OS WARS - Smart auf die Mütze


Bild: Sony Ericsson

Mitten im scheinbar grenzenlosen Aufstieg des mobilen Web ist eine hysterische Debatte ausgebrochen, um die Frage welches Smartphone-Betriebssystem das beste ist und welches sich als Standard durchsetzen kann. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona wurden nicht weniger als drei neue Systeme vorgestellt, im Mobilfunksektor herrscht rekordverdächtige Verwirrung, während die Handynutzer langsam verstehen, dass ein neues Handy nur so gut sein kann wie sein OS.

Eben erst haben wir uns daran gewöhnt, dass Smartphones wirklich überall sind, dass man mit dem Handy genauso online ist, wie am Rechner. Die Entwicklung folgt dabei der Desktop-Welt. Es geht um schnelle Prozessoren und die besten Programme. Der Touchscreen als bestes Interface bildet die verbindliche Ausnahme. Und jetzt? Jetzt müssen wir uns mit Betriebssystemen auseinandersetzen. Windows Phone 7 Series, Bada, MeeGo, Symbian^4: Alle wurden gerade erst für dieses oder das kommende Jahr angekündigt. Schon wieder alles neu. Früher konnte man sich noch darüber unterhalten, welche Menüführung von welchem Handyhersteller einem irgendwie eher zusagt, schon bald dürfte die Entscheidung für ein neues Telefon vor allem darauf basieren, mit welchem Betriebssystem es läuft. Was kann das System und hat es auch eine Zukunft? Wie sind wir hier gelandet?

Ewigkeiten war bei Entwicklern von Handy-Betriebsystemen reines Nerdtum angesagt. Klar, mit einem Symbian-Gerät konnte man auch schon vor 10 Jahren einiges anstellen, aber ernst genommen – auch als kaufentscheidender Faktor für Konsumenten – wurden Handy-Betriebssysteme erst seit dem iPhone. Zunächst als ein abgespecktes OS X vorgestellt, dämmerte der Welt plötzlich, dass sich tief in den Innereien des Handys etwas ganz Neues tat, dass die Grenze zwischen Rechner-Betriebssystemen und Handy-OS dauerhaft verschwimmen könnte und vor allem, dass ein modernes Betriebssystem die Basis für alles weitere und kommende darstellt. Ein paar Tage bevor Google mit Android und der Open Handset Alliance in den Markt einstieg (November 2007), hatte das iPhone dann auch eine hochgradig ansprechende Entwicklungsumgebung, und der App-Wahn kam voll auf Touren. Bereits damals war klar: Wer mobil gegen Apple anstinken will, muss mit einer ganz neuen Offenheit aufwarten. Und so sind heute erstaunlich viele Handy-Betriebssysteme Linux-basiert – ganz anders als auf dem Desktop-Markt: Android, MeeGo (die Verschmelzung von Nokias Maemo und Intels Moblin), Samsungs Bada. Symbian ist ohnehin auf seine Weise Open Source. Nur Windows Mobile und iPhone OS – obwohl UNIX-basiert – bewahren passend zu ihrer Abstammung von Desktop-Betriebssytemen ihre abgeschottete Sicherheits-Architektur.

Gestapelte GUI
Die Handy-Hersteller engagieren sich meist parallel in mehreren Ökosystemen. Nokia bei Symbian und MeeGo, Sony Ericsson bei Symbian, WinMo und Android, Samsung bei Android, Symbian und Bada, HTC bei Android und WinMo. Ein bestimmtes Modell der Firma XY hat also zwingender Weise nichts mit einem anderem Modell des gleichen Herstellers gemein. Genau diese Zwickmühle, gefördert durch den Wunsch, bei der Suche nach dem besten und überlebensfähigsten mobilen Betriebssystem vorne dabei zu sein, beschert den Herstellern aber gleichzeitig eine Entwertung ihrer Marken, da die Wahl des Mobiltelefons sich tendenziell am OS orientiert. Um dem zu begegnen, pfropfen die Firmen immer öfter aufs Interface des Betriebssystems noch ein vereinheitlichtes oder wenigstens eigenes GUI. Das kostet wiederum Entwicklerzeit, wodurch das eine oder andere Android-Telefon mit einem halben Jahr Verspätung auf die Ladentische kam. Der Alleingang von Samsung mit dem gerade vorgestellten eigenen OS “Bada” mag da fast absurd erscheinen, die Motivation dahinter aber genau in diesem komplexen Abläufen begründet sein. Lieber gleich alles selber machen, statt das GUI für die Markenidentität auf ein bestehendes System noch zu pappen. Dass sich Alleingänge unter Umständen nicht lohnen, zeigen die eher mageren Verkäufe von Palms webOS-Handys oder der langsame Abstieg von RIM (aka BlackBerry) vom Smartphone-Firmament.

