Mehr als ein netter Lifestyle

Der eine kommt aus der Ukraine, der andere direkt aus Moskau. Zusammen bilden sie die aktuelle Speerspitze der House-Produzenten aus dem Osten. Abseits der europäischen Wohlfühlformel von weichgespültem Allerwelts-House, der allzu oft als Deepness missverstanden wird, arbeiten beide Produzenten daran, ihre Heimat auf der House-Weltkarte zu platzieren.

Während immer mehr seiner Kollegen House mit Heimeligkeit übersetzen, haut Vakula eine Killer-EP nach der anderen auf so unterschiedlichen Labeln wie Best Works, Dekmantel, Firecracker und Quintessentials raus. Und während eben jene anderen von Eklektizismus reden und man sich fragt, ob damit die Shuffle-Funktion des iPod oder das aktuelle, gewagt zwischen Chicago, Detroit und New York schlitternde, DJ-Set gemeint ist, schlägt Vakula Haken von CutUp-Disco über Slomo-House zu rotzigen 303-Exkursionen, nur um sich danach mit Warp-Geschwindigkeit durch die Techno-Geschichte zu bleepen. Auf einer einzigen EP wohlgemerkt. Sound Signature? Schön und gut, aber bevor man sich zu schnell in eigenen und fremden Erwartungen verfängt, sollte man lieber schnell den Blinker setzen.

Disco Propaganda
Aufgewachsen ist Vakula in Konotop, einem 100.000-Einwohner-Städtchen im Nordosten der Ukraine. Dort gibt es einen großen Bahnhof, viele kleine Kirchen mit hübschen Zwiebeldächern und ein sumpfiges Umland. Mit 18 konnte es für Vakula nicht schnell genug nach Moskau gehen, es folgten Nachtleben, schlecht bezahlte Nebenjobs und Neurosen. Irgendwann landete er als Kellner im Propaganda Club, einer der feinsten Moskauer Adressen für kredibile Clubmusik und mixte bald neben Cocktails auch Platten.

Im Propaganda traf Vakula auch auf Anton Zap, der dort als Resident schon seit Ende der 90er die Fahnen für US-amerikanischen Deephouse hochhielt. 2008 erschienen die ersten Vakula-Produktionen auf den britischen Labeln Uzuri und Quintessentials. Auch Zap veröffentlichte dort, knüpfte aber zugleich Kontakte in die USA und wurde gemeinsam mit Nina Kraviz von House-Gärtner Jus-Ed zum zartesten Nachwuchs-Pflänzchen in dessen Underground-Quality-Imprints erkoren. So verlor sich Vakulas Spur zunächst ein wenig.

“Ich hatte vor etwa zwei Jahren nicht das Gefühl, mein musikalisches Potential voll auszuschöpfen. Nach über zehn Jahren Moskau war es Zeit für eine Veränderung, also bin ich zurück nach Konotop gegangen.“ Dank geringer Lebenshaltungskosten bleibt genug Geld übrig, das in deutschen Krautrock und japanische Klangmaschinen investiert wird, der Mangel an Ablenkung zwingt zur Kreativität. Die ambitionierte Ernsthaftigkeit, die Liebe zum Jazz und die Weigerung, sich aktuellen Trends zu unterwerfen, erinnert stark an den genial-enigmatischen Franzosen Pépé Bradock.

Calling Mr. Reich
Während unseres Gesprächs fixiert Vakula immer wieder die Tischplatte, als ob er von dort Energie für seine Sätze saugt. Und holt dann weit aus: “Wenn man die Biographien von Miles Davis oder John Coltrane liest, stellt man fest, dass deren Leben von vielen Brüchen geprägt war. In Detroit Techno hört man die schwierigen Lebensumstände seiner Protagonisten. Levon Vincent hat vor seinem Erfolg harte Zeiten durchgemacht. House aus Europa klingt oft so bequem wie das Leben seiner Macher. Ich habe das Gefühl, dass die Musik für viele nicht mehr als netter Lifestyle ist.“

Ob diese Kritik berechtigt und fair ist, sei dahingestellt. Vakula gelingt es jedenfalls mit beinahe jeder neuen Platte, seinem Sound neue Facetten beizusteuern. Die “Saturday EP“ auf 3rd Strike Records spielte er live mit einem Moskauer Jazzmusiker ein, eine Methode, die er gerne weiter vertiefen möchte. “Und in einem Jahr stehen wir dann live auf der Bühne und singen,“ erzählt er scherzhaft.

