Ein visuelles Manifest gegen die Vermarktung hyperkreativer Individualität in der Mode

Girl Maske : Shin Murayama, The Beast Within, 2009, © Tine Claehourt.

Um die herrschende Prekär-Kultur ist es recht traurig bestellt: In Berlin als der ultimativen Stadt der Creative Industries drohe aber kein Aufstand, denn es leben dort keine Banker und reichen Leute, die man attackieren könne. Die seien nur am Wochenende zu Besuch, wenn sie Homo Ludens spielen wollen. Kultur werde in der deutschen Hauptstadt nicht mehr als gesellschaftlicher Gegenentwurf eingesetzt, weil sie sich nicht mehr mit traditionellen Formen von Potenzialität auseinandersetzt: Unsicherheit, Angst und so weiter. Stattdessen bedeute Kultur heute: mitmachen.

Homo Ludens
So sieht es jedenfalls der neue Chef der Londoner Tate Gallery of Modern Art, Chris Dercon, im Gespräch mit der Zeitschrift Monopol. Wer die Beobachtung an sich einen alten Hut findet, freut sich dennoch über das Inspielbringen des Homo Ludens. In Gestalt des Projekte-daddelnden, künstlerischen Prekariats werde man früher oder später in seiner eigenen Stadt in der Falle sitzen wie in einem Militärkessel – man werde weder hinein- noch hinauskönnen. So Dercon.

Der Homo Ludens gilt als ein Erklärungsmodell, in dem der Mensch seine Fähigkeiten über das Spiel entwickele. Dort entdeckt er seine individuellen Eigenschaften und entfaltet sich anhand der dabei gemachten Erfahrungen zu dem, was er ist. Spielen ist der Handlungsfreiheit gleichgesetzt und setzt eigenes Denken voraus. Das Konzept fand vor allem 1938 durch den Titel des gleichnamigen Buches von Johan Huizinga Bekanntheit. Am lustigsten und radikalsten wurden derlei Konzepte aber bei Asger Jorn und der Situationistischen Internationale durchgespielt.

Schlecht bezahlte Clowns
Um nun zu merken, dass so ein Zustand gar nicht immer nur geil ist, muss man nur einen Tag in Großraumkreativgewächshäusern oder MacBook-Cafés verbringen. Oder man blättert ein paar Seiten in dem aktuell erschienenen Band ”Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus”. Der von Christoph Menke und Juliane Rebentisch herausgegebene Band behandelt die Gruben und Brücken zwischen ästhetischer Freiheit und postdisziplinärer Flexibilisierung. Im Zentrum steht ein Befund gegenwärtiger Gesellschaftskritik: Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität seien heute die entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilzunehmen.

Das Ergebnis: Der spielerische Umgang mit einer stets wankenden Identität, kaum Geld, einem steten Zwang zur funkigen Selbstvermarktung und dem Verkauf eigener Arbeitskraft ist auf Dauer vielleicht doch nichts. Die so genannte Digitale Bohème erscheint in diesem Licht als lausiger Treppenwitz der erweiterten postindustriellen Gesellschaft verhärteter Machart.

Ende einer Epoche
Mode wird stets als der Spiegel ihrer Zeit verhandelt. Mit Blick nach Paris muss man heute allerdings sagen: Die aktuell von der Gesellschaft verlangte Verspieltheit findet in der Mode keinen Widergänger. Sie zeigt statt dessen ein Bild absoluter Aufgeräumtheit, in dem der Tod Alexander McQueens und der Abflug John Gallianos symbolisch zu fassen sind. Sie bezeichnen das Ende einer Epoche. Die Mode der beiden Designer stand auch für das Klischee von der Mode als Maskenball, in der in halbjährigem Turnus neue Identitäten, Faltenwürfe und historistische sowie retrofuturistische Theatraliken durchexerziert wurden. Galliano selbst inszenierte sich mal als Gentleman, mal als Torero und dann wieder Pirat. Die fantastischen Kostüme dieser Designer sind nun einer weiblichen Uniform gewichen. Wenngleich nicht militärisch, und auch nicht in der Art eines 80er-Wall-Street-Chic.

An die Stelle der Modekünstler rückt eine neue Generation von Designerinnen, die ein wohlakzentuiertes, elegantes, klassisches Ideal von Schönheit präsentiert, das identitätstechnisch einem pragmatischem Realismus genügt. Statt Exzesse, Diskretion. Streng, aber nicht spröde. Phoebe Philo entstaubte mit diesem Konzept die Marke Céline, Hannah McGibbon als ihre Nachfolgerin bei Chloé und Stella McCartney bleibt wie sie ist. Ihre Mode vereint sanfte Pastellfarben, Minimalismus, zurückhaltende Schnitte und pointierte Weiblichkeit.

Das Spiel mit Charakteren und Masken überlässt die gerade abgefeierte Mode offenbar der Popkultur, den ausgeklügelten Verkleidungsstrategien Lady Gagas oder auch Janine Rostron aka Planningtorock. Im Interview in diesem Heft sagt sie zum Titel ihres Albums W: ”Ich finde es interessant, dass W im englischen Double You ist. Denn wir alle haben mehr als nur eine Seite an uns, sind mehrere Charaktere, wenn wir es zulassen.”

Kein Spielzeug
Nun kommt aus einer ominösen Organisation für Modeforschung aus Griechenland mit dem Namen ATOPOS ein neuer Denkanstoß, ein visuelles Manifest. Die albernen und grotesken Wesen, die in dem Band ”Not A Toy – Fashioning Radical Characters” versammelt sind, sie fragen laut und bunt, warum man denn nicht alles um einen herum benutzt, um seine Identität und Gestalt zu morphen und zu transformieren. Der in Zusammenarbeit mit der Pictoplasma veröffentlichte Bildband zeigt eine internationale Szene aus jungen wilden und schon etablierten Designern wie Bernhard Willhelm, Issey Miyake, Gareth Pugh und Henrik Vibskov, denen die barocke visuelle Geste nicht abgeht. Sie dehnen den Körper, geben ihm Kanten, und staffieren ihn aus. Sie machen das Gesicht zur Maske, den Körper zur Skulptur und verändern die menschliche Gestalt. Als Vorbild dienen Avatare und Animismus, japanisches Cosplay, globale Cartoon Characters und sicher auch Michail M. Bachtins Konzept der Karnevalisierung, des gesellschaftlich geduldeten Tabubruchs, in dem ansonsten gültige Hierarchien aufgehoben würden – und seiner Vorstellung des ”grotesken Körpers”, dessen Leibhaftigkeit und Vergänglichkeit Bachtin gegen die stilisierte Glätte des antiken Ideals auszuspielen sucht.

Es wird aber auch an große Momente erinnert: Etwa 1997, als die Japanerin Rei Kawakubo so entscheidend den guten Geschmack verletzte und den Models, Quasimodo­Style, einen Buckel machte, die Hüften vergrößerte und allerlei Blasen, Kanten und klinisch zu behandelnde Kurven an ihren Körpern installierte. Außerdem Martin Margiela Nylon-Strumpf-Masken und Walter Van Beirendoncks Latex-Masken.

Paul Graves und Joe Fish, Fashion Monster Lacoste, 2006, © Paul Graves.

Revolution des Selbst
Van Beirendonck, der belgische Avantgarde-Designer der ersten Stunde, der zuletzt etwa die orange Garderobe für die Männer der Antwerpener Müllabfuhr entwarf, und in den 90ern mit seinem Label W. & L. T Rave-Klamotten designte, er benutzt, ganz anders als etwa Galliano das immer tat, niemals die Modegeschichte als Referenzlager, aus dem er aktuelle Kollektionen zusammen sägt, sondern versucht bis heute neue Formen zu finden, um mit Kleidung zu kommunizieren.

Nachdem die Straße als Laufsteg-Initiator durch das allzu perfekte Zusammenspiel aus Streetstyle-Fotografie und H&M-Mode zersplittert ist, wäre es zwar noch verfrüht, die virtuelle Welt als absoluten Ideengeber für zeitgenössische Mode zu bestimmen. Wenn es allerdings soweit ist, werden sich in diesem Buch die Anfänge dafür finden lassen. Viele Figuren und Kleidungsvorstellungen in ”Not A Toy” sind bestürzend einfallslos, unsubtil, klischeehaft, albern und blöd, im großen Ganzen markiert es aber einen brachialen Anlauf dazu, die kulturelle Selbstbestimmung wieder ins Spiel zu bringen. Es geht ja letztlich darum, den Homo Ludens wieder von der Gestalt des Homo Oeconomicus zu entkoppeln.

Dieses Buch mit albernen Kleidern ist ein Manifest dafür, Mode wieder ernst zu nehmen, wenn man so will, als eine Form von Biopolitik, aber auch als eine Möglichkeit der permanenten Revolution des Selbst.

Issey Miyake und Dai Fujiwara, Zoo-Teddy Bear, A-POC, 2001, © Marcus Tomlinson.

Der Bildband “Not A Toy” erscheint im Mai bei Pictoplasma Publishing.

“Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus” von Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Hg.), ist im Kadmos Verlag erschienen.

http://www.publishing.pictoplasma.com
http://www.atopos.gr

5 Responses

  1. terry bell

    haha diese chichi-diskurse von den ganzen comme des garcons tunten gehen mir echt am arsch vorbei..

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