Das fünfte Element

Fotos: Lars Borges

Versteht sich Mykki Blanco als Positivbeispiel in der fortdauernden Diskussion um Homophobie im HipHop oder handelt es sich bei der New Yorker Transgender-Künstlerin um ein ganz anderes Role-Model? Johanna Grabsch streicht Mykki die Braids aus dem Gesicht und entdeckt den Menschen der Zukunft.

Die Bombe ist geplatzt. Buuuuusch! Aus kratergroßen Löchern quillt Hype: “The Rise Of Queer Rap” wird in New York getitelt, in Feuilletons und Szene-Blogs. Vier Jahre nachdem Bands wie Yo Majesty oder Rapper wie Spankrock durch die Clubs und Medien tourten, gilt eine offen gelebte Homosexualität im HipHop weiterhin als Sensation. Acts wie Zebra Katz, Le1f oder The House Of Ladosha, die teilweise schon jahrelang Musik als Beruf betreiben, feiern endlich ihren Durchbruch. Ihre Dick-statt-Pussy-Texte treffen den Nerv des Undergrounds, während der R&B-Nachwuchsstar Frank Ocean von der anderen Seite aus den Mainstream mit einem gefühlvoll-literarischen Outing in Form eines offenen Tumblr-Briefes penetriert. Schon längst wäre es an der Zeit gewesen, die Hochburg der Homophobie zu stürmen, jetzt ist es endlich soweit. Allerdings, Mykki Blanco ist skeptisch: Die Künstlerin, deren Name mit den oben aufgezählten oft in einem Atemzug genannt wird, fühlt sich nicht zugehörig. Weder ihre Musik, noch ihre Thematik mag sie so recht im gleichen Programm verorten. Dennoch: Etwas ist geschehen. Eine/n rappende/n Drag Queen/Prince mit fiercer Punk-Attitüde hat die Welt bisher weder gesehen noch in ihr Herz geschlossen. Was die Journalistin denkt? Schlecht in Worte zu fassen, immer wenn ich es versuche, lande ich in einer Bilderkrise. Ich verwende Ausdrücke aus Cartoons, die Explosionen versprachlichen, oder Faustschläge. So was wie Vrooom, Pow oder Wham! Eins ist also klar: “Der Trip ist heftig, das Zeug ist krass.” (aus “Wavvy”, aktuelles Stück von Blanco, Anm. d. Red.)

Welcome to hell bitches, this is Mykki Blanco
Damit hätten wir das Wichtigste geklärt. Und können von vorne anfangen: beim Lebenslauf. Denn der liest sich wie eine klassische Hollywood-Coming-of-Age-Story inklusive Coming Out, von zu Hause wegrennen, nach New York fliehen, Alexander McQueen in der Gay Bar in Soho kennen lernen, sich mit Striptease Contests finanzieren und von Mama qua Detektiv wieder heim ins Kaff, nach North Carolina, zurückgeholt werden. Nächster Anlauf, ein paar Jahre später. Erstmal: die Rebellion zu Hause. Michael Quattlebaum ist ein Riot Grrrl, das mit 14 queer-feministische Performance Art macht und Le Tigre vergöttert. Davor liegt eine Kindheit als Schauspieler (Child Actor) und eine Mutter, die aus ihrem Sohn einen Schriftsteller machen will. “Du kannst nicht malen, du musst schreiben.” Szenenwechsel. The Art Institute of Chicago, der nächste An- und Weglaufpunkt. Sich für das Visuelle interessieren, für das Image, das soviel bestimmen- der erscheint als der sprachliche Ausdruck. Zumindest zunächst. Nach ein paar Semestern wird abgebrochen, es geht zurück ins Heilige Land der ewigen Pubertät. In New York wird ein anderer Studienplatz gefunden. Man kennt sich unter Künstlern. Day Job in der Kunstbuchhandlung, Nachtleben, verschiedene Bands, vom Riot Grrrl zum experimentellen Art Punk, ein Schlüsselerlebnis mit einer Galeristin im Kunst-Untergrund: “Du willst nicht die kunstige Person im Raum sein, du willst der Künstler sein”, sagt sie zu Michael, der seine Gefühle bestätigt sieht. Die gleiche Galeristin bringt sein Buch heraus – “From the Silence of Duchamp to the Noise of Boys” ist ein Gedichtband. Man hat zu dem Rat der Mutter zurückgefunden und seine eigene Sprache entdeckt.
Aus dem atonalen Gesang der eigenen Punk-Band kristallisiert sich nebenbei eine Art von Sprechgesang heraus, der zwischen den Spoken-Word-Praktiken eines Henry Rollins und eines Allen Ginsbergs oszilliert. Das wiedererweckte musikalische Flämmchen wird genährt durch ein Umfeld, das der Selbstbefreiung schon immer seine Daumen-hoch gegeben hat und kurzerhand das Wort übernimmt: Selbstverwirklichung, bitte. Ab: Michael Quattlebaum. Auftritt: Mykki Blanco. Musik: fette Beats aus den Händen der A-Liste der Produzenten-Riege im Bereich kontemporärer Bassmusik. Szenenwechsel die Zweite – Mykki Blanco in Berlin: Es dauert eine Weile bis unser Interview beginnen kann. Und dann dauert es nochmal ein bisschen. Mykki, zwischen Fotoshooting und Soundcheck, stopft sich mit Brötchen vom Catering voll, während sie erst- mal online gehen muss, um sicherzustellen, dass sie nicht “von jemandem terrorisiert wird”. Ich unterhalte mich solan- ge mit Daniel aka Physical Therapy, der den Tour-DJ mimt und auch einen Track auf dem kommenden Album/Mixtape: “Cosmic Angel, The Illuminati Prince/ss”, das im Oktober auf UNO NYC erscheint, produziert hat, über die Kunstschulen, an denen er und Mykki sich kennengelernt haben. Mit wei- teren Brötchen bewaffnet, betritt Frau Blanco den Raum.
Über Art-Schools will sie nicht reden, denn: “Ich hab beide Schulen geschmissen, also haben sie keine wirklich große Rolle gespielt.”

