Verstopfte Tubes und Pipes? Ein Fall für Gott-Klempner Super Mario

Das Netz ist in letzter Zeit wahnsinnig “open” geworden, gleichzeitig sind aber neuartige Grenzen entstanden. Die Protokolle, mit denen das Web2.0 jetzt doch noch zu dem werden soll, wovon wir von Anfang an geträumt haben, tragen verwirrende Namen wie “Pubsubhubbub” Auch sonst ist die Lage unübersichtlich. Sascha Kösch hat sich eine Machete geschnappt und einen Trampelpfad durchs Dickicht der Zukunftsszenarien geschlagen.

Das Versprechen von Web2.0 hieß: offene Kommunikation mittels Web-Services, quer über die verschiedensten Plattformen. Ein Netz, das eher aus Bausteinen als aus Webseiten besteht. Der Mashup-Wahn hat aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass immer mehr neue Grenzen gezogen werden, die soziale Netzwerke trotz offener Schnittstellen (APIs) in geschlossene Festungen verwandeln. Als Brückenbauer treten dagegen Lifestream-Technologien wie Activity Streams, Salmon, Realtime-Technologien wie Pubsubhubbub oder auch Identitäts-Technologien wie XAuth an. Allein schon verwirrend genug, ist zudem nicht klar, wie das neue Spiel funktioniert und vor allem: Wer spielt mit?

Aber die Verwirrung scheint unvermeidlich, denn anders als bei der Definition für den neuen Webstandard, HTML5, gibt es für die Technologien dazwischen, sozusagen den Kitt, der unsere sozialen Netzwerke miteinander kommunizieren lässt, nicht diese eine Instanz mit Definitionshoheit, sondern ein Amalgam von sich überlappenden neuen Technologien, die manchmal sogar offen sind, aber nie frei von Interessen. Und zu verwirrender Letzt sind die neuen Protokolle, mit denen das Web2.0 doch noch zu dem werden könnte, wovon wir von Anfang an geträumt haben, allesamt ziemlich neu und damit ihre weitere Entwicklung schwer vorherzusagen.

Oberflächlich betrachtet hat man das Gefühl, im Netz tut sich derzeit wenig. Web2.0 haben wir alle so weit verinnerlicht, dass wir uns zumindest ein Web ohne soziale Netzwerke nicht mehr vorstellen können. Aber wenn nach der MySpace-Sucht die Facebook-Sucht kommt, dann ist das nicht wirklich ein Fortschritt, nur weil Facebook besser weiß, dass man ein paar Schnittstellen öffnen muss. Neulich, auf der F8-Konferenz für Facebook-Entwickler, war das Trara groß. Facebook ist jetzt überall. Das Like-Button-Netz. Öffnung ist toll. Einbahnstraßen – und genau so wirkt das von Facebook lancierte Protokoll Open Graph zunächst – weniger.

Wir haben viele Analogien und Metaphern gehört in den letzten Jahren. Das Netz soll wahlweise aus “tubes” oder “pipes” bestehen, oder gleich eine per se verschwommene “cloud” sein. Wenn all das zutrifft, wäre es jetzt Zeit, den Gott-Klempner Super Mario anzurufen. Denn das Gestrüpp von Protokollen, Methoden und Services ist mittlerweile so unübersichtlich geworden, dass man eigentlich schon in der Grundschule mit dem Lernen anfangen müsste: Ob und wie offene Protokolle im reellen Internet wirklich zu einer Öffnung führen, welche persönlichen Daten von da nach dort tingeln und wie man das steuern kann. Denn eigentlich ist das Netz wahnsinnig “open” geworden. Die Usability dieser “Openness” ist hingegen auf dem Stand eines Rechners, den man noch über ein Terminal bedienen muss.

Identitätskrise facen
Von all den Ideologien, die das Web2.0 transportiert hat, und die auch alle nach wie vor expandieren, hat sich die soziale Metapher schnell so weit in den Vordergrund gedrängt, dass der soziale Identitätskrieg, auf den wir zusteuern, unausweichlich scheint. Mit OpenID und ähnlichen Methoden sollte eine Weile lang klar gestellt werden, dass Identität im Netz frei sein kann, wir uns überall mit anderen Orts definierten Identitäten einloggen können. Schluss mit lästigen Login-Prozeduren. Tatsächlich hat das irgendwie funktioniert. Google, Facebook, Microsoft, Yahoo, Paypal, Verisign … wer ist eigentlich nicht bei OpenID dabei? Man kann sich selbst auf Facebook mit OpenID einloggen. Ein Traum von Web2.0 verwirklicht?

