Hipster und Deutschrap: Olson, Cro & Co.

Eine ganze Generation junger Rapper steht derzeit bereit, die Vorherrschaft des deutschen Gangsta-Raps ein für alle mal zu beenden. Vordergründig eint sie ein Look aus Röhrenjeans, Karohemden und Nike Dunks, der dem dezidiert breiten Körperbild der Gangster-Rapper eine schmale Silhouette entgegensetzt. Auf der Textebene gibt es statt polygamem Machismus und Hustle vor allem Treueschwüre an die Freundin gepaart mit jeder Menge Zukunftsängsten. Und zwischendurch werden Cults oder Bloc Party gesamplet.

Ein Haufen weiblicher Models fährt auf Cruiserbikes Richtung Skatepark, eine der Damen bewegt die Lippen zu einem relaxten HipHop-Track mit Namen “Easy” und am Ende stoßen alle mit Red Cups an. So in etwa sieht es aus, das Video, mit dem der Stuttgarter Rapper Cro beinahe aus dem Nichts einen amtlichen Hype generierte. Von Bravo bis ZDF interessierte sich auf einmal jeder für den dürren, großen Jungen mit der Panda-Maske, dessen kostenloses, ebenfalls mit “Easy” betiteltes Mixtape den Server seines Labels für einige Tage außer Gefecht setzte. Das Video und die Maske mit dem umgedrehten Kreuz auf der Stirn bedienen sich der Bildsprache des amerikanischen Odd-Future-Kollektivs rund um Tyler, the Creator und Frank Ocean, die wiederum stark an die Skater-Ästhetik der späten 70er angelehnt ist. Der große Unterschied ist, dass Cros Musik so ganz anders daherkommt als die schizophren-gewalttätige Welt, in der die Odd-Future-Wölfe hausen, denn in der läuft alles irgendwann auf blutige Bilder hinaus. Zu Cro will das Kreuz auf seiner Stirn gar nicht passen. “Die Welt ist zwar scheiße”, sagt er, “aber scheiß drauf, ich bin ein positiver, lebensbejahender Mensch und laufe mit einem Lächeln durch die Welt. Etwas wirklich Böses oder Trauriges habe ich bisher nicht erlebt, deshalb kann ich darüber auch nichts schreiben.” Die Lyrics auf “Easy” und seinem ersten, wiederum kostenlosen Mixtape “Meine Musik” befassen sich vor allem mit tollen Frauen, die manchmal aber auch schwierig sein können, schlecht bezahlten Jobs mit verständnislosen Chefs, Kiffen, Partys und optimistischen Zukunftsvisionen, in denen statt Klapprad irgendwann mal Mercedes gefahren wird. Das Ganze rappt Cro über selbstproduzierte Beats mit Indie-Samples. Weil er aber auch negative Geschichten in fröhlich-verkiffte Sonnenschein-Songs packt, ist sein Debütalbum “Raop” selbstverständlich für den Sommer angekündigt, und erscheinen wird es auf Chimperator, einem Stuttgarter HipHop-Indie. Ab Mitte April geht es mit den Rap-Kollegen Ahzumjot und Rockstah außerdem auf die jetzt schon ausverkaufte “Hip Teens Wear Tight Jeans”-Tour.

Neben “Crockstahzumjot” werden in der Diskussion um die Zukunft des Deutschrap immer wieder vor allem die Namen Olson, kaynBock, P.R.Z., eou, Emkay und Weekend genannt. Fragt man einen von ihnen, was sie verbindet, ist die erste Antwort meist tatsächlich: “enge Hosen.” Im Macho-geprägten HipHop-Mainstream scheint dieser gängige Großstadt-Look tatsächlich noch identitätsstiftend und gar ein bisschen provokant zu sein. Tatsächlich interessieren sich die hippen Rap-Teens, die eigentlich alle schon Twens sind, aber nicht nur für Mode, sondern vor allem für ein Themenspektrum, das mit ihrer eigenen Lebenswelt mehr zu tun hat, als der für das letzte Jahrzehnt so stilprägende Koks-und-Nutten-Aggro-Rap.


Foto: Peter Schings

Geschichten aus der Mittelschicht
“Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem man wusste, dass viel Koks getickt und große Wagen gefahren werden”, erklärt Olson, “ich glaube, dass die Leute jetzt einfach Lust auf einen etwas frischeren und ungezwungeneren Rap haben, mit dem sie sich besser identifizieren können. Bei Rappern wie Cro und mir finden sie vieles, was sie selbst beschäftigt, auch wenn es sich dabei oft nur um Luxusprobleme handelt.” Olsons Geschichten aus der Mittelschicht – inspiriert vor allem vom Aufwachsen im Düsseldorfer Vorort Kaarst – klingen dabei allerdings ganz anders als die von Cro. Seine Tracks handeln zwar ebenfalls gern vom Party-Alltag, werden aber nicht bierselig und gut gelaunt vorgetragen, sondern klingen wie der samstägliche Kater, bei dem man sich selbst reumütig schwört, nie mehr zu trinken – und es am Abend doch wieder tut: “Wir sind so jung, zukunftslos / Haben nichts zu feiern / Aber hindert uns nicht”. Diesem uralten No-Future-Credo trat der Gangsta-Rap noch mit einigem Gehustle entgegen, Aggro Berlin entsann eine Welt bestehend aus großen Brüsten, dicken Autos und fetten Partys, finanziert mit dem Geld aus Drogendeals, Zuhälterei und Plattenverkäufen. Die netten Jungs mit Abitur und Respekt vor Frauen sehen das alles eine Spur realistischer, so heißt es selbst beim sonst so optimistischen Cro: “Doch ich weiß ich werd nie / Wirklich reich über iTunes, Likes oder Beats / Also scheiß auf Musik”. Der Rap-Nachwuchs verdient sein Geld stattdessen lieber mit schlecht bezahlten Nebenjobs und investiert es dann vor allem in Nike Dunks, Cheap-Monday-Jeans, durchzechte Nächte, Apple-Produkte und natürlich die Finanzierung der Rap-Karriere, die eher noch Geld frisst als dass sie welches einbringt.
Um die Ausgaben gering zu halten, bleibt man bei Mutti wohnen und fragt sich, was man bloß mit seinem Leben anfangen soll. So oder so ähnlich ging es auch schon Generationen von Rappern vor ihnen, doch die flüchteten sich allzu oft in harte Images, ironischen Spaß-Rap oder besserwisserische Sozialkritik. “Diesen erhobenen Zeigefinger mag ich gar nicht”, erzählt Olson, “man hört ja raus, dass ich exzessives Feiern, Drogen und Polygamie nicht gut finde. Ich sage aber nicht plump, dass Drogen schlecht sind, sondern erwähne sie und zeichne ein Bild davon. Was man damit dann macht, ist jedem selbst überlassen.” Naturalistisch könnte man das wohl nennen, vielleicht aber auch einfach authentisch.


