Totem kreuzt Sozialstudie mit Elementen des Horrors. Alptraum und Alltag sind selten so verschmolzen wie in Jessica Krummachers enigmatischem Debütfilm, der vieles im Dunkeln lässt. So bleibt der Zuschauer mit seinen Fragen genauso allein, wie es die Protagonisten im Film auch sind. Nicht zuletzt stellt Totem die Frage nach dem Verhältnis zwischen Film und Wirklichkeit aus einer ungewohnten Perspektive. All das macht ihn zu einem Glücksfall für das junge deutsche Kino. Totem ist ein kluger Film, der ganz ohne kluge Sätze auskommt.

Es ist irgendein Sommer in Deutschland. Familie Bauer verlebt ihn zu Hause. In ihrem Reihenhaus, am Rande irgendeiner Stadt. Man erfährt nicht viel über Familie Bauer und am Ende doch mehr, als man eigentlich wissen wollte. Am Anfang dieses Films aber ist nur eines sicher: Familie Bauer scheint in allen Belangen ein recht mittelmäßiger Haufen zu sein. Und sie beschäftigen eine junge Haushaltshilfe namens Fiona. Oder, wie Vater Wolfgang sagen würde: “Wir haben da jetzt so ein Mädchen, das haben wir im Internet bekommen.”

“Kannst Du auch noch den Senf bringen?”
Über Fiona erfährt man auch nichts. Totem beginnt mit ihrem Einstandsabend bei den Bauers. Es wird viel getrunken, die Gespräche sind zäh. Anstatt eines gegenseitigen Herantastens ist nur Desinteresse spürbar, aber über irgendetwas muss man ja schließlich reden. Gesprochen werden in Totem hauptsächlich sehr banale Sätze, die ob ihrer Alltäglichkeit oft komisch und beschämend zugleich sind. Manchmal tun sie richtig weh. Zum Beispiel wenn Wolfgang zu Fiona sagt: “Kannst Du auch noch den Senf bringen? Und auf dem Brett auf dem Küchenbuffet, da sind auch Zahnstocher und in der rechten Schublade gibt’s so ein großes Messer mit ‘nem schwarzen Griff.” So etwas redet man bei den Bauers. Banal, dafür ausführlich.

Der erste Teil von Totem gibt sich alle Mühe, den Zuschauer mit einer Breitseite Realismus zu befeuern. Auch die Kamera, ohnehin schon minimalistisch, steht mitunter einfach statisch im Raum oder aber sie wählt seltsame Bildausschnitte, wobei sie auf die Protagonisten überhaupt keine Rücksicht zu nehmen scheint. Man wähnt sich gelegentlich in der vermeintlich dokumentarischen Welt eines Ulrich Seidl – und wie dessen Filme erzeugt auch Totem ein großes Unwohlsein. Und eine Erwartung, die sich einer im deutschen Film überaus prominenten Figur verdankt, in der die marxistische Basisformel vom Bewusstsein bestimmenden gesellschaftlichen Sein noch immer nachhallt: Das schlimme Außen muss filmisch seziert werden, weil es den Protagonisten erst produziert hat. Die soziale Wirklichkeit erklärt die Figur. Jeder zweite Tatort-Krimi funktioniert so.

