Joy Division, Durutti Column, New Order ... Peter Saville gab diesen Bands ihre grafische Identität, genau wie ihrem Label Factory Records. Mittlerweile arbeitet Saville für die Stadt Manchester als Kreativ-Berater.


Erst Platten, dann Mode, jetzt Städte. Hoppla? An der Figur Peter Savilles kann man festmachen, wie rapide sich die Aufgabe des Designers in den letzten Jahren verändert hat. Mehr und mehr ist Design nicht nur das formschöne oder funktionale Entwerfen eines Objektes. Der Fokus hat sich erweitert. Die Rolle des Designers hat sich verschoben, von jemandem, der eine Form gibt, hin zu jemandem, der eine außerordentlich dynamische Welt neu interpretiert – und dass unsere Welt dynamisch ist und so etwas braucht, daran wird ja wohl keiner zweifeln.

Deshalb ist wenig überraschend, dass dieses Moment im Design in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist: Von Bill “Ideo“ Moggridges Etablierung des Interaction Design über Saville bis hin zur aktuellen Ausstellung “Elastic Mind“ im Design Departement des New Yorker MOMA zeigt sich, dass es heute im Design darum geht, einen Prozess, eine Erfahrung, eine Dienstleistung oder seine Umwelt zu verstehen und neu zu interpretieren.

Aufgabe ist, in der Interaktion die Struktur aufzuspüren und herauszuarbeiten. Gestaltet wird also nicht mehr allein Material, untersucht wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise läuft und wie man es verändern kann. Also was man anders gestalten könnte, damit sich die Dinge verbessern. Eben Städte zum Beispiel. Denn Städte werden heute ja auch nicht mehr gebaut, sie werden bespielt.

Als der Designer und Verleger Tyler Brulée vor etwas weniger als einem Jahr in seinem Magazin “monocle“ die lebenswertesten Städte ausbaldowerte, war folglich einer der Ratschläge an die Stadtkommunen das Ernennen eines “creative directors“. Alle guten Marken, so Brulée, hätten einen “creative director“ mit einer starken Vision, Städte könnten durchaus auch einen gebrauchen. Das klang etwas seltsam in unseren Ohren, doch tatsächlich hatte Manchester damals schon einen. Peter Saville. Was überraschend ist. Denn bekannt ist Saville vor allem als Grafikdesigner, genauer für Albumcover von Joy Division, OMD oder New Order.

Blick zurück nach vorn: Als Jungspund frisch von der polytechnischen Universität Manchester machte er Ende der Siebziger die Bekanntschaft von Labelmacher Tony Wilson und entwarf fortan das Firmendesign von Factory Records. Auf dem Rücken der guten Musik wurde er mit Plattencovern bekannt, die sich um den Markt einen feuchten Kehricht scherten und lieber, statt eine Band anzupreisen, Floppy Discs imitierten, radikal reduktionistisch auf den Bandnamen oder Albumtitel verzichteten und in der Produktion teilweise so teuer waren, dass das Label mit jedem Verkauf Geld verlor, anstelle welches zu machen.

Manchester und Saville verloren sich aus den Augen. Saville zog nach London, entwarf weiter Plattencover, ging später in die Mode, blieb radikal, gründete seine eigene Firma, fuhr sie gegen die Wand, versuchte sein Glück in L.A. und kam wieder nach England zurück. Manchester dagegen wurde als ehemaliger Industriestadt irgendwann klar, dass es an seinem Image arbeiten sollte. Marketing musste her.

Man erfand den Slogan “We’re up and going!“, der in seiner lahmen Mittelmäßigkeit einige engagierte Anwohner so sehr ärgerte, dass sie einen Club namens “McEnroe-Group“ gründeten, nach dem Ausspruch des Tennisspielers “You can’t be serious!“. Sie setzten die Stadt unter Druck, riefen Leute zusammen, die die Kultur in Manchester geprägt hatten, und stießen auf Peter Saville. Im Gespräch mit Mercedes Bunz und David Linderman erklärt der, wie man eine Stadt designt, was die Krux an der “creative industry“ ist und was seine Arbeit von heute mit einem Plattencover zu tun hat.

De:Bug: Was macht man als Creative Director von Manchester?