Microsoft auf Verfolgungsjagd
Die Gründe für dieses Kuddelmuddel sind vielschichtig. Bei Windows Mobile stand zum Beispiel immer der direkte Anschluss an die Desktop-Welt im Vordergrund. Erst bei Windows Phone 7 Series (die Markteinführung ist für Ende 2010 angekündigt) steht die wirklich gute Touchscreen-Integration im Vordergrund, inklusive der Verknüpfung mit den hauseigenen Zune- und Xbox-Live-Plattformen. Kurz: Microsoft versucht das gleiche Software-Shop-Hardware-Universum wie Apple aufzubauen. Allerdings ohne selber Hardware-Hersteller zu sein. Apple hingegen sieht es als nächste Aufgabe, die App-Entwickler auf Kompatibilität zum größeren iPad-Screen zu trimmen. Android steht vor einem ähnlichen Problem, denn langsam entwickelt sich das OS immer mehr auch zu einem Betriebsystem für Netbooks, Tablets und E-Reader, ein Feld auf dem sich Google selbst mit dem Chrome OS Konkurrenz schafft. MeeGo, der Zusammenschluss von Nokias Meemo (eh schon für Tablets mitentwickelt) und Intels Moblin (mit ähnlicher Vorgeschichte), dürfte vor allem der gemeinsamen Feindschaft Nokias und Intels gegenüber Google geschuldet sein, dessen Android-Revier mit der kombinierten Expertise von Chip- und Handy-Produzenten in die Zange genommen wird. Gleichzeitig ist Symbian vor allem für Nokia als größte reale Smartphone-Basis einfach nicht aufzugeben.

Flash-Ärger
Ein weiteres Massenproblem auf Smartphones – dem neue Betriebsysteme jeweils mit eigenen Strategien begegnen – ist der Versuch, mit Webtechnologien Schritt zu halten oder wenigstens einfache, neue Standards einzufordern. Flash, auf Rechnern immer noch das Nonplusultra für die Einbindung von Videos und anderen medialen Inhalten jenseits des getippten Wortes, ist einer dieser Giganten, der bei der Smartphone-Entwicklung nichts als Ärger produziert. Apple ignoriert es konsequent und wirft seinen Marktanteil von 40 Prozent der weltweiten mobilen Webnutzung in die Waagschale, während Flash-Entwickler Adobe, quasi durch die Hintertür, Entwicklern Tools an die Hand gibt, um zumindest auf dem iPhone als Applikation weiter zu existieren. Windows Phone 7 Series pusht seine eigene Gegenentwicklung Silverlight, während sich Flash für Android nur langsam entwickelt, immer noch besser als Stillstand. Google setzt letztendlich ebenso wie Apple vor allem auf HTML 5. Die Unterstützung für dieses Format ist allerdings noch von Browser zu Browser verschieden und lässt bislang keine einheitliche Entwicklung für Smartphones zu, sollte sich allerdings der rasante Aufstieg von Android fortsetzen, rückt eine HTML-5-Dominanz auf zukünftigen Handys in greifbare Nähe.
(denn Android-Browser und iPhone-Browser basieren beide, wie skurriler Weise übrigens auch Adobe Air, auf WebKit).

Ende mit Touch
Was ist aus dem Traum geworden, dass das Netz auf dem Handy eine Art Befreiungsschlag auslösen würde. Eine Welt, in der – ähnlich wie auf dem Rechner – einfach alles miteinander kommuniziert, ohne Plattform-Kopfschmerzen? Kurze Antwort: ein Schlachtfeld. Während sich die Entwicklung von Webseiten für verschiedene Browser langsam immer schmerzloser gestaltet, tauchen Online genau diese Probleme der Zersplitterung wieder auf. Massiver sogar, denn die involvierten Firmen haben jeweils als Handy-Hersteller, Software-Entwickler, Chipbastler etc. völlig unterschiedliche Interessen und die Sogwirkung des mobilen Marktes ist immer noch so frisch und neu, dass niemand dem anderen das Feld ganz überlassen will, egal ob es sich um die Dominanz der Betriebssysteme, Webtechnologien oder Interfaces handelt. Schließlich ist das Mobile Web einer der Sektoren, in dem man – selbst in Zeiten tiefster Wirtschaftskrise – weltweit in sechs Monaten ein Wachstum von 100 Prozent beobachten kann. Leider sorgt genau diese Dynamik für Panik an allen Smart-Ecken und Touch-Enden.

Aus dem Special in De:Bug #141: Mobile First

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