Singt da eine Frau oder ein Mann?


Als Strobocop legt Thorsten Lütz seit 96 House und Techno auf mit einem Biss, den man gar nicht von ihm erwarten würde – wenn man Vorurteile gegenüber Elektronika-Labelbetreibern hat. Denn sein zweites Standbein ist das Label “Karaoke Kalk”, das mit Wunder, Donna Regina oder März erfolgreich ist. Im Herbst diesen Jahres feiert Karaoke Kalk zehnjähriges Bestehen, genau wie Debug. Zur gemeinsamen Jubel-Sause “Vier sind wir” steht alles weitere auf der Präsentationsseite.

1985 hat Thorsten Lütz angefangen, bewusst Musik zu hören. Die Zeit von 80-85 wird gerade noch mal nach verschütteter Musik umgekrempelt, die jenseits von New Wave auf der einen und Disco auf der anderen Seite soulful und elektronisch ist, aber ohne klare “Weiß-” oder “Schwarz-”Erkennungsmerkmale auskommt. Die aktuellen Mix-CDs von Gerd Janson (Computeranimations for Worldpeace/Sonar Kollektiv), Hot Chip (DJ Kicks/!K7) oder Chromeo (Un joli Mix pour toi/Eskimo) fischen in diesem Teich. Auch Debug hat sich daraus ein paar Platten geangelt und versucht mit Strobocop eine Annäherung mit Schmerzen.

Young Marble Giants – Wurlitzer Jukebox, vom Album Colossal Youth (Rough Trade, 1980)

Strobocop: Kommt mir so semibekannt vor. Ist auf jeden Fall was Älteres.

De:Bug: Die Platte ist gerade von Domino wieder veröffentlicht worden.

Strobocop: Das Stück erinnert mich an frühere Jimi-Tenor-Sachen. Aber es ist mir fast schon wieder zu Indie-Indie. So holder weiblicher Gesang … Das ist aber nicht Stereolab, oder?

Dalek I – The World, vom Album Kum’Pas (Phonogram 1980)

Strobocop: Ah, das ist Joe Jackson.

De:Bug: Nee.

Strobocop: Stimmt, da fehlt auch das Klavier.

De:Bug: Das wäre nichts, worauf Karaoke Kalk aufgebaut hätte?

Strobocop: Ne, überhaupt nicht. Man kann auch gar nicht sagen, dass Karaoke Kalk auf irgendetwas aufbauen würde, was so weit zurückliegt, in den 80ern oder so. Das hat sich eher, als es 1997 losging, an der damaligen zeitgenössischen Elektronik orientiert, ohne dass es besondere Vorbilder gegeben hätte.

De:Bug: Was hast du in den 80ern gehört?

Strobocop: Also, was man erwähnen darf, ist Steely Dan, Joe Jackson, die erste Gianna Nanini hatte ich auch.

De:Bug: Ok, dann hast du irgendwann wirklich mal einen Schnitt gemacht.

Robey – Bored & Beautiful (Silver Blue, 1984)

Strobocop: Das ist schaurig, auf jeden Fall. Was ist das?

De:Bug: Die Ami-Version von Italo-Disco. Robey. Ist dir zu trashig?

Strobocop: Was heißt zu trashig … Es ist mir auf eine Art zu plakativ, und vielleicht auch Musik, die ich nie so richtig gut fand.

De:Bug: Die Mischung aus Jeunesse dorée und Fly Girl packt dich nicht, die flapsige Stimme?

Strobocop: Schwer zu sagen. Ist nicht wirklich mein Ding. War das Chartsmusik damals?

De:Bug: Immerhin remixt von Shep Pettibone, einem der wichtigsten Disco-Remixer der Zeit. Dann komm ich mal zu seriöseren Tracks.

Sine – Rotation (Rams Horn, 1984)

Strobocop: Herbie Hancock.

De:Bug: “Rocket”, könnte man fast denken …

Strobocop: Ich mag diese Miami-Vice-Toms. Moroder ist das nicht, oder?

De:Bug: Ne, Patrick Adams. Auch eine der zentralen Gestalten der New Yorker Discogeschichte.

Strobocop: Ja, das ist gut, das ist nicht zu plakativ, eher lustig mit dieser infantilen Keyboard-Melodie.

Black Mamba – Vicious (Garage Records, 1984)

Strobocop: Singt da eine Frau oder ein Mann?

