Paul hat eine neue Platte gemacht. Was ist denn da los?

Foto: Ben de Biel

Wenn “Berlin Calling” so etwas wie “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” für‘s Techno-Berlin von heute ist, dann hat Paul Kalkbrenner gleichzeitig die Rollen von Christiane F. und David Bowie gespielt, als Paradedrogenkonsument und Soundtrackstarproduzent in einer Person. Die erstaunlichste Techno-Karriere der letzten zehn Jahre sorgt für Irritationen, nicht zuletzt beim Protagonisten selbst. Ist aber auch eine kuriose Geschichte: solide erfolgreicher Techno-Tschabo aus Berlin spielt irgendwie zufällig und irgendwie schicksalhaft die Hauptrolle in einem Autorenfilm, der völlig unwahrscheinlich zum Dauerbrenner wird und seinen Protagonisten zum Popstar macht, dessen Geschäftsmodell die Gegenwart der Musikindustrie lehrbuchhaft repräsentiert. Wer würde sich nicht am Kopf kratzen?

Jedes Schwein ruft an
Berlin Calling ist dabei in vielerlei Hinsicht Kalkbrenners Menetekel und Self Fulfilling Prophecy. Ohne Zweifel hat die Rolle des Starproduzenten im echten Leben eine Dynamik entwickelt, die Bookings flogen durchs Club-Dach und in die Hallen.
“Als die Sache vor zwei Jahren richtig losging, wusste ich gar nicht, wie mir geschah. Ich war ziemlich lost: allein das ganze Geschreie! Da denkst du erstmal, das geht nicht gut aus …” Ging es dann doch.

Man könnte sogar sagen, dass die familienfreundliche Konzertisierung von Techno Kalkbrenner von den Untiefen des Club-Lebens fernhält. Aber der Hauptstrom ist natürlich auch kein ungetrübtes Wässerchen: “Irgendwann knipst sich der Hype komplett von seiner Entstehungsgeschichte ab und dödelt nur noch aus sich selbst gespeist vor sich hin”, drückte es Paul es bei einem Treffen vor zwei Jahren noch etwas desorientiert aus. Inzwischen weiß er: “Ein Großteil meiner Geschichte hängt mit Faktoren zusammen, auf die ich gar keinen Einfluss habe. Man wird zu einer Projektionsfläche für nahezu alles.”



Truppenbetreuung
Als Projektionsfläche prädestiniert sich Paul auch dadurch, dass er oft nichts sagt, Dinge einfach bleiben lässt und ständig darauf bedacht ist, vermeintliche oder echte Fehler zu vermeiden. Was angesichts des Auftritts in Afghanistan vor Bundeswehrsoldaten verständlich scheint, aber auch die Ambivalenz deutlich macht, die Kalkbrenner ständig begleitet. Über den diesjährigen Afghanistan-Gig will er nicht sprechen. So viel kann man aber wohl sagen: Der Auftritt wurde von keiner vorgesetzten Stelle eingefädelt oder durchgeführt, Kalkbrenner Inc. hat den Auftritt in keiner Weise verwertet und das Dokumentationsvideo der Bundeswehr auf YouTube ist reichlich amateurhaft. Eine öffentliche Inszenierung war dieser Auftritt also nicht und er wurde auch von der Bundeswehr nicht speziell instrumentalisiert. Was hat Paul in Kunduz gewollt, wenn es nicht um PR ging? Da die Vorstellung, dass dieser schlaksige Dude irgendjemand zu soldatischem Ehrgeiz anspornt, ziemlich grotesk ist, lautet die Antwort wohl: nichts. Ist eben irgendwie passiert. Wenn es in jedem zweiten Tatort um die Folgen gewalttätiger Globalisierungs-Trouble wie den Krieg in Afghanistan geht, gehört Truppenunterhaltung vielleicht einfach zur Normalität. Genauso wie es zur Normalität des WM-Sommers 2010 gehört, in Paris im Trikot der deutschen Nationalmannschaft aufzutreten. Dass wir die resultierenden Bilder befremdlich und irritierend finden, bedeutet vor allem, dass wir notorische Nischenhocker sind, während Paul zum Nullpunkt gesellschaftlicher Normalität strebt.

