Das Portrait eines der wichtigsten Kuratoren einer neuen Internet-Kunst zum Status des Bildes

"Version", video stills (2010)

Oliver Laric ist Mitbegründer von Vvork, ein Format, dass gleichzeitig Bildblog, fortlaufende Ausstellung und Archiv darstellt. Laric gehört damit zu den wichtigsten Kuratoren einer neuen Internet-Kunst. Seine Videoarbeit Versions (2010) stellt im Stile eines Essayfilms grundsätzliche Fragen zum Status des Bildes nach der Einsicht seiner unendliche Manipulierbarkeit. Verbindliche Konzepte des Echten und Authentischen haben sich damit endgültig erledigt.

In der Arbeit von Oliver Laric, geboren 1981 in Innsbruck, aufgewachsen zwischen München, Wien, Tokyo und mittlerweile in Berlin wohnhaft, verflechten sich zwei Spuren zeitgenössischer, medialer Kunstproduktion: digitale Linearität versus organische Vernetztheit, Verschaltung versus Verfilzung. Zum einen betreibt er mit Aleksandra Domanovic, Christoph Priglinger und Georg Schnitzer seit 2006 Vvork, ein Bildblog, auf dem einmal täglich eine Arbeit gepostet wird, der aber tatsächlich auch ein Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst ist. Eine Sammlung mit inhaltlicher Architektur, so als hätte Moholy-Nagy eine barocke Wunderkammer konzipiert. In seinen eigenen Video- und Medienkunstarbeiten setzt Laric sich mit diesen Ordnungsprinzipien des Bildes, der Zeitlichkeit und Historizität, dem Original und der Originalität der Fälschung auseinander. Seine jüngste Arbeit “Versions“ (zu sehen auf oliverlaric.com) demonstriert das an schlichten Bildern und Edits, unterlegt von einer so neutralen Sprecherstimme, dass der Betrachter kaum weiß, ob ein Text-to-Speech-Programm spricht oder eine Stimme, die versucht, wie eines zu klingen.

Echte Spur
In “Versions“ betreibt Laric eine ganz eigene Archäologie der schwirrenden Bilder: aus der Geschichte wird das Geschichtete. Laric hat diese schichtweise Sichtweise konsequent ins Zentrum des Videos gestellt und nimmt, begleitet von der nüchternen, didaktisch führenden Erzählstimme klandestine Bohrungen durch die Konzepte von Fassungen, Übersetzungen und Layern vor. Als Zeit- und Raumschicht dient ihm dabei etwa das Spiel zwischen Replikant und Signifikant in alten Disney-Filmen, bei denen oft über Jahre hinweg dieselben Animationsbögen verwendet wurden: immer gleiche Bewegungsabläufe in den immer gleichen Räumen, ob Mowgli im indischen Dschungel oder Christopher Robin in Winnie The Poohs Welt. Was animiert wird, wird reanimiert. Die Stimme verfolgt diese Spur weiter durch die Bilderstürmerei, frühe Fotomontagen à la Muybridge und Marey, bis hin zu Photoshop-Layern und digitalen Relikten zwischen iranischem Raketentest und WMD. “Als Modell gefällt mir die Spur“, erzählt Laric, “im Chinesischen bedeutet ‘original’ wörtlich ‘echte Spur’, also permanenter Beta-Status ohne Endpunkt. Spuren überschneiden sich, werden leicht verwischt und generieren so ein produktives Spielfeld.“

"Versions", video stills (2010)

Auf der anderen Seite
Vvork als auch oliverlaric.com könnten von der Spielfeldgestaltung her kaum simpler sein. Die rhizomatische Struktur – wie sie vor mittlerweile mehr als zehn Jahren etwa Mark Tribes Netzkunstportal rhizome.org von Deleuze/Guattari übernommen und implementiert hatte – ist in die Risse der Benutzeroberfläche entwichen. Die heilsversprechenden tausend Plateaus, auf denen Tribe damals Netzkunst produzierte, stattfinden und sich vernetzen ließ, werden von einigen hegemonischen Plattformen plattgeformt. Das Netz und die Produktion darin entwickelt seine Spannung heute einerseits durch Partizipation und Zerstreuung und andererseits durch Regulation und Bündelung. Wir bewegen uns fast nur noch entlang Googles geheimer Page-Rank-Algorithmen, die eine neue Eigenlogik zwischen Suchen und Finden hervorgebracht haben. Auf der anderen Seite gibt es Seiten wie vvork.com, die sich intuitivere Ordnungsprinzipien zunutze machen, auf denen man findet, ohne zu suchen. Laric beobachtet in den letzten Jahren sehr richtig, dass “das Internet zu den Internets wird, wie es George W. Bush, wenn auch unwissentlich, postuliert hat.“ Das war 2004 und die Einschätzung erfüllt sich seitdem prophetisch selbst.

