Hans-Christian Dany über Kybernetik & Kontrollgesellschaft

Selfie

Als Buckminster Fullers riesige geodätische Kuppel in Montreal Mitte der 70er-Jahre abbrannte, verrauchte gerade auch der Mainstream-Appeal einer Techno Utopie, für die sie vielleicht eine Art Sinnbild war: die von Systemen, die sich selbst optimieren, dabei Hierarchien vermeiden und nebenher die Welt retten – all watched over by machines of loving grace. Doch kybernetische Theorien wirkten fast ein halbes Jahrhundert lang kaum bemerkt weiter unter den Oberflächen von Kommunikationsnetzwerken, Managementphilosophien und Organisationstheorien. Auf deren Spur begibt sich der Hamburger Künstler und Autor Hans-Christian Dany, der sich in der Reihe “Nautilus Flugschriften” zuletzt mit einem Buch über Speed Gedanken über die leistungssteigernde Wirkung der ehemaligen Wehrmachtsdroge machte. Sein jetzt ebenda erschienenes “Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft” ist ein schön erzähltes, teils biographisches, teils literarisches Geschichtsbuch über “die Kunst des Steuerns“, ihre Wurzeln und ihre Widergänger im Zeichen der neoliberalen Selbstverbesserung. Inmitten des vernetzten Apparate-Kapitalismus träumt Dany von einem Weg, den Feedback-Loops ein Schnippchen zu schlagen.

Dein Buch beginnt mit einer persönlichen Erinnerung an eine Insel in der Elbe, auf der ein neuartiges Zuchthaus stand. Dein Urgroßvater war der Erfinder dieses Gefängnistyps, der, statt die Gefangenen zu bestrafen, durch Selbstkontrolle und persönliche Gespräche bessere Menschen aus ihnen machen sollte.

Mein Urgroßvater, der Jurist war, hat nach dem Ersten Weltkrieg die Gefängnisinsel Hahnöfersand reformiert, also zunächst das Sprechverbot und die körperlichen Strafen aufgehoben, später wurden sehr viele Psychologen eingesetzt. Alles wurde immer beobachtet, die Gefangenen arbeiteten so an ihrer eigenen Verbesserung und lernten, über die Stütze des Therapeuten, tugendhafte junge Menschen zu werden. Heute ist man umgeben von Menschen, die sich von Therapeuten oder Tools dabei helfen lassen, funktionaler zu werden. Diese Insel als Ganzes war eigentlich eine große Selbstoptimierungsmaschine. Von dieser Insel, also von dieser Vorstellung, dass Gefängnis zur Besserung führt, lässt sich ganz gut eine Brücke schlagen zum Panoptikum von Jeremy Bentham, als einem ganz frühen liberalen, fantastischen Modell, wo auch durch Beobachtung Besserung stattfinden sollte. Bentham schwebte ja einerseits ein Gefängnis vor, das ökonomischer funktioniert, aber auch durch Beobachtung bestraft und diszipliniert. Andererseits steckt darin aber auch schon die Idee für die gesamte Gesellschaft, dass man sie produktiver machen kann, wenn man die Dinge durchleuchtet und sichtbar macht.

In Kalifornien gibt es seit einiger Zeit die “Quantified Self“-Bewegung, sie verspricht Menschen ein besseres Leben, bessere Körper, mehr Lebenssinn durch vernetzte Self-Tracking-Tools. Was ist eigentlich so schlimm an Selbstoptimierung?

An sich zu arbeiten finde ich das Gegenteil von schlimm, Selbstzufriedenheit ist meist wesentlich unangenehmer. Was hier Selbstoptimierung heißt, zielt aber recht eng auf Funktionalität und meist auf das Funktionieren in falschen Verhältnissen, wie denen entfremdeter Arbeit oder ähnlichen Zeitverschwendungen. Ich führe das auf ein Missverständnis der frühen Kybernetik zurück. Was hinter der aktuellen Diskussion um Selbstoptimierung in den Hintergrund tritt, sind deren Potentiale. Die Selbsterfindung, also sich dem Ort oder dem Körper zu verweigern, an dem oder in den man geboren wurde, ist ja eine berechtigte Form des Widerstandes. Warum sollte man diesen zugewiesenen Platz annehmen? Seit einigen Jahren gibt aber so eine seltsame Verwässerung, bei der queere Strategien, die einmal subversiv gemeint waren, seltsam neoliberale Flexibilisierungen und Optimierungen der Arbeitskraft legitimieren. Da sich Verflüssigungen meist schlecht aufräumen lassen, müssen dafür wohl andere Umgangsformen gefunden werden.

In deinem Buch geht es um die Methoden von Feedback und Rückkoppelung, also Formen von quasi-automatischer Selbstoptimierung. Wie werden daraus Methoden der Kontrollgesellschaft?

Mich interessiert, wie in der frühen Kybernetik aus dem Phänomen der Feedbackschleifen, das man in der Natur beispielsweise in Schwärmen beobachten kann, ein anwendbares Konzept entwickelt wurde. Diese Ideen wurden durch Stafford Beer auf die Managementphilosophie übertragen. Der Managementkybernetik geht es dann nicht mehr um den Schwarm als solchen, sondern um die Frage, wie dieser sich lenken lässt. Die ursprüngliche Idee der Selbstregulation als einer selbstgenügsamen Homöostase wird umgewandelt in neue Formen der Steuerung. Etwas organisiert sich selbst, bewegt sich dabei aber immer im Schatten eines interessierten Dritten, für den es meist einen gar nicht mehr natürlichen Mehrwert abwirft. Nicht, dass ich zurück zur Natur wollte, die ist mir oft zu grausam. Aber mich interessiert, wie sich Selbstregulation und -organisation, also Kybernetik wieder getrennt von ihrer marktwirtschaftlichen
Vereinnahmung denken lässt.

Gegen die Ordnung, die alles in Bits und binären Unterscheidungen beschreibt, setzt du das Rauschen, zum Bespiel die Verlockungen der zufällig schillernden Brauntöne in deiner Kaffeetasse. Das klingt sehr romantisch. In Wirklichkeit gibt es schon längst Leute, die über eine neuronale Schnittstelle im Gehirn mit dem Cursor auf ihrem Computerbildschirm verbunden sind.

Mag sein, aber bei weitem nicht so viele, wie einem noch vor zwanzig Jahren versprochen wurde. Es kann ja sicherlich auch gut sein, sich ab und zu über neuronale Schnittstellen mit Computern zu verbinden. Meist bekommt man aber nur ein fades, arg abgestecktes Werkzeug, das gar nicht so viel kann und mit dem sich nur die Arbeit erledigen lässt, die bei genauere Betrachtung gar nicht nötig wäre. Getan wird sie vor allem um ein ökonomisches Systemprinzip zu erhalten, dass sich schon lange nur noch durch Überproduktion erhält. Es geht mir aber gar nicht darum, Technik zu vermeiden, sondern zu begreifen, was der Technologie abhanden gekommen ist. Das Modem, das man sich in den 90ern kaufte, enthielt noch ein anderes Versprechen, die Möglichkeit, Beziehungen anders zu gestalten, neue Formen des Teilens und der Gemeinschaft, das ist der Technologie abhanden gekommen. Ich würde diesen Bruch an den Geräten von Apple und ihrer Rückkehr zum Braun-Design der 60er Jahre fest machen – Geräte, die Zukünftigkeit repräsentieren ohne zukünftig zu sein.

In den 40ern und 50ern trafen sich auf den Macy-Konferenzen Menschen aus allen Fachrichtungen um über Kybernetik zu sprechen. Damit verband sich das Versprechen einer neuen Universalwissenschaft, an der alle Disziplinen beteiligt sind und deren Modelle auf nahezu alles – Organismen, psychologische Vorgänge, soziale und ökonomische Systeme genauso wie Computernetzwerke – übertragen werden könnten. Du nennst Salvador Allende, der, kurz bevor der Putsch diesen Plänen ein Ende setzte, in Chile ein kybernetisches Modell zur Staatslenkung installierte. Dann wurde es still um die Kybernetik und bis auf ein paar Netzkünstler in den 90ern interessierte sich nur eine sehr beschränkte Öffentlichkeit dafür. In letzter Zeit scheint sich das zu ändern, kybernetische Ideen werden mit dem Finanzcrash von 2007 in Zusammenhang gebracht, mit den Ursprüngen der Ökobewegung und dem Erfolg der kalifornischen Hippie-Entrepeneure. Auch dein Buch ist voller Beispiele, die den versteckten Einfluss dieser Theorien erkennbar machen. Gibt es eine kybernetische Verschwörung?

Mir kommt die gerade wieder so beliebte Rede von den dunklen Mächten, die angeblich irgendwo die Strippen ziehen, wie eine Ablenkung von den strukturellen Problemen vor, die sich mit einer wieder entschlackten Kybernetik ganz gut beschreiben lassen. Noch kontrollieren wir uns als pervertierte Kybernetiker vor allem selbst, eben auch in den Gewändern der Selbstoptimierung. Das Theater um die NSA lenkt uns vor allem davon ab, uns dieser Selbstkontrolle zu entledigen. Gegen diese Vermeidungsstrategie, die Freiheit zu genießen, entwerfe ich für die Optimierung meines Lebens den Idiot. Der kommuniziert zunächst nicht mehr, um den Anknüpfungspunkten der Kontrolle ins Leere laufen zu lassen. Er isoliert sich auch nicht, sondern verbindet sich mit den anderen Idioten. Er geht auch nicht weg, sondern bleibt mitten im Getümmel als idiotische Störung präsent, allein um noch mehr Menschen in die idiotische Asozialität zu verführen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. bernd borsch

    auf jeden fall spitze wenn man einen freund hat der gut schreiben kann und selbst nach sinn hinter all dem stil sucht. das funktioniert, auch wenn das geschreibsel eitel und paranoid-uninformiert ist. die lifestyle-linke wird immer selbsgenügsamer. aber hauptsache alle sehen gut aus.

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