Paul der Hase
Normalität scheint überhaupt etwas verdammt Erstrebenswertes für Paul Kalkbrenner, obwohl oder vielleicht gerade weil seine Popularität sich aus seiner Rolle als durchgeknallter Über-Raver speist, die nicht eindeutig nichts vom echten Paul hat.
Gleichzeitig repräsentiert Kalkbrenner Inc. einen neuen Geschäftsmodell-Prototypen der Musikindustrie. Ein Popstar mit voller Autonomie, Kontrolle und Entscheidungsfreiheit, radikal minimiertem Apparat und einer Million Facebook-Fans, dessen Kerngeschäft das Live-Business ist. Dienstleistungen vom Artwork über Konzertproduktionen bis zum weltweiten Vertrieb werden nach Bedarf eingekauft, oder oft eben auch nicht, etwa wenn es um Werbung und Marketing geht. Wozu braucht man Plakate, Anzeigen und Talkshow-Getingel, wenn das Geschäft via Facebook-Meldung ohnehin brummt? Unnötiges weglassen, das Profil flach halten, Verwicklungen und Fehler meiden, ist auch hier kennzeichnend sowohl für Paul als auch Kalkbrenner Inc. Dabei nimmt das Auslassen, Weglassen und Vermeiden manchmal groteske Dimensionen an, vor allem wenn es ästhetisch im Stillstand mündet, wie auf dem mit Erwartungshaltungen überfrachteten, ersten Album nach Beginn des großen Hypes.

Muss ja
“Icke wieder” wartet mit zehn neuen Tracks, aber keiner Überraschung auf. Abgesehen von der Tatsache, dass es eigentlich keinerlei Zugeständnisse für den Halleneinsatz macht. Keine einzige Vocal-Nummer, wenige mitsummfähige Hooklines, kurz: wenig Hymnenmaterial. “Icke wieder” ist dermaßen unaufgeregt, dass man es als konzeptuelle Absage an jegliche Erwartungshaltung verstehen kann. Es klingt genauso wenig aufregend oder spannend oder euphorisch wie die Entstehungsgeschichte des Langspielers: “Mein Manager hat gesagt, du musst das jetzt machen. Also eigentlich wollte ich ja sowieso, aber ich wollte nicht arbeiten, so ist das gewesen. Ich hatte auf den Touren kaum ein Byte gemacht. Dann habe ich mir ein Studio gemietet und bin in Klausur gegangen. Der erste Monat ist übel. Aber wenn man weiß, dass man muss und erstmal drin ist, dann kommt auch die Motivation wieder.” Allerdings keinesfalls überbordend, das Artwork hält den Ball genauso flach wie die Tracks oder die Titel, die “in einer halben Stunde” aus dem Kumpelwortschatz geplündert wurden, drollige Begriffe wie “Schmökelung”, “Böxig” oder “Breuzen”.

Kalkbrenner Inc.
Nicht, dass Paul keine dezente Rampensau wäre: “Das ist wohl mein Job: Nagelt mich vorne dran, meinetwegen als Galionsfigur! Schickt mich irgendwo hin zum Spielen! Da bin ich eh am besten. Ich wollte schon immer vor der Schule singen und so‘n Quatsch.” Dieses Jahr stehen insgesamt rund 50 Shows an, überwiegend in der Größenordnung jenseits der 10.000 Zuschauer. Die 17.000 Tickets für den Termin in der Berliner Freilichtbühne Wuhlheide gingen so schnell weg, dass ein zweiter Auftritt am folgenden Abend angesetzt wurde, der inzwischen ebenfalls ausverkauft ist. Das macht 2 x 17.000 x 32 Euro für das Ticket ohne VVK = 1.088.800 Euro. Bemerkenswert ist dabei, dass die Massen sich von dem bisschen Paul-Show unterhalten und im Zweifelsfall sogar begeistern lassen: viel mehr als Rumwippen, ab und an theatralisch einen Knopf oder Fader aufreißen oder ein paar Kusshände werfen macht er nicht auf der Bühne. Ein besonders lebhafter Laptop-Live-Act, aber eben immer noch Laptop-Live-Act, also eigentlich das Gegenteil von echter Rampensauerei für ganz große Bühnen.

