Raz Ohara ist zurück. Gemeinsam mit Oliver Doerell hat der dänische Sänger, den Kitty Yo mit seinem Hit "Reality" 2001als Bastard aus Prince und Nick Drake verkaufen wollte, das Songwriter-Album dieses Winters geschrieben. Für ihren ersten Auftritt suchten sich Ohara und Doerell die Berliner Bar 25 aus. Und das passte. Lieder über die Schönheit und den Schmerz des Abschieds an einem Ort, den es vermutlich bald nicht mehr geben wird.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 118

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Raz Ohara and the Odd Orchestra

Der gute Geist der Bar

Das mit den Geschichten ist ein echtes Problem. In diesem Schuppen. Unter den Bäumen. Bei der Schaukel über dem Fluss, auf der jetzt keiner mehr sitzt und betrunken vor sich hinbaumelt. An diesem komplett traurigen Ort. Und das Wasser der Spree suppt dunkel und gefährlich an ihr Ufer. Das wird eine Schlammschlacht, hat der Dany von der Bar gesagt.

Oliver Doerell und Raz Ohara sitzen vor dem Kamin, das Feuer züngelt zwischen den Scheiten nach oben, man kann es röcheln und knallen hören. Auf dem Tisch steht eine Flasche Rotwein, sie kommt von draußen, wo man Rotwein in dieser Jahreszeit eigentlich unter gar keinen Umständen mehr lagern sollte. Es ist brutal kalt geworden. Im Winter ist die Stadt Berlin erbarmungslos, sie macht keinen Unterschied zwischen Menschen und Dingen. Alles friert sie irgendwo fest. In Wohnungen, auf Parkbänken, vor hässlichen Kaufhäusern und Technoclubs. Die beiden Musiker wärmen sich, sie sind erfahrene Menschen, nicht nur was den Winter angeht. Sie haben gesehen, genommen, gesungen und geliebt. Sie sind keine zwanzig mehr. Trotzdem sind sie jetzt ein bisschen nervös. Ab und zu springt einer von ihnen auf und ändert eine Kleinigkeit an den Instrumenten. Meistens ist es Raz Ohara. Kannst du mal kommen bitte. Ein bisschen mehr Bass, mehr Höhen, sollten wir nicht den Lautsprecher da hinten – Kannst du das nicht bitte so spielen, wie wir es geübt haben, ja? Ihr erstes gemeinsames Konzert: Es beunruhigt sie, dass ihr Label es so groß angekündigt hat. Das sollte doch privat sein. Für Freunde und was sonst noch so an diesen Ort findet. Diesen besonderen und jetzt plötzlich auch gefährdeten Ort, den sich ein paar Menschen auf einer Schutthalde hinter der Berliner Mauer zusammengezimmert haben. Die seit einer Woche von ihrem Vermieter gekündigte Bar 25. Eine Schlammschlacht wollen sie sich liefern. Wirklich optimistisch klingt das nicht. Besonders ist der Ort nicht nur, weil er nächsten oder übernächsten Sommer vielleicht vergessen ist, wie das WMF und das Deli und die Dönerlounge und so viele andere Clubs, die es irgendwann mal in Berlin gab. Besonders ist er auch, weil er Raz Oharas Zuhause ist. Die Menschen hier nennt er seine Familie. Stolz und seltsam faselig erzählt der Mann mit dem Dreitagebart und der dunkelblauen Kapitänsjacke von seinen Erlebnissen in der Bar. Von den Geschichten, die hier noch irgendwo zwischen den Sofas rumliegen müssen. Den Partyleichen, die vergessen und nie abgeholt wurden. Er erzählt: Wie sie ihn und die anderen Mitglieder des Clans hinter den Tresen lassen, dass es das sonst nirgendwo gibt, hinter den Tresen gelassen zu werden, und dass es – hinter diesem Tresen, was wirklich besonders ist – einen mystischen Bauwagen gibt, in dem die Luzi aber so richtig abgeht. Er sagt: “Über Grenzen hinausgehen und schauen, was dann noch kommt, das finde ich toll.“

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SCHRECKLICH ABGEFUCKTE CRAZYNESS

Das mit den Geschichten ist ein echtes Problem, hatte ich gesagt. Eine liegt da unten in diesem kalten Wasser zwischen Bierflaschenscherben und weichem Matschsand. Wie Timos Lieblingsbrille da reinfällt. An seinem Geburtstag. Und wie alle rumstehen und Timo vielleicht gar nichts mehr sieht und plötzlich ganz nüchtern wird und keiner ihm hilft. Bis Johanna, die schöne große Frau, da einfach runtertaucht, obwohl ihr Körper nur noch kribbelt und krisselt vor lauter Party. Wie nackt oder angezogen, weiß ich schon gar nicht mehr. Und das ist absolut typisch für hier: Bar25 ist das Gegenteil von Erinnerung. Ein Amnesieverein. Je mehr Zeit du hier verbringst, desto mehr wirst du vergessen. Das ist das Problem. Die strukturelle Blödheit aller Geschichten: Sie können sich nicht selbst erzählen.

