Eine umfangreiche Enzyklopädie von weit über tausend editierbaren Vektorillustrationen alltäglicher Objekte auf CD-R samt Katalog? Klingt nach kollektivem Wahnsinn. Die Designer Stefan Gandl und Christoph Grünberger von Neubau aus Berlin erklären, wie es dazu kam.

Die Welt als Vektor

Die zentrale Aufgabe meines ersten Grafik-Praktikums um 1991 bestand in der Vektorisierung, d.h. dem digitalen Nachzeichnen aller Backstein- und Dachpfannenmodelle in drei Ansichtsperspektiven des friesischen Baustoffherstellers Röben in der Programmversion 3.0 des damaligen Aldus Freehand für einen Produkt-Katalog. Am Ende meines Praktikums nach drei Monaten war ich mit Nachzeichnen und Nerven fertig, Röben aber um 200 Strichzeichnungen reicher. Die Transformation dieses Traumas zur prägenden Erfahrung dauert bis heute an. Bilder freistellen und Bezierkurven zeichnen, sind bis heute die legalen Greuel meines Design-Jobs. Und jetzt das. Eine neue Grenzerfahrung dämmert, von Menschen initiiert, die dort hingehen, wo ich nicht sein kann: Das Berliner Design-Büro Neubau stellt ein Kompendium mit vektorbasierten Alltagsobjekten des täglichen Lebens, die ihr Büro umgeben oder beeinflussen, vor. Zwischen 2002 und 2005 gezeichnet, ist das im Neubau-typischen Stil sehr aufgeräumt und dosiert gestaltete Buch erst mal ein referenzierter Katalog der auf der CD Rom gesammelten entsprechenden Dateien. Das Buch selbst ist in drei Hauptkapitel “Neu”, “Bau” und “Welt” gegliedert. “Neu” für Dinge, die vom Menschen entwickelt wurden. “Bau” stellt den Menschen selbst in den Mittelpunkt und bildet die zentrale Achse des Buches, um die sich “Neubau Welt” dreht. “Welt” enthält eine Auswahl an Formen der Flora und Fauna. Der Gestaltungsstil des Buches mag ansatzweise an Designers Republik erinnern, er entfaltet jedoch aufgrund der konzeptionellen Strenge und Logik in Struktur und Layout einen komplett individuellen und eigenständigen, klaren und formal geordneten Designcharakter, ohne gebogen zeitgeistig zu wirken. Verbunden mit dem Open-Source-Ansatz (man kauft für den Preis des Buches zugleich das Recht, die Vektorgrafiken und Neubau-Schriften frei weiterzuverwenden) wird sich Neubau Welt wohl bald mit seinen Files in der Gestaltungswelt von Designern, Grafikern und Architekten, ähnlich wie Letraset in der Pre-Macintosh-Ära für Klebe-/Aufrubbelbuchstaben, als Synsthese von Markennamen und Werkzeugbezeichnung etablieren. Ich für meinen Teil helfe gerne für NeuBauWelt 2.0 noch mit ein paar Dachpfannen aus, sofern erwünscht.

Das Ganze war ein prozesshaftes Projekt, richtig?

Stefan Gandl: Als Neubau Ende 2001 gegründet wurde, lag es nahe, dieses auch in taktiler Buchform zu manifestieren. Die Idee zum “Neubau Welt”-Projekt entsprang aus dem täglichen Arbeitsprozess. Neubau betreut Projekte im Bereich von Screen, Print, Broadcast und Typografie. Da ich von Auftrag zu Auftrag immer wieder Objekte und Dinge in Vektorzustand bringen musste, war der Wunsch nach einem hochwertigen, gut strukturierten, stetig wachsenden digitalen Archiv, auf das man jederzeit zurückgreifen kann, eine logische Konsequenz. Die Tatsache, dass ich selbst mit Letraset aufgewachsen bin, war ein weiterer maßgeblicher Faktor, dieses gewonnene Archiv ebenfalls der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Woher nehmt ihr die stetige Motivation für so ein Wahsinnsprojekt? Bei diesen Ausmaßen wurde es doch sicher über Jahre zum Teil eures täglichen Lebens?

Christoph Grünberger: Aufgrund des zeitlichen Rahmens dieses Projektes, der sich über drei Jahre zog, war es ja eine zwingende Entwicklung, dass sich eine Idee, die man verfolgt, ständig verändert und weiterentwickelt. Dies gilt sowohl für die einzelnen Kapitel bzw. deren Struktur und auch für den Anspruch, den man an die Qualität der Illustrationen hat. Man wächst gleichsam in dieses Projekt hinein und beschäftigt sich so Tag und Nacht mit Vektorillustration. Das geht soweit, dass man auch nachts auf der Straße überlegt, wie man den Bagger vom Straßenbauamt am besten in Polygonpunkten nachbauen kann. Die Motivation zieht man zum einen daraus, aus einem Foto die bestmögliche Illustration zu machen. Hierbei genügt es nicht, monoton Punkt für Punkt zu setzen, bis man einmal um die Silhouette gewandert ist. Man kann das Foto lediglich als Start betrachten, der nach einer groben Skizze seine Aufgabe verliert. Tatsache ist, ein Betrachter dieses Buches hat kein Foto als Referenz zum jeweiligen Objekt. Er hat nur eine Silhouette, schwarz auf weiß, und die muss für sich als Grafik stimmig sein und kann sich nicht auf eine Fotoreferenz, die so oder so war, rausreden.

SG: Es existiert kein vergleichbares Werk. Das motiviert. Das Endprodukt lässt sich tatsächlich wie ein Tagebuch lesen. Trotz des formal neutralen Aspekts aller Objekte, besitzt jedes Objekt eine persönliche Geschichte. Die Unterhosen sind zum Beispiel von Mikkel.

Wie groß war das Team? Wie lange und wann habt ihr daran gearbeitet?

SG: Der Plan, das Projekt alleine bereits 2002 zu realisieren, stellte sich rasch als sehr naiv heraus. Neben den täglichen Auftragsaufgaben fehlte schlicht die Zeit dazu. Dank diverser Anfragen hatte ich das Glück, ein Team zusammenstellen zu können, das mir half, dieses Vorhaben innerhalb der nächsten drei Jahre zu realisieren. Das Neubau “Weltmeister” Team besteht aus Sereina Rothenberger, Christoph Grünberger, Mikkel Due Pedersen, Claus Mayr, Benjamin Metz, Joen Szmidt und Stefan Gandl.

Habt ihr euch von Tracing Software helfen lassen?

SG: Absolutes Tabu. Jeder Ankerpunkt und Vektor ist von Hand gesetzt. Sämtliche Bezierkurven wurden meist nachträglich nochmals händisch korrigiert, bis das Endergebnis unseren Ansprüchen entsprach. Nur so ist der hohe Qualitätsstandard von “Neubau Welt” erreichbar gewesen.

CG: Wie in der ersten Frage schon geschildert, kann man die Form, die man auf einem Foto vorfindet, nur bedingt als perfekte Silhouette extrahieren und schwarz ausmalen. Man muss sich, vor allem beim Menschen, schon sehr auf anatomische Feinheiten wie Finger oder Gesichtskonturen konzentrieren, um dem Ganzen in einer nahtlosen Schwarzweiß-Umrisszeichnung, die zum Teil aus tausenden mathematisch verbundenen Punkten besteht, auch noch Ausdruck zu verleihen. Dies kann man auch mit der besten Tracing Software nicht schaffen.

Verrätst du etwas über den Prozess des Nachzeichnens? Welche Tricks habt ihr genutzt?

SG: “Eselsgeduld” ist wohl der große “Trick”. Zunächst wurden von sämtlichen Objekten, viele davon auch noch zu allen Jahreszeiten, Fotos gemacht. Dann war es weniger ein Nachzeichnen, mehr ein “Neuzeichnen”.
CG: Ein weiteres Geheimnis ist sicherlich, bei umfangreichen Objekten nicht den Überblick, bzw. die Nerven zu verlieren.

Kann man überschlagen, wie viele Vektorpunkte ihr insgesamt gesetzt habt?

S: Das Buch beinhaltet 1247 Vektorillustrationen. Wir haben die Ankerpunkte und Polygonanzahl einzelner Objekte für die Kapitelstarter erfasst und im Buch angegeben.
Eine Gesamtzahl kann ich jedoch nicht nennen. Man bekommt jedoch eine ungefähre Vorstellung, wenn man bedenkt, dass ein einzelner Baum in “Neubau Welt” bis zu 82.000 Ankerpunkte besitzt.

Ist das Endergebnis genau das, was ihr euch vorgestellt habt?

CG: In einem Projekt, das sich bis zuletzt weiterentwickelt, hat man nur eine ungefähre Vorstellung davon, wohin die Reise gehen soll. Das Endergebnis liegt auch aufgrund der drucktechnischen Feinheiten wirklich erst mit dem fertig gedruckten Buch vor, da diese vorher nicht zu simulieren sind.
SG: Das Endergebnis ist sogar noch viel besser, weil man es sich jetzt nicht mehr vorstellen muss und man nun endlich damit arbeiten kann. Aber es hätten gerne noch fünfzig Bäume mehr sein dürfen …

Wollt ihr das Projekt weiter ausbauen? Zum grafischen Wiki vielleicht?

CG: Der Grundgedanke von Opensource, bzw. die Vorgabe von freiveränderbaren Vektorillustrationen, die jeder beliebig weiterverändern kann, ist richtig. Mit diesem Buch startet sozusagen der zweite Teil dieses Projektes, in dem die Objekte sich verselbständigen sollen.
SG: Mit “Neubau Welt” liefern wir das digitale Fundament. Von hier an baut jeder “Baumeister” seine eigene Welt. Das, und die virulente Verbreitung durch digitale Zellteilung, ist der spannendste Teil.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply