Es gibt immer noch den schwarzen Block. Und Breakcore gibt es auch. Beides verlangt Berufung. Du bist dabei, oder du bist draußen. Heute sind wir mal dabei.

Ohne Scheuklappen auf die Zwölf
Phantomnoise und Alphacut – 100% Fakecore

Drum’n’Bass ist Punkrock, vielleicht auch Rock’n’Roll, manchmal Breakcore. Man entwirft seine eigenen Schlagwörter. Plum&Bass, Shakecore, BleepHop. Der Gewinner heißt Fakecore. Alexander Dreyhaupt aka Alex Dee und Axel Weber aka LXC feiern zusammen den Strukturbruch.

Alex Dee: Niemand ist mehr daran interessiert Strukturen aufzubauen. Nach den 70er Jahren, nach Punk, nach DIY ist so viel da, was genutzt werden kann. Das wird zerstört, indem es nur konsumiert und nichts zurückgegeben wird. Es entsteht zwar Neues, aber nichts Bleibendes. Wir sind also in einer Zeit aktiv geworden, in der es eigentlich schon alles gab. Trotzdem waren wir mit dem Vorhandenen nicht zufrieden.

Ab 1994 sandte Alex Dee seine Demo-Tapes an Gleichgesinnte seines über Tapes erschlossenen Netzwerkes. Die erste Vinyl-Veröffentlichung auf dem Grazer Breakcore-Label Widerstand Records folgte nach zahlreichen “Trash Tapes“. Naivität gepaart mit Selbstbewusstsein ermöglichte es ihm auch, aus einem 800-Einwohner-Ort bei Leipzig eine Basis aufzubauen. Selbst die Gründung seines Labels, das im Oktober letzten Jahres noch “Label Of The Month“ bei John Peel wurde, passierte auf dem Dorf: Phantomnoise – eine Plattform nicht nur für sich selbst, sondern auch für Current Value, Mimaku Spldat, e.stonji, LXC, Thee Vaporizer u.v.a.

Während Alex Dee Gitarre lernt und Punkrock hört, genießt LXC eine klassische Musikausbildung mit Geige, später Bratsche und bleibt beim frühen Drum and Bass hängen. PC-Basteleien entstehen noch vor dem ersten Kontakt zur Szene. Seit Anfang letzten Jahres drehen nun die Alphacut-Splitsingles ihre Runden, im Plattenladen vermutlich unter “Hard Experimental Uptempo Breakbeat“ zu finden.

LXC: Vorwiegend suche ich nach jungen, frischen Leuten, was auf dem Musikmarkt eigentlich Selbstmord ist. Überraschungsmomente und Selbstironie in der Musik sind mir wichtig. Es geht um Entertainment. Das Konzept ist DIY: handmade in Leipzig, handnummeriert, handgestempelt. Mit einer White-Label-Philosophie kommt die frische Musik schnellstmöglich auf die Plattenteller. Endlosrillen und weißes Vinyl geben dem DJ Futter. Alphacut vereint sozusagen die spritzigsten Ideen aus 15 Jahren Vinylkultur.

2000 über das Netz zueinander gefunden, nutzen sie seitdem mit ihrer Partyreihe “Strukturbruch“ die Synergie von Breakcore und Drum and Bass, was jeweils allein nicht mehr funktionierte. “Fakecore“ bildet letzten Endes den gemeinsamen Nenner.

LXC: Breakcore war ein bunter, wirrer Mix aus allem Möglichen, was eben “core“ war. Irgendwann wurde aus diesem Wirrwarr dann eine Musikrichtung und die Leute haben nur noch “Breakcore“-Platten aufgelegt. Es wurde Zeit für Fakecore.

Alex Dee: Elektronische Musik ist grundsätzlich erst mal inhaltslos. Du musst sie füllen, hast aber nicht viel Zeit. Am Ende bleibt der Songname und irgendwelche Parolen, die du von dir gegeben hast. Die Leute stricken dir daraus dann sofort dein Selbstbild und erzählen dir, wie du denkst. Das ist ein Problem. Da ich kein Buch schreiben will, setze ich lieber jemandem den Begriff “Fakecore“ vor die Nase und er kann selber daran rumknabbern.
LXC: Es gibt kein Kontra gegen irgendwas, kein Konzept, nach dem jemand leben oder denken soll. Es geht nur darum, den Schalter im Gehirn wieder zu bewegen. Eine leere Schublade, die sich jeder selber füllen kann. Es passt sehr gut in die heutige Zeit, weil alles totanalysiert ist.
Alex Dee: Breakcore war für mich persönlich schon immer Fakecore und ist auch meiner Meinung nach in der musikalischen Herangehensweise als solcher geborgen. Ein solch radikaler und scheuklappenfreier Umgang mit Sampling und musikalischen Einflüssen war neu. Demnach ist Fakecore für mich persönlich die Rückgewinnung einer Idee – einer Haltung, immer natürlich ganzheitlich betrachtet, niemals auf musikalische Elemente reduzierbar.

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Elektronische Lebensaspekte.

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