Oliver Doerell streckt seinen langen Körper auf einem grauen Kunstledersessel mit Brandlöchern aus. So große, schöne Hände wie die da sieht man selten. Das sind Pianistenhände, irrtümlich an einem Produzenten angewachsen. Auch Oliver Doerell scheint sich wohl zu fühlen an diesem Ort. Das gedämpfte gelbe Licht, die rauen Holzbretter, die Tapeten, die Kronleuchter und Statuen, der irre tote Eberkopf neben ihm an der Wand. Nicht zu vergessen: die Wärme aus dem Kamin. Zu dem, wofür die Bar 25 eigentlich steht, hat er allerdings keinen Bezug. Die abgefuckte Crazyness des Neun-Tage-Durchmachens ist ihm fremd. “Nein. Da bin ich nicht so angekommen. Weder in den Drogen noch in dem Lebensgefühl“, sagt er. Oliver Doerell lebt die Musik völlig anders als sein Partner Raz Ohara. Nicht im Exzess, nicht an der Grenze, sondern auf eine sehr introvertierte Art und Weise. Vielleicht funktioniert ihr neues, namenloses Album genau deswegen so gut. Weil es beides hat, das kopflastige, auf den Punkt hin Produzierte und das unbändige aus dem Bauch heraus Gesungene. Er sei extrem schlecht darin, sich selbst zu verkaufen, sagt Oliver Doerell, als ihn der Fotograf in Pose bringt. Und auch, dass er jetzt 38 sei und ihm sein Musikerleben sehr langsam vorkomme. Er wartet auf etwas, das jetzt gemeinsam mit Raz Ohara vielleicht kommt: Anerkennung. Eigentlich wollte Doerell, der in Belgien aufgewachsen ist, immer Chansonist sein. Doch die Chansons machten ihn irgendwann fertig. “Ich habe das sechs Jahre lang gemacht, bin auch viel aufgetreten. Dann habe ich beschlossen, die Schnauze zu halten. Auf der Bühne stehen und die präsente Person zu sein, dass das nicht funktionierte, hat mich sehr verletzt. Ich war so richtig enttäuscht.“ Viel von der Sehnsucht ist abgeflossen in Doerells Projekte “Dictaphone“ und “Swod“. Sehr zarte, fast schüchterne Instrumentalmusik, in die sich ab und an ein Wortfetzen oder eine Geräuschaufnahme verirrt.

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SEX MIT WIDERLICHEN MENSCHEN

Unter dem Vordach des Schuppens, wo kleine Tierspuren im Sand sind. Im Sommer, als wir noch draußen stehen können und Bier trinken. Und nur mal so vorbeikommen, Leute gucken. Und die große Diskokugel sich lustig in den Blättern der Bäume spiegelt. Fällt uns ein Mädchen um den Hals. Mit wunderbaren Pupillen. Und sie freut sich riesig, einen von uns zu sehen. Und sie erzählt von früher und wie sie ihn vermisst hat. Und er erzählt von früher. Wie klein und jung sie war. Und dass sie als Zwölfjährige immer in seinem Bett hat schlafen wollen. Und dass er das jedes Mal verhindert hat und sehr, sehr froh drum ist. Da dreht sie sich um. Und plötzlich steht hinter ihr das Grauen. Ein kackbrauner Solarier mit rasierter Brust und offenem Hemd. Tschüß, sagt sie. Ich geh jetzt ficken.

Es gibt eine schöne, traurige Geschichte, vielleicht eher Legende, über Raz Ohara, und die geht so: Er wächst in Dänemark auf und in der Schweiz, sein Vater ist viel unterwegs, er ist ein Kapitän. In den Ferien stechen sie gemeinsam in See. Ihr Frachtschiff bringt Reis, Orangen, Stahl und Autos in die Häfen von Europa. Eines Tages, lange bevor sein Vater an einem stürmischen Tag im Atlantischen Ozean versinkt, lernt er an Deck zu singen. Niemand kann ihn hören, Raz schreit alleine in den Wind.