Einfach nur ein Haus
Wenn Totem in ausdauernden Einstellungen Fionas Einweisungen in den Hausputz oder die Beschäftigung des Vaters mit seinen Zwergkaninchen (“Ich mach mal die Hasen”) zeigt, erwartet man eine Sozialstudie: Alltag als Hölle, Familie als Hölle. Totem zeigt das, aber er erklärt nicht. Er lässt den Zuschauern mit seinen Fragen genauso allein, wie es die Protagonisten im Film auch sind. Und erst recht bietet Totem keine erhellenden Allegorien an: Dieses Einfamilienhaus ist keine Metapher, es ist einfach nur ein Haus. Wer davon noch nicht irritiert ist, der wird es später sein, denn Totem wird immer mehr zum Rätsel. Subtil werden Elemente des Horrorfilms eingeflochten. Tochter Nicole und ihr Freund verschwinden immer wieder im Dunkel eines geheimnisvollen industriellen Heizungsraums. Subjektive Kameraeinstellungen suggerieren einen bislang verborgen gebliebenen Beobachter des Geschehens. Und nachts kommt eine fremde Frau hinter der säuberlich geschnittenen Hecke eines Vorgartens hervor und verfolgt Fiona. Die erscheint selbst zunehmend schleierhaft: Sie spielt mit nur bedingt niedlichen Puppen, sie belügt die eigene Mutter am Telefon und die Polizei bei einer Personenkontrolle. Einmal folgt die Kamera Fiona auf eine Autobahnbrücke, von der sie den Vorbeifahrenden zuwinkt, als wolle sie auf etwas aufmerksam machen, als läge etwas im Argen.

Und da liegt auch so einiges. Zusehends offenbart sich eine latente Aggression, die durch die Familie zirkuliert: Mutter Claudia ist ein Nervenbündel, das Fiona auflauert. Vater Wolfgang wird zudringlich. Manchmal bricht die Gewalt offen aus, dann wird es richtig unangenehm, dennoch bleiben diese Eruptionen seltsam folgenlos. Fiona ist als die Fremde im Haus nicht nur Opfer dieser Gewalt, sie mischt auch selber mit, kurz: Alle und alles wird seltsam bedrohlich. Zum realistischen Duktus des Films gesellt sich schleichend etwas Traumartiges. Es ist kein guter Traum: Enden wird der Film drastisch, mit einem Paukenschlag, der eine neue Perspektive auf das gesamte vorherige Geschehen eröffnet. Und erst in seiner letzten Einstellung tut Totem etwas, was filmische Erzählungen meist unentwegt tun: Er schafft gesichertes Wissen über seine Protagonisten.

Wie ist das mit dem Leben?
Diese Verweigerung von Wissensperspektiven hält zuvor nicht nur eine beachtliche Spannung aufrecht, sie ist auch ein bemerkenswerter Kunstgriff der Regisseurin Jessica Krummacher. Totem ist ihr Spielfilmdebüt und zugleich ihr Abschlussfilm. Nun gibt es zweierlei Vorwürfe, die Abgängern von Filmhochschulen immer wieder gemacht werden: Entweder heißt es, ihre Filme seien zu zahm. Oder aber, sie hätten zu viel gewollt. Auf Totem trifft keiner dieser Vorwürfe zu. Krummacher ist mutig genug, ihrem Film keine Gebrauchsanweisung zu implementieren. Man sieht so etwas wegen der hiesigen, stets auf Fernsehverwertung schielenden Instanzen der Filmförderung nur selten. Schon deshalb ist Totem ein Glücksfall. Aber auch weil er toll besetzt ist (Marina Frenk wirkt als Fiona ebenso unnahbar wie alterslos). Vor allem aber ist Totem bis auf eine einzige Szene, in der Fionas Off-Stimme einen Tagebucheintrag vorträgt, ein kluger Film. Einer, der Geheimnisse birgt, aber nichts verschleiert. Und einer, der Fragen stellt – an sein Publikum, aber auch an sich selbst. Es sind ganz einfache Fragen. Wie das ist mit dem Leben und mit den verborgenen Wünschen der Menschen, die dieses Leben führen müssen. Und weil Krummacher filmische Konventionen des Realismus mit solchen des Fantastischen kreuzt und so zu einer sehr mehrdeutigen Sprache findet, ist Totem nicht zuletzt auch eine originell formulierte Frage nach dem Verhältnis zwischen Film und Wirklichkeit. Wer hier Antworten will, wird in diesem Falle ganz auf das Kino vertrauen müssen. Es gilt der alte Satz von Werner Herzog: “Nur wenn es ein Film wäre, würde ich das alles für wahr halten.”

Totem (D, 2011)
Regie: Jessica Krummacher
Deutscher Kinostart: 26.04.2012
im Verleih der Filmgalerie 451

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

Leave a Reply