Diskrete Legende der elektronischen Musik

Er stand am Anfang des großen musikalischen Aufbruchs im Deutschland der Spätsechziger. Sein Einfluss in der elektronischen Musik bis heute ist kaum abschätzbar. Dass Conrad Schnitzler im Vergleich zu seinen Elektrokraut-Weggefährten trotzdem stets im Hintergrund gestanden hat, liegt zu einem guten Teil an seiner sperrigen Persönlichkeit – und natürlich an seinem radikalen Kunst- und Künstlerverständnis. Am 4. August diesen Jahres starb Conrad Schnitzler an den Folgen einer Magenkrebserkrankung.

Leicht gemacht hat er es sich wirklich nicht. Wo andere Musiker Zugeständnisse an die Spielregeln der Industrie in Kauf nahmen, um in ihrer Karriere voranzukommen, schlug er jedes Angebot aus, das ihm Kompromisse abverlangt hätte. Für Conrad Schnitzler galten einzig seine eigenen Regeln, selbst wenn das bedeutete, weitgehend auf sich selbst gestellt zu sein. Denn auch anderen hat er es nicht leicht gemacht. In Bands hielt es der 1937 in Düsseldorf geborene Elektronikpionier nie lange aus, dabei brachte er einige der wichtigsten Projekte des Krautrock mit auf den Weg. So gründete er 1967 das Zodiak Free Arts Lab, die Keimzelle der Berliner Schule, im damaligen Souterrain der Schaubühne, wo heute das Hebbel am Ufer residiert. Der Laden existierte zwar nur ein paar Monate, spielte aber eine wesentliche Rolle für den Fortgang des Krautrock. Bands wie Agitation Free, Tangerine Dream oder Schnitzlers eigene Formation Kluster nutzten ihn als Plattform oder hatten dort ihre ersten Auftritte.

Schnitzler selbst machte nie großes Aufheben um das Zodiak oder andere Dinge, die er anstieß. Auch nicht darum, dass er auf der ersten Tangerine-Dream-Platte “Electronic Meditation” mitspielte. Oder dass er für seine Kluster-Kollegen Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius eine Art musikalischer Vater war. Ein dominanter Vater zudem. Schnitzler, der “Erzexperimentalist” (Julian Cope), hatte so radikale Vorstellungen von Musik als Geräusch, dass er Moebius und Roedelius bald in die Flucht schlug – das Duo sollte dann als Cluster zu einer eigenen, weniger sperrigen elektronischen Sprache finden. Auch Tangerine Dream waren nie wieder so extrem wie mit dem atonalen Schnitzler, der auf herkömmliche Instrumente verzichtete. Wobei sein Einfluss keinesfalls mit der Krautrock-Ära endete. Eine Dekade später erhielt etwa der junge Thomas Fehlmann von ihm entscheidende Anregungen für den Umgang mit elektronischem Gerät, die dieser für seine Synthesizer-Manöver bei Palais Schaumburg nutzte.

Politik der Unabhängigkeit
Schnitzler war eine zentrale Randfigur der elektronischen Musik in Deutschland. Er hat über hundert Platten veröffentlicht, aber nie bei einem Label unterschrieben. Jahrelang erschienen von ihm im Selbstverlag Kassetten, später selbstgebrannte CDs, die er an Abonnenten in den USA oder in Japan verschickte. Als er Anfang der Achtziger von der RCA für mehrere Alben verpflichtet werden sollte, habe ihn seine Frau auf das Kleingedruckte im Vertrag hingewiesen, so Jens Strüver vom Label m=minimal, bei dem vor kurzem einige Schnitzler-Klassiker als Reissues erschienen sind. Da stand unter anderem, dass er vor Kaufhäusern hätte auftreten müssen. Schnitzler reagierte prompt und zerriss die Blätter. Seine EP “Auf dem schwarzen Kanal” hatte er da schon abgeliefert, einer seiner wenigen Exkurse in poppigeres New-Wave-Gelände, dezent politische Anspielungen inklusive. Sie blieb seine einzige Veröffentlichung auf dem Major-Label. Geld sah er mangels Vertrag keines.

Beuys Noise
Conrad Schnitzlers Schaffen reicht von abstrakt-minimalistischen Klangskulpturen, die in ihrer kalten Strenge einige der reduzierten Elektronik-Entwürfe der Neunziger vorwegnahm, über Proto-Industrial bis hin zu Disco-artigen Beatskizzen. Bis zum Jahr 1994 ist es überdies in dem 147 Seiten starken Buch “Con-sequence: The Conrad Schnitzler Biography & Discography” von Rolf Sonnemann und Peter Stöferle katalogisiert. Darin gelistet sind auch Schnitzlers Kassetteneditionen aus den Achtzigern, die er zum Teil in Kleinstauflagen herausbrachte. Wie etwa “Context”, eine Kassettenbox, von der es laut Jens Strüver auf der ganzen Welt lediglich zehn Exemplare gibt. War Schnitzler, der in den Sechzigern als einer der ersten Studenten Joseph Beuys’ an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hatte, am Anfang seiner Karriere noch als Performance-Künstler auf der Bühne zu sehen, zog er sich seit den Achtzigern fast vollständig in sein Studio Wannsee am Rand Berlins zurück, produzierte am laufenden Band. Als autistischen Eigenbrötler muss man sich ihn trotzdem nicht vorstellen: Wolfgang Seidel, Schlagzeuger von Ton Steine Scherben, arbeitete jahrelang unter dem Namen Wolf Sequenza mit Schnitzler zusammen.

s/w + m=minimal
Schnitzler selbst machte bis zum Ende Musik, er schaffte es so gerade noch, sein letztes Stück “00/830” fertig zu stellen. Wenige Tage vor seinem Tod erschien bei m=minimal “Con-struct”, eine Zusammenarbeit mit Jens Strüver und Christian Borngräber. Nachdem die beiden Schnitzler-Fans seine Platten “Zug” und “Ballet Statique” wiederveröffentlicht hatten, konnten sie für “Con-struct” mit Tonmaterial aus Schnitzlers Archiv arbeiten, das sie zu düster-reduzierten Epen ausgestalteten. Strüver und Borngräber bekamen zudem den musikalischen Nachlass von Schnitzler. Eines seiner größten Projekte war das “Tausender-Projekt”, tausend Kassetten mit insgesamt tausend Stunden Musik. “Er hatte im Juli 1994 schon 700 Tapes fertig”, so Strüver. “Ich habe jetzt bei ihm im Keller einen Schrank gefunden, wo all diese Tapes sind.” Doch in diesem Jahr soll erst einmal nichts mehr davon auf den Markt kommen – Leichenfledderei ist Strüvers und Borngräbers Sache nicht. Schnitzler war ein Schwarzweißkünstler. Das Zodiak Free Arts Lab gestaltete er in Schwarz und Weiß, sein Studio malte er komplett schwarz an und trug darin weiße Kleidung. Auch sein Gesicht schminkte er früher schwarzweiß und erinnerte damit ein wenig an Klaus Nomi, der jedoch kaum einen Einfluss auf Schnitzler gehabt haben dürfte.

Dunkelschwarz
Ebensowenig der norwegische Musiker Øystein Aarseth alias Euronymous, zu Lebzeiten Chef der Black-Metal-Band Mayhem, die maßgeblich zur Verwendung von schwarzweißer “Corpsepaint” in ihrem Genre beigetragen haben soll. Aarseth, der leidenschaftlicher Fan von Schnitzlers Musik war, kam sein Vorbild eines Tages in den Achtzigern ohne Vorankündigung in Berlin besuchen, klingelte, wurde abgewiesen, belagerte ihn stundenlang vor dessen Wohnung, übernachtete vor der Tür, und erklärte dem genervten Künstler am nächsten Morgen, dass er ein großer Bewunderer von ihm sei. In Norwegen zurück, schrieb er Schnitzler eine Postkarte, dass er gern ein kurzes Stück von ihm hätte, um es auf dem Debütalbum “Deathcrush” seiner Band Mayhem als Intro zu verwenden. Schnitzler nahm das erstbeste Stück auf seinem Schreibtisch und schickte es ihm. Da an diesem Tag Silvester war, nannte er das Stück “Silvester Anfang”. Als er hinterher die Schallplatte bekam, ärgerte er sich, dass er ein vergleichsweise “ruhiges” und verspieltes Stück genommen hatte und nicht etwas Aggressiveres, das besser zum Rest des ungeschlacht brachialen Albums gepasst hätte.

Die “Zusammenarbeit” mag zu Schnitzlers ungewöhnlicheren Projekten gehören, zeigt aber nur zu deutlich, wie offen dieser Musiker war, der sich nie als Musiker betrachtete, sondern als Künstler. Bei seinem Lehrer Beuys hatte er gelernt, dass jeder ein Künstler ist. Man muss sich nur dazu entscheiden. Schnitzler hat sich entschieden und sein Leben fortan als Kunst gelebt. Bis zum Schluss.

Zwei Wochen vor seinem Tod gründete Schnitzler die Firma “Con-Panie”, welche fortan seinen künstlerischen Nachlass verwalten wird.

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