Neoliberal buchstabieren

Im letzten, seligen und todbringend la ngweiligen Jahrzehnt der BRD durften Kinder protestantischer FDP-Wähler nach der Schule natürlich nicht fernsehen. Ausnahmen gab es höchstens für Wimbledon oder andere, garantiert spaßfreie Ereignisse wie die Live-Übertragung aus dem Bundestag zum Misstrauensantrag 1982. Als die anerkannte Respektsperson Schmidt scheinbar einfach so aus dem Bonner Kanzler-Bungalow vertrieben wurde, wehte eine Ahnung südamerikanischer Bananenrepubliken durch westdeutsche Wohnzimmer, was im Nachhinein als genauso naiv wie prophetisch gelten darf: “Liberal” ist in Deutschland seit mehr als 20 Jahren ein politisch hohler Begriff, der nur noch “proaktiv” mit einem “neo” aufgepeppt als Feindbild taugt: herzlose Manager, die gut gelaunt auf ihre Optionen schielend Massenentlassungen verkünden, fiese Konzerne, die ihre Rekordgewinne in eigene Aktien stecken und sich hartnäckig weigern, Steuern zu zahlen. “Liberal” ist sinnentleert, genauso oberflächlich wie diffus neu kodiert und trotzdem oder gerade deshalb ein echter Sprengsatz: Als wir Chris Corda auf dem Cover hatten, dessen “Church of Euthanasia” die Eigenverantwortlichkeit auf die Spitze treibt, gab es nur ein paar uninspirierte Grinser, die folgende Mini-Textstrecke zum “neoliberalen Deutschland” hat die Redaktion richtig echauffiert. Altgediente Moderedakteure vergaßen auf jegliche Contenance und fuchtelten mit ihren Fächern, Rezensions-Vinyl musste als Wurfarsenaldrohung herhalten und Praktikanten wurden zum ersten Mal nüchtern – Die Diskussionen in der Diskothek sind eröffnet.

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Aus der germanophilen Sicht eines österreichischen Politikberaters, der sich der englischen Lesart des historischen Liberalkonservatismus in der Tradition Edmund Burkes verpflichtet sieht, sind innerdeutsche politische Debatten bisweilen emotional schwer verständlich.

Wir sind hier nicht in London, Dierk

Der Sündenfall beginnt mit dem deutschen Idealismus: Der Philosoph Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel erfand den nationalen Etatismus, Marx verfeinerte und materialisierte ihn und die ökosoziale Grünbewegung, freilich geistig abgespeckt und bisweilen ins Tragikomische lappend, vollendete ihn. Auch die Nazis haben “mitgeholfen“, Unternehmertum und das Individuum zu diskreditieren. Nicht zufällig indizierten die Nazis gleich nach ihrer Machtübernahme den Spieleklassiker “Das kaufmännische Talent“, heute in Deutschland nahezu unbekannt. Bei diesem Spiel, dem originelleren Vorgänger des Brettspiels Monopoly, geht es darum, mit kaufmännischen Skills Orte zu horten und Häuser zu bauen, eben strategisch geschickt kleine Wirtschaftsimperien zu errichten. Spätestens seit den 1970er Jahren ist Deutschland ein extrem staatshöriges und auf Gleichheit fixiertes Land. In Deutschland gab es nie einen klassischen politischen Liberalismus, der in einer der beiden großen Volksparteien Fuß fassen konnte. Man gilt ja schon als manchesterliberaler Bösewicht, wenn man einem Beamten seine Ruhezulage sozial abgefedert reduzieren will oder für einen öffentlich rechtlichen Rundfunk ohne Zwangsgebühren eintritt. Auch eine Staatsquote von fast 50 Prozent deutet nicht unbedingt auf ein Volk der Händler hin. Und das alte Sprichwort “There is no such a thing as a free lunch“ ist bislang im Unterschied zum Täglicher-Apfel-erspart-den-Doktor-Sager meines Wissens auch noch nicht eingedeutscht worden.

Deutschland, oft zu Unrecht als kranker Mann Europas bezeichnet, wird heute gerne mit England vor Margret Thatcher verglichen. Dieser Analogieschluss greift allerdings zu kurz, da die Weltwirtschaft heute im Unterschied von vor dreißig Jahren postfordistisch strukturiert ist und Deutschlands Wirtschaft mit Ausnahme des Banken- und Versicherungssektors sowie der Biotechnologie gut aufgestellt ist. Dennoch wäre es geistig befruchtend, wenn sich Deutschland an einem Leitgedanken Margret Thatchers orientierte – dem Vertrauen in die Kraft des Individuums.
Thatcher formulierte den Rückzug des Staates als soziales Dogma und appellierte an die kaufmännischen Instinkte ihrer Landsleute. Auch in Deutschland ist der Begriff der Personalität der am meisten umkämpfte Begriff, wenn von Neoliberalismus geschwafelt wird. Als unterschwellige Hookline tönt dazu: Staatliche Monopole und Bürokratien handeln richtig und altruistisch. Die individuelle Entscheidungsfreiheit wird somit kollektiviert und an Vater Staat delegiert. Gleichzeitig wird gesellschaftlicher Erfolg meist eher argwöhnisch beäugt denn als geistig inspirierend empfunden. Das mag in einem ehedem protestantischen Land, das Religion nach wie vor als anthropologisches und störendes Relikt behandelt, seltsam erscheinen. Schließlich galt dem Protestanten einmal das Primat der individuellen Gewissensentscheidung als einzige moralische und sittliche Instanz. Das ist heute dem Deutschen nicht mehr vermittelbar. Gesinnungen können aber nicht vom Leviathan Staat eingetrichtert werden. Dass ausgerechnet der Staat mit aus Steuergeldern finanzierten Kursen den Bürger zum Antifaschisten erziehen soll, kann so nur Deutschen einfallen. Denn dem Kollektiv anstelle dem Einzelnen zu vertrauen, ist seit Hegel der Deutschen tiefste Überzeugung. War Nietzsche nur ungezogen, so war Hegel blasphemisch. Sogar in der äußersten Negation, dem Anti-Deutsch-Sein, glaubt der deutsche Geist an “das Wahre und Ganze“ seiner Mission. Jeder Sachverhalt wird in Deutschland zur weltanschaulichen Glaubensfrage hochstilisiert. Bei jeder beliebigen Thekendiskussion strapazieren Bekanntschaften das manichäische Freund-Feind-Stereotyp.
Wenn also das Totschlagargument “neoliberal” fällt, muss etwas anderes gemeint sein: ökonomischer Determinismus. Nach dem Tabubruch des Zweiten Weltkrieges avancierte die Ökonomie zur Megaphilosophie (Joachim Koch) der Deutschen. Allerdings zweifeln neoauthentisch formulierende Neue Soziale Bewegungen wie ATTAC und Modernisierungsverlierer gleichermaßen, dass ein mehr an Wirtschaft auch zwangsläufig ein prosperierendes Gemeinwohl mit sich bringe. Das hässliche Wort der “Jobless Recovery“ ist nach fünf Jahren Stagnation in aller Munde. Stimmen werden lauter, die bezweifeln, ob die Wirtschaft jedes gesellschaftliche Problem lösen kann. Denn obwohl – glaubt man aktuellen Shell Studie – die Jugend von heute flexibel, hochmotiviert und gut ausgebildet ist, arbeitet sie für Bettellöhne, lebt in so genannter permanenter Statusinkompetenz und hantelt sich von unbezahltem Praktikum zu Praktikum. 15 Jahre nach dem Roman “Generation X“ von Douglas Coupland ist dieser fiktive Roman nun auch ein deutscher Tatsachenbericht, während unsere Väter, klassisch protestsongmotivierte Postmaterialisten, den gesellschaftlichen Wohlstand noch für seltsame Fetische wie freies Tanztheater opferten. Nur dieser antifaschistische Kindergarten konnte es mit verstehender Jungendarbeit “erreichen”, dass von der öffentlichen Hand geförderte Jugendzentren “Karrieren“ wie jene von Landser und Oidoxie ermöglichten, während in Londoner Gemeindezentren Jugendliche zu gleichen Zeit der Welt Jungle, UK Garage und Grime schenkten. Auch dieser Vergleich belegt schamvoll, warum der als junger Beckenbauer und Neuerer des deutschen Fußballs gehandelte Nuri Sahin nicht unbedingt und aus vollem Herzen für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielen will.