De:Bug: Eine Frau. Larry Levan hat es gemixt, auch so ein Disco-Olymp-Bewohner. Ist dir das schon zu viel Disko?

Strobocop: Ja, zu viel Disko, zu viel Soul. Von allem irgendwie zu viel. Nö. Grauslich. Das liegt an dieser funky Gitarre. Das ist mir too much. Geseier.

Rob Base & DJ E-Z Roc – Get on the dance floor (Profile, 1989)
(Eröffnet mit der Melodie von Inner Citys “Big fun”)

Strobocop: Das kenne ich auf jeden Fall.

De:Bug: Gleich nicht mehr.

Strobocop: Das scheint mir eher so ein Medley zu sein.
Find ich gut. Aber es ist kein HipHop-Act?

De:Bug: Doch.

Strobocop: Früher HipHop Ende der 80er, Anfang der 90er habe ich super viel gehört. Ich mag das auch, weil es so hölzern ist. Das ist auf eine bestimmte Art und Weise total steif.

De:Bug: Da ist ja auch fast nix drin, oder?

Strobocop: Gar nix. Na, was wird das sein. Kaum mehr als eine Drummaschine.

De:Bug: Du kommst also aus der Maschinenecke, wenn es um Tanzmusik geht, nicht vom Soul?

Strobocop: Meine Sozialisation verlief im Zickzack. Ich war schon sehr gitarrenfixiert am Anfang. Gute Produktion, wie bei Steely Dan, aber auch Joe Jackson mochte ich gern. Ich hatte auch ein Faible für Ry Cooder. Ich kam über diesen ganzen Kram zu David Bowie und zu den ganzen Sachen, die man heute vielleicht Indie nennen würde, Platten auf SST, Bullet Lavolta, NoMeansNo … So leicht jazzig angehauchte Sachen mochte ich gerne. Und dann ging es im Parallelschritt zur Elektronik. Seit 88 habe ich super viel HipHop gehört. Tone Loc z. B. Und von da aus fast alles. Von Gangstarr natürlich bis zu diesen ganzen Native-Tongue-Typen. Dann kam Breakbeat. Breakbeat bedeutete zum ersten Mal Club. Die Cosmic-Orgasm-Partys in Köln waren meine Clubsozialisation. Ab 94 folgte Drum and Bass und die ganzen Ableger hinüber zur elektronischen Musik. Jeden Monat gab’s ja neue Sachen, die man entdecken konnte.

De:Bug: Was du in den mittleren 80ern gehört hast, spielte da keine Rolle?

Strobocop: Ne.

Thomas Dolby – Dissidents (Parlophone, 1984)

Strobocop: Oh, das kenn ich. Das ist Thomas Dolby. Ja! Die ist großartig. Superplatte. Habe ich jetzt auch neulich wieder entdeckt. Flat Earth. Großartige Platte.

De:Bug: Die Maxi hat auch einen Mix von Francois Kevorkian, einem weiteren New Yorker Disco-Helden wie Pettibone oder Larry Levan.

Strobocop: Ah ja, okay. Das ist irgendwie großartig. Solche Sachen entdeckt man nach und nach wieder. Ich hatte auch wieder ein Faible für Joe Jackson gehabt. Es gab eine Platte auf Tomlab, von Patrick Wolf. Ich glaube, die löste das aus. Ich habe im Auto ein Radiokonzert mitgeschnitten. Das hat mich total an Joe Jackson erinnert.

De:Bug: Dabei ist der Unterschied von Dissidents zu Black Mamba gar nicht so gravierend. Eine luftige funky Gitarre, leicht synkopierter Beat …

Strobocop: Das ist aber alles mit viel mehr Space produziert. Das lässt mehr Raum. Das ist kühler. Was man auch immer wieder gerne auflegt, ist Roxy Music. Bryan Ferry, zumindest zu Hause auf dem Plattenteller. Was ich aus den 80ern besonders gut fand, war Lio. Kennst du Lio? Eine Lolita-Französin mit einem Cover, auf dem sie als Anziehpuppe abgebildet war.

De:Bug: Jay Alanski hat sie produziert, der dann später als “A Reminiscent Drive” auf F-Com veröffentlicht hat. 1979 kam von ihm das sensationelle Soloalbum “Tendre est la nuit” raus, großartiges Geseier.
http://www.karaokekalk.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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