Endlich ist es soweit. Die Hochburg der Homophobie wird gestürmt.

Visibility is freedom
Debug: Du hast Performance-Art oder so was Ähnliches studiert?
Mykki Blanco: Mmhm. Aber ich habe damit viel viel früher angefangen – mit 14 habe ich schon Performance Art gemacht.
Debug: Wie muss ich mir das vorstellen?
Mykki:
Ich bin damals vor allem durch die Riot-Grrrl- Bewegung beeinflusst worden, gründete mit Freunden das feministische Performance-Art-Kollektiv “Picket”. Wir haben zusammen vielleicht vier Shows gegeben.
Debug: Wenn du feministisch sagst, meinst du das dann politisch?
Mykki: In diesem Alter ging es mehr um Selbstdarstellung. Ich meine das also eher abstrakt. Mich hat das Konzept von Hybridität interessiert. Ich wollte möglichst Ungewöhnliches miteinander kombinieren und Performance Art schien mir die beste weil seltsamste Ausdrucksform zu sein. Sie bringt Theater und Visual Art zusammen und das mochte ich sehr. Man hat als Kind immer versucht, mich von visuellem Ausdruck fern zu halten. Dass ich mich genau darauf konzentriert habe, war eine Rebellion gegen meine Mutter. Ich kann wirklich gut schreiben. Aber das Leben eines Schriftstellers ist sehr einsam und ich weiß nicht, wie lange ich das sein könnte.
Debug: Das erklärt, warum du so viele Videos machst, deine Selbstdarstellung ist äußerst bildbasiert.
Mykki: Ja, das ist genau der Grund. Denn da kann ich performen. Debug: Deine Videos scheinen sehr professionell gemacht, wie kann sich so ein kleines Label die Arbeit mit so hochkarätigen Regisseuren wie Francesco Carozzini oder Nick Hooker leisten?
Mykki: Das Label hat nur das erste Video bezahlt, das zweite habe ich selbst finanziert und “Wavvey” hat der Regisseur spendiert. Ich hatte extrem großes Glück, mit solchen Leuten arbeiten zu können. Das letzte Video, das Nick Hooker zuvor produziert hatte, war “Corporate Cannibal” für Grace Jones. Der Fakt, dass solche Leute mit jemandem arbeiten wollen,der weder auf einem Majorlabel releast, noch einen großen Back-Katalog hat, ist extrem ungewöhnlich und ehrt mich natürlich.

Sichtbarkeit ist eine Waffe, die nicht nur Freiheit bedeutet. Queere Identitäten jeder Couleur setzen seit jeher auf sie. Die Macht des Bildes ist sicherlich nicht nur dem Underground bekannt. In Mykkis Videos wird das Konzept einer fließenden personalen Identität vermittelt. Für ein nicht queeres Publikum fürs Erste schwerer einzuordnen, experimentiert hier ein Mensch an den Grenzen von Geschlechteridentitäten mit einer Daseinsform jenseits von Zuordnungsvokabular. Die Travestie ist keine parodierende Geste eines missverstandenen Gender-Begriffes, sondern eine Erleuchtung: So sieht der Mensch des nächsten Jahrtausends aus. Die Texte unterstützen die Bilder, sind aber durch ihre gekonnte Verwendung durch den Wolf ge- drehter HipHop-Klischees erst einmal nicht grundlegend von den üblichen Party-Lyrics zu unterscheiden. Die Bilder sind unterdessen nicht zu übersehen.

Debug: Hast du jemals darüber nachgedacht, deine eigenen Videos zu machen?
Mykki: Unbedingt. Wenn ich die Zeit und das Geld dafür habe. Für die Konzeption bin ich jetzt schon zuständig, das Kreative geht auf die Kappe der Regisseure, aber die Ideen sind meine. Und das ist wundervoll.
Debug: Bist du ein Kontroll-Freak?
Mykki: Zu 100 Prozent.
Debug: Prost. Aber zurück zum Konzept der Hybridität. Das ist etwas, das ich an dir bewundere. Diese Fluidität der Geschlechteridentität. Du versuchst nicht, ein Stereotyp mit dem nächsten zu ersetzen. Was viele Transgender- Identitäten teilweise ausmacht. Ich denke immer “trans-” muss doch auch etwas “transzendieren”. Der Begriff hat die Möglichkeit, eine dritte Dimension zu erschaffen. Um es einfach zu sagen: ein drittes Geschlecht aufzumachen und nicht einfach in das Klischee des jeweils anderen zu wechseln.
Mykki: Das ist doch ein generelles Problem in unserer Kultur. Es existiert kein Raum für ein drittes Geschlecht in der westlichen Welt. In indigenen amerikanischen, aber auch in noch existierenden samoanischen Kulturen gibt es diesen Raum. In der westlichen Welt bist du entweder ein Junge oder ein Mädchen. Und das wird durch gesellschaftlichen Druck vermittelt. Die Gesellschaft erinnert dich in jeder Sekunde deines Lebens daran, wie sich welches Geschlecht zu verhalten hat und wie es aussehen sollte. Wenn jemand sein Geschlecht wechselt, ist das keine philosophische Entscheidung, sondern ein Drang. Was dann teilweise reproduziert wird, ist eben der andere Stereotyp, den man sein ganzes Leben lang eingebläut bekommen hat. Der gesellschaftliche Druck ist dabei auf M to Fs (Mann zu Frau, Anm. d. Red.) noch größer. Durch die höhere gesellschaftliche Stellung des Mannes, haben es F to Ms leichter, Geschlechtskonzepte anzunehmen. Denn die Transgression von Frau zu Mann wird als gesellschaftlicher Aufstieg ange- sehen. Das will natürlich niemand aussprechen. Es ist wie ein psychotischer Zirkelschluss mit Domino-Effekt.

Mykki Blanco und DJ Physical Therapy

Manchmal driftet Mykki ab. Sie antwortet dann auf Fragen, die ich ihr gar nicht gestellt habe. Sie redet einfach, kommt von einem aufs andere, bestimmte Dinge müssen dann offenbar geklärt und ausgesprochen werden. Sie müssen einfach raus in die Welt.
Mykki: Als ich anfing zu crossdressen und die Leute mich als “sie” anredeten, passierte etwas. Als eines meiner Dates, ein italienischer Schneider, mir tatsächlich die Tür aufhielt, mich überall hin ausgeführt und im Restaurant für mich bestellt hat, war das befreiend – obwohl ich ja total in die Stereotypen dieser Art von Verhalten gedrängt wurde. Es war einfach das Öffnen der Büchse der Pandora und heraus kam etwas Großartiges. Aber ganz ehrlich: Wenn ich nicht hübsch wäre, würde ich das nicht machen.
Debug: Ein harter Perspektivenwechsel, die meisten Frauen, die ich kenne, hätten wahrscheinlich total verärgert reagiert, wenn jemand für sie im Restaurant bestellen würde.
Mykki: Ja, aber das hat mit Lebenserfahrung zu tun. Deswegen ist es für mich keine negative, sondern zunächst eine neue Erfahrung, die erst einmal schön ist.
Debug: Ist das Crossdressen denn eher eine Performance oder Teil deiner Identität geworden?
Mykki: Ich wusste, dass du mir diese Frage stellen würdest. Viele Journalisten fragen mich, ob sie über mich als “er oder sie” schreiben sollen. Meistens sage ich “sie”, aber ich mache beides. Ich habe crossgedresst, bevor ich mit den Shows angefangen habe. Mit meinem Noise-Projekt “No Fear”, das ich vor Mykki Blanco gemacht habe, wollte ich zum Beispiel nie in Drag auftreten, weil ich dachte, die Leute würden mich als eine typische Drag Queen sehen. Eines Tages habe ich es dann gemacht, weil ich eh schon geschminkt war und es hat die Leute umgehauen, weil es eine gewisse Ebene von Theatralik zu meiner Show addiert hat. Ich habe die Erwartung der Zuschauer unterlaufen, indem ich als Drag Queen rumbrüllte und rappte wie ein Punkrocker. Es war eine Kombination aus maskuliner Aggression und female empowerment. Und als ich gemerkt habe, dass die Leute mich nicht als normale Drag Queen wahrgenommen haben, fing ich an, auch so zu performen. Ich empfinde übrigens die traditionellen Drag Queen Shows als etwas total Wunderbares, nicht dass du mich falsch verstehst, ich wollte nur selber etwas anderes machen.

Debug: Was bedeutet Gender für dich?
Mykki: Da ist etwas, was du fühlst. Schon immer. Deine ganz natürliche Neigung. Wenn wir von Anfang an so er- zogen wären, dass wir alles sein könnten, alles anziehen könnten, alles lieben könnten, wenn die Gesellschaft jedem von Anfang an erlauben würde, einfach zu sein, und nicht Konzepte vermarkten würde, die darauf basieren, dass man sich einem Geschlecht zuordnen muss, hätten wir eine viel freiere Gesellschaft.
Debug: Glaubst du, dass Gender-Konzepte in Sprache fixiert sind?
Mykki: Genau! Als ich kürzlich in Schweden war, sagte mir dort jemand, dass sie ein drittes Personalpronomen haben, “hen” glaube ich. So etwas ist wichtig. Wenn es einen Raum in der Sprache gibt, dann gibt es auch einen Platz in der Gesellschaft.
Debug: Wie schreibst du deine Texte?
Mykki: Am Anfang habe ich einfach meine Gedichte vertont. Mittlerweile entwerfe ich eher rhythmische Geräusche im Studio und schreibe den Text danach. Ich spiele viel mit Intonation.
Debug: Ist deine Art zu rappen aus dem Noise-Punk entstanden?
Mykki: Ja. Ich rappe eigentlich erst seit zwei Jahren, vielleicht drei.
Debug: Wie kam es zu den Kollaborationen mit den diversen Produzenten?
Mykki: Ich kenne die meisten seit vielen Jahren, Brenmar noch aus Chicago – auch mit Jon von Salem und Daniel von Nguzunguzu war ich dort zusammen auf dem College. Ich habe die Leute als Produzenten ausgewählt, deren Sachen ich persönlich sehr schätze und es ist schön zu sehen, dass wir alle Erfolg haben.

“Das hier ist das bessere Leben.”

Mykki Blanco nimmt das “I” in Ikonographie wörtlich: “I am the 5th element, I am the 5th element”, brüllt dieser fast zwei Meter große, einzig mit einem eng geschnürten Wickelrock bekleidete Mensch mit den überlangen Braids später am Abend in sein Mikro und hat dabei mehr Ähnlichkeiten mit dem Avatar der Operndiva aus dem gleichnamigen Film, als mit den meisten Menschen im Publikum. Die Queers feuern ihre Ikone an: Mach weiter da oben, du gibst uns unsere Bilder. Der heteronormative Rest sieht eine normalhippe HipHop-Liveshow, ein oder zwei sind verunsichert – ist das queer? Nein: “This is Mykki Blanco, Motherfuckers follow pronto!”

“Wenn ich nicht hübsch wäre, würde ich das nicht machen.”

Mykki Blanco, Cosmic Angel,
The Illuminati Prince/ss,
erscheint auf UNO NYC

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Elektronische Lebensaspekte.

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