Orient und Okzident in einem Debüt


Der türkische DJ und Produzent Onur Özer will den Menschen und dessen Kultur hinter der Musik hören. Und so würzt er seinen trippigen, soundtrackhaften Minimal-Techno mit den orientalischen Klängen seiner Heimat. Jetzt erscheint sein erstes Album auf dem Berliner Label Vakant.

Es gibt dieses Bild vom Bazar in Istanbul. Wuselnde Händler, die an einem sonnigen Wochenendtag neben Touristen-Schnick-Schnack und Kitsch David- Hasselhof-Kassetten an ihren Ständen verticken. Das hier ist das Tor zwischen zwei Welten. Westen meets Osten, auf plakativem Niveau. Denn wenn man in der vermeintlich europäischen Großstadt Istanbul nach westeuropäischer Importware in Sachen elektronischer Musik sucht, läuft man sich die Flip-Flops wund. In der 16-Millionen-Stadt finden sich Kinos, Cocktailbars, Shopping Malls und Strandbars zu Hauf. Einen Plattenladen sucht man dabei vergebens. Vielleicht ein Grund dafür, dass die DJ-Sets von Onur Özer so entscheidend frisch und interessant klingen.

Der Mensch dahinter

Seit 1999 ist Onur als DJ aktiv und sucht sich seitdem seine Platten in den Mailorder-Shops dieser Welt. Eine sehr introvertierte Art des Plattenkaufens, ohne vertrauensvolles Gespräch mit dem Dealer, ohne den Charme des Plattenladen-Abhängens, aber mit dem stundenlangen Beschäftigen von Musik, fernab von Öffnungszeiten. Das Internet macht nicht zu. Bei einem Gig fragen sich immer wieder bekannte DJs, was das für ein Stück sei. Onur Özer hortet seine Platten wie einen Schatz. Final Scratch, ein No-Go. Nach einer EP auf Freude am Tanzen und drei auf Vakant, hat er jetzt auf letzterem sein erstes eigenes Album “Kashmir“ releast. Das ist mindestens eine genauso persönliche Angelegenheit wie seine Plattensammlung. Es oszilliert zwischen Osten und Westen, Techno und Istanbul, analog und digital.

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De:Bug: Du bist ein DJ aus einer Stadt ohne Plattenladen. Wie geht das?

Onur: Das geht, wie du siehst. Ich verbringe trotzdem die meiste Zeit damit, Platten zu finden, obwohl das hier eine echte Aufgabe ist. Aber in jede Stadt, in die ich komme, gehe ich in den lokalen Plattenladen, egal ob er gut oder schlecht ist. In Istanbul hatten wir selbst zu den Hochzeiten der Szene, zwischen 1998 und 2004, nie einen guten Plattenladen wie Hardwax oder Freebase. Aber es stört mich nicht. Wenn ich unbedingt einen Plattenladen will, buche ich mir einen Flug nach Berlin und gehe dort shoppen. Außerdem ist das für mich kein Grund, etwas zu verändern. Ich bin ein DJ. Seit 1999. Das ist mein Beruf. Deshalb würde ich auch nie mit Final Scratch oder anderer Software auflegen wollen. Ich liebe Vinyl.

De:Bug: Wie war die Szene denn vor 2004 in Istanbul?

Onur: Die Szene in der Türkei war der deutschen damals sehr ähnlich. Es war zwar kleiner hier, aber man konnte es immerhin vergleichen. Alle großen DJs aus Deutschland kamen nach Istanbul, um hier aufzulegen, aber dann, so um 2004, ist es auf einmal schlechter geworden. Es ist nicht so schlimm, aber es ist lange nicht mehr so gut, wie es hier früher einmal war. Warum? Keine Ahnung. Es ist unerklärlich.

Familien-Bande

De:Bug: Darüber musst du dir aber nicht so viele Gedanken machen. Du bist ein Mitglied der Familie Vakant und bringst jetzt dort dein Album raus. Was ist besonders an Vakant, dass du exklusiv dort veröffentlichst?

