Oder: Der Netzkunst zweiter Frühling

Laura Oppenheim, "The Sun Is Always Setting Somewhere Else" (2006)

Anfang diesen Jahres erschien ein Essayband mit dem fantastischen Titel “The Sound of Downloading Makes Me Want to Upload” des ominösen Institute of Social Hypocrisy. Namhafte zeitgenössische Künstler beschreiben dort auf ganz unterschiedliche Arten ihr Internet-Dasein. Es gibt haufenweise Schwarz/Weiß-Bilder, zum Beispiel von Mao, wie er Marcel Duchamps Fountain anschaut. Ein anderer Beitrag besteht aus dem Abdrucken einer gesamten iTunes-Bibliothek. Es ist ein seltsames Buch, das wahrscheinlich sagen soll, wie selbstverständlich das Internet sich in der Kunstwelt bewegt und diese beeinflusst. Früher hatte das Internet mal eine eigene Kunst, sie hieß Net.Art. Hacker und Künstler fanden Mitte der 90er Jahre Formen für den Umgang mit neuen Technologien und Netz-Werken.

Ihre Medien-und Digitalkunst war “interaktiv”, anti-hierarchisch und hochpolitisch. Im Angesicht visueller Bildmaschinen wie YouTube, Facebook oder tumblr klingt all das so alt wie der Sound eines Modems. Denn so ubiquitär das Netz geworden ist, so tot ist Netzkunst als Genre. Und doch bezieht sich gerade eine neue Künstlergeneration in ihren Arbeiten auf das Internet – nur unter ganz anderen Vorzeichen. Statt sich tief in das Programmier-Web zu hacken, durchstreift es seine Oberflächen und entschlüsselt daraus die aktuelle Ästhetik des Lebens im Internet-Zeitalter. Sie wird von jungen Menschen gemacht, die in dieses Netz hineingeboren sind, für die es immer da war und nie befreit werden musste. Sie sind so alt wie James Blake und werden wie er “Digital Natives” genannt. “Ihre Kunst hat nicht mehr zwangsläufig etwas mit dem Internet zu tun. Internetkunst ist heute Kunst, die mit einem Internet State of Mind gemacht wird”, bringt es der Kurator und Autor Carson Chan auf den Punkt.

Sonnenuntergang Irak
Die oben abgebildete Arbeit von Lisa Oppenheim ist ein plastisches Beispiel dafür, wie die neue Netzkunst funktioniert. Sie hat Bilder von Flickr heruntergeladen, die im Irak stationierte Soldaten von dortigen Sonnenuntergängen gemacht hatten. Später hielt sie die ausgedruckten Fotos passend vor die Abendsonne von Manhattan. Oppenheims Arbeit beginnt mit der Suche nach Bildern, in Magazinen, Filmen, Zeichnungen – meistens natürlich online. Die Arbeitsweise von Oppenheim reflektiert ein Satz, den Katja Novitskova am Ende eines Interviews zu diesem Special über neue Medien- und Internetkunst sagt: “Wir holen die Dinge aus dem Internet.”

Novitskovas gerade erschienenes Buch “Post Internet Survival Guide 2010” könnte man als ein Manifest dieser neuen Generation von Künstlern lesen. Einer Generation, die sich streng dagegen wehrt, als Netzkunst wahrgenommen zu werden. Wenn man mit Katja Novitskova redet, hat man schnell mal das Gefühl einer großen Techno-Verschwörung beizuwohnen. Die Geschichte des Jahres 2010 etwa beginnt dann mit dem Film Avatar, und am Ende steht Wikileaks. Zur Mitte des Jahres kommt eine neue Version von Photoshop auf den Markt. Dazwischen zitiert sie aus der neo-materialistischen Philosophie von Manuel De Landa. 

Katja Novitskova, "dinosaur: 2 results for Google Image Search for "survival" as a collage" (PISG2010)

Erstaunlicherweise machen fast alle dieser Künstler Skulpturen, eine Gattung, die sich durch solide Materialität und Dreidimensionalität auszeichnet. Sie überführen die Ästhetik und Catchyness dessen, was sie in 2D-Räumen wie tumblr-Bildblogs finden, in den 3D-Raum in “echte” oder gerenderte Kunstgalerien. Dabei machen sie keinen substantiellen Unterschied mehr zwischen Medien und Räumen, zwischen Bildern, Skulpturen und Performances, 3D-Renderings oder Fotografien, auch nicht zwischen World Wide Web und White Cube. Zwischen allen kann heute übersetzt werden und gleiche Arbeiten können problemlos in verschiedenen Versionen existieren, ohne dass es eine Unterscheidung in deren Wertigkeit gibt.

Gephotoshopped
Dominikus Müller versucht in diesem Beitrag herauszufinden, was der benannte Internet State of Mind ist, und was das Verweisen und Shiften jenseits seiner Selbstbezüglichkeit für Auswirkungen hat. Der Künstler Oliver Laric, Mitgründer der hochfrequentierten Seite Vvork, beschäftigt sich unterdessen in seiner neusten Videoarbeit “Versions” mit dem Status des Bildes im Zeitalter seiner unendlichen Manipulierbarkeit. Der New Yorker Künstler Cory Arcangel arbeitet derweil mit seiner Videokunst aus YouTube-Clips an der Schaltstelle der Ununterscheidbarkeit von Kunst und Nicht-Kunst. Er beruft sich auf die Aneignung der materiellen Überreste ausrangierter Medien, und arbeitet mit Kätzchenvideos und alten HiFi- Anlagen. 

Dass diese Kunst generell so retro aussieht, liegt vielleicht daran, dass Zukunftsvisionen so dermaßen retro geworden sind. In der visuellen Bezugnahme auf ebenjene 90er-Jahre-Net.Art spielt auch der nostalgische Nachvollzug einer Zeit, in der es diese Zukunft noch gab. Susan Sontag hat einmal gefragt: “Warum finden wir, dass ein Sonnenuntergang kitschig aussieht?” Und geantwortet: ”Weil er uns wie eine Fotografie erscheint.” Schaut man heute in einen gutaussehenden Himmel, sagt immer einer: ”Sieht ja aus wie gephotoshopped”. Diese neue Künstlergeneration gibt unserer zeitgenössischen Wirklichkeit ein echtes Bild. 

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