Florian Horwath brach 2001 mit dem Electropop-Duo Grom zusammen mit Michel Grinser in die elektronische Musikwelt ein. Längst hat er auf Songwriter und Bandleader umgesattelt – und seine wahre Heimat gefunden.


Kevin Ayers – May I (Shooting at the Moon, BGO 1970)

Florian Horwath: Ich kenne das Lied genau und habe immer das Gefühl gehabt, dass sich das Adam Greene ganz oft angehört hat. Und, ah, jetzt weiß ich’s, es gab doch diese BBC-Fernsehserie “Old Grey Whistle“, die war total super, da haben die immer Bands eingeladen, die haben jeweils ein Lied gespielt.

De:Bug: Wann war das?

Florian Horwath: Das war ungefähr 70er bis Mitte der 80er Jahre. In dem Haus, in dem wir das Album aufgenommen haben, in Schweden im Wald, gab es eine einzige DVD, das war die Anthologie der “Old Grey Whistle“-Sendungen. Ich glaube, dass der Sänger da genau dieses Stück gesungen hat.

De:Bug: Fällt dir der Name ein?

Florian Horwath: Ich schwimme total. Hat er Locken?

De:Bug: Ja.

Florian Horwath: Er hat viele Locken?

De:Bug: Ja, und Schlapphüte. Kevin Ayers. Findest du an dem Stück etwas typisch 70er-mäßig?

Florian Horwath: Dass die Musik eher nur mitschwingt. Ich habe das Gefühl, da sind die Vöglein im Wald, das schwingt so mit und jemand erzählt eine Geschichte. Das finde ich schon sehr charakteristisch. Man hört ihm total zu. Die Musik ist eher das Blumenbeet für den Erzähler.

De:Bug: … also das Jazzige, Laidbacke?

Florian Horwath: Ja, genau, das ist das Beet und er ist dann die Blume, die da raussteht und die Geschichte erzählt.

De:Bug: Wo verschwand das in den 80ern hin?

Florian Horwath: Ich könnte mir vorstellen, dass das irgendwann den Leuten, die Musik gemacht haben, auf den Sack gegangen ist. Vor allem auch denen, die die Geschichte nicht nur über Sprache erzählen wollten.

De:Bug: Könntest du dir vorstellen, dass es ein, zwei Sachen gibt, die als Totengräber dafür fungierten? Die so cheesy waren, dass klar war: “Ok, jetzt ist dann echt mal Schluss damit“.

Florian Horwath: Erfolgreiche?

De:Bug: Al Stewart oder so. Oder anders herum gefragt, was sind denn deine Lieblingsnamen aus der Zeit?

Florian Horwath: Viele, die schon während der 60er begonnen haben, die Grenzen sind da fließend. Zum Beispiel “Catch the wind“ von Donovan. Wofür er ja dann beschimpft wurde während der 70er, weil es ein Plagiat war, oder natürlich Bob Dylan. Die, die früh angefangen haben, haben das ja in die 70er rübergeschmissen.

Kris Kristofferson – To Beat the Devil (Kristofferson, Monument 1970)

Florian Horwath: Johnny Cash?

De:Bug: Ziehsohn von Jonny Cash. Du bist also nicht so ein Countryfan?

Florian Horwath: Nein, gar nicht.

De:Bug: Was gefällt dir an Country nicht?

Florian Horwath: Es ist ein bisschen zu stressig. Das Instrumentale ist mir oft zu penetrant. Außerdem habe ich ein bisschen das Klischeebild vor Augen: Leute mit Cowboyhüten auf Pferden, die in der Gegend herumgeritten sind. Davon habe ich mich nie so richtig befreit.
Ok, es ist Kris Kristofferson. Ich finde super, wie er singt. Aber meine Assoziation ist: konservativ. So wie ich immer Volksmusik in Tirol empfand, vereinnahmt von diesem konservativen “Wir sind wir, das ist unser nationaler Stolz und wir klatschen alle in die Hände und trinken Bier“. Aus dem liberalen Aspekt betrachtet war das einfach nicht so meins.

De:Bug: Woraus speist sich denn deine Platte?

