Früher war Quentin Dupieux der Mann hinter der gelben Zappel-Puppe "Flat Eric", die per Levi's-Werbung durch die Welt zog. Heute ist er der Übervater für die Generation Ed Banger. Sein neues Album bringt ein bisschen geistiges Futter in den Krawall-Sound der Stunde. Ansosnten hält er sich aber eher raus, wenn's um den Geschmack der Jugend geht.


Affenmusik vom Filmregisseur

Quentin Dupieux ist die Art Künstler, an dem sich die Geister scheiden. Für die einen ist er der Genius, der Ed Banger, dem Label, das seit ca. einem Jahr selbst in den iTunes-Bibliotheken hiesiger Indiemädchen überproportional häufig vertreten ist, fehlte. Wieder andere halten ihn für einen begnadeten Generalisten, der sich an Film und Kunst versucht, dessen Werke fernab der Musik aber bis dato bestenfalls als Achtungserfolge wahrgenommen wurden. Das Gros der Ottonormalverbraucher wird jedoch bei seinem Alias Mr. Oizo vor allem an eine Puppe denken.
Noch knapp zehn Jahre nach seinem durchschlagenden Erfolg mit ”Flat Eric“, dem neurotisch zuckenden, gelben Etwas, das uns Faltenhosen schmackhaft machen wollte, kämpft Dupieux seinen Kampf gegen Windmühlen. Dass sich seine neue Platte “Lambs Anger“ jetzt mit einer Referenz an den “Andalusischen Hund“, einem 1928 erschienenen Stummfilm von Luis Buñuel und Salvador Dali, der vor allem Surrealisten und Freudianer auf den Plan rief, schmückt, ist kaum verwunderlich. Dupieuxs Umgang mit der eigenen Person, Umfeld und Geschichte wirkt eigenwillig, bisweilen exzentrisch. In jedem Falle aber gewinnt man den Eindruck, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der ein gespaltenes Verhältnis zu sich, seinen Erfolgen und Niederlagen sowie den Mechanismen des Marktes hat, dem er versucht, seine Kunst näher zu bringen.
Beim Interview selbst wirkt der Franzose angespannt, manchmal flapsig, jedoch immer wach und darauf bedacht klarzustellen, dass er es sein will, der seine Geschichte schreibt. Ein Unterfangen, das mitunter schwierig sein könnte, bedenkt man, dass gleich seine erste Single einen stattlichen Stempel im Gedächtnis der Mediengesellschaft hinterlassen hat.

Dein neues Album ist gerade erschienen. Das Artwork, eine Referenz an Buñuels bzw. Dalis “Andalusischen Hund“, fällt dabei wortwörtlich ins Auge. Es entsteht der Eindruck, du würdest dich auf tragische Weise von deinem Alter Ego “Flat Eric“ verabschieden.

Dupieux: Nein, dabei handelt es sich in erster Linie um eine Ehrerbietung an Buñuel und Dali und deren großartigen Kurzfilm. Ich finde es aber unterhaltsam, dass sich alle darüber den Kopf zerbrechen. Es ist witzig zu sehen, dass sich Jugendliche im Internet darüber unterhalten und herausfinden, dass es sich dabei um den “Andalusischen Hund“ handelt. Ein Stück weit möchte ich damit auch das Interesse an Kunst fernab des Mainstreams wecken, so kann man den Jüngeren ein bisschen was mit auf den Weg geben. Etwas zum Nachdenken, Kultur.

“Flat Eric“ lebt also weiter. Damals allerdings hast du im Affekt ein Album veröffentlicht, mit dem die meisten Hörer nicht viel anfangen konnten.

Ja, es war definitiv eine Antwort auf den Erfolg, weil ich der Überzeugung war, dass dieser für das, was es war, ein paar Nummern zu groß ausgefallen ist. Es war schließlich ein einfacher Beat, den ich für einen Werbeclip mehr oder weniger hingerotzt habe.

Also wolltest du die Leute überrumpeln?

Ja, es war eine Art Teenagerebellion. Ich wollte allen sagen: “Fuck off! Ich bin mehr als das, ich kann auch etwas Härteres, Kreativeres machen.“ Es war sozusagen eine Trotzreaktion auf den Erfolg.

Danach hast du eine ganze Weile nichts mehr veröffentlicht. Vieles von dem, was du in der Zwischenzeit angefangen, aber nie beendet hast, hast du als “Scheiße“ bezeichnet. Das klingt ein wenig nach Quarterlife-Crisis.

Nein, ich bin immer glücklich mit “Flat Eric“ und dem Drumherum gewesen, aber offensichtlich kam das alles viel zu früh. Ich war gerade erst dabei anzufangen, Musik zu machen, hatte keine Erfahrung. Der Erfolg war mir dann einfach zu groß und schien nicht angemessen für ein eher lapidares Stück Musik. Das hat mich retrospektiv definitiv blockiert und mich daran gehindert, etwas Neues zu machen.

Eigentlich verstehst du dich ja auch mehr als Filmer denn Musiker, richtig?

Ich habe angefangen Filme zu machen, als ich vielleicht zwölf war. Hauptsächlich Kurzfilme. Als kleines Kind war ich besessen vom “Texas Kettensägen Massaker“, also hab ich versucht, solche Sachen im Garten meiner Eltern nachzustellen, irgendwo in einem Pariser Vorort. Mit zwanzig wollte ich dann mehr in die Comedy-Ecke. Das ist aber alles immer ein bisschen darker gewesen, als man es vielleicht bei Comedy erwarten würde, schwierig zu beschreiben. Mit Musik habe ich eigentlich nur angefangen, um sie über meine Kurzfilme zu legen. Da war ich vielleicht 18. Tanzmusik wurde das erst, als ich Laurent Garnier kennen gelernt habe, der mich dazu animierte ein bisschen Blödelmusik zu machen. In erster Linie verstehe ich mich aber weiterhin als Filmemacher, richtig. Die Musik ist nur spaßiges Beiwerk.

Du arbeitest jetzt nur noch digital, wann und warum hast du damit angefangen?

Vor fünf Jahren. Anfangs habe ich allerdings noch versucht, das alte Zeug an meinen Rechner anzuschließen. Ich habe eine ganze Batterie an Equipment, die sich über die Jahre angesammelt hat. Es war eine wahre Obsession, immer neues auszuprobieren und zu kaufen. Dementsprechend ist z.B. “Moustache“ in einer Halbwelt aus Computern und analogem Equipment entstanden. Inzwischen bin ich aber komplett auf Computer umgestiegen, weil ich denke, dass man damit besser arbeiten kann.

Das lässt sich auch gut raushören, “Analog Worms Attack“ klang noch wesentlich organischer als deine letzten beiden Werke.

Ja, “Analog Worms Attack“ wurde z.B. noch auf Tape aufgenommen. Aber ich denke, es ist inzwischen kein Problem, mit der heutigen Technik diesen Effekt zu reproduzieren. Zumindest wenn man sich schlau genug anstellt.

Auf “Moustache“ lässt sich auch erkennen, dass du moderner Tanzmusik etwas mehr Respekt zollst, wenn man es mit dem noch sehr experimentellen, konzeptuellen “Analog Worms Attack“ vergleicht.

Ich kann nur sagen, dass ich mit dem zweiten Album so lange warten musste, bis ein wirklich neuer Antrieb da war. Zweimal das gleiche Album aufzunehmen, wäre langweilig gewesen. Deswegen sind die drei Alben auch so unterschiedlich, denke ich. Jedes Mal steckte eine völlig andere Energie hinter dem Ganzen.

Woher kam damals dieser Antrieb, woher die Muße?

Vor allem aus den Möglichkeiten, die mir mein Computer bot. Ich war besessen davon, auszuloten, was mir diese digitale Welt zu bieten hatte, all die verrückten Dinge, die man aus den PlugIns quetschen konnte. Es klingt für mich selbst etwas komisch, wenn ich das sage, aber im Endeffekt war es wirklich mein Computer, der mich inspirierte, diese Platte aufzunehmen, mit der ich im Übrigen heute noch sehr zufrieden bin.

Die neue Platte klingt sehr modern und glatter, verströmt den heutigen Zeitgeist französischer Elektronik, auch wenn sie immer noch sehr dicht gestrickt und voller Ideen ist.

Die Idee ist immer noch das Wichtigste, wenn es darum geht, etwas Kreatives zu tun. Welches Werkzeug du dann genau benutzt, welchen Computer, welchen Synthesizer, welche Software oder, ganz allgemein, welchen Weg du wählst, sie zu verwirklichen, ist eigentlich egal. Bei “Lambs Anger“ war z.B. die Idee, Affenmusik zu machen.

Affenmusik?

Ja, die Platte wurde aufgenommen, ohne viel nachzudenken. Alles sollte sehr schnell gehen. Jeder Track wurde vielleicht in zwei bis drei Stunden, maximal aber einem Tag aufgenommen. Auf keinen Fall mehr.

Zwei Stunden sind vergleichsweise wenig. Man erzählt sich auch, dass du dir für Remixe nicht viel mehr Zeit nimmst.

Nun, ich denke wirklich, dass ich ein spezieller Künstler bin. Meine Person, mein Name ist wesentlich wichtiger als die Musik, wenn es um einen Remix geht. Vielleicht liege ich damit falsch, aber so nehme ich mich selbst wahr. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich schon eine Weile darüber nachdenke, bevor ich etwas in zwei Stunden aufnehme. Dass es dann am Ende zwei Stunden sind, ist unwichtig. Es ist viel wichtiger, immer wach und aufmerksam zu sein.

Du bist jetzt auf Ed Banger, zusammen mit Justice, SebastiAn oder Uffie, deren neues Album du auch produzierst. Inwiefern hat dich bei dieser Art und Weise zu arbeiten auch dein neues Umfeld beeinflusst?

Eigentlich gar nicht. Klar, wenn ich auflege, spiele ich natürlich auch ihre Platten, aber für daheim ist das nichts. Manchmal gibt mir SebastiAn einen neuen Track und ich höre ihn das erste Mal, wenn ich ihn im Club spiele. Wenn ich mir das Zeug auch noch zu Hause anhören würde, wäre ich depressiv.

Warum?

Weil es zu laut und zu dumm ist. Ich kann verstehen, dass es sehr jungen Leuten gut gefällt, weil sie damit ihre Eltern vergraulen können, aber Musik für meine Anlage ist es auf keinen Fall.

Ist dir das nicht kreativ genug?

Doch, doch, es ist schon kreativ, aber es wiederholt sich ständig. Wenn du die ersten zwanzig Sekunden gehört hast, weißt du, wie es die nächsten paar Minuten weiter geht.

Deine Stücke sind immer relativ kurz und dicht gehalten. Um die zu spielen, müsste man sich eigentlich Edits basteln.

Ja, genau darum ging es mir. Ich wollte Tracks voller Kleinigkeiten machen. Die Leute picken sich eh die Teile raus, die sie mögen, und basteln sich daraus etwas Eigenes. Das ist seit “Moustache“ Konzept.

Hast du selbst mal darüber nachgedacht, mit Ableton Live oder ähnlichen Tools aufzulegen, um dem Ganzen einen kreativeren Touch zu geben, einen, der deine Einstellung etwas besser widerspiegelt?

Nein, ich bin CD-DJ. Es kümmert mich nicht wirklich, was die Leute denken, weil die meisten eh nur kommen, um mich zu sehen. Ich muss diesen Teil meiner Arbeit nicht ernster nehmen als irgend notwendig.

Also geht es primär darum, Geld zu verdienen?