Peter Saville: Ich verbringe einige Tage im Monat damit, im öffentlichen Sektor zu arbeiten, z.B. im Rathaus in Manchester. Ich versuche, in den Meetings einen anderen Blickwinkel in politische Prozesse einzubringen. Es geht nicht nur um Kommunikationsdesign, ich weise darauf hin, wie die Dinge woanders gehandhabt werden, architektonisch, organisatorisch, im öffentlichen Raum oder dem öffentlichen Transportsystem. Es geht einfach darum, ein wenig Weltwissen einzubringen, von dem die Leute im Gemeinderat wenig Ahnung haben.

De:Bug: Es geht also nicht darum, für Manchester ein Logo zu entwerfen.

Peter Saville: Nein, überhaupt nicht. Es geht um eine Vision, die Richtung, in die die Evolution der Stadt gehen soll. Das ist ein großes Thema – die Regeneration, die Erneuerung der früheren Industriestandorte. Die zentrale Frage ist “Welche Stellung hat Essen, Manchester, Glasgow oder Detroit im 21. Jahrhundert?” Ein Slogan oder ein Logo ist da nicht viel wert, ich halte nicht viel davon. Das BMW-Logo sagt ohne einen BMW unter ihm nicht viel aus. Deshalb ist es für Städte wichtig, sich nicht nur ein Branding zu geben, sondern das Branding mit und in der Stadt selbst zu entwickeln und die Stadt zu verändern.
Es ist beispielsweise schockierend zu sehen, was sie aus Detroit machen. Sie wollen es in ein anspruchsloses Las Vegas umwandeln. Im politischen Sektor hat man oft einfach keine Idee, wie man Orte verändern kann, es gibt zu wenig Querdenker.

De:Bug: Ist Grafikdesign damit mehr als eine Serviceindustrie, weil man heute auch soziale Strukturen entwirft?

Peter Saville: Die Frage ist vielleicht auch: Bin ich noch ein Grafikdesigner? Klar, ich kann Grafikdesign machen, das ist nicht schwer. Aber die Welt um mich herum interessiert mich, genauer was man in ihr verbinden und wie man sie auf diese Weise verändern kann. Momentan spricht man dabei oft von Konvergenz-Kultur und das ist das Prinzip meiner Arbeit. Vor 30 Jahren war ich Roxy-Music-Fan, genau weil sie eben verschiedene Dinge verbunden haben – Mode, Musik und Kunst. Viele Bereiche agieren in sich beschränkt, auf Journalismus, auf Architektur, auf Politik. Ich versuche zwischen diesen Bereichen Verbindungen herzustellen – und so ist meine Arbeit schon immer gewesen.

De:Bug: Ja, Du warst schon sehr früh sehr bekannt für dein radikales Design. Gestatte uns dazu eine persönliche Frage: Denkst du manchmal, es wäre besser gewesen, wenn dieser Ruhm erst später gekommen wäre? So etwas ist ja auch eine Bürde.

Peter Saville: In der Tat muss man eine Möglichkeit finden, auch als 40- oder 60-Jähriger noch etwas Sinnvolles machen zu können. Heute fragen mich die Leute natürlich immer noch, was für Bands und welche Plattencover ich mag. Offen gestanden: Ich habe keine Ahnung. Ich bin 52 – und ich habe meinen Vater damals auch nicht gefragt, was er von David Bowie hält. Es ist geradezu peinlich, dass viele glauben, man könnte immerfort in dieser Popkultur-Blase leben. Von daher bin ich ganz froh, wenn ich dem Gemeinderat in Manchester zur Seite stehen kann. Das ist eine Arbeit, die ich als 50-Jähriger vertreten kann, ohne dabei eine Meinung über das aktuelle Coldplay-Album zu haben.

De:Bug: Tatsächlich hast du hast vor einigen Jahren mehr oder weniger aufgehört, als Grafikdesigner zu arbeiten, und dich stark auf die Kunst konzentriert. Aber kann man nicht auch in der Privatwirtschaft querdenken? Mike Meirés Projekt “The Farm“ für Dornbracht Armaturen ist ja beispielsweise auch ein politisches Statement. Er benutzt den Klienten zur Kommunikation.

Peter Saville: Mein Problem mit “The Farm” ist, dass es am Ende dann doch darum geht, überteuerte Wasserhähne zu verkaufen, für Leute, die sonst nichts zu tun haben, als 200.000 Dollar für ein neues Badezimmer auszugeben – ich kann das sagen, wir sind befreundet und ich habe ihm das auch schon selbst gesagt. Mike kann das ignorieren, diesen Gegensatz, der zwischen dem Profitstreben einer Firma und der Kunst herrscht. Ich nicht. Ich kann die Idee nicht ertragen, Kunst zu verwenden, um ein Business zu legitimieren.

De:Bug: Das klingt ganz schön nach Anti-Establishment …

Peter Saville: Am Anfang war ich das gar nicht! Ich war ein verwöhnter Bengel aus einer Mittelklasse-Familie und im Gegensatz zu einigen Leuten aus der Factory, die aus der Arbeiterklasse in Manchester kamen, hatte ich keine politischen Ängste. Was heißt: Ich hatte keine negative Einstellung zum Establishment bis ca. 1990. Dann entdeckte ich die unmoralische Seite des Kapitalismus. Ich war erschüttert; Kapitalismus als Ausrede für gesellschaftsfeindliches Benehmen, für ignorante, preistreiberische Geschäftemacherei, das hat mich zutiefst abgestoßen.

De:Bug: Warum in den 90er Jahren? Weil das genau die Zeit war, in der Kapitalismus massiv in den kreativen Bereich vorgestoßen ist – Stichwort “creative industries”?

Peter Saville: Genau. Das war also die Zeit, in der sich mein Blick auf die Geschäftswelt verändert hat.

De:Bug: Damals bist du auch mit deiner Firma Peter Saville Associates insolvent gegangen.

Peter Saville: Gut, meine Art zu arbeiten, war noch nie profitorientiert. Das funktionierte eine Weile und als die Rezession kam, ging es nicht mehr auf. Ich habe aber auch einfach kein Interesse an Leuten, die nur dafür leben, Geld zu machen. Es stört mich nicht, wenn jemand mit einer Idee Geld verdient, an die er glaubt. Aber was passiert, wenn man nur an das Geld denkt, zeigt sich in der kaputten Gesellschaft, wie sie sich in London inzwischen manifestiert hat. Ich meine, die Financial Times hat ein Beiblatt, das einmal im Monat erscheint, “How to spend it”! Gib es für eine Security-Kamera und ein großes Tor aus, denn das wirst du in dieser Gesellschaft brauchen! So polarisiert sich die Gesellschaft zwischen denen, die zu viel Geld haben, und denen, die nicht genug haben. Will man in so einer Gesellschaft leben?

De:Bug: Nur was kann man als Designer dagegen unternehmen?

Peter Saville: Nicht viel, leider. Die so genannte kreative Industrie ist ja damit im Einklang. Mir ist es ein einziges Mal gelungen, das auf den Kopf zu stellen. Yohji Yamamoto, der Chef einer Modefirma und ein Freund von mir, hatte damals, mitten in der Rezession, die gleiche Einstellung zum Irrsinn teurer Mode. Er hat eine Modekollektion aus Holz entworfen, die man nicht tragen konnte. Ich habe sie mit einer Kampagne begleitet, die den Titel “Game Over” trug und damit als Message das Ende der Luxusindustrie proklamierte. Und wir zeigten in ihr nicht einmal die Mode, sondern Stock-Fotos von Bildagenturen. In der Firma war man entsetzt, aber Yamamoto war ja schließlich der Boss. Nach der dritten Saison wurde es dann trotzdem gestoppt.

De:Bug: Aber trotzdem war es ein Geschäft, du warst der Autor für einen Auftraggeber …

Peter Saville: Stimmt, aber es war trotzdem eine recht einmalige Sache. Meine Arbeit für Manchester ist da irgendwie anders: Die Stadt ist meine Heimat, und die Leute, die dort leben, profitieren von meiner Arbeit. In meinen Augen sind sie in diesem Projekt die Aktionäre. Daher habe ich auch kein Problem mit dieser Arbeit, auch wenn sie ziemlich langweilig ist.

De:Bug: Was hältst du von Tyler Brûlée, wenn er von Stadtdesign spricht?

Peter Saville: Ich bin mir nicht sicher, wie viel Tyler von Städten versteht. Ich weiß, dass er sich mit Flugzeugen auskennt – er hat ja “Swiss Air“ gestaltet. Aber zu Städten gehört mehr dazu. Es gibt viel mehr Probleme, die es zu bewältigen gilt. Städte sind die Manifestierung von Werten der dort ansässigen Menschen. Wenn man sich einen Ort anschaut und nicht beeindruckt ist, dann ist man vermutlich auch von den Einwohnern nicht beeindruckt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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