Florian Horwath: Ich denke, aus den 60ern. Oder aus den 80ern, “Codeine“ oder “Galaxy 500“, damit fühle ich mich verbunden. Die Langsamkeit, die interessiert mich oder das zieht mich an, wenn das auch nicht so rauskommt bei meiner Platte. Aber die Platte ist sehr opulent geworden, auch wenn das gar nicht geplant war. Die Demos waren immer nur mit ein, zwei Instrumenten gespielt.

De:Bug: Und das war nicht so geplant?

Florian Horwath: Das Procedere ist immer so: Ich sitze in Wien und bereite die Demos alleine vor, mit ein, zwei, drei Instrumenten. Dann fahre ich blind-date-mäßig nach Schweden, treffe dort meine Band und die kennen die Musik noch gar nicht, bis wir im Studio sind.

De:Bug: Und deine Band, wieso ist die aus Schweden?

Florian Horwath: Eine schrittweise Annäherung. Ein Freund von mir, Peter von Poehl, der war ein Jahr in Österreich, als ich 15 war, da lernten wir uns kennen. Er ging nach Paris und wieder nach Schweden. Er hat auch mit mir die erste Platte produziert. Ich wollte immer mal nach Schweden. Die Musiker von dem Christofer Lundquist, dem das Studio gehört, haben mit den anderen beiden eine Band, die heißt Brainfool (oder Braintool?), und die sagten, “ok, wir machen mit“, und dann war das die Band. Deswegen Schweden. Es ist super da, es wird nicht viel geredet. Es war klar, dass wir Streicher wollen. Wir sagten, wir wollen Streicher. Leute vom Symphonieorchester. Wir nehmen die Basis analog auf. Ich spiele es denen zweimal vor, dann reden wir drüber, nur kurz, und es ist eher so Jam-mäßig, nehmen es auf und fertig.

De:Bug: Kannst du erklären, warum es gerade so einen Hype in Skandinavien um Singer/Songwriter gibt?

Florian Horwath: Es gibt dort viele Volksfeste wie in Österreich das Austropop. Da spielen nationale Musiker aus den 60er-, 70er-Jahren, Folk-mäßig, völlig selbstverständlich. Musik, die von dort kommt, lieblich und wunderschön. Die Tradition ist dort sehr stark.

µ-ziq – µ-Ziq Theme (Tango N’ Vectif, Rephlex 1993)

Florian Horwath: Ich glaube, das ist entweder so ein Arp oder ein ähnlicher komischer Kasten.

De:Bug: Steht drauf … Yamaha DX 11, Roland E50, Alesis, Boss Delaypanel und es ist mit einem Sony Betamax aufgenommen.

Florian Horwath: Da habe ich eine sofortige Verbindung, der Synth kommt nur ganz am Anfang und am Ende (… das Stück dropped …) das ist ja geil. So vom Sound total 70ies-mäßig. Der Wummerer ist auch geil.

De:Bug: Aber eigentlich totaler Feindes-Sound, oder?

Florian Horwath: Ja, auch.

De:Bug: 70ies Breitwandsynthie, eben genau, was man als Emo-Jazzrock-Kid lieb gehabt hätte.

Florian Horwath: Es gibt noch ein Instrument, das auf meiner Platte bei drei Stücken benutzt wurde, ein Omnichord. So ein 70er-Synth mit unglaublichem, charakteristischem Sound, der wird, glaube ich, immer noch gebaut. Der hat eine unglaubliche Reverb-Harfen-Funktion. Ein braunes Gerät. Ich habe das gespielt. Ich habe das Gefühl, das ist öfter drunter gewesen. Eben dieses Instrument war bei den Demos das wichtigste. Das war immer die Basis bei den Demos. Einfach das Rockbeat-Preset von dem Omnichord. Das hat sich total entwickelt, irgendwann konnte es aufnehmen und samplen oder zumindest kann es das inzwischen. Die Version, die ich habe, macht aber nur Beats, Chords und Plingplong, diese Harfen. Was braucht man mehr als einen Beat, Ton, sozusagen die Harmonie und irgendetwas, was Melodien spielen kann? Nach irgendeinem System, random-mäßig. Du hast so eine Art Plektron aus einem speziellen gummiartigen Material, elektrostatisch aufgeladen. Es geht nicht mit einem normalen Gitarrenplektron. Du spielst auf dieser Fläche hier. Wir versuchten es mal, als wir das Plektron verloren haben, mit anderen, aber das ging nicht. Man braucht genau dieses. Das ist auch auf diesem “Baby Got Me Wrong“ als Solo drauf.