In gewisser Weise schon. Auf der anderen Seite trifft man natürlich auch Leute und kann seine Musik promoten. Vor zehn Jahren hätte ich auch nicht aufgelegt, weil jeder nur auf die Skills schielte. Die hatte ich nicht. Damals hätte man mich wegen jedes Übergangs verurteilt, heute interessiert das niemanden mehr. Im Grunde genommen spiele ich aber auch einfach genau dasselbe wie all die anderen auf Ed Banger.

Ed Banger ist heutzutage ein gewichtiger Bestandteil moderner, lauter Clubkultur, während dein voriges Label FCom immer etwas klassischer, stilbedachter wirkte. Wie nimmst du dich im Kontext dieser beiden Labels wahr?

Auf FCom war ich einer von vielen Musikern, habe aber eine besondere Stellung eingenommen. Ich war das schwarze Schaf, das anders war als der Rest des Labelrepertoires. Laurent Garnier hat mich damals unter Vertrag genommen, ohne genau zu wissen, was ich überhaupt mache. Beim zweiten Album konnte er sich auch nicht mehr wirklich begeistern. Es fehlte der Enthusiasmus, den ich als Künstler gebraucht hätte. Ich denke, das ist auch der Grund, warum es nicht mehr wirklich funktioniert hat. Bei Pedro Winter (Chef von Ed Banger) ist das anders, auch wenn wir sehr verschiedene Vorstellungen von Musik haben, hat er eine sehr einfache Art Enthusiasmus auszudrücken, die mir zusagt. Dort fühle ich mich diesbezüglich besser aufgehoben. So oder so, ein Label ist wichtig für die Distribution meiner Musik, und das funktioniert bei Ed Banger ganz gut.

Was du über das Label zu sagen hast, klingt sehr moderat und abgeklärt. Gibt es auch Kollegen, denen du dich nahe fühlst?

Es gibt schon Leute, die ich mag. SebastiAn z.B., der mir auch beim Soundtrack für “Steak“ geholfen hat, ist jemand, den ich schätze. Aber das hat jetzt nichts mit seiner Musik zu tun. Die ist natürlich auch gut, aber eben nicht immer nach meinem Gusto. Er ist auch noch sehr jung, hat auch definitiv großes Talent. Musik machen ist für mich aber auch eine Sache des Geistes, worüber man nachdenkt, wofür man sich interessiert, im weitesten Sinne eine besondere Kreativität. Heutzutage ist es sehr einfach, gute, beeindruckende Musik zu machen, wenn man Piano spielen kann. Nimmt man z.B. Aphex Twin, dann hat man immer das Gefühl, das hinter seiner Musik etwas Geniales steckt, etwas Mysteriöses. Ed-Banger-Stuff dagegen ist sehr auf Spaß und Unterhaltung bedacht. Alles muss laut und aufregend sein, was ohne Zweifel seine Daseinsberechtigung hat, mir fehlt allerdings manchmal der Geist dahinter.

Das klingt ein bisschen so, als könnte das Auflegen dann für dich manchmal sehr schwierig sein.

Es kommt vor, dass es total deprimierend ist, aber, wie gesagt, es ist Teil meines Jobs, leicht verdientes Geld und gute Werbung. Schließlich habe ich eine Platte zu vermarkten.

Du bist zweifelsohne auch Teil einer regen französischen Szene, die von Daft Punk, Alan Braxe, Fred Falke in den 90ern bis zu neueren Acts, die jetzt auf Kitsuné, Institubes oder eben bei Ed Banger veröffentlichen, reicht. Was denkst du, wie sich das noch weiterentwickeln wird?

Dafür interessiere ich mich eigentlich nicht wirklich. Es gibt genug Menschen, die mich bis heute für einen Engländer halten, insofern habe ich auch nie wirklich etwas mit dieser French Connection anfangen können. Vielleicht handelt es sich dabei einfach um eine Modeerscheinung, die in sechs Monaten schon wieder vorbei ist. Das wäre dann aber zumindest für mich auch nicht wirklich relevant.