Der zweite Paul
Kalkbrenner ist nicht der einzige Techno-Über-Paul aus dem Osten. Der andere Paul stellt sich allerdings über weite Strecken als die reine Antithese dar: 2007 saß ein nervöser Paul van Dyk am Chefschreibtisch seines poshen Kudamm-Büros und sagte im Interview Sachen wie: “Es geht darum, kompromisslos das zu machen, wo man hinter steht. Irgendwann stehe ich nämlich vor ein paar Tausend Leuten und muss die davon überzeugen, dass das, was sie in dem Moment hören, die beste Musik ist, die sie in diesem Moment hören können.” Paul K. palavert dagegen genau in die andere Richtung: “Ich sitze gerne an meinem Ableton Live, schnippel an meinen Samples herum, schraube Tracks zusammen. Irgendwann wird das zu einem Brei und fängt an so zu klingen, dass alle sagen: ‘Mensch, das ist der Kalkbrenner!'” Dabei ist Kalkbrenners Low-Profile-Traditions-Techno durchaus für unsereins anschlussfähig, während van Dyks Trance-Soße in staubigen Kellern bestimmt nicht auf die Teller kommt.

Ausgebpitcht
Im Dezember 2009 sitzen wir einem verschlafenen Paul auf der Couch seines Wohnzimmers in Berlin Mitte gegenüber. Ein erster Interview-Anlauf, der sich allerdings weitgehend im Nebel der Ereignisse verliert. Es ist später Nachmittag, draußen wird es schon wieder dunkel, Paul sucht Blättchen, die Lage ist unübersichtlich:

“Man darf nur nicht glauben, die schreien, weil du ein toller Typ bist.”

Eine Portion Größenwahn hat er trotzdem am Leib: “Ich weiß, dass der Film in fünf Jahren nicht nur mit Trainspotting, sondern mit Easy Rider in einer Reihe stehen wird, soviel zu meiner Gigantomanie.” Zu diesem Zeitpunkt ist die Kalkbrenner Inc. erst ein paar Wochen alt, und damit auch der Abgang von Ellen Alliens BPitch-Label:
“(Berlin-Calling-Regisseur) Hannes Stöhr hat die Figur der Labelchefin im Film so angelegt, dass sie möglichst wenig von Ellen hat. Aber dann kommt der Film raus und sie fängt an sich genau so zu benehmen! Ich habe lange geglaubt, sie hätte das Potential von ‘Sky & Sand’ nicht verstanden. Dabei wusste sie es ganz genau und wollte es nur von ihrem Label fernhalten.” Paul verließ BPitch und nahm den Label-Booker mit, der fortan als sein Manager den Aufstieg in immer größere Hallen organisierte: “Das Konzert in der Columbiahalle war so erfolgreich, dass wir im Frühjahr eine Tour durch Hallen machen. Es ist aber auch leicht verdientes Geld, sich hinter den 16-Kanalmixer zu stellen und Dinge zu arrangieren, die man schon tausendmal gemacht hat.” Aus der erfolgreichen Tour durch die kleinen Großhallen resultierte dann das erste Release der Kalkbrenner Inc., die DVD “Paul Kalkbrenner 2010 – A Live Documentary”. Jetzt, ein halbes Jahr später, folgt als zweite Veröffentlichung “Icke wieder”. Anlass genug für einen zweiten Interviewanlauf, dieses mal im Plattenbau-Büro der Kalkbrenner Inc. am Alexanderplatz, wo Paul entspannt auf dem Sofa lümmelt, auf dem er vor dem Gespräch noch schnell ein Nickerchen gehalten hat.

Debug: Reden wir nicht über Musik.

Paul: Im Gegensatz zu früher weiß ich heute, was ich abliefere und brauche niemand mehr, mit dem ich mich “künstlerisch” austauschen müsste. Es ist ja auch nicht wie bei Jonathan Franzen, der neun Jahre depressiv rumhängt, damit er einen Roman rausschreiben kann. Dann macht er drei Lesungen, drei Rezensenten sagen: “Ist ja toll!” und dann geht der Spaß von vorne los. Auf der Bühne wird Selbstsicherheit viel direkter vermittelt, die Menschen schreien, quasi eine direkte Gratifikation.

Debug: Deine Live Acts finden aber auch im Konzertformat statt.

Paul: Natürlich hatte ich große Abende im Club. Aber wie das Hannes mal so schön gesagt hat: “Es gibt auch Leute, die gerne raven gehen, aber um drei auch wieder nach Hause wollen.” Und ich bin in den späten Abendstunden auch viel leistungsfähiger als am frühen Morgen. Auf Festivals verbitte ich mir inzwischen auch, dass es später als drei wird.

Debug: Wenn du Techno-Tracks in einen gänzlich anderen Kontext transferierst, müsste der Sound doch eigentlich anfangen zu fremdeln.

Paul: Mein Sound war groß schon immer besser als klein. Das hätte noch nie im Suicide Circus funktioniert (lacht). Ernsthaft: Fremdelt es nicht eher im Club, wo alle nur mit einem halben Ohr auf der Tanzfläche sind oder an der Bar quatschen? Bei einem ausverkauften Konzert sind alle wegen der Musik. Und Techno an sich ist auch längst zu groß geworden, um nur im Club stattzufinden.

Debug: Es bleibt trotzdem irgendwie …

Paul: … befremdlich? Früher habe ich mich darüber geärgert, wenn es hieß: ’Magst du Techno? Nee! Magst du Kalkbrenner?Jaa!‘ Wenn man an die Szene denkt, aus der man kommt, und auf einmal ohne Referenz dasteht, möchte man es natürlich scheiße finden.

Debug: Heute sagen die Leute eher: Techno, bäh! Elektro, yeah! Paule!

Paul: Das Altersspektrum ist ein ganz anderes geworden. Das ist derart aufgebrochen, das versteht man nicht mehr. Die kommen ja immer mit Mutti.

Debug: Will man diesen Leuten denn überhaupt gefallen?

Paul: Nein. Deshalb gibt es auch kein zweites ’Sky and Sand‘.

Debug: Eher aus Trotz oder Verweigerungshaltung?

Paul: Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, eine gute Show zu machen und nicht irgendeinen Unsinn. Eben nicht wie David Guetta zu werden. Ab einer gewissen Größe fängt es ja an, danach zu riechen. Die Frage lautet: Wie wird man so groß wie Tiesto, ohne Tiesto zu werden? Wie erreicht man diese Größe, ohne sich musikalisch niederster Instinkte zu bedienen, ohne sich vollends zu verkaufen?

Debug: Die Hallen sollen noch größer werden?

Paul: Nicht unbedingt. Aber ich mochte schon immer Festivals, auf denen nicht nur Techno läuft. Und auf einmal ist die Mainstage beim Rock am Ring im Gespräch. Klar, wir haben alle Hände voll damit zu tun, dass dabei nicht zu viel Bullshit kleben bleibt. Wir sagen 98 Prozent der Anfragen ab, wenn es um Werbung geht, eigentlich alle. Auch wenn ich tatsächlich das perfekte Testimonial für Brauns neuen Haarschneider wäre, der Kopf und Bart rasiert: Es ist der Reputation abträglich, von Plakaten oder Pappaufstellern im Mediamarkt runterzugrinsen. Egal wie viel man dabei verdient.

Debug: Für dich dürfte es keinen großen Unterschied machen, ob du vor 10.000 oder 15.000 Leuten spielst. Für die Abrechnung schon. Wird Geld da nicht irgendwann das Maß der Dinge?

Paul: Ich überlege, das Gebummer, das Techno-Ding, in fünf Jahren sein zu lassen, um vielleicht etwas mit einem Tagesrhythmus zu machen, wo ich den Geist ein bisschen mehr anstrengen muss. Aber vor allem, wenn man mal Familie haben will, ist es doch schön, sich vorher Freiheiten erarbeitet zu haben.

Debug: Mit Hit-Verweigerung im Mainstream.

Paul: Ich würde sagen, dass mein Publikum zum tragenden Teil der Gesellschaft gehört. Die gehen Montag wieder zur Arbeit, in der Konservenfabrik oder sonst wohin. Das sind Menschen, die sich sonst nicht treffen würden. Und ich mag es allumfassend lieber als diesen Elitarismus in der Szene. Wenn ich im Weekend spiele, kommt jeder Techno-Tourist rein, der gerade mit Ryanair gelandet ist, sich aber ein bisschen angesagt verkleidet hat. Wohingegen der Raver aus Lübbenau, der noch meine Paul-dB-Platten kennt, leider draußen bleiben muss. Dann doch lieber ein Konzert, wo sich alle, die das wollen, auch ein Ticket kaufen können.

Debug: Auch da entstehen Erwartungshaltungen.

Paul: Der Druck wächst zwar stetig, aber die Kraft, alles in die richtigen Kanäle zu leiten, wächst mit. Mittlerweile gehören wir zu den 15 größten deutschen Marken auf Facebook, zusammen mit Sachen wie Mercedes Benz oder dem FC Bayern. Laut Statistik haben 90 Prozent der Fans 40 Freunde oder weniger, wenn bei denen so etwas auftaucht wie “Paul macht ein neues Album”, nehmen die das auch wirklich wahr. Das ist doch der Vertriebsweg, von dem man immer geträumt hat als autonomer Künstler.

Debug: Ist denn ein Nachfolger von Berlin Calling in Planung?

Paul: Hannes ginge es darum, eine Geschichte nach dem Techno zu erzählen. Wie findet man zu sich selber? Was ist, wenn man 40 ist? Ickarus wird dann wie der Kalki ganz groß und es stellt sich heraus, dass er fünf Kinder auf fünf verschiedenen Kontinenten gezeugt hat. Klar, dass das ein ganz anderer Film werden müsste. Aber die nächsten anderthalb Jahre bin ich sowieso durchgeplant und außerdem kommt es immer anders als man denkt.

Debug: Irgendeinen Plan hat man aber trotzdem.

Paul: Ich weiß, dass ich keine Kollaborationen machen will. Ich will nicht Snoop Dogg erklären müssen, dass David Guetta die falsche Wahl ist, wenn er irgendwas mit Electro-Beats haben möchte. Das mag ich alles nicht. Ich will Konzerte spielen und die Festivals schaut man sich halt genauer an. Und wahrscheinlich schließe ich mich irgendwann wieder drei Monate ins Studio ein und mache ein Album.

Debug: Hört sich wie solides Handwerk an.

Paul: Je älter ich werde, desto mehr komme ich von der Kunstschiene runter. So etwas wie Inspiration oder dass ich ein Erlebnis dazu brauchte, diesen Song zu machen. Bei mir passiert Handwerk, demnach habe ich auch einen Handwerkerstolz. Wie bei Arts and Crafts, Dinge zusammenführen, wie jemand, der virtuos Marmorfliesen verlegt oder ein Dachdecker. Manchmal ist ein künstlerischer Impetus von Vorteil und bei manchen ist der überflüssig.

Debug: Aber wieso wird der echte Handwerker so viel schlechter bezahlt?

Paul: Wieso wird der Busfahrer so schlecht bezahlt, aber der Pilot so gut. Beide haben die gleiche Verantwortung für die Passagiere. Warum bekommt der, der nur sagt, dass er Solar-Panels bauen wird, weil er so viel Grundbesitz hat, 20.000 Euro und der, der eigentlich nur grünen Strom haben will, zahlt für diese 20.000 Euro zum regulären Strompreis drauf?

Debug: Werden wir politisch.

Paul: Das interessiert mich. Da steht noch was auf dem Plan, aber damit halte ich mich vorerst noch zurück.

Womit wir wieder beim Thema wären: Auslassen, Weglassen und Vermeiden. Paul und seine Kalkbrenner Inc. bleiben auch bei eingehender Beschäftigung auf allen Ebenen fluid unpackbar. Bis hin zum Sound. Denn das meisterwartete Techno-Album des Jahres vollbringt das Kunststück, nicht weiter aufzufallen. An diesen Tracks gibt es auch aus avancierter Szenesicht nichts zu meckern, aber warum sich Facebook-Massen in Hallen drängeln, um diesen Sound abzufeiern, bleibt schleierhaft. Die Antwort auf die Frage, was hier eigentlich mit Techno passiert, lautet daher wohl, dass er endgültig in der Normalität angekommen ist. Nicht in der Normalität hysterischer Berliner Wochenenden, sondern in der echt normalen Normalität.

Paul Kalkbrenner, Icke Wieder, erscheint Anfang Juni auf Paul Kalkbrenner Musik/Rough Trade.

12 Responses

  1. automat

    Genialer Artikel. Da schäme ich mich schon fast für meine Momentaufnahme vor einem Jahr: Die zynische Sozialanalyse eine Konzerts von Paul Kalkbrenner auf seinem Höhepunkt: http://ntropy.de/?p=196

    Reply

Leave a Reply