De:Bug: Ein Omnichordsolo …

Florian Horwath: Ja, ein großartiges Instrument!

De:Bug: Und auf diesem Stück vorher war das kein Omnichord.

Florian Horwath: Nein, ich dachte ein Arp, aber das stimmt nicht. Ich möchte das auch wissen, da frag ich mal die Schweden. Ich sage es euch später.

De:Bug: Und ihr braucht dann auch nur zwei, drei Stunden, um ein Stück aufzunehmen?

Florian Horwath: Höchstens, eher weniger. Wir haben vierzehn Stücke in vier Tagen aufgenommen.

De:Bug: Das ist ja dreckseffizient. Dabei klingt deine Platte eher opulent ausproduziert.

Fleetwood Mac – Honey Hi (Tusk, Warner 1979)

Florian Horwath: Wir hatten dann noch ein paar Tage für die Stringarrangements, da haben wir noch ein bisschen was ergänzt. Es ging aber schnell, alles in allem. Erst recht im Vergleich zu Fleetwood Mac. Ich habe da mal eine Doku gesehen, in der die Frau von Fleetwood Mac erzählte, sie nahmen ein Stück in drei Wochen auf.

De:Bug: Wie ist es mit der Backingband in Schweden, wollen die gar nicht genannt werden. Ist es Singer/Songwriter-mäßig? Sie sind nur die Backingband? Die treten namensmäßig nicht in Erscheinung?

Florian Horwath: Schwierig, ganz schwierig, diese Singer/ Songwriter-Definition. Was macht einen klassischen Singer/ Songwriter aus? Die Aufführung, die Entstehung?

De:Bug: Kommen die Texte alle von dir und die Grundstrukturen der Stücke?

Florian Horwath: Die Songs kommen von mir, die sind fertig. Ich bringe sie ins Studio. Die Instrumentierung, das, was als Band aufgenommen wird, das machen wir gemeinsam.

De:Bug: Das klingt nicht so, als wenn du da mit dem Masterplan hinkommst, sondern als ob du der Band bei der Instrumentierung freie Hand lässt.

Florian Horwath: Für mich ist das Vertrauenssache. Ich denke mir, “ok, ich habe das vorbereitet“, aber wenn wir das gemeinsam spielen, erweitert das den Horizont oder die Ebene. Ein gemeinschaftlicher Akt. Es wird geboren, schwupps, kommt dann nach Schweden und die Band zieht es groß. So 70er-mäßig …

De:Bug: Wie findest du es, dass Fleetwood Mac so ein Revival erleben?

Florian Horwath: Finde ich super.

De:Bug: Warst du jemals Punk genug, um die scheiße zu finden?

Florian Horwath: Ich war früher in Birthday-Party-Zeug verstrickt, dann mochte ich auch Nick Cave allein. Bei Progrock bin ich gar nicht vorbelastet, das ist mir als Jugendlichem nicht begegnet.

Shin Mishimura – Schöner Montag (Gerpan EP, Toktok Records 2007)

De:Bug: Ich habe noch was ganz anderes. Wann warst du zuletzt in einem Club?

Florian Horwath: Das ist gar nicht so lange her, vor vier Tagen. Im Wiener Fluc. Da hat “Mstrkrft“ aufgelegt. Bei der Levi’s Tour. Ich kann aber nicht einmal sagen, wie es war. Ich habe die ganze Zeit im Flur gestanden und nur gequatscht und von der Musik nur sehr wenig mitbekommen. Am Anfang dachte ich, es ist Cyclop. Klingt nach einer Kollaboration zwischen Smith’n’Hack und Herbert. Könnte aber auch französisch sein.

De:Bug: Es ist japanisch.

Florian Horwath: Echt? Ein bisschen wie Mr. Oizo, die gelbe Flat-Eric-Puppe. Was ist das denn?

De:Bug: Shin Mishimura auf Toktok.

Florian Horwath: Ich finde es super, Hippie-Elektronik. Es ist schon moderne Clubmusik, aber total leicht. Da müssen nicht erst die Eier und der Macho rausgeholt werden, so meine ich das.

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Elektronische Lebensaspekte.

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