Nun lässt sich aber nicht daran rütteln, dass zumindest der Spirit, sei es in Reinform oder als Inspiration für Genres wie New Rave, Einzug in die Clubs gehalten hat.

Ja, das stimmt natürlich. Vielleicht passen Franzosen mit ihrer Art einfach ganz gut in die neue, musikalische Spaßgesellschaft. Vor vielleicht fünf Jahren war Clubmusik noch sehr langweilig, heute hingegen kommt es ein bisschen weniger auf das Können der DJs und mehr auf die gute Auswahl an. Das kommt poppiger, spaßiger Musik sehr entgegen.

Du vertrittst durchaus Thesen, mit denen man anecken könnte. Welchen Einfluss haben die alten und neuen Medien, z.B. Blogs und eZines, auf dich? Ist dir dein Bild in der Öffentlichkeit wichtig?

Nein, ich habe in erster Linie Interesse an meinem eigenen Blickwinkel. Ob jemandem meine Musik, meine Filme oder mein Leben gefällt, ist mir egal. Das hat absolut keinen Einfluss auf mich und meine Arbeit. Womit ich nicht sagen will, dass ich mir nicht anschaue, was über mich geschrieben wird. Manches ist gut, manches ist schlecht, aber im Endeffekt ist es mir eben doch egal.

Apropos, dein letzter Film “Steak“ wird jetzt – fernab dessen, womit man gerechnet hätte – in Russland veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Mein Produzent hat sich nie groß für den Film interessiert, er ist ja auch gefloppt. Warum er jetzt ausgerechnet in Russland erscheint, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite ist es auch nicht mehr wichtig, weil “Steak“ für mich vorbei ist. Ich wende mich jetzt anderen Dingen zu.

Die da wären?

Ich werde den Film “Realité“ machen, neue Musik einspielen. Alles so wie immer, bei mir wird sich nicht viel ändern.

Mr. Oizo, Lambs Anger, ist auf Ed Banger erschienen.

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Der Track zu "Flat Eric", der Puppe aus der Levi's-Werbung von 2000, hat Quentin Dupieux 2 Stunden animalische Arbeit gekostet und sich 3 Millionen Mal verkauft. Jetzt kommt mit dem fiesen kleinen Hund "Moustache" der zweite Streich, der sich keinen Deut um den Flat-Eric-Sound schert.

Ein kleiner fieser Hund
Kneipengespräch mit Mr. Oizo

Plötzlich fuhr Mr. Oizo weg und keiner wusste, wohin. Weder F-Com, sein Label, noch PIAS, der Vertrieb. Dabei steht sein zweites Album, “Moustache”, gerade kurz vor der der Veröffentlichung – immerhin sein erstes Lebenszeichen als Produzent seit fünf Jahren, nach der Hysterie um den fusseligen Flat Eric, der so engagiert zu Mr.Oizos Track “Flat Beat” moshte. Den ursprünglichen Interview-Termin in Paris hatte Quentin Dupieux, wie Oizo mit bürgerlichem Namen heißt, jedenfalls verschusselt, das danach ausgemachte Telefon-Interview irgendwie auch. Schließlich haben wir ihn aber doch noch erreicht – im Urlaub. Hier der Versuch, mit ihm über seine neue Platte zu reden.

Mr. Oizo: Entschuldigung wegen gestern. Ich hab vergessen, mein Telefon anzumachen.

Kein Problem. Entschuldige, dass ich dich in deinem Urlaub störe. Wo bist du denn?

Mr.Oizo: In St. Maxime bei St. Tropez. Ich genieße es sehr. Bin auch schon betrunken.

Oh. Lass uns über deine Platte sprechen. Das zweite Album gilt ja als besonders schwierig. Wie ging es dir mit “Moustache”?

Mr.Oizo: Ich habe es in drei Monaten gemacht. Die vier Jahre davor habe ich nur Scheißmusik produziert. Plötzlich – keine Ahnung, warum – ist dann “Moustache” so aus mir rausgeflossen. Ich hatte echt einen Lauf. Ich hab wie ein Tier gerackert.

Was heißt das? Hast du dich im Studio eingeschlossen?

Mr.Oizo: Nein, gar nicht. Ich hab auch noch Filme gemacht und Sachen geschrieben. Und eben Musik gemacht.

Als es die vier Jahre zuvor nicht so gut lief, hast du daran gedacht aufzuhören?

Mr.Oizo: Nein. Musik ist mir sehr wichtig. Sie gibt mir Kraft und ich habe sie in meinem Leben vermisst. Ich habe viel rumprobiert und einiges geändert.
Vor fünf Jahren habe ich nur mit analogem Material produziert. Jetzt habe ich den Computer entdeckt. Digital, verstehst du. Ich habe drei Jahre gebraucht, um das zu lernen.

Deine neuen Tracks klingen jetzt auch ganz anders. Zunächst mal sind sie alle sehr kurz …

Mr.Oizo: Kurz? Lang ist ja auch langweilig. Ich hasse Wiederholungen. Weißt du, was ich meine? Wenn du DJ bist, kannst du ja Edits aus meinen Tracks basteln. Nimm einfach die 20 Sekunden, die dir gefallen, und mach einen Loop daraus. Mach was Neues aus meinem Material.

Die Stücke sind also eine Art Skizzen?

Mr.Oizo: Ja. Außerdem muss man sich bei kurzen Stücken konzentrieren. Man muss ganz nah an die Lautsprecher rangehen.

Auch das Album ist ziemlich kurz. Nur 36 Minuten.

Mr.Oizo: Weißt du, vor 20 Jahren haben die Beatles Alben gemacht, die waren auch nur 30 Minuten lang. Auch wenn mein Album nur 20 Minuten wäre, wäre das genug, wenn es inspiriert ist. Es ist total einfach, lange Stücke zu machen. Nimm einen 20-Sekunden-Loop und mach daraus zwei Minuten. Das geht mit dem Computer ganz einfach. Es ist zu leicht, etwas zu wiederholen. Außerdem, Zeit existiert doch gar nicht!

Wie meinst du das?

Mr.Oizo: Was? Ich verstehe dich nicht.

Inwiefern existiert Zeit nicht?

Mr.Oizo: Kannst du das wiederholen. Ich bin in einer Bar, es ist sehr laut.

Warum existiert Zeit nicht?

Mr.Oizo: Ach so. Eine Sekunde könnte auch eine Stunde sein, wenn du schläfst, träumst oder Drogen nimmst. Deshalb existiert Zeit nicht, auch wenn wir Uhren haben. Zeit gibt es nicht in Flaschen.

Hm. Wie lang brauchst du für deine Stücke?

Mr.Oizo: Ich mach das ganz spontan. Wenn es nicht in drei Stunden fertig wird, ist es nicht gut. Es muss spontan sein. Musik muss spontan sein. Wenn es zu kopflastig und intelligent wird, ist es nicht Musik. Musik ist etwas Animalisches.

Was für ein Tier ist “Moustache” denn?

Mr.Oizo: Ich denke, es ist ein Hund.

Welche Rasse?

Mr.Oizo: Ein kleiner Hund, der aber fies ist.

“Moustache” ist ziemlich aufreibend. Wolltest du ein anstrengendes Album machen?

Mr.Oizo: Was hast du denn gedacht, als du “Moustache” zuerst gehört hast?

Ich fand es lustig und stressig. Es steckt voller Ideen und springt die ganze Zeit hin und her.

Mr.Oizo: Haha. War das ein Schock?

Nein, das auch wieder nicht. Eher ein intensives Gefühl.

