Die Popkultur ist endgültig im offiziellen Kulturkanon angekommen. Statt die coolere Realität oder sogar der revolutionäre Gegenentwurf zu sein, ist Popkultur heute auch die offizielle und im Wortsinn amtliche Realität.


Seit Barack Obamas MySpace-Wahlsieg ist die Popkultur endgültig im offiziellen Kulturkanon angekommen: Wenn der wichtigste Job der Welt mit den aktuellen Popkulturtechniken vereinbar ist, stellt die Popkultur keine Alternative mehr dar. Statt die coolere Realität oder sogar der revolutionäre Gegenentwurf zu sein, ist Popkultur heute auch die offizielle und im Wortsinn amtliche Realität. Die Popkultur der letzten 50 Jahre wird damit zur neuen Klassik und ihre Zeichensysteme zur offiziellen Betriebsanleitung der Weltentzifferung.

Die Entwicklung, der wir uns bereits mit zahlreichen Beiträgen wie dem zur Verschwinden der Jugendkultur (De:Bug 124) gewidmet haben, ist an ihrem Nullpunkt angekommen. Schuld hat natürlich wie immer dieser Tage das Internet. Oder, wenn man Mercedes Bunz fragt, der Kapitalismus. Denn der habe sich der Pokultur als Kontext frech entzogen und damit den Pop gezwungen erwachsen zu werden. Die Details und warum Popkultur in ihren besten Momenten immer noch eine Herausforderung des Bestehenden darstellt, erklärt Mercedes Bunz ab Seite 19. Davor widmet sich ab Seite 14 aber noch eine illustre Runde der Frage, was die neue Rolle der Popkultur und das Internet für den Popdiskurs bedeuten: Der Kurator und frühere Spex-Redakteur Christoph Gurk, der Schriftsteller Rainald Goetz, Techno-Vordenker, DJ und Blogger Tanith und René Walter vom Nerdcore-Blog, der zu den populärsten im deutschsprachigen Raum zählt.

Der zunächst arg angestaubte Begriff Popdiskurs stand am Anfang der Diskussion, weil er auf den zweiten Blick ein elementarer Teil der Popkultur war. Die Verschachtelung von Kulturindustrie mit ihrer Kritik, dem Heraufbeschwören diskursiver Strategien anhand von Soundkategorien und dem subkulturellen Gefüge, Biographien, Sehnsüchten, Befreiungsmomenten und der Aufklärung über Pop selbst hat die Popkultur, die seit über 50 Jahren wie ein Zug durch unser Kulturverständnis gefurcht ist, zu dem gemacht, was sie heute ist: Feuilleton, Hochkultur, Theorie, akademische Disziplin sind letzten Endes unabdingbar.

Die seit zehn Jahren vorherrschende Krise der Musikindustrie, im Sinne von Jacques Attali vielleicht gar der Vorbote der heute Überhand nehmenden Finanzkrise, hat allerdings auch den Popdiskurs und seine Vertreter genauso hart getroffen wie die medienökonomische Mainstream-Opposition. Der Dämon der Digitalisierung, die Entmachtung der Kulturindustrie, die Demokratisierung der Produktionsmethoden und vor allem die Entkapitalisierung der “Ware” Musik lässt Adorno, Cultural Studies und Deleuze im wahrsten Sinne des Wortes nur noch als Fußnote erscheinen.

Nicht nur, dass seit zehn Jahren Lösungsansätze zur Krise gesucht werden. Auch wird auf zahlreichen Kongressen (Dancing with myself, Club Transmediale, Audio Poverty) weiterhin mit dem Werkzeugkasten der alten Subkulturtheorie versucht, das zu greifen, was allen längst über den Scheitel hinausgewachsen ist. Scheint das nur so oder blickt mit dem klassischen Bild der Musikindustrie auch tatsächlich die Pop-Linke und der Popdiskurs seinem Ende entgegen? Haben sich nicht sogar die Utopien aufgelöst, indem wir von der Komplexität der digitalen Gegenwart eingeholt wurden?

Wo Politik noch früher anhand des Vehikels Popmusikkultur abgehandelt wurde, scheinen sich die Inhalte heute immanent zu verhalten. Hat Popmusik keine Agenda mehr? Oder hat sich der Diskurs auf die Medien selber verlagert? Hat Popmusik seinen Stellenwert als Allgemeinplatz, als ein verbindender, Sinn stiftender Zusammenhang verloren? Antworten gibt es auf den folgenden Seiten.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply