Dein Handy - Dein Lebenskompass


Bild: Sony Ericsson

Auf dem World Mobile Congress bekam man gelegentlich den Eindruck, das Internet sei nur noch für Handys da. Selbst Google-Chef Eric Schmidt stimmte in den Mobile-First-Chor ein. Und die Lieblingsstrategie heißt wieder Location.

Als Eric Schmidt von Google seine Keynote beim WMC in Barcelona hielt, war die Überraschung groß. Das neue Credo des Unternehmens: Mobile First. Neue Features sollen zukünftig zuerst für Handys entwickelt werden. Hintergrund: Schon in drei Jahren werden die Verkäufe von Smartphones die von PCs übertreffen. Selbst die Google-Mitarbeiter reißen sich um die mobilen Projekte. Wäre Jobs der Chef von Google, würden alle gemeinsam rufen: Lang lebe die mobile Revolution! Handys sind persönlicher, direkter, mehr ins Leben einbezogen. Diese Dinge hören wir seit Jahren, jetzt aber kommt langsam die Zeit, in der dieser Wunschtraum Wirklichkeit werden könnte. Die Prozessorgeschwindigkeiten sind bis auf 1GHz rauf, die Bandbreiten überholen noch dieses Jahr in einigen Gebieten den klassischen DSL-Anschluss und was das Handy nicht schafft, wird in der Wolke übernommen. Einer der zentralen Gründe warum Handys einfach mehr können, ist der Ort. Handys sind immer wo. Und wissen heutzutage natürlich auch, wo das ist.

Den Startschuss, der uns allen zeigte, dass eine neue Ära der Location Based Services (LBS) angebrochen ist, lieferte Ende Januar Nokia. Noch während der Ankündigung, dass von nun an alle neuen GPS-fähigen Handys mit kostenloser Ovi-Maps-Navigation ausgeliefert werden, Auto-Halterung inklusive, fielen die Kurse der Navi-Hersteller in den Keller – weil jedes neue Nokia-Smartphone ein Navigationsinstrument ist. Nach Ankäufen von Gate 5 und Navteq war das ein nicht ganz unerwarteter Coup. Für Nokia allerdings der erste große Schritt in Richtung Umsonstökonomie. Und da Ovi Maps genau wie im Automobil auch für Fußgänger funktioniert und das sogar besser als die Lösungen der Konkurrenz, führt Nokia damit auch den ersten großen Schlag gegen den Emporkömmling im Mobile Business: Google.

Überall Tags
Knapp zwei Wochen später packte Google Buzz aus. Ein bisschen übereilt, die Software war zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich so weit, aber man musste ja reagieren. Google war schon lange mit dem Latitude-Service bestrebt, eine Ortsbestimmung in sein Karten-Universum zu integrieren, aber der Dienst blieb tendenziell ein Nerd-Phänomen. Abgekoppelt und letztendlich halbwegs funktionslos. Klar, man konnte seine Freunde orten, wenn sie das denn wollten, aber genau dieser Punkt der Selbstüberwachung ist es, der viele – im Hinblick auf die “Datenkrake” Google – abgeschreckt hat. Mit Buzz, das man als erstes Produkt der “Mobile First”-Initiative bei Google ansehen kann, denn es funktioniert mobil einfach wesentlich sinnvoller, wurden die Bedenken abgefedert. Buzz macht aus dem Ort, an dem man gerade ist, ein soziales Netzwerk, für jeden Google-Mail-User unübersehbar eingebunden in den täglichen E-Mail-Verkehr. Aber anstatt seine aktuellen Koordinaten selber kund zu tun, pusht man hier Orte, zu denen man etwas zu sagen hat: dieses Café hier, das Kino da, da war ich, das fand ich gut. Will man wissen, was die – technisch affineren, denn genau die haben logischerweise Buzz zuerst entdeckt – Leute um einen herum so über die Gegend, in der man gerade ist, zu sagen haben, ist Buzz zur Zeit die beste Wahl. Lesbare Tags überall, das soziale Netzwerk, gemappt auf eine Karte.

Freizeitfresser

Eigentlich hat bei diesem Trend Twitter die Nase vorn. Doch die Einführung der Geo-Location-Tweets im November hatte einen entscheidenden Haken. Twitter ließ das Feature, ähnlich wie Google bei Latitude, irgendwo im hintersten API-Fach versauern. Einen Monat nach dem Buzz-Start hatte Twitter auf einmal Location auf die Startseite gehievt und Tweets mit kleinen Googlemaps-Overlays bestückt. Als nächster wird Facebook – vermutlich im April – ein Locationlayer bringen und die Karten im Spiel um die Vorherrschaft des sozialen Ortes werden noch einmal neu verteilt. Denn Facebook ist nicht nur das größte Netzwerk, die Zuwächse gerade im mobilen Bereich sind astronomisch.

Und während sich die Augmented-Reality-Posse mit 3D-Maps durch jeden einzelnen möglichen digitalen Layer der ortsbezogenen Realität fräst, Bing von Microsoft dank Photosynth-ähnlichen Funktionen schon jetzt die Zukunft der Maps integriert, in der selbst geschossene Bilder mit der Realität verschmelzen, war auch beim diesjährigen SXSW-Interactive-Festival Location das große Thema. Zur Erinnerung: Dort wurde auch Twitter erstmals zum In-Crowd-Massenphänomen gepusht. Und mit Foursquare und Gowalla stehen schon die nächsten Ortungs-Hypes vor der Tür. Ausgehen als Spiel. Punkte sammeln fürs “Dabeigewesensein” mag einem albern vorkommen, aber der unaufhaltsame Aufstieg von Games in sozialen Netzwerken spricht eine ganz andere Sprache und wir sehen eine Zeit anbrechen, in der Augmented Reality Social Network Location Gaming (ARSNLG) noch mehr Freizeit fressen wird, als Facebook jetzt, oder Myspace damals.

Aus dem Special in De:Bug #141: Mobile First

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. location based services

    Ein sehr anschaulicher, ausführlicher, und vor allem auch handwerklich guter Artikel. Von Services wie Foursquare wird man in Zukunft noch viel hören. Erst Recht wenn zb Facebook mit an Board kommt!

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