic war Wahnsinn, Bardelli zum Beispiel. Das war auch sehr prägend für die Wiener Szenerie, aber auch in den Bundesländern, insbesondere in Tirol und Voralberg ging das enorm ab. Das war in gewisser Weise eine Schule für Offenheit. Als wir angefangen haben, war Techno riesig, aber was auf den Partys lief, habe ich damals überhaupt nicht verstanden.

Debug: Zu monoton?

Kruder: Und zu unmusikalisch! Da liefen jedenfalls nicht die guten Sachen aus Detroit. Auf eine Art war K&D der Gegenentwurf zu diesem funktionalen Sound. Je schneller Techno wurde, desto langsamer sind wir geworden. 

Debug: Woher kamen die Tracks? Holland? Deutschland?

Kruder: Ja, so die Richtung. 1987 fand ich Acid House super, weil es auch vom Sound her überraschend war. Techno bestand dagegen aus einem Kick und nach vier Minuten ist dann eine HiHat gekommen und die Leute sind abgegangen. Für mich war das damals zu wenig.

Debug: An was arbeitest du gerade?

Kruder: Ich mache ein neues Label, Single Life, auf dem ich einen Song im Monat releasen will, ganz simpel, nur digital, keine Platten. Vorerst mal meine eigenen Tracks, später auch Sachen aus meinem näheren Umfeld. Soundtechnisch wird Single Life eher offen, nicht nur Floor-Bomben, auch schwierige Nummern, die sich nicht ohne weiteres in ein Set einbauen lassen. 

Debug: Wie siehst du die Clubszene in Wien? Passiert da wieder etwas?

Kruder: Generell habe ich das Gefühl, dass ein neuer Enthusiasmus den Ton angibt, anstatt einfach kommerziell fette Clubs hinzusetzen. Die Pratersauna ist gerade cool, die geben sich auch wahnsinnig viel Mühe. In allen anderen neueren Locations ist der Sound leider einfach zu schlecht. Ich spiele fast nur im Flex, deren Soundsystem ist ja inzwischen auch schon so was wie eine Legende. 

Multi-Pulsinger
Patrick Pulsinger und Peter Kruder waren früher einmal Nachbarn, heute liegen ihre Studios am jeweils anderen Ende der Stadt. In einem Hinterhof im fünften Bezirk residiert Patrick Pulsinger seit 2002 zwischen Koranschule und Moschee. Als Downbeat von Wien aus residierte, gründete Pulsinger zusammen mit Erdem Tunakan DAS Österreichische Techno-Label Cheap Records, mit dem 94er Album Porno auf Disco B schuf er den filigransten und offensten Gegenentwurf zur Loungemusik. Nun hat er sein Album „Impassive Skies“ herausgebracht und das fulminante Elektro Guzzi Album produziert.

Debug: Gibt es den Wien-Sound?

Patrick Pulsinger: Dieses Attribut war damals schon ein Fake, heute wäre es genauso. Kruder und Dorfmeister war auch nur eine Facette. Viele Leute dachten, geil, Wien-Sound, da schwimme ich jetzt mit. Aber es gab Kruder und Dorfmeister einerseits und Mego auf der anderen Seite. Wir mit Cheap Records irgendwo in der Mitte – das war nicht mal annähernd ein einheitlicher Wien-Sound. Das einzig Besondere war vielleicht, dass es in Wien eine gewisse Bereitschaft zum Experiment gab. Deutschland zum Beispiel war damals Mitte der 90er schon auf Funktionalität geschaltet. Wir hingegen hatten eine große experimentelle Szene.

Debug: Ist das alles also nur ein Presse- und Marketingkonstrukt? Wenn ja, wie wichtig war das für die Artists, um auch international wahrgenommen zu werden?