Mr.Oizo: Ok. Das ist gut. Das ist, was ich wollte. Ich denke es gibt zu viele Künstler, die easy music machen, und wir brauchen mehr Leute, die etwas Spezielles machen. Normal ist scheiße. Jeder kann Musik machen. Du machst doch bestimmt auch Musik?

Ich? Nein.

Mr.Oizo: Echt nicht?

Wirklich. Dazu fehlt mir jegliches Talent.

Mr:Oizo: Du könntest es aber. Es ist wirklich leicht. Als Künstler muss ich aber etwas Besonderes, Neues machen. Scheiß auf das Normale. Es ist zu einfach, normale Sachen zu machen.

Arbeitest du allein im Studio?

Mr.Oizo: Ja. Ich arbeite lieber allein. Dann kann ich rumtanzen. Ich mag es nicht, wenn mir jemand über die Schulter blickt. Danach spiele ich es Freunden vor. Wenn die darauf anspringen, ist der Track gut.

Legst du eigentlich auf?

Mr.Oizo: Ich habe drei Mal aufgelegt. Es macht schon Spaß, aber ich bin nicht gut darin. Musik ist ja nur Spaß für mich. Es ist nicht mein Leben. Eigentlich bin ich ja Regisseur. Musik ist nur meine animalische Seite.

Du drehst Videos und Kurzfilme. Soll auch mal was Längeres folgen?

Mr.Oizo: Ja. Ich arbeite gerade an zwei Spielfilmen. Einer ist über Flat Eric. Der wird in einem Jahr gedreht. Der andere ist eine Verfilmung von zwei französischen Comics.

Sind die fürs Kino?

Mr.Oizo: Ja, ganz genau.

Du könntest in die Fußstapfen von Michel Gondry treten. Der hat ja auch mit Videos angefangen und dreht jetzt Spielfilme.

Mr.Oizo: Ja, aber der ist jetzt in Hollywood. Ich bin noch Franzose.

Wie viele Einheiten hast du von “Flat Beat” verkauft?

Mr.Oizo: Drei Millionen. Das war vor fünf Jahren. Ich bin darüber sehr glücklich. Ich habe “Flat Beat” in zwei Stunden produziert. Das ist schon schräg. Deswegen möchte ich mehr animalische Musik machen.

War dieser große Erfolg auch eine Belastung?

Mr.Oizo: Ja, ein Jahr lang. Jeder hat die ganze Zeit über Flat Eric geredet. Dabei ist das ja nur ein Teil meiner Arbeit. Jetzt liebe ich Flat Eric. Ich denke, es war lustig, intelligent und respektabel. Jetzt bin ich auch stolz darauf. Am Anfang war das nicht so. Da habe ich mich geschämt.

Warum?

Mr.Oizo: Wahrscheinlich weil es zu erfolgreich war. Wenn man erfolgreich ist, denkt man schnell, man macht Mist. Wenn man underground ist, lieben dich die Leute. Wenn man einen Hit landet, spucken sie auf dich. Sogar meine Freunde haben mich schief angeschaut. Das war wirklich blöd. Jetzt bin ich 30 Jahre alt und stolz darauf. Ich habe Flat Eric komplett selbst gemacht. Ich hab die Puppe erfunden, bei dem Spot Regie geführt und auch die Musik produziert. Es war ein schöner Job. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Es ist schwer, gut zu leben.

Was passiert denn in dem “Flat Eric”-Film?

Mr.Oizo: Das wird so wie Wallace and Gromit. Sehr schnell alles. Ein Musik-Film. Flat Eric macht Musik und es geht um die Plattenindustrie.

Aha. Klingt irgendwie nach dir.

Mr.Oizo: Ein bisschen. Flat Eric kann nicht sprechen. Es muss also viel Musik vorkommen. Es geht um Musik, Freundschaft und Liebe – na ja, das Letzte war ein Witz. Ich sitze immer noch in der Bar, bin etwas betrunken und trinke noch weiter. Es ist mein Urlaub, weißt du.

Ja, ich weiß. Danke für das Interview.

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