Foto: Freehand Profit

Dezentrale Eigenbrötler
Während Olson vor ein paar Monaten nach Berlin gezogen ist – “das große Musikgehirn, zu dem alle Musiknerven hinlaufen”, wie er selbst sagt -, geht Cro gerade wieder seiner Mutter auf die Nerven, die im ländlichen Raum vor den Toren Stuttgarts ein großes Haus mit Tonstudio im Keller bewohnt. “Da entstehen eigentlich immer die besten Songs”, erzählt er, “der Trubel des Stadtlebens liegt mir nicht. In Berlin kann man jeden Tag irgendwas machen. Ich glaube, man kann dementsprechend auch schnell abdriften und sich im Meer an Partys verlieren.” Das mag ein Mitgrund dafür sein, dass die Post-Gangsta-Generation aus allen Teilen Deutschlands zu kommen scheint – nur nicht aus der Hauptstadt. Und eben weil es sich um ein so dezentrales Phänomen handelt, eint seine Protagonisten ein ausgesprochener Hang zu Selbstständigkeit und DIY: Viele der jungen Rapper machen von den Beats und Produktionen über die Layouts bis zu Merchandise und Vertrieb alles selbst. Auf der Facebook-Page von Ahzumjot beispielsweise präsentiert dieser stolz das Foto eines Wäscheständers in der heimischen Wohnung, auf dem seine frisch gedruckten Fan-Shirts trocknen. Ihre im Alleingang produzierten Alben vertreiben er und Rockstah über den Digitalvertrieb YouTunez. Dabei sind die jungen Rapper nicht unbedingt Kontrollfreaks oder Universalgenies, sondern vor allem angewiesen auf Eigeninitiative. Olson dagegen gibt Layouts und administrative Aufgaben gern aus der Hand, trotzdem sagt er: “Ich war immer ein Eigenbrötler und wollte auch nie in irgendwelchen Crews sein. Ich wollte meine Vision immer alleine durchsetzen und als eigenständiger Künstler verstanden werden.” Dass er derzeit vor allem als ein Hipster-Rapper unter vielen wahrgenommen wird, macht ihn dementsprechend nicht unbedingt glücklich. Zur Emanzipation soll vor allem ein neuer Sound beitragen. Den hat Olson nach eigener Aussage zwar bereits gefunden, weitere Album-Details verrät er aber nicht. “Wir stehen damit noch ganz am Anfang und wollen sehr viel Liebe und Zeit hineinstecken, um am Ende ein Produkt zu haben, hinter dem wir stehen und für das wir auch Geld verlangen können, ohne dass hinterher jemand sagt, dass es das nicht wert ist”, erklärt er. Die Ziele von Berufsoptimist Cro sind da schon eine Spur höher gesteckt: “Ich will etwas Großes und vielleicht Neues schaffen, das wäre ganz cool – aber wenn das so einfach wäre, hätte ich es natürlich schon längst gemacht.”

http://www.chimperator.de
http://www.iheartolson.de
http://www.ahzumjot.de
http://www.rockstah.de

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12 Responses

  1. blup

    die ganzen vbt rapper würd ich jetzt mal nicht mit der neuen rap-welle über einen kamm scheren. da gibts zwar bei manchen parallelen aber so ganz dasselbe ist das nicht.

    und zu “polygamem Machismus” empfehle ich mal Cro – (N)one-Night-Stand zu hören oder traumfrau

    eigentlich muss man sagen, dass es die alternative rapszene schon immer gab, nur sie stand eben nie in der öffentlichkeit

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  2. nrsk

    meine ständige empfehlung wenn es um guten dt. rap geht…mit wirklich innovativen und anspruchsvollen inhalten und beats:

    Thomas Pyrin – http://www.pyrin.de/

    auch er Teilnehmer am VBT (lest über seine Haltung dazu auf seiner homepage)…

    Und nicht vergessen: Don`t believe the Medienmaschine 😉

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  3. Gabriel

    ist es wirklich notwendig über so n scheiss zu schreiben? das hat weder mit innovativer musik zu tun noch sonst was… GROSSES MINUS! sowas hätt ich vlt von raveline oder nem ähnlichen wurstblatt erwartet…

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