Onur: Meine erste Platte habe ich ja auf Freude am Tanzen veröffentlicht. Aber dadurch, dass Alex von Vakant sehr gut mit den Jungs befreundet ist, habe ich Vakant ein Demo geschickt und bin so Teil dieser Familie geworden. Es gibt einige Labels in Deutschland, die wie eine große Familie funktionieren. Und es ist sehr schwierig, Teil dieser Familie zu werden. Das ist aber sehr gut so. Wenn du einen bestimmten Track hörst, kannst du direkt sagen: Ah, das ist ein Vakant-Release. Außerdem mag ich es persönlich bei meiner Musik nicht, sie auf zu viele Labels zu verteilen. Wenn ich auf einem anderen Label veröffentlichen würde, würde ich das wahrscheinlich momentan nur unter einem anderen Namen machen.

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De:Bug: Dein Sound ist kein klassischer Dancefloor-Minimal. Besonders auf dem Album hört man das noch mal mehr.

Onur: Ich kann nur für mich sprechen, aber meine Musik soll ein bisschen mysteriös, ein wenig orientalisch klingen. Ich finde, dass jeder im Techno seine eigene Kultur einbringen sollte. Manchmal höre ich Tracks, und ich meine das nicht offensiv oder so, aber da höre ich nur den Computer und nicht den Menschen dahinter. Ein Track ist für mich nur spannend und einzigartig, wenn man das Menschliche hört. Und gerade weil Vakant so ein relativ junges Label ist, entsteht dieser sehr eigene Sound, weil wir alle daran glauben, dass jeder Künstler seinen Sound hat und dass nicht alles immer gleich klingen sollte.

Kashmir

De:Bug: Auf “Kashmir“ verwendest du viele Instrumente. Bist du klassisch ausgebildet?

Onur: Es ist nicht so, dass ich als Junge Klavier gelernt habe oder ähnliches. Vielleicht ist es schlecht, dass ich das nicht kann. Aber ich bin trotzdem mit Musik aufgewachsen. Denn wenn man nach Istanbul kommt, hört man immer und überall Musik. Überall hört man Melodien oder orientalische Musik. Dazu kommen auch noch die verschiedensten Sounds der westlichen Kultur. Ich bin ein großer Fan von Pink Floyd. Auch Kraftwerk und Depeche Mode haben mich stark geprägt. Ich versuche immer, die Sounds und die Musik in meinem Kopf zu speichern. Wenn man diese verschiedenen Musikrichtungen dann kombiniert, entsteht eine wirklich fantastische Mischung.

De:Bug: Das Album entwickelt das noch einmal weiter, als es auf deinen EPs schon zu hören ist.

Onur: Ein Album ist etwas ganz anderes, als eine EP. Bei einer EP ist mein Ziel ganz klar der Dancefloor, wie verschnörkelt der Track auch noch sein mag. Aber bei einem Album hat man viel mehr Freiheit. Ich finde, man sollte ein Album zu Hause hören können, es sollte musikalisch breiter angelegt sein. Ich wollte zwar keine Geschichte erzählen, aber wenn ich es im Nachhinein höre, erzählt mir jeder Track etwas anderes. Ich habe versucht in jedem Track, in jeder Sequenz, in jedem Sound Erfahrungen zu verarbeiten, Gefühle und Erinnerungen.

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De:Bug: Das stimmt. Das Album ist sehr atmosphärisch.

Onur: Ja, ich nehme auf einem ProTools-HD-System auf und das gibt mir eine unglaubliche Freiheit, große Dateien zu integrieren. Für das Album habe ich sehr viel Percussions selber eingespielt, auch wenn manche davon Software-basiert sind. Man kann es vielleicht so sagen: Ich bin ein DJ. Was ich auf dem Album versucht habe, mache ich auch bei meinen DJ-Sets. Nämlich musikalische Elemente wie Soloinstrumente oder Vocals über Loops zu spielen. Mein Album und meine Arbeit als DJ sind sehr eng miteinander verknüpft. Das eine ginge nicht ohne das andere und andersherum.
http://www.myspace.com/onurozer

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Elektronische Lebensaspekte.

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