Endstation Song
Text: Lutz Happel aus De:Bug 173

Mount Kimbie - Chris Rhodes, March 2013

Die sanften Bassbrüder von Mount Kimbie sind noch immer ein Duo und endlich zur Band gewachsen. Auf ihrem zweiten Album präsentieren sie unprätentiöses Songschreibertum mit pünktlichem Bushalt vor der Universal-Endhaltestelle Virtuosentum.

Text: Lutz Happel

Post-Dubstep? Ist schon recht. So ungefähr reagierte das Duo auf die Zuschreibungen, die der Veröffentlichung ihres Debüts vor drei Jahren folgten. Es gäbe ja noch viel unvorteilhaftere Bezeichnungen. Love-Step zum Beispiel, oder Emo-Step. Das beliebte Spiel mit dem einen großen Signifikanten war schon immer eine etwas alberne Über- und Unterforderung der Sprache – und der Musik. Mit Blick auf das gerade erschienene zweite Mount-Kimbie-Album würde das Spiel noch viel alberner werden. Beginnen wir also lieber nicht deduktiv, sondern induktiv. Die Londoner Dominic Maker und Kai Campos, die sich nach eigenen Angaben vor vier Jahren nur flüchtig kannten und ihre ersten Tracks in Fruityloops zusammenklickten, sind mittlerweile zu permanent tourenden Vollzeitproduzenten geworden. Allerdings zu Vollzeitproduzenten ohne Zeit zum Produzieren: Weil ihr erstes Album “Crooks And Lovers” von 2010 in fast allen Jahresbestenlisten (gerne in der Kategorie: “Bester Post-Dubstep-Nachwuchs-Act”) auftauchte. Und weil von da an jeder Freund des Bass-Kontinuums hören wollte, wie und in welchem Kontext diese bezeichnungsresistente Musik live aufgeführt werden würde.

Schlafzimmer-Produzententum
Mount Kimbie hatten jedoch nie einen performativen Kontext, nie einen genuinen Ort der Aufführung. Ihre Musik taugt nicht als verkapptes DJ-Set; man kann unter ihrem Einfluss unmöglich drei Tage wach bleiben. Bis heute weigern sich Maker und Campos, trotz massenweiser Anfragen, hartnäckig, Mixtapes zu produzieren, also einer bestimmten Konvention elektronischer Produktion zu entsprechen. In bestuhlten Sälen lässt sich Mount Kimbie allerdings ebenfalls schlecht goutieren; ihr Sound ist zu bassig, breaklastig und fitzelig, als dass man sich zu ihm – versunken im Sessel – ordentlich sedieren könnte. Seitdem 2009 als erstes Lebenszeichen die beiden EPs “Sketch On Glass” und “Maybes” auf Hotflush erschienen, sind Mount-Kimbie-Tracks für die üblichen Club-Anwendungen immer zweifelhafter, gleichzeitig strukturell immer komplexer geworden. Wenn es eine Kategorie gibt, die auf Mount Kimbie anwendbar ist, dann eine formalistische: die des Schlafzimmer- Produzententums. Der hemdsärmelige Arbeitsmodus der beiden Londoner war bisher: sich aus dem Bett rollen und mit dem, was im Schlafzimmer herumliegt, arbeiten. Maker und Campos sind jedoch keine Lötkolbenbesitzer, keine Geeks im klassischen Sinne. Sie nutzen ihre Maschinen intuitiv, sind Anhänger freiwilliger Selbstbeschränkung und setzen auf die glücklichen Zufälle, die beim Hantieren an den halbwegs überschaubaren Funktions-paletten von Vintage-Kisten geschehen. Mount-Kimbie-Sound entsteht unter bewusstem Ausschluss des Gedankens an die Aufführung. Erst später stellen sich Maker und Campos der Aufgabe, ihn zu performen. “Die meisten Acts beginnen mit Gigs, dann wird aufgenommen. Bei uns ist es genau umgekehrt”, meint Campos. Und darin liegt wohl Mount Kimbies besonderer Charakter: Ihre Tracks entstehen nicht als Reproduktion von Live-Erfahrungen, sondern in einem geschützten Raum mit klaren Grenzen, dessen Nachhall auf die Bühne getragen wird.
Auch auf “Cold Spring Fault Less Youth” denken Maker und Campos sonisch immer noch in vergleichsweise bescheidenen, häuslichen Dimensionen, obwohl beide mittlerweile in einem Studio produzieren und ein Schlagzeuger das Duo, insbesondere für Live-Auftritte, ergänzt. Ihre Ästhetik besteht immer noch aus Vermischungen von Ambient, Postrock, Electro, House und HipHop-Anteilen. Ihr Zugriff auf Klangmaterial bleibt zurückhaltend, sanft, geradezu höflich; nichts ist durch bombastische Instrumentierungen aufgeblasen. Das entspricht nicht nur dem Selbstverständnis des Duos. Es dient nebenbei auch als Schutz der eigenen Ideen vor etwas Schrecklichem: Virtuosität.

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Klassischer geht nicht
Alles, was auf Mount Kimbies zweitem Album zu hören ist – bis auf eine Rap-Einlage von King Crule, stammt von Maker und Campos selbst: narkoleptische Ambient-Flächen, unauffällige Synth-Patterns, synkopierte Step-Sequencer-Drums oder ein dezenter Schlagzeugpart, verhallte Gitarren, die an The XX erinnern, eine Fünf-Sekunden- Hommage an Burial hier, eine weitere an Nathan Fake dort – alle Zutaten des Debüts von 2010 sind hier versammelt. Sie kommen aber differenzierter zum Einsatz, mit einem zwischenzeitlich erweitertem Bewusstsein für die Zusammenhänge und Abhängigkeiten von Song und Arrangement. Mount Kimbies kleinteilige Art des Produzierens auf “Cold Spring Fault Less Youth” erinnert formal mehr denn je an Actress, der Einsatz ihrer Gerätschaften an die Electro-Niedlichkeits-fraktion aus (vormals) Weilheim, und die Klangfarbe ihrer Ambient-Anteile an den Komponisten William Basinski, den Mount Kimbie mehrfach gesamplet haben. Neu ist allerdings, dass weite Teile des Albums nun den Eindruck einer elektronifizierten Band erwecken, die untereinander interagiert und auf den Verlauf des Gespielten reagiert. Besonders der hin und wieder als Chorus eingesetzte Gesang, (zum Beispiel in “You Took Your Time”), verstärkt diesen Effekt. “Stimmt, wir sind bandartiger geworden”, sagt Makers. “Bei der Produktion mussten wir uns sogar dazu zwingen, nicht zu sehr an die Live-Umsetzbarkeit zu denken, um uns nicht selbst einzuschränken.” Man könnte das als Emanzipation aus den eigens gesteckten Grenzen verstehen. Oder als Gefahr für einen Sound-Entwurf, den bisher alle verstanden haben. “Cold Spring Fault Less Youth” wirkt, nicht zuletzt deshalb, wie das erste wirkliche Album Mount Kimbies – zwar nicht in konzeptueller, aber in struktureller Hinsicht. Maker und Campos wissen zwar, dass sie auch in völlig anderer Länge und Form auf beispielsweise Soundcloud veröffentlichen könnten, und damit ebenso viel Aufmerksamkeit erregen würden. Besonders das UK-Dubstep-Kontinuum, mit dem sie so oft in Verbindung gebracht werden, hat in den letzten Jahren gezeigt, wie neue Formate fern des Albums funktionieren. Mount Kimbie aber veröffentlichen lieber auf einem Datenträger elf Songs, jeweils drei bis vier Minuten lang. Klassischer geht nicht.

Wo der Bus hält
Während “Crooks and Lovers” noch eine Aneinanderreihung von autonom funktionierenden Pieces war, besteht “Cold Spring Fault Less Youth” aus sehr unterschiedlichen, und dennoch assoziativ zusammenhängenden Songs. “Beim Abmischen fiel uns auf, dass nur eine Reihenfolge wirklich funktioniert”, sagt Campos, “wir hatten keine Wahl”. Tatsächlich wirken die Songs in ihrer Zusammenstellung wie eine musikalische Mindmap, in der unterschiedliche Stränge (Song, Track, Gesang, Rap, Pop, Abstraktion) verlaufen, und die von Zeit zu Zeit ihre Struktur ändert, neue Knotenpunkte bildet, andere auflöst. Auch der Titel des Albums kann so verstanden werden: “Cold Spring Fault Less Youth”, eine Einladung, in einer Landschaft aus Assoziationen wandern zu gehen. In einem Interview wurden Mount Kimbie einmal gefragt, wo der “Mount Kimbie” geografisch läge. Kai Campos sagte: “Es ist ein Ort in uns allen, an dem die Busse pünktlich sind.” Mount Kimbie, das ist kein monströses Gebirge, auch keine anarchische Megalopolis. Hier wird nichts postuliert, hier gibt es keine Hooligans. Dazu sind Maker und Campos zu bescheiden. Mount Kimbie ist ein kleiner Ort, mit höflichen Menschen und pünktlichem Personennahverkehr.

Mount Kimbie, Cold Spring Fault Less Youth, ist auf Warp/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.