Eine Demütigung von Christian von Borries


Was die Klassik in der elektronischen Musik sucht und umgekehrt. Der Dirigent, Komponist und Produzent Christian von Borries arbeitet auf unterschiedlichste Weisen mit klassischer Musik als Material. Produzieren ist für ihn immer Reproduzieren – mit verschobenen Ergebnissen. Methoden des Eingreifens gilt sein Interesse. Mit Michael Iber hat er zum Beispiel die Software “Soundalike” entwickelt, die Musik zurück in Partituren übersetzt. In der Berliner Staatsbank und an anderen spezifischen Orten ließ er ein Orchester gegen seine eigenen Loops spielen.

An Greg Haines, Takeshi Nishimoto, Nico Muhly, Ryan Teague oder Encre bemängelt er, dass die Bezugsgrößen falsch sind und die Beherrschung akustischer Instrumente verklärt wird wie auch das Noten-Lesen und die Kenntnis von Musikgeschichte.
Aber als Klassik-Spezialist ist der ehemalige Soloflötist undogmatisch genug, um genau der Richtige zur kritischen Einstimmung auf unser Special zum Elektronika-Klassik-Crossover zu sein.

Es ging los vor Jahren mit Emerson Lake & Palmer und den Stones und Londoner Sinfonieorchestern und war schrecklich anbiedernd. So ging das Gespenst Crossover um. Dann zog, es ist nur wenige Jahre her, die London Sinfonietta mit ihren Warp Classics nach. Da waren Kammerorchester-Arrangements elektronischer Stücke etwa von Aphex Twin zu hören. Das Set wurde begierig auf Neue-Musik-Festivals herumgereicht. Das Sonar-Festival in Barcelona versuchte seine eigene Version, örtliches Orchester und ein paar eingeladene Gäste, Sakamoto, PanSonic, Fennez, das Ganze in gegenseitiger Ehrfurchtsstarre. Irgendein beliebiges klassisches Standardrepertoire wurde mit Beats und Sounds vermischt, das Orchester spielte seinen alten Stiefel. Endpunkt ist aktuell Jimi Tenor, der sich des Backkatalogs von Universal Music bedient, ein wenig hin und her sampelt, einen groovy Beat drunter und fertig ist der Lack.

Ein Problem gab es immer: Einerseits war man fasziniert vom auratischen Live-Charakter der im Studio produzierten Musik und sah nicht, dass die Produktion in ihrer Technozidität das entscheidende Charakteristikum elektronischer Musik war. Natürlich klingt Orchester, vor allem wenn man das zum ersten Mal live hört, gigantisch, nämlich besser als Dolby Surround! Die andere Seite, die Neue Musik (“Neu“ groß geschrieben benennt die längste Epoche akademischer Musik im 20. Jahrhundert) hatte immer ein Legitimationsproblem, war hoch subventioniert und ohne Publikum. Da kamen also plötzlich wieder junge Leute, Debug-Leser etwa, ins Konzert!

Hier kommt ein bürgerlicher Reflex ins Spiel. Nicht verstehen, was los ist, macht einen klein, sehr klein. Demütige erkennen und akzeptieren, dass es etwas Unerreichbares, Höheres gibt. Sie hören Sound, sind hin und weg. All diese verschiedenen Instrumente, wie unterschiedlich die klingen. Zurück im Studio gäbe es nichts Schöneres als jemanden, der einem akustische Samples einspielt. Das Mikrophon dicht dran, dann hört man das Kratzen des Tons so schön nah und unverwechselbar. Das Problem ist nur, was soll man spielen? Wie wäre es mit etwas Improvisieren, etwas Einfaches, vielleicht auf einen Grundton, den man dazu einspielt. Der Bordunbass kommt zu neuen Ehren. Nur: Sound ist Sound und Inhalt ist Inhalt, das gilt es zu unterscheiden. Da müsste man sich jetzt auskennen.

Satie? Find’ ich gut!
Längst hatten sich eine Handvoll Stücke einiger klassischer Komponisten herumgesprochen, deren Musik soundorientiert und vergleichsweise einfach gestrickt ist. Also finden alle Eric Satie gut, dessen dadaistisch simplifizierte Musik eine Reaktion auf die überladene Spätromantik war – um Welten komplexer als die bekannten Gelegenheitsstücke Gymnopedies. Verehren, irgendwie abstrakt, lässt sich auch Claude Debussy mit unvergesslichen Schlagern wie Claire de Lune. Und dann gibt es noch zwei religiös inspirierte Komponisten, einmal den einflussreichen Meister Olivier Messiaen, dessen Werk in zwei Teile zerfällt, das harte politische und avantgardistische experimentelle Frühwerk und das schmeichelnde, irrationale katholische Spätwerk. Diese Verkürzung gilt nicht für den schäbigen Minimalisten Arvo Pärt, dessen Musik so beruhigend immer gleich klingt und mit allem versöhnt. Dagegen klingen Reich und Glass wie komplizierte böse alte Männer. Das ist der Kanon, und er unterscheidet sich nur durch ein Merkmal von all den kommerziellen Klassik-Kuschel-Compilations: Deren Komponisten müssen aus urheberrechtlichen und damit Profitgründen schon siebzig Jahre tot sein.

Anders geht es zu auf einer auf dem Avantgardelabel Wergo erschienenen Compilation namens CrossCut, die einem für nicht einmal 3 Euro 82 verschiedene Musikstile bietet. Dazu gibt’s das längste Booklet der Welt, das alle Komponisten (Frauen sind in dieser Szene extrem unterrepräsentiert) und Stücke auflistet. Interessanterweise sind diejenigen “Werke”, die als solche nicht ausgewiesen sind – sie fungieren lediglich als (habe ich mir nicht ausgedacht!) “Sound Bridges” – am aufschlussreichsten. Denn dort versuchen die jüngsten “Komponisten”, sich von der altmodischen Trennung E- versus U-Musik zu lösen und dabei trotzdem wahrzunehmen, dass Musikmachen eine multireferenzielle Tätigkeit ist. Doch ist in unserem Zusammenhang wirklich die ganze CD hörenswert, und sei es nur als Enzyklopädie, die den eigenen Möglichkeitsraum schärft.

Jetzt kommt noch ein besonders Guter, Marcus Fjellström. Der ist musikalisch im Neue-Musik-Umfeld sozialisiert, der einsamen Insel also – und dennoch, es ist auf “Gebrauchsmusik” eine verstörende Mischung aus klugen Referenzen zu hören, nämlich Gustav Mahler und Charles Ives etwa. Die haben schon vor hundert Jahren mit Samples gearbeitet, es gab keinen Unterschied zwischen Hoch- und Alltagskultur in ihrer Musik, der Gebrauch hat den Sinn ausgemacht. Dann spukt da noch Edgard Varèse herum, der die Musik für den Philips-Pavillon auf der Brüssler Weltausstellung gemacht hat. Manchmal wäre weniger Atmo aus der Trickkiste der Soundeffects besser gewesen. Denn das Unterfangen scheint ernsthafter als jedes Homevideo, Rhythmen peitschen, das ist apokalypthisch. Von Marcus Fjellström kann man unterschiedliche Stile und Stücke auf http://www.kafkagarden.com hören.

Ohne Referenzen kommt keine Musik aus, das ist klar, aber man hört, ob sie bekannt sind oder nicht. Fatal ist immer der Rückzug aus Ehrfurcht, das ist 19. Jahrhundert, selbstreferenzielle Musik, die Kunst um ihrer selbst Willen und wie man das sonst noch genannt hat. Heute aber gilt: Vermeintliche Unschuld ist nichts als Borniertheit.

Mit anderen Worten: Sound ist Sound, das ist ok, aber es ist noch lange nicht Musik. Die Frage nach Inhalten muss gestellt werden, wenn Musik mehr als ein Ornament sein soll. Demut muss zu Wissen führen. Noten lesen kann man in drei Tagen lernen, ein Instrument ist schwerer. Vieles ist eine handwerkliche Frage, nicht zuletzt die Bezugnahme elektronischer Musik der Gegenwart auf Klassik. Wer keine Komposition hört, sondern nur Sound, hat wenig gehört. Da könnten zwei Bücher beim Entdecken und Lernen weiterhelfen: Csampai/Hollands “Konzertführer” vermeidet herkömmliche technische Werkeinführung und schafft stattdessen Zusammenhänge und Aufklärung. Ruschkowskis “Elektronische Klänge und musikalische Entdeckungen” erklärt sich selbst und das musikalische 20. Jahrhundert.

Damit der Bezugskanon sich mal ändert, hier noch einige Komponistenempfehlungen, die am besten live im Konzert funktionieren, und zwar, soweit vorhanden, vor allem auf billigen Plätzen hinter dem Orchester, manchmal auch Chorplätze genannt. Da ist man nah dran am Geschehen und kann durch die Sitzposition die schwache Bassabstrahlung akustischer Instrumente etwas ausgleichen.
-Charles Ives: Three Places in New England
-Gustav Mahler: Der jeweils erste Satz seiner Sinfonien
-Edgard Varèse: poème electronique, Desert und Amérique
-Später den Varèse-Schüler Xenakis mit groß besetzen Orchesterstücken, Ligeti mit seinen Sachen aus den 60er Jahren, Scelsis Konx-Om-Pax, Isang Yun mit Orchesterstücken aus den 80er Jahren.
-Hier wäre noch viel zu sagen.

Das soundfreie Jahr 2007 sei hiermit spät, aber voller Demut erklärt!

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Elektronische Lebensaspekte.

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