Deutschland, so abstrus das klingt, braucht zur Zeit vor allem nicht-materialistische Überzeugungen und Debatten, um auch ökonomisch wieder mehr Impulse zu setzen. Pathetisch formuliert könnte man sich ja auch einmal fragen, was Deutschland im 21. Jahrhundert außer “made in Germany“ in die Waagschale des Weltgeistes werfen will. Etwa Mut zu Gedankenwelten, die über das ausschließende Gefühlsprimat der Romantik hinausweisen und sich dem Sein mit üppiger barocker Strenge und ohne Eigentlichkeits-Jargon stellen. Ein so definiertes einschließendes System könnte am Beginn einer neuen und lustbetonten deutschen Zuversicht stehen. Diese nicht-materialistischen Überzeugungen sollte man allerdings nicht ausschließlich auf Werte, den Rekurs auf deutsche Tugenden und eine Wiederkehr von Manieren reduzieren. Das ist zu eindimensional Alte Schule und klingt verdächtig nach sophistischen Rachemotiven der geistig unterforderten, lehrerlos aufgewachsenen Klasse von 89, deren zentrale Claims und Themen einst so eindrucksvoll die Kolossale Jugend formulierte.

Manieren und Werte
Nicht zufällig ein aus der Ökonomie stammender Begriff, werden sie zur Zeit von allen fleißig gefordert, weil sie einer subtilen gesellschaftlichen Disziplinierung dienen und als Technik zur Distinktionsmaximierung gesehen werden. Leider werden Werte meist nur als Optimierungstools für Ich-AGs begriffen und nicht als eine dem Gemeinwohl dienende Tugend. Selbst eine auf bürgerlichen Patriotismus abzielende Kampagne wie “Du bist Deutschland“ operiert nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Jeder positive Symbolbezug zur deutschen Geistesgeschichte und zu historisch wichtigen Orten wird penibel vermieden und durch überraschungsarm zusammengecastete Testimonials im Werbestil Olivieri Toscanis ersetzt. An dieser Kampagne zeigt sich auch, dass es eine neoliberale Hegemonie in Deutschland natürlich nicht gibt, einfach weil die sich selbst als liberal Bezeichnenden unfähig sind, sich eine Gesellschaft außerhalb betriebswirtschaftlicher Kennzahlen vorzustellen. Die FDP verschwendet etwa keinen Gedanken mehr an die Gesellschaft als solche. Publizisten wie Ulf Poschardt glauben, dass es originell ist, die Theoreme der Poplinken von vor zwanzig Jahre einfach auf den Kopf zu stellen. Aber das ist keine (neo-)liberale Position, sondern höchstens ein sich als Retrogarde-Schick tarnendes Plagiat. Die schwätzende Bassena-Postmoderne formuliert nicht einmal mehr eine geistige Reaktion, sondern nur formale Dopplungen und argumentative Nullsummen. Und wenn in Filmen wie “Das Wunder von Bern“ eine nationale Ikonografie mit Erzählmustern des klassischen US-Kinos nacherzählt wird, muss man konzedieren: Karaoke ist zwar ein sauberer Spaß, wird sich aber international mit Ausnahme von DJ Ötzi kaum langfristig und mit steigender Rendite verkaufen. Wo liegt also der Ausweg für die Kulturnation Deutschland jenseits mythischen Nibelungengeraunes und anderer letztinstanzlicher Fragen?

Gebt Deutschland mehr Zivilisation und weniger Kultur. Mehr Pragmatismus, Nützlichkeitsdenken und Vertrauen in die Segnungen der modernen Technik. Baut Atomkraftwerke und beendet das narzisstische Leiden protestantisch-agnostischer Kleinbürger wie Blumfeld und Juli. Es gibt ein Leben nach dem Feinstaub. Macht Getting Paid zur Forderung an die Altvorderen und lebt es den Jungen als erstrebenswertes Ziel vor. Schafft positiv besetzte Rollenbilder und neue Erzählungen. Mit Techno und Clubkultur ist es ja zum ersten Mal im wiedervereinten Deutschland gelungen, gelebte Subsidiarität, Dezentralität und Entrepreneurship miteinander zu verbinden. Low Spirit, Kompakt, Basic Channel und Dial sind heute für Jugendliche aus aller Welt mythenumwobene Lebensentwürfe. Wenn jetzt deutscher Minimaltechno Bässe und frohsinnigen Synkopenfunk wiederfände, gibt es vielleicht bald das erste eigenständig liberale Musikgenre aus Deutschland: GERMAN BASS.

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Kommt das Geld, geht das Lachen. Das wusste schon Timm Thaler. Johnny Häusler kennt die Folgen.

Bitte warten, bitte warten

Wir machen das so, liebe Sozialstaat-Umbauer, Privatisierer, Deregulierer, Globalisierer, liebe “Neoliberalen”: Ich warte einfach auf ein Lachen von euch. Dann glaube auch ich an die Kraft des Marktes, an den Aufschwung durch Gewinnmaximierung, an die schöne neue Welt durch weniger Politik, weniger Staatsbetrieb, weniger Arbeitnehmerschutz, weniger Gewerkschaften.

Aber ich will ein echtes Lachen sehen. Kein Fototermin-Lachen, kein “Meine Aktien sind gestiegen”-Lachen. Und schon gar kein “Ich hab’ den Job”-Stockfoto-Lachen mit Becker-Faust frei Haus und bitte auch auf keinen Fall dieses besänftigende Lachen aus dem Management-Kurs. Denn das ist kein Lachen. Das ist eine Maske.

Das Lachen, auf das ich warte, ist ein glückliches, kein “erfolgreiches”. Ein Lachen aus Lebensfreude, ein Lachen, in das man sich verliebt. Dieses Lachen, das unabhängig vom Kontostand unangemeldet dahergehuscht kommt. Kennt ihr nicht?

Das könnte an eurem grundlegenden Missverständnis liegen, dass Geld ein Motor sei, ein Lebensantrieb. You see, Geld mag eine Notwendigkeit sein (für manche nicht einmal das – überrascht?) und Geld hat eine Funktion. Aber keinen Wert. Der Besitz von Geld als Lebensmotivation ist ein Trugschluss, dem ihr bedauerlicherweise unterliegt und den ihr mir in frevelhafter Art als Wahrheit zu verkaufen versucht. Denn geschenkt gibt’s ja bei euch nüscht.

Wünsche sind motivierend, persönliche Ziele ebenso. Verlangen nach Leidenschaft, nach Ruhe und Lärm, nach Nähe und Abstand, Drang nach Kreativität als Produzent oder Rezipient. Wut und Hass. Entspannung und Liebe. Dies alles treibt mich an, befähigt mich zu einem Leben, das ihr mit Geld bestenfalls schlecht kopieren und an dem ihr euch in den einschlägigen Vierteln eurer Städte höchstens einen temporären, extra für Typen wie euch bereitgestellten Anteil erkaufen könnt.

Das ist hart für euch, ich weiß. Und ihr müsst jetzt sogar noch stärker sein. Denn ihr braucht mich. Ich bin der Kunde, der euren Mist kaufen soll. Ich bin der honorar- und rechtlose Praktikant, der sich bei euch für die Überstunden bedanken soll. Ich bin der Angestellte, der seine private Altersvorsorge mit Hilfe eurer Aktien ansparen soll, damit diese später als Vermögenswerte vom ALGII abgezogen werden können. Ihr braucht mich für euren Markt, für eure Angebote. Für die meine Nachfrage immer weiter gegen Null geht.

Ihr braucht mich für euren Erfolg, denn ihr müsst mich überzeugen. Mit dem Aufschwung durch gelockerte Rabattgesetze, mit Arbeitsplätzen durch Senkung der Lohnnebenkosten und längere Arbeitszeiten, mit geringerer Staatsverschuldung durch die Kopfpauschale.

Und mit einem echtem Lachen.

Ich warte.

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Neoliberalismus bedeutet vor allem Zwangsindividualisierung statt Gemeinsinn. Pop kann da als Gegenmodell angerufen werden – und nicht als Vorreiter, wie von Ulf Poschardt vorgeschlagen.

Wie krank ist das denn?
Neoliberale Poptheorie

Pop geht es nicht gut. Und zwar mal ganz abgesehen von dem Trouble der Musikindustrie. Das Problem ist in der Tat durchaus fundamentaler, zumindest auf den ersten Blick hat das den Anschein. Hier geht es nicht einfach nur um Geld. Viel schlimmer. Es herrscht komplettes Chaos. Die Popkultur hat ihre grundlegende Richtung verloren. Links ist man beleidigt, dass Pop nicht mehr kritisch ist. Rechts reklamiert man neoliberal gerüstet dafür die Reste der ehemaligen Rebellion für sich, um sich einen schicken Anstrich zu geben. Man steht also vor jeder Menge Missverständnissen, man kommt mit dem Aufräumen kaum hinterher. Gar nicht eigentlich. Wir versuchen das trotzdem mal.

An der neoliberalen Luftgitarre
Beginnen wir mit Ulf Poschardts neulich geäußertem Vorschlag in “Der Zeit”. In seinem Artikel ”An der Luftgitarre“ (man denkt sich hier irgendwie, dass da ein Zeitredakteur mit Ironie winken wollte, aber vielleicht denkt man sich ja auch zu viel, ganz einfach weil man umgehend die Fassungslosigkeit auffangen muss, die einen später überfällt), in “An der Luftgitarre“ also schreibt Ulf Poschardt zunächst ganz richtig: “Teil der Gesellschaft zu werden hieß in der Logik des Pop, sie zu verändern, weil die Leidenschaften, für die man kämpfte, noch keinen Platz in ihr hatten.” Um dann hurtig den Linken, die es ja eigentlich eh nicht mehr gibt, noch mal kurz in den Arsch zu treten. Poschardt verpasst also dieser in den letzten Jahren auf dem Boden zertrampelten Leiche der 68er noch einen weiteren Tritt, den es ja nun wirklich nicht mehr braucht (Gähn!), um dann mit dem verschmierten Schuh weitertrabend die rebellischen Leidenschaften siegesstrahlend ganz woanders unterzubringen. Er sondiert: Es gibt ideologische Verschiebungen. In der Popkultur ist man pragmatisch geworden und niemand anderes als unsere sich quer über die Möse rubbelnde Peaches muss als Beispiel herhalten, auch wenn es eine altlinkere, hippiehaftere Position wohl kaum gibt. Doch Peaches wundert sich laut Poschardt über die verwöhnten bundesrepublikanischen Jugendlichen. Ruft sie gar nach mehr Eigenverantwortung? Egal. Nächstes Poschardt-Beispiel: Lieblingsrapper Sido erklärt, dass Sozialhilfe abrippen im Ghetto ein Sport ist. Pop, so sondiert Poschardt damit, verlässt so die altlinken Positionen. Aha. Und damit kommt das wirklich Großartige: Frei, frei vom lahmen, linken Leichengeruch wird damit wieder das rebellische Potential von Pop und frei werden kann es: bei der FDP. Ab also mit Pop, von einer Leiche zur anderen: “Wie sähe Pop in Deutschland aus, der unangepasst, mutig, rebellisch wäre? Wenn Blumfeld auf dem Parteitag der FDP ‘Diktatur der Angepassten’ singen würde.” Also wirklich: Wie krank ist das denn? Und das meint er leider eben nicht ironisch, sondern sehr ernst: “Es würde für beide Seiten eine Herausforderung und Zumutung bedeuten, aber eben auch eine fruchtbare Dynamisierung verklebter Fronten. Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP.” Denn so Poschardt: “Sie steht für eine sich ausdifferenzierende Gesellschaft und damit für mehr Polarisierung. Sie steht für einen Kapitalismus mit mehr Chancen für alle – der freilich auch mehr Risiken birgt.” Rebellion durch Kapitalismus mit mehr Chancen. Okay. Da muss man sich wohl mal fragen, wie es soweit kommen konnte.

Mehr als eine Jugendkultur
Rückblick: Früher, man kann eigentlich sagen vor ziemlich langer Zeit, war Pop mal eine Jugendkultur und das bedeutete damals immer, nicht denen ihr Spiel zu spielen. Daher die Rebellion. Damals hörten Mutter und Tochter auch noch nicht zusammen Beyoncé, damals war das mit den Generationen auch noch anders. Man musste sich auflehnen. Heute ist das anders, na ja, jedenfalls: Dass Popkultur nicht mehr automatisch an Jugend gekoppelt ist und schon gar nicht an eine Jugend, die für Rebellion steht, ist ja schon zu Beginn der Neunziger festgestellt worden (Diedrich Diederichsen entfachte damals die Debatte mit “The Kids are not alright“). Trotzdem hört das Gespenst der popkulturellen Rebellion nicht auf zu spuken. Nur ist eben die Rebellion nicht mehr unbedingt da, wo man sie sucht. Die Form des politischen Momentes hat sich verändert. Für eine politische Äußerung ging es früher darum, der herrschenden Meinung, d.h. der älteren Generation, etwas entgegenzusetzen. Bildet eine Gegenöffentlichkeit. Entwerft eine Gegenwelt aus Zeichen. Auf der Ebene des Mainstreams funktioniert das immer noch so, beispielsweise wenn Rapper Kayne West angesichts des Hurrikan-Katrina-Elends live im US-Fernsehen einen Satz sagt wie: “George Bush doesn’t care about black people.“ Skandal, weil Gegenöffentlichkeit.
Am klassischen Ort des Widerstands, also in dem, was man mal Subkultur genannt hat, hat man die Gegenöffentlichkeit jedoch um ein weiteres Moment ergänzt. Das widerständige Moment von Pop geht hier über das Zeichen hinaus. Denn Pop, das ist dort heute keine Subkultur mehr, sondern eine Kultur der Nischen. Und jede dieser Nischen ist (im besten Falle) eine Alternative zur bestehenden Welt und als Alternative damit auch Veränderung, Verschiebung des Bestehenden. Ganz in alter Tradition. Anstelle Rebellion ist Pop also heute eher Irritation, zugleich aber mehr als ein idealistischer Lebensentwurf. Denn diese Kultur der Nischen ist eine Alternative mit realexistierenden Ausmaßen. Eine eigene Ökonomie. Die Folge: Für Musik wird man nicht mehr zu alt. Pop wird – zumindest für einige – zum Leben selbst, im besten Falle zu einer Art selbst bestimmter Arbeit. Und genau weil es nicht mehr Jugendkultur, sondern realexistierende Alternative ist, seine eigene Mini-Industrie, die genauso gut oder schlecht funktioniert wie die da draußen, nur eben nach den eigenen Regeln, ist es auch für alle anderen nicht mehr peinlich, auch über dreißig noch Pop zu hören und zu lieben. Man liest ja auch keine Bücher, weil man an seine Schullektüren denken möchte. Pop ist also nicht mehr automatisch links, dafür aber erwachsen geworden.

Zusammenhang vs. Zwangsindividualisierung
Und an dieser Stelle wird es wieder politisch, weil wir uns in einer diskursiven Kultur geradezu zwanghafter Individualisierung befinden – und zwar links wie rechts. Die Frage, wohin man die Rebellion bei Pop packt, ist also letzten Endes politisch. Es gibt hier durchaus Konkurrenzmodelle. Pop verstanden als individuelle Rebellion steht für eine Politik der Vereinzelung. Pop verstanden als eine Politik der Nische steht dagegen für eine Kultur des Zusammenhangs. Hier geht es eben nicht um “das mutige Individuum, das nach oben will“ (Pop bei Poschardt). Hier geht es immer um mehrere Ohren, nicht nur um zwei. Auf der Produzentenebene geht es um Zusammenarbeit, auf der Rezipientenebene geht es um Zusammengehörigkeit. Was sich also in einer handfesten bundesrepublikanischen Midlife Crisis befindet, das ist nicht die Popkultur, sondern vielmehr die politische Kultur in diesem Land – und das ist es, was dann über Poschardt in Pop eingespeist einem wieder in die Quere kommt.
Machen wir uns nichts vor: Die Neoliberalität hat überall zugeschlagen, in jeder Partei. Konservative wollen schon lange keine gesellschaftlichen Traditionen mehr bewahren, sondern mehr Eigenverantwortung für alle, und selbst die Linke/PDS ist als radikal-linke Partei nichts anderes als ein Haufen unsexy Frustrierter, die wenig mehr als das Individuum grundabsichern wollen. Zur Zwangsindividualisierung gibt es links wie rechts keine Alternative. Nicht mal den Hauch einer Debatte findet man. Der politische Diskurs kennt keine Gemeinschaft mehr, er kennt keinen Gemeinsinn und schon gar keine Solidarität. Das ist offensichtlich der Preis, den diese Gesellschaft bereit ist zu zahlen, um den Traum der kompletten Vollbeschäftigung weiterhin träumen zu können. Weniger Rente, mehr Alte, länger Arbeiten, aber weniger Arbeitsplätze und mehr internationale Konkurrenz, weil höher gebildete Drittweltländer. Tja, was in diesem Bild ist falsch? Alles?

Popkultur hat also heute durchaus eine politische Aufgabe, die da lautet: Den Zusammenhang und die Solidarität bei uns zu pflegen und überwintern zu lassen, hier in der Nische, bis die Welt endlich wagt, die Augen zu öffnen. Eines Tages wird man das dann als diskursive Rebellion entdecken können und wie 68 als politische Kulturrevolution in Welt einspeisen. Die Welt wird dann vielleicht etwas besser. Und dazwischen entsteht gute Musik.

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