Wenn man Jus-Ed als eine Art Mentor für Anton Zap bezeichnet, so ist Vakulas Mentor Lindsay Todd, Chef des schottischen Nerd-Kollektivs Firecracker Recordings. “Lindsay hat mir wichtige Grundlagen über das Musikbusiness vermittelt, zuvor war ich völlig blauäugig. Jetzt habe ich die Freiheit, mich ganz auf meine Musik zu konzentrieren.“ Mit Lindsay Todds Hilfe veröffentlichte Vakula auch seine Bearbeitung von “2×5“, einer 2009 uraufgeführten Steve-Reich-Komposition. “2×5” erinnert mit seinen euphorisierenden Pianostabs stark an “Music For 18 Musicians“. Beim Stichwort Steve Reich strahlen Vakulas Augen sofort: “Eigentlich ist seine Musik schon perfekt, deshalb habe ich so wenig wie möglich verändert und nur die Bassline deutlich hervorgehoben. Steve Reich hat angeblich von dem Remix erfahren und er hat ihm gefallen. Ich sollte ihn mal anzurufen und nach einer Zusammenarbeit fragen.“

Ätherisches House-Balsam
Flirts mit der E-Kultur sind dem Kollegen Anton Zap dagegen fremd: Er setzt weiter auf elegische House-Kleinode, die auf ihrem soliden Dub-Fundament zuerst etwas schüchtern wirken, sich aber mit subtilen Hooklines ins Gedächtnis bohren. Es ist der perfekte Sound für das Warmup einer langen Nacht. Dass er damit selbst immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht und zu einem Aushängeschild russischer Clubmusik geworden ist, ist ihm fast etwas unangenehm. Lieber tritt er einen Schritt zurück und veröffentlicht auf seinem eigenen Label Ethereal Sound Platten unbekannter, meist russischer Produzenten. Viele von ihnen, wie etwa Andrey Yaroshenko alias Djungl, sind schon lange als DJs und Produzenten aktiv, haben aber zuvor nie den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt.

“In Russland mangelte es nie an guten Leuten, sondern nur an passenden Strukturen. Viele Produzenten haben Platten auf ausländischen Labels veröffentlicht und wurden bei mangelndem Erfolg sofort wieder fallengelassen. Ethereal soll eine Plattform sein, auf dem sich Künstler ohne Druck entwickeln können.“ Das Label als lockeres, organisch gewachsenes Kollektiv von Freunden: so altbekannt diese Idee klingt, für Anton Zap und die russische House-Szene ist sie ein wichtiger Schritt zur Emanzipation. Platz für Seelenverwandte wie Fred P und Individualisten wie Vakula ist trotzdem noch – beide steuern jeweils einen Track für die nächste Veröffentlichung bei. Für Vakula ist das aber nur ein kleiner Schritt. Sein Debütalbum auf Dekmantel ist bereits angekündigt, weitere EPs werden folgen. Regelmäßig lädt er unveröffentlichte Stücke auf Youtube hoch und erstellt Videoclips dazu. In einem sieht man sein Gesicht, verschwommen, weichgezeichnet und verlangsamt. Der Titel ist Versprechen und Ansage zugleich: “I wanna dance with you all my life.“ Aber gerne doch.

Vakula, “Shevchenko 002”, ist auf Shevchenko/Rush Hour erschienen.

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