Jein, denn man muss wissen wie. Tut aber letztendlich niemand. Und was bringt es einem, wenn man seine Identität von einer Webseite zur nächsten mitnehmen kann, aber alles andere (etwa Freunde) zurückbleibt? Facebook hat das Problem erkannt. Einfach sein, Dominanz durch Masse erzeugen, dann alles bestimmen und die Identitätskrise mit einem deutlichen “meins” beenden. Nicht zuletzt deshalb wurden Facebook-Logins auf anderen Webseiten immer beliebter, obwohl man doch schon OpenID hatte, denn damit sind auch alle Freunde von Facebook mit auf den anderen Seiten und können bequem nachvollziehen, was man so treibt. Und das Facebook-Protokoll Open Graph geht noch weiter, denn damit wird jede beliebige Webseite zu einem Objekt in Facebook, ein Spielball der schweigenden Mehrheit. Nutzen könnten den Open Graph letztendlich alle, einen echten Mehrwert aber bringt er nur den Akteuren, die schon alle bei sich versammelt haben, also Plattformen, auf denen der soziale Druck alles Preis zu geben, so groß geworden ist, dass man sämtliche Vorlieben eben dort konzentriert.

Letztendlich ist Open Graph nicht viel mehr als die soziale und etwas sortiertere Variante der Google Web History. Ein Marketing-Traum, ein Privacy-Dilemma, aber die User wollen das. Denn soziales Netzwerk heißt nicht nur, dass man sich mit seinen Freunden vernetzt, sondern, dass man selber für so viele wie möglich zugänglich ist. Soziale Identität hat ein inhärentes Potential, auf Maximierung des kulturell-sozialen Kapitals ausgerichtet zu sein, so wie dominante soziale Netzwerke immer darauf ausgerichtet sind, möglichst viel Information in ihren Datenzentren zu bunkern, und davon nur das absolut Notwendige wieder rauszulassen. Ein schwarzes Loch, das sich als ein Platz an der Sonne tarnt. Haben wir jetzt genug von Identitäten? Nö.

Die – natürlich wieder mal “offene” – Plattform Xauth (Extended Authentication), die unter anderem von Google, Microsoft, Myspace und Yahoo unterstützt wird, geht zum Beispiel einen ganz anderen Weg. Statt das Netz in die Anziehungskraft des einen sozialen Planeten zu bringen, bringt es die Netzwerke, in denen man sich rumtreibt, in den Browser-Einstellungen mit. Jenseits davon bleiben persönliche Daten unangetastet. Eine Webseite, die man besucht, weiß so, ob es überhaupt Sinn macht, einen mit Facebook-Like-Buttons oder sonstigem sozialen Zierrat zu überfrachten, ob das Geplapper all dieser Services auf einer Webseite für einen selber überhaupt Sinn macht. Minimalismus statt sozialem Streuselkuchen. Eine schöne Welt konzentrierter Information, die nur dann funktionieren wird, wenn auch die mitmachen, die so groß sind, dass sie davon ausgehen können, dass ihre Empfehlung- und Link-Buttons sowieso da sein müssen.

Klar ist, warum Google sofort dabei war. Denn man sucht im Netz schon lange nicht mehr zwingend über Google. Traffic wird immer mehr durch Empfehlungen erzeugt. Links bei Facebook, Twitter oder sonstwo. Das Prinzip “Ich hab was tolles gefunden” ist mittlerweile ebenso stark wie die Suche selbst. Der universelle Trendscout im Link-Ringelpiez, der wir alle geworden sind, darf, wenn es um Google geht, ruhig mal wieder selbst was suchen. Auch tiefer im Stream der Informationen abtauchen. Denn so Realtime das Netz auch schon jetzt ist, so sehr Push mittlerweile Pull abzulösen droht: Die Technologien brodeln zwar, aber sie sind noch zu frisch, um uns über diesen Gegensatz komplett hinwegzuhelfen.

Wahrsagung: Push it again
Es ist gefühlte Jahrzehnte her, da prophezeite “Wired” ein Netz, in dem Push regiert. In dem wir nicht wie bislang das Netz als jemand betreten, der freie Entscheidungen von Link zu Link trifft, aus Suchmaschinen die Information herausdestilliert, sondern in dem uns das alles sofort geliefert wird. Das war 1997 pure Prophetie, zielte eher auf einen Informationsstrom ab, der irgendwie gefährlich in Richtung Broadcasting tendierte, weg von der many-to-many-Ideologie, zurück zu den Massenmedien. Und niemand hätte sich ausmalen können, wie das heutzutage unter ganz anderen sozialen Vorzeichen zu einer der treibendsten Momente im Netz wird. Von Googles Vorschlägen bei der Suche bis hin zum scheinbar harmlosesten Video von Freunden gepostet, alles im Netz ist auf dem Weg, in einem Netzwerk des Jetzt konsumiert zu werden.

