Die Maschine spricht. Wenn man Nitrada fragt, sollen Maschinen nicht neutrale Gehilfen sein, sondern eigenständige Charaktere mit eigener Stimme. Das leistet in vorbildlicher Verzerrung der Sony Microcassette-Corder M-450. Teil zwei unserer Serie "Ode an die Klangerzeugung".

Nitrada – My favorite Machine
Sony Microcassette-corder M-450

“I would not buy this product again. My unit emits a constant electronic hiss even when all controls are in the neutral position. (…) Avg. Customer Rating: 1.0 / 5.0.”
(Quelle: http://21st-century-home.com/electronics/electronics.pl/item-B00006I5TG/shop.htm)

Grund genug, dieses Gerät zu kaufen! Diktiergeräte müssen dreckig klingen, das Verhältnis zwischen Aufnahme und Nebengeräusch sollte ungefähr ausgewogen sein.

Diktiergeräte sind von Natur aus eigentlich dazu gedacht, nur Stimmen aufzunehmen. Die Mikrokassette kam nach der heute quasi vom Markt verschwundenen handelsüblichen Musikkassette und konnte in Sachen Tonqualität nicht mithalten – ihr Vorteil lag jedoch in den viel kleineren Abmessungen von Medium und Abspielgerät. Soweit ich weiß, gab es von diversen Herstellern Bemühungen, eine Mikrokassette zu schaffen, die den normalgroßen Kassetten in Sachen Tonqualität in nichts nachsteht. Entwicklungen, die wohl durch neue Technologien wie die CD und später die MD frühzeitig gestoppt wurden.

Sicherlich wurden uns dadurch ein paar sehr spannende Geräte vorenthalten. Andererseits lebt die Klangästhetik des Diktiergeräts ja gerade davon, dass keine Aufnahme tatsächlich realistisch dem Originalgeräusch entspricht. Das Gerät mischt sich selbst immer dazu. Es ist als wolle es an jedem auf Band gebrachten Moment teilhaben, indem es seine eigene Empfindung der Atmosphäre einbringt. Eine Eitelkeit, die ich sehr zu schätzen weiß.

Ich habe verschiedene Techniken ausprobiert, Geräusche aufzunehmen: Minidisk mit externem Stereo-Mikrofon (vergleichbar mit dem Diktiergerät, sehr gut gegeignet für unterwegs), Richtmikrofon mit Röhrenvorverstärker, ein uraltes Grundig-Tonbandgerät mit ebenso altem Grundig-Mikro. Das hat alles auch seine Vorteile, aber dennoch bleibt für mich das Diktiergerät unerreicht. Mich begeistert die vom Gerät eigene Interpretation des aufgenommenen Tonmaterials, das überraschende Element dabei. Und das macht es meines Erachtens auch für Songwriting-Zwecke so brauchbar und unausweichlich: Sei es für Einzelgeräusche, die gesampelt und dann weiterverarbeitet werden können, oder für längere Passagen, die fast unbearbeitet dazugemischt werden.

Auf “We Don’t Know Why But We Do It”, meinem neuen Album, habe ich beides getan: So wurden undenkbare Originalgeräusche oder gar reine Nebengeräusche zu Rhythmen oder Flächen. Highlights aus längeren Aufnahmen, zum Beispiel Dialoge fremder Menschen in verschiedenen U-Bahn-Schächten, habe ich zusammengeschnitten und subtil zum Song gemischt. Und es gibt eine Aufnahme einer entfernten Nacht-Baustelle, die ich von meinem Balkon aus mitgeschnitten habe (zu Hören im Intro von “Old Love, New Idea”). Hierfür habe ich synchron mit einem Richtmikrofon und meinem Diktiergerät aufgenommen, um beide Versionen hinterher parallel zu nutzen.

Manchmal habe ich vor Konzerten heimlich Gespräche von Gästen aufgenommen, um diese dann einen Augenblick später in mein Liveset zu integrieren. Hätte ich das mit einem MD-Player gemacht, wäre ich bestimmt durchschaut worden, hätte man doch eventuell Stimmen bzw. Inhalte wieder erkannt. Vielleicht ist es eine gute Idee, bei einem Live-Auftritt Stimmen und Gespräche bewusst so zu integrieren, dass ihre Urheber sie auf jeden Fall erkennen können und dann wiederum die Diskussionen hinterher, ob das jetzt in Ordnung war oder nicht, mit dem Diktiergerät mitzuschneiden und in der nächsten Stadt abzuspielen?

Meine persönliche Liebe zum Diktiergerät ist schon recht alt. Als ich ein Kind war, habe ich mir oft (ohne sein Wissen) das Diktiergerät meines Vaters ausgeliehen. Er hat es damals dazu genutzt, um seiner Sekretärin Texte zu diktieren, und kam mir auf die Schliche, als sich Letztere mal über die Unmöglichkeit, bestimmte Geräusche auf einer Mikrokassette in Worte zu fassen, beschwerte. Ich habe noch ein Tape von früher, dessen Format jedoch leider nicht mit meinem Sony kompatibel ist und mein Vater wollte mir sein Diktiergerät trotz mehrfacher Aufforderungen leider nie vererben.

Damals fand ich dieses kleine Wunderding wahrscheinlich aus anderen Gründen spannend als heute. Alleine die schiere Möglichkeit des Aufnehmens meiner direkten Umgebung und das Ergebnis sofort, aber mit überraschend anderem Klang anhören und weiterverwenden zu können, dürfte mich als 10-Jährigen fasziniert haben.

Wenn ich ehrlich bin und das hier jetzt so lese, hat sich daran bis heute doch nicht wirklich etwas geändert.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply