Nach dem Tamagotchi ist Nanoloop definitiv das Tool, mit dem man seine Freunde am besten beeidrucken kann. Das Musikmodul für den Gameboy erlaubt es, Minimal Tracks auf Aphex Twin benutzt es. Es ist nicht nur der kurzweiligste Begleiter für unterwegs, sondern auch der hippeste. Jetzt bastelt der Hamburger Oliver Wirchow daran, die Musiksoftware auf das Handy zu übertragen.

mobil

Minimal House fürs Mobile
Nanoloop steigt vom Gameboy auf das Handy um

Marcus Hauer, yuko@schoenerwissen.com

Die Handy-Abteilung von Siemens zeigt sich noch skeptisch. Aber nicht mehr lange. Nanoloop, das Musikmodul für den Gameboy, soll es demnächst auch für das Mobiltelefon geben. Die Musik-Software, die man im Internet erwerben kann, ist schon für den Gameboy ein voller Erfolg. Von den USA bis nach Japan plinckern begeisterte Minimal-Music-Liebhaber mobil um die Wette. Jetzt erscheint sogar die erste Compilation für Tracks, die mit Nanoloop produziert wurden, mit so klingenden Namen wie Aphex Twin, Kid 606 oder Chicks on Speed.
Der Entwickler von Nanoloop ist Oliver Wittchow. Während seines Studiums an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste begann er die Arbeit an diesem GameBoy Modul, das wie ein kleiner Sequencer/Synthesizer funktioniert und auf die beeindruckend gute Soundqualität eures GameBoys aufsetzt. Oliver Wittchow weilte gerade in Japan, um an seinem neuesten Projekt, einem Musik-Editor für die japanischen i-Mode-Handies, herumzuprogrammieren. Ein Datenstandard, der im übrigen auch bei uns Ende des Jahres eingeführt werden soll – ausgerechnet beim dusseligen Lichtgestalt-Beckenbauer-Anbieter E-Plus. Wir haben uns mit ihm über die Zukunft unterhalten.

DE:BUG: Kannst du uns eine kurze Einführung dazu geben, wie dein neuestes Projekt funktioniert bzw. worum es geht?

WITTCHOW: Es geht um das Produzieren von Musik auf einem Handy mit i-Mode Standard, um einen Editor. Der Musikstil ist dabei auf Minimal-House und Elektronik mit gerader Bassdrum beschränkt. Dafür soll aber innerhalb dieser Vorgabe eine genaue Steuerung möglich sein.

DE:BUG: Nur im Land der Morgenröte gibt es i-Mode, die japanische Version des “WAP” von “NTT DoCoMo”, für die es mittlerweile mit Java ausgestattete Handys gibt. Das ist entscheidend, oder?

WITTCHOW: Ja, die “DoCoMo” Java API ist offen, das heißt, man kann sich das komplette Entwicklerkit mitsamt Emulator downloaden. Allerdings kommen die Programme nur über die Luftschnittstelle ins Handy. Du musst sie kompilieren und ins Internet uploaden, um sie dann per i-Mode abzurufen. Und das geht natürlich nur in Japan. Ich konnte einfach loslegen, ohne irgendjemanden fragen zu müssen. Mein Laptop, eine Telefonleitung und die AOL-Schnupper-CD genügten.
Außerdem kümmere ich mich in Japan etwas um den “Nanoloop” Vertrieb. Bisher ging das ja nur übers Internet, aber die Japaner haben, ähnlich wie die Deutschen, nicht alle Kreditkarten. Deshalb gibt es Nanoloop wohl demnächst in einigen Plattenläden in Tokios Zentrum für hippe Dinge, in Shibuya. Es ist übrigens erstaunlich, wie gut die Japaner mit deutscher Elektronik ausgestattet sind. Wegen der absurd hohen Kosten werde ich aber nicht allzu lange hier bleiben können. Ich hoffe, dass ich in den verbleibenden zwei Wochen zu einem lauffähigen Prototypen komme.

DE:BUG: Wie funktioniert das jetzt mit dem Handy, ist das nicht teuer?

WITTCHOW: Das Handy hat meine Freundin für mich gekauft, hat zirka 600 Mark gekostet und man kann es monatlich kündigen. Ausgestattet mit einem Farbdisplay, einem durchdachten e-Mail Client, Zwischenablage und einem Speicher für bis zu zehn iApplis, das sind kleine Programme wie z.B. Nanoloop. Dazu gab es noch einen “DoCoMo” Picknickkorb und viele Entschuldigungen.

DE:BUG: Gibt es das nicht auch in Europa mit “WAP” und “GSM”?

WITTCHOW: Es gibt in Deutschland noch kein Java-Handy, das kommt frühestens im Herbst. Ich habe auf der “CEBIT” mit einer “Siemens” Vertreterin gesprochen. Das war sehr desillusionierend.

DE:BUG: Deutschland hinkt der Technologie hinterher, oder?

WITTCHOW: Um an die Programmierschnittstelle, mit der ich zugriff auf die Funktionen des Handys habe, für das stumme Schwarzweiß-Gerät von Siemens zu kommen, muss man erst mal Siemens sein Geschäftsmodell darlegen. Und nur falls es ihnen gefällt, bekommt man die Entwicklerlizenz, die besagt, dass man einen Teil der Gewinne an Siemens abführen muss. Die “Telekom” hat gerade für ausgesuchten Content das “DoCoMo” Buchungsmodell übernommen, nur dass die 50 Prozent vom Anbieter nehmen. Bei “DoCoMo” sind das nur neun Prozent, wobei ja bei der Telekom auch noch die “WAP” Gebühren anfallen.

DE:BUG: Wie kommen eigentlich die Sounds beim Handy-Nanoloop zustande? Werden sie im Handy erzeugt bzw. gestreamt?

WITTCHOW: Das Handy-Soundformat und sein Java-Interface sind eigentlich nicht zum streamen gedacht, deshalb habe ich sehr viel Zeit verloren, bis ich überhaupt etwas in Echtzeit erzeugen konnte. Die Sounds kommen aus einem 16-stimmigen Stereo FM Synthesizer, der in erster Linie für Klingeltöne gedacht ist. Neben den üblichen General Midi Presets kann man auch selbst den FM Synthesizer steuern oder kleine Samples abspielen. Das ist auch nötig, denn ich hoffe damit noch ein vernünftiges Drumset hinzubekommen. Leider ist das eingebaute Preset einfach nicht zu gebrauchen.

DE:BUG: Worauf beschränken sich die Eingriffsmöglichkeiten bzw. welche Parameter kann man denn verändern und welche sind vom Programm vorgegeben?

WITTCHOW: Die Patternstruktur selbst wird zufällig erzeugt, und statt des üblichen Step-Sequencers gibt es Regler für Häufigkeit, Lautstärke und diverse Syntheseparameter für die zwei Akkordspuren, die vier Einzelton- bzw. Bassspuren und zwei Drumspuren. Für jede Spur besteht die Möglichkeit, verschiedene Parameter für Permutation (Vertauschung, Umstellung) einzustellen.

DE:BUG: Das heißt, du erzeugst den Rhythmus zufällig und lässt nur gewisse Richtungen vorgeben?

WITTCHOW: Das Zufallspattern funktioniert ganz gut, dank des neutralen Drum-Gerüsts kann das Gehirn die Töne frei interpretieren, und es klingt eigentlich nie beliebig. Leisere Töne werden z.B. als Echo von lauteren wahrgenommen. Wenn dann ein Ton fehlt, wo man ihn erwartet, klingt das so, als sei er da gewesen und wäre absichtlich ausgeblendet worden. Induktion halt.

DE:BUG: Klingt gut…

WITTCHOW: Induktion ist tatsächlich verblüffend. Es funktioniert so gut, dass ich keinen Bedarf sehe, direkt in die Struktur einzugreifen. Das Gehör stellt einfach zu jeder Patternvariante automatisch eine Beziehung her, und es klingt einfach immer interessant. Dieses Prinzip funktioniert aber nur mit bestimmten Musikstilen, obwohl ich den Verdacht habe, dass z.B. die Volksmusik ähnliche Methoden benutzt.

DE:BUG: Du willst also die redundanten Bereiche der Musik automatisch generieren lassen?

WITTCHOW: Ja, es reicht, wenn man Bassdrum, Snare und Hihat an- und ausschalten kann. Ich finde es ein schönes Konzept, einen strengen formalen Rahmen zu haben und darin zufällig Events zu verstreuen. Man muss sich dabei nur um den Klang und die Wahrscheinlichkeiten kümmern. Es gibt ja auch schon einige Beispiele, bei denen Töne nach dem Zufallsprinzip erzeugt werden, vor allem im Kunstkontext. Nur dass da eben meist auf der Soundebene der formale Rahmen fehlt, der besagte Induktion erst ermöglicht. Es macht eben einen Unterschied, ob Blätter irgendwo hinfallen oder ob sie in ein extra dafür angelegtes, echteckiges, sauber geharktes Kiesbett fallen. Diese Sachen klingen dann meist beliebig und sind nur selten tanzbarer Minimalhouse.

DE:BUG: Hast du für i-Mode Nanoloop weiterentwickelt? Auch für den Gameboy war die Version ja schon sehr minimal gehalten.

WITTCHOW: Das Interface wird, wie von Nanoloop gewohnt, minimalistisch. Ich versuche diesmal aber alles auf einem Bildschirm unterzubringen und ohne Menüs auszukommen. Dank des Farbdisplays gibt es eine Dimension mehr, in der man Information darstellen kann.

DE:BUG: Durch die vielen automatischen Parameter kann man ja vieles nebenbei machen. Das Handy wäre somit ein idealer Walkman-Ersatz. Kannst du dir das als Gadget vorstellen?

WITTCHOW: Das wäre schon ein sehr einseitiger Walkman, zumindest vom Musikstil, obwohl ich mir das Ganze durchaus als Gadget vorstellen kann. i-Mode ist schon mit dem Walkman vergleichbar, eine sehr ähnliche Kulturtechnik. Dass der Walkman eine Teilfunktion des Telefons wird, ist abzusehen – um den GameBoy ist es ja bereits geschehen.

DE:BUG: Dann hoffen wir, dass du bald auf dem i-Mode zu sehen bist. Danke!

http://www.nanoloop.com/

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Elektronische Lebensaspekte.

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