Eine der Informationsschaltzentralen der Web2.0-Ära schlechthin, Feeds, RSS, Atom, die mittlerweile so alt scheint, dass man Menschen, die den halben Tag im Google Reader verbringen, fast schon als Profis bezeichnen muss, ist z.B. auf dem Weg zum Realtime-Element. PubSubHubbub als Technologie will dafür sorgen, dass Feeds nicht nur alle X Minuten (gähn) gezogen werden, sondern sich prompt melden, sobald sie etwas Neues haben. Notifikationen nicht nur auf dem iPhone, sondern auch von Server zu Server. RSS Cloud wollte das gleiche. Feeds waren immer schon schnell, aber nicht mehr “jetzt” zu sein, ist aktuell einfach nur noch lahm. Erst seit letztem Herbst sind die Realtime-Protokolle für Feeds auf den Plan getreten, schön offen und dezentralisiert, und der Schub, den das einer Streamifizierung des Netz geben könnte, ist immer noch nicht abzuschätzen. Alles pusht auf Richtung Echtzeit. Alles drängt dahin, “Stream” zu werden.

Der Zirkel der Echtzeit im Netz ist allerdings komplizierter als im Rest der Realität. Alle wissen: Information von gestern ist schal wie Sushi mit Gammelfisch, andererseits sucht man weniger, sondern lässt sich Dinge empfehlen und vorschlagen. Dann wiederum ist Information von Freunden viel mehr wert als von anderen, und deshalb frischer. Man könnte das soziale Netzwerk auch als eine komplexe Maschine definieren, in der der Status durch das langsame Träufeln scheinbar heißer Information abgebildet wird, und am untersten Ende die stehen, die nur noch wiederholen, was alle schon wissen, oben aber nicht unbedingt die neuste Information steht, sondern die, die sie am effektivsten Verbreiten. Und diese Verbreitung des Streams ist erst ganz am Anfang.

Activity Streams ist einer dieser neuen Protokolle, die dafür sorgen wollen, dass all das, was so durch unser soziales Netzwerk strömt – denkt an die “Most Recent Taste” bei Facebook – nicht nur via Feeds geöffnet ist, sondern einem bestimmten Protokoll folgt. Was bedeutet, dass man die Streams verschiedener Services verbinden kann. Alles kann so in eins fließen. Der große Strom deiner Freunde. Nicht dass man nicht jetzt schon kaum noch durchblicken würde, aber so hat man wenigstens die Wahl, wo man durchblickt, und kann alles an einem Ort an sich vorbeifloaten lassen. Toll, aber da geht noch was. Genau: Action Streams. Denn es ist nicht nur Information, die im Stream fließt, sondern man macht auch was. Als Erweiterung von Activity Streams diesen März erfunden, wäre es mit Action Streams etwa möglich, Event-Einladungen in Facebook zum Beispiel auf Twitter zu akzeptieren. Aber auch das geht weiter, denn wenn einzelne Elemente des Streams erst mal bestimmte Aktionen transportieren können, nicht mehr nur schöne Objekte zum ansehen sind, dann ließe sich letztendlich ein Netz denken, dass Freunde diversester Netzwerke aus ihren Ghettos holt und überall dort mit einem interagieren lässt, wo man gerade ist.

Zurück in den Strom
Und wie blickt man jetzt noch durch wo was her kam und wieso? Da war doch noch eine Technologie. Genau. Salmon. Wie Lachse ihren Ursprung zurückverfolgen, gibt Salmon einem Feed einen Ursprungsort mit, zu dem man immer wieder auf allen Plattformen zurückkehrt. Eine Diskussion über eine Webseite, die auf Twitter angefangen hat, zu Facebook und Buzz weiter lief, führt so nicht mehr nur zu vier verschiedenen völlig unverbundenen Diskussionen, die man selbst kaum noch verfolgen kann, sondern wird zu einem Strang gebündelt. Bislang notgedrungen natürlich nur von offenen Kommunikationen. Und dann findet auch wieder alles zusammen, was eigentlich zusammen gehört, und die Zersplitterung, zu der die Explosion der sozialen Netzwerke geführt hat, ist wieder ins Machbare und Überschaubare implodiert.

Lange Rede, kurzes Fazit: Welche der beschriebenen Protokolle sich in den nächsten Jahren wie durchsetzen werden und ob die Hoffnungen diesmal erfüllt werden, oder einfach andere neue Problematiken auftauchen, wird sich erst zeigen müssen, an den Tools für ein besseres Netz mangelt es jedenfalls nicht.

Salmon
Dient der Zurückverfolgung einer Diskussion auf mehreren Social Networks)
http://www.salmon-protocol.org

Activity Streams
Einheitliches System für Statusmeldungen, die so quer über soziale Netzwerke hinweg gebündelt werden können.
http://www.activitystrea.ms

Open Graph
Macht jede Webseite zu einem Objekt in einem sozialen Graphen, vornehmlich bei Facebook.
http://www.opengraphprotocol.org

Pubsubhubbub
Wandelt Feeds wie RSS und Atom in einen Realtime-Stream um.
http://www.code.google.com/p/pubsubhubbub

XAuth
Zeigt jeder Webseite, auf welchen Social Networks Du dich rumtreibst.
http://www.xauth.org

Open-ID
Offener, dezentraler Provider für Online-Identität, über den man sich nahezu überall mit einer URL einloggen kann.
http://www.openid.net

Fotos: Ji-Hun Kim

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

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