Pulsinger: Für Kruder und Dorfmeister, klar, da ist aber auch wahnsinnig viel reininterpretiert worden. Ich kenne ja auch die Biografien der beiden. Das Lustige daran ist, dass die Platte, die den Hype damals losgetreten hat, die ” G-Stoned”, eigentlich gar nichts mit dem zu tun hatte, was die beiden sonst gemacht haben. Das war eher so Nebenbeimusik. Dass es dann so explodiert ist, das hat die beiden selbst überrascht. 

Debug: Was hat das für euch bedeutet?

Pulsinger: Wir konnten auf dem ganzen Hype nicht mitschwimmen, wenn die uns 1995 gebucht hätten und wir wären mit unserem Distortion-Kram oder dem verschrobenen Jazz-Zeug angekommen, hätte das auch gar nicht funktioniert. Ich glaube, dass das Konsensmusik war damals, sehr gut produziert, eingängig und die Jungs haben das super verkörpert und auch die Marketingharfe mitgespielt. Irrsinnig viele sind gefolgt, da gab es dann die hundertausendste “Cafe del Vienna”-Compilation, die ganze Grütze, die dann nachgetropft ist. Wenn man sich nach dem Wind gedreht hätte, wäre man in der Nachtropfgrütze gelandet. Viele haben dann versucht, sich ganz bewusst davon abzugrenzen und ihr eigenes Zeug gemacht. Es stimmt, dass Wien damals überproportional in den Medien war, aber ich glaube mittelfristig schadet das einer Szene. 

Debug: Die Abwendung als Befruchtung?

Pulsinger: Wenn man es so herum sieht, klar. Aber diese permanente Aufmerksamkeit auf eine Stadt, das hat London schon nicht gut getan, Ende der Achtziger mit Acid House, das hat Berlin Ende der Neunziger, Anfang der Nuller Jahre nicht gut getan. Wenn man heute Berlin sagt, dann leuchten bei einigen Leuten sofort wieder so Gefahrenblinker im Kopf. Das ist immer schwierig, da wird gute Musik gemacht, aber je mehr zitiert wird, umso mehr wird verwaschen, die Verwerfungen werden immer flacher. Irgendwann ist es dann nur mehr ein Ding und wird überhaupt nicht mehr als die heterogene Szene wahrgenommen, die es eigentlich ist. Ich höre den Begriff  “Wien Sound” einfach ungern … du hättest einmal das Vakuum sehen sollen zwischen 1999 und 2003. Als hätten die ehemaligen Raubtiere ihre Zähne verloren, mich eingeschlossen! Ich habe mit Cheap aufgehört, auch Peter (Kruder) hat sich immer mehr dem Produzieren zugewendet, da waren wir recht ähnlich. Das war Party- und Innovationsmäßig schon eine harte Zeit. Eine langweilige Zeit. Jetzt geht wieder was. Dank Ogris Debris, Dorian Concept, Ritornell und auf ganz anderer Ebene Soap&Skin. Da sieht man auch wieder die Bandbreite – zwischen Dorian Concept und Soap&Skin, obwohl sie praktisch gleich alt sind, liegen Welten. 

Debug: Wie bist du zur Musik gekommen?

Pulsinger: Ich war von 1991-92 in New York, habe dort aufgelegt und wollte von der Musik leben. Das war eine komplett andere Stadt damals vom Vibe her. Aber auch in New York tut man sich mit neuen Ideen schwer. Ich bin dann zurück nach Wien, um mit Erdem Tunakan Cheap zu machen. Wien war dann tatsächlich die interessantere Stadt, weil praktisch an jeder Ecke ein Label gegründet wurde. Da stand Equipment in irgendwelchen Zimmern und die haben einfach produziert. Ende der 80er, als ich herkam, war die Stadt eine Hardcore-Kulturwüste, was Underground-Musik anbelangt. Falco war das einzig international Vorzeigbare. Labels gab es auch keine, die sich um österreichische Musik gekümmert hätten. Das Österreich-Büro von Universal war eine bessere Abstellkammer und es gab auch kein aktives A&R-Wesen. Die Produkte wurden einfach aus Deutschland durchgereicht – wenn du als österreichischer Artist ankamst, haben sie dir die Tür ins Gesicht geknallt und dich ausgelacht. Mein Lieblingszitat von damals aus einem Fax von irgendeinem Label aus Deutschland: Die Musik ist ja ganz ok, aber wenn da draufsteht, dass das aus Österreich kommt, dann kauft das ja keiner. Das war so um 1992, da haben die Leute dann entschieden, selber was zu machen. Alle haben nach der gleichen Blaupause gearbeitet: Faxgerät kaufen, jetzt haben wir ein Label. Als das dann fünf, sechs Jahre später internationaler wurde, ist das total explodiert. 

Junge Römer, Miezekatze und Freehanded Monkey
Auch in Wien ist Samstag Abend die Zeit, sich die lokale Clubszene einmal genauer anzusehen, Ludwig Wittelsbach aus dem Pratersauna-Umfeld lädt zu „Sturm & Drang“ in den Club Planetarium. Die Party heißt tatsächlich wie die grunddeutsche Literaturströmung. Bezeichnend für die Stadt? Für Österreich generell? Das Soundsystem und die Erdbeer-Daiquieris rummsen jedenfalls ordentlich. Die Jungs von Komaton, die durch ein überraschendes Cocoon Signing die Stars des Abends markieren, gehen auch hierher zum Feiern. Die vielgerühmte Wiener Gemütlichkeit hat erstmal Pause und die Beats dröseln die Nacht in ihre Grundbestandteile auf – irgendwann gegen Morgen verlasse ich den Laden und trete hinaus in den Prater, der mir mit seiner Postkartenkulisse – inklusive Riesenrad und einzelnen versprengten Spaziergängern – wieder in Erinnerung ruft wo ich hier überhaupt bin: Ein Sonntagmorgen in Wien ist trist und trotz Sommer grau.

Nachdem die Nacht ihren katharsischen Zweck erfüllt hat und ich die Neunzinger hinter mir lassen konnte, treffe ich Gregor Ladenhauf, Vocalist und eine Hälfte von Ogris Debris im Süssi, einem bis obenhin mit Austrokitsch vollgeramschten Cafè nahe dem legendären Wiener Drogenumschlagpunkt Karlsplatz. Die passende Kulisse für Ogris Debris, die sich spielend zwischen den den Genres bewegen und sich nicht so einfach in das Wien-Konstrukt zwängen lassen.

Debug: Euer Track ”Miezekatze“ wird momentan überall rauf und runter gespielt. Ist das der neue Wien-Sound?

Ogris Debris: Den typischen Wiener Sound, wie den Hype vor zehn Jahren, den gibt es so nicht mehr. Techno und House sind populär, das verändert. Affine ist da ein bisschen daneben, das sind Musikliebhaber. Was momentan so spezifisch Wien wäre, könnte ich gar nicht sagen. Wir haben vor sechs Jahren in Wien Partys gemacht, wo wir versucht haben, nicht nur ein Genre zu bedienen, sondern Techno, HipHop und alles mögliche zu vereinen. Modeselektor beispielsweise haben bei uns gespielt, bevor die überall sonst groß rauskamen. In Wien ist es generell sehr spezifisch, entweder gehen die Leute in eine gewisse Location und es ist ihnen egal, was da für Sound läuft, oder die Leute, die sich gezielt die Partys raussuchen und sich auch gegenseitig kennen. 

Debug: Wie lange seid ihr schon dabei mit Ogris Debris?

Debris: Uns gibt es seit Anfang 2005, da haben wir noch klassische Laptopgigs gespielt und sind dann nach einer Pause mit einem anderen Livekonzept an den Start gegangen, mit mehr Maschinen und mehr Echtzeit-Arrangments. 

Oliver „Dorian Concept“ Johnson ist ursprünglich aus Salzburg und durch die internationale Vernetzung der Beatcutter-Szene gibt es auch für ihn überhaupt keinen Grund, sich selbst als Teil einer städtischen Szene zu fühlen – gerade einmal 25 hat er letztes Jahr mit seinem Album „When Planets Explode“ die Blaupause für einen Gegenentwurf zur Wientümelei geliefert.

Debug: Wo würdest du Dorian Concept einordnen?

Dorian Concept: Die Leute denken, ich mache so eine Art Anti-Wien-Sound, also keine Downbeat-Sachen. Der Wiener, der die Melange-Musik nicht leiden konnte, macht jetzt zerhackte elektronische Musik. Die erste Compilation, auf die ich reingekippt bin, war allerdings auch Vienna Scientists Volume 1. Da war das ganze Marihuana-Ding auch noch super frisch und das war einfach der perfekte Sound dazu. Das war für mich der Einstieg in dieses ganze Downbeat-Zeug. 

Debug: Ist Wien langweilig?

Dorian Concept: Die ganzen Probleme, die wir in Wien haben, finden irgendwie nur im Kopf statt. Deshalb sind die Dinge, die aus Österreich kommen, auch immer diese verrückten Sachen, wo es um Familienfälle geht, wo Leute in den Keller gesperrt werden. Das ist natürlich sehr symbolisch. Das Grundproblem ist dieses Verstecken, dieses Zurückhalten, das merkt man dann auch am Sound.

Foto mit Hund: Phreak 2.0
Das Foto mit dem freundlichen Hund stammt von Christian Mayrhofer aka Phreak 2.0. Der Wiener betätigt sich als freischaffender Hans-Dampf in allen Gassen unter anderem als Künstler, Administrator und schillernde Informationsschleuder. Die Fotos seines Hundes Archie vor denkwürdigen Szenerien in Wien sind ein Langzeitprojekt, das er seit 2007 auf Flickr dokumentiert: http://www.flickr.com/photos/phreak20/

Patrick Pulsingers, Impassive Skies, ist auf Disko B erschienen.

Dorian Concept, When Planets Explode, ist auf Kindred Spirits erschienen.

Ogris Debris aktuelle EP “Aery” auf Affine Records.

http://www.myspace.com/ogrisdebris
http://www.myspace.com/dorianconcept
http://www.myspace.com/patrickpulsinger
http://www.g-stoned.com
http://www.pratersauna.at

19 Responses

  1. gott

    bin ab freitag in wien für ein paar tage!

    > kennt jemand dort plattenläden, elektronisches…bin für tips dankbar! :-)

    grüße.

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  2. Clemens Neufeld

    sonntag morgen in wien sind nicht grau…

    gut gesprochen, patrick pulsinger!
    aber peter kruder… hat leider die gute techno szene anfang neunziger gar nicht mitbekommen!
    (der boomende härter -schneller-teutonen-techno ab ca. 1994 war sehr wohl grossteils unmusikalisch, aber es gab genug protagonisten, die SEHR musikalisch und WEIT voraus waren!)
    ab 91 hab ich UR, detoroit, chicago, warp etc gebraked in meinem club in wien – peter war nie da… jetzt zu sagen, das war alles unmusikalisch und monoton… peinlich.
    v.a. für jemanden, der erst vor ein paar jahren auf Underground Resistance gestossen ist (nachweslich!) und seither auch uptempo-mainroom sound auflegt…

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  3. Nicolas Bacher

    3 acts reichen nicht aus um wiens clubmusik zu beschreiben 😉
    das beginnt anfang der neunziger, und geht bis heute, ohne jetzt namen zu nennen.
    aber egal – lieber 3 acts genannt, als garkeiner…

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  4. Clemens Neufeld

    den sound of vienna auf tussi-boutiquen-downbeat zu reduzieren war immer schon ein typisches journalistisches klische, und solchige werden wohl nie aussterben, wie der wiener schmääääh und kaffäää. was wirklich großer gemeinsamer nenner ist: die lust am experiment, die frickelei, das verweigern der konventionellen funktionalität (auch weil der typische wiener kein tanzflächen-tiger ist), das ausgefranste: mego, cheap, vienna wildstyle etc. und nicht die loungesounds, die sind international austauschbar.

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