Pencil of Nature
Larics Geschichte der Bilder als Medien beginnt in “Versions“ erst mit der Reappropriation der Bilder nach dem reformatorischen Bildersturm und vor der Bilderflut, die uns spätestens seit der Erfindung der Fotografie überschwemmt. Larics theoretische Überlegungen in “Versions“ entwickeln eine Spannung zwischen technischem Bild als Artefakt und sogenannten Acheiropoieta, “nicht von Menschenhand gemachten Bildern“, wie dem Grabtuch von Turin oder der frühen Fotografie, bei der, wie man glaubte, der “Pencil of Nature“ die Natur ganz von selbst ins Bild einschrieb: “Acheiropoieta sind meine Lieblingsbilder“, meint Oliver Laric, “da sie sich jeglicher Kritik entziehen. Sie sind die einzigen Bilder bei denen sich Bilderstürmer nicht beschweren dürfen. Höhere Wesen nehmen die Verantwortung auf sich und opfern sich zu unseren Gunsten. Vielleicht lässt sich die kollektive Bildproduktion auch in diese Kategorie stecken. Es geht mehr um die unantastbare Idee als um das Subjekt (cloud computing). Bei Übersetzungen gibt es einen ähnlichen Transfer der Verantwortung. Die Übersetzung ignoriert persönliche Restriktionen, da an Ideen der Anderen gearbeitet wird.“ 

"Versions", video stills (2010)

Ins Schleudern geraten
Befinden wir uns also immer noch im Zeitalter der Repräsentation und wenn ja, zu welchem Ausmaß? Oder haben wir den “Iconic Turn“ hinter uns, seit wir in die algorithmische Zeit technischer Bilder eingetreten sind, in der Bilder in letzter Konsequenz immer nur Text sind? In “Versions“ überlagern sich Bild und Text, werden füreinander Palimpsest, dem wir uns nur noch über (Re-)Interpretation nähern können, wobei wir möglicherweise ins Schleudern geraten. 

Laric: “Was das Schrift-Bild-Verhältnis angeht, bin ich mir sicher. Marti Hearst prophezeit eine Entwicklung der Schrift zu einem Hobby oder Fachsystem für Spezialisten, wie etwa Notare. Der reguläre Verbraucher informiert sich durch Ton und Bild. Der Prozess beginnt langsam durch reduziertes Schreiben, abgelöst durch akustische Informationseingabe. Videos können bereits im Schnelldurchlauf ohne grobe Verzerrung oder Veränderung rezipiert werden. Also noch schneller und effizienter. Laut Hearst werden manche Länder mit geringer Lese- und Schreibfähigkeit die verbreitete Verwendung von Schrift einfach überspringen, wie in manchen Ländern Festnetz oder VHS übersprungen wurde. Wenn das so oder ähnlich passiert, wird Übersetzung wohl noch präsenter.“ 

Auf genau diese Art ist Laric selbst Übersetzer und setzt als kybernetischer Steuermann über den Informationskanal, der das Rhizom unterspült hat: 

“Die Figur des Rhizoms könnte durch Überlagerung mit den verwandten Begriffen ‘cloud computing’ und ‘peer to peer’ erneuert werden. Diese Trinität würde eventuell zu einem verfrühten Eintreffen der Singularität führen, wohl auch zu einer hysterischen Angst vor der Degradierung des Individuums zum Werkzeug einer rhizomatischen Wolke. Als Maskottchen für dieses Modell schlage ich eine Kombination aus Voltron, T1000 und Barbapapa vor.“ 

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