Auf dem Cover von Raz Oharas zweites Album, “The the last Legend“, ist das Bild eines seltsam schelmisch schauenden Jungen im Kommunionsanzug zu sehen – der Vater als junger Mann. Er ist offenbar enorm wichtig für die Entwicklung des Künstlers Raz Ohara gewesen. Genau wie die Einsamkeit auf hoher See.

Oliver Doerell: “Ich empfinde dich als Einzelgänger. Du hast diese riesige Sehnsucht in dir.“

Raz Ohara: “Ich muss das haben aus Angst mich zu verlieren. Ich muss in meiner Kammer sein und ein Lied schreiben. Um das ganze Erlebte draußen zu sammeln. Aber ich brauche da meinen Bezug um mich rum. So wie hier in der Bar. Ich liebe das Leben. Ich liebe die Menschen. Ich liebe den Tanz.“

Um die Jahrtausendwende passierte es, da wurde Raz Ohara auf einmal mit Prince verglichen. Und zwar permanent. Von der taz bis zur Süddeutschen. Im Grunde war das ja, wenn man etwas länger darüber nachdenkt, ein richtig schlimmes Schimpfwort. Prince. Und dann auch noch der Zusatz: “Womanizer“, “Frauenschwarm“. Raz Oharas damaliges Plattenlabel Kitty-Yo war Schuld daran. Das Label hatte für den Werbezettel des Debütalbums nach einem Synonym gesucht, das auch die dümmsten Journalisten verstehen. Und dieses Synonym sollte heißen: großer Sänger, Exzentriker, Softie, wir wissen das nicht genau, aber bestimmt kriegt der mit seiner Stimme jede, schreibt das bitte mit, JEDE Frau ins Bett. Das Bett war damals irgendwie wichtig. Es hatte sogar eine tragende Rolle im Musikvideo zu “Reality“, Raz Oharas größtem Hit, dieser Absturzballade, die plötzlich sogar in Kaufhäusern und Kleinmädchen-CD-Playern gespielt wurde.

Seit 2001 hat er kein Album mehr herausgebracht. Er hat Singles produziert und ist mit Alexander Kowalski durch die Techno-Clubs getourt. Raz Ohara gilt als einer, der lange für seine Sachen braucht: Er gilt aber auch als einer, der sie kompromisslos und perfekt machen will. “Wenn ich artig wäre, würde ich mehr schaffen“, sagt Raz Ohara. Drei Jahre hat es gedauert, bis er und Oliver Doerell mit den Aufnahmen fertig waren. Es ist ein großes Ding, eine Umarmung, das warme, traurige Album für den Winter. Lieder über Schmerzen und Trennungen, der Klang des Schönen Leidens und der Entbehrung. Der Funk-Balast in Raz Oharas Stimme, für den man sich früher noch Prince-Vergleiche aus den Fingern saugen müsste, ist verschwunden. Beim Singen spielt er mit den Wörtern, dehnt, verschluckt und streichelt sie. “Ich bin wie ein Schauspieler. Ich übernehme Rollen und trotzdem ist alles in mir drin“, sagt Raz Ohara.

Bei den Fahrrädern: Wir stehen in der Schlange, zehn, vielleicht zwanzig Minuten, es ist Tag. Auf dem Tor Nato-Stacheldraht, auf dem Gehweg kaputte Bierflaschen. Die Türsteherin nicht vor, sondern hinter ihrer Tür. Verschanzungsposition wie immer. Vielleicht schon viele Tage lang am Stück. Wie diese drei Männer in der Schlange stehen. Wie sie sich schön gemacht haben für diesen Tag. Wie sie bestimmt nicht aus Berlin sind und sich bestimmt sehr freuen auf den Club. Wie die Türsteherin die Tür öffnet. Wie sie dann durch die Männer hindurchschaut und sagt: Du nicht, schon voll. Ihre Berufserfahrung, so groß wie ihre Grausamkeit: Als die Flaschen auf sie fliegen, ist die Tür schon wieder zu.

ES GEHT DARUM, DASS ICH AUF DIESEN TYPEN STEHE UND ER AUF MICH UND DASS WIR GEMEINSAM MUSIK MACHEN.

Lange haben Raz Ohara und Oliver Doerell diskutieren müssen, sagen die beiden, bis irgendwann klar war, wer eigentlich was bei “Raz Ohara and the Odd Orchestra“ macht. Und wo es eigentlich hingehen soll. Am Ende sah es so aus: Raz steht im Vordergrund, die Kinski-Diva am Mikrophon, die ihre Texte schreibt und Melodien auf dem Fender Rhodes spielt. Und Oliver Doerell ist dahinter, sorgt für die Konzentration und lenkt mit seinen Sounds die Musik in ihre Bahnen. Vielleicht ist es auch deshalb das kohärenteste und klarste Album von Raz Ohara geworden. Es brauchte allerdings Zeit, bis Doerell sich in seiner neuen Rolle fand. Schließlich war er es nicht gewöhnt, einem anderen nur zuzuarbeiten. “Die experimentelle Elektronik, mit der ich sonst zu tun habe, ist hier eigentlich quatsch. Das Störende, kam mir so konstruiert vor und falsch“, sagt Doerell. Nie, sagt er, habe er sich vorher getraut, so offensiv mit Streichern umzugehen. Lange habe er sich nicht mehr so frei gefühlt. Auch für Raz Ohara war es offensichtlich etwas Besonderes. “Zum allerersten Mal bin ich zufrieden mit etwas“, sagt er. Als Künstler arbeitet Raz Ohara dionysisch und subrational. Er macht sich keine Pläne, sondern saugt auf, was kommt. Er denkt nicht wirklich an Musik, sondern glaubt an sie. Die Texte und der Gesang, sagt er, kämen irgendwann zu ihm, irgendetwas arbeite da in ihm drin. Er hat Schwierigkeiten, diese Momente sprachlich zu beschreiben. Eine Art Energieform, ein magisches Etwas, das nicht Gott sei, passiere an und an. In guten Nächten, wenn es hier voll ist mit Leuten und Musik, könne man es über die Tanzfläche der Bar 25 geistern sehen.

Die letzten Reste: Zigarettenstummel und kaputte Gläser unter der Veranda. Was für ein schöner erster Mai. Wie wir einen Kurdischen Tanz tanzen in der Sonne und die Kurden über uns staunen und wie wir in der Bar ankommen und plötzlich pleite sind. Wie unter uns die Menschen liegen, völlig übereinander und gut gelaunt. Und aus dem Inneren schwappt ein bisschen Musik zu uns heraus. Und wie die Portugiesin wissen will, wie es mir geht. Und ich absolut keine Antwort auf diese Frage weiß. Wie das Wasser so viel freundlicher und heller ist als zuvor. Und Döndü hält die dummen Fragen ab. Redet vor sich hin und sagt: Weißt du, dass ist nämlich so. Alle Männer kommen immer so früh und seit dieser Doku auf Arte weiß ich endlich, warum das so ist. Wie Döndü Nietzsche und Max Weber kennt und sowieso alle auf der Party. Und wie dann klar wird, warum nicht nur ein Ort, sondern auch kein Mensch seine eigene Geschichte erzählen kann ohne die Hilfe von anderen: Es gibt da einen schlimmen blinden Fleck in der Erkenntnis.

KANN ICH DIR WAS ZU KIFFEN ABKAUFEN?

ICH HÄTT GERN SELBER WAS.

WENN DU WAS KRIEGST, SAG BESCHEID

Zwei tote weiße Spinnen baumeln über einem Fenstersims. Von außen zieht die Kälte durch die vielen Ritzen in den Wänden. Der Raum ist jetzt, Stunden nach dem Interview, voller Menschen, Lärm und Rauch. Vielleicht, oder sogar sehr sicher, wird es nie wieder so sein. Sie stehen auf Sofas und Sesseln, um die Band zu sehen. Den ersten Auftritt. Oliver Doerell sitzt hinter seinem Laptop und lässt seinen Kopf kreisen zur Musik. Ruhig und andächtig. Ab und zu nimmt er einen Schluck Wein und spielt ein paar Töne auf dem Xylophon. In den hinteren Ecken des Raumes diskutiert ein Pärchen über José Gonzales. Ob der denn seinen Erfolg als Musiker verdient habe, der habe ja schließlich nur gecovert in diesem einen Lied aus der Fernsehwerbung. Und ob Raz Ohara denn damit vergleichbar sei. Also vom Erfolg her. Ob er auch so eine Riesennummer im Singer-Songwriter-Geschäft werde, nach diesem Album. Raz Ohara sitzt mit geschlossenen Augen am Fender Rhodes Piano, seinem Lieblingsinstrument. Unter ihm ein Drink, seine Füße sind übereinander geschlagen. Er haucht die Töne heraus, schraubt seinen Körper in die Höhe und lässt ihn abrupt wieder fallen. Er singt: „Nothing’s left of what we found, a brand new town, but before we leave, remember we said: We’ll burn it all down.“ Ein kindlicher Ausdruck, ein trotziges Widererkennen in seinem Gesicht. Genau so muss das ausgesehen haben, damals im Wind auf diesem Schiff. Ein glücklicher Junge. Völlig allein mit sich selbst.

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Text: christoph jacke/julia kussius aus De:Bug 31

/Pop/Funk Sind Sie der Meinung, das ist Spitze? Raz Ohara Der Klassiker: Die neue Platte, du bist begeistert. Wann immer einen Begeisterung ob eines neuen Tonträgers überkommt, gilt es dieses Wissen zu teilen, weiterzutragen und vielleicht auch zu diskutieren. Spätestens dann eröffnet sich so manches Mal eine unverständliche, irreführende Meinungsorgie, die nicht zuletzt zu den Basics des Musikhörens an sich zurückkehrt. Eine Platte trifft zwei Menschen und tausend Interpretationen, die eine objektive Beurteilung so gänzlich irrelevant dastehen lassen. Im Hintergrund läuft zum zehnten Mal Raz Oharas ‘RealtimeVoyeur’, und mit jedem erneuten Einsetzen des ersten Tracks festigen sich Standpunkte, die sich an den Tönen festklammern und trotzdem ihre unterschiedliche Herkunft weder verleugnen können noch wollen. Die typische Auseinandersetzung zweier Meinungen im Hänschen-Rosenthal-Verfahren: C.: Genügt es dir eigentlich, wenn eine Platte, wie Raz Ohara, alles in allem einfach nur richtig gut ist? Ist das dann eigentlich Pop? J.: Die Frage ist doch eine ganz andere. Meiner Meinung nach hat genau diese Platte viel mehr als schnödes Gefallen in der Hinterhand: die direkte Ansprache an das, was jenseits von musikwirtschaftlichen Ernsthaftigkeitsphänomenen in jedem Musikfreund steckt, bei manchen aber auch schlummert. Auch unterhaltsame Musik wie diese, die offensiv Pop schreit, kann und darf ernsthaft den emotionalen Musikrezeptor anfunken. Raz Ohara setzt das auf sehr sexy Art und Weise in gesangsorientierter Ästhetik um. Auch wenn dabei vieles offen bleibt, gilt sicher, dass hier grundsätzlich von simpler Schönheit oder angenehmer Einfachheit die Rede ist. Aber mal ehrlich: Manchmal ist einfach eben mehr. C.: Abgesehen von der Faszination komplexerer Musik bin ich bei Ohara ganz deiner Meinung: Der Pop steht über allem, Simon Frith hat das mal “Body Music” (gegenüber “Mind Music” bzw. deren Verschmelzungen) genannt. Ernsthaft unterhaltend. “Realtime Voyeur” spricht das Darunter, die Emotionen an. Aber dann auch wieder beginne ich während des Zuhörens bei Raz Ohara über die Musik nachzudenken, und genau in diesem Moment wird die ganze Chose immer mehr unsexy. J.: Sexyness ist wahrscheinlich immer zum Scheitern verurteilt, in dem Augenblick, ab dem sich die Denkmaschinerie einschaltet. Ich bin weit davon entfernt, anspruchslosen Kitsch zu verteidigen. Ebensowenig soll Musik auf emotionale Duselei reduziert werden. Nur gibt es meiner Meinung nach wesentlich weitreichendere Daseinsberechtigungen für unterschiedliche musikalische Ansätze. Hier heisst dieser vielleicht: Only sexy for girls!? C.: Zumindest sind wir uns einig: “Realtime Voyeur” ist das “Dalli Dalli” anspruchsvoller Popmusik. Erst plätschert es an dir vorbei, und schliesslich steigst du ein und rätst sogar mit. Und kannst dem Ganzen auch nicht böse sein. Zu den Geschlechtern: Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass du verdammt Recht hast. Raz Ohara kann von mir wahrscheinlich auch nicht mehr als gemocht werden (C. ist männlich). Um Songs wie “Gone To The Moon”, die ja überaus schlau am Rande des Kitschabgrundes entlangoperieren, zu lieben, fehlt mir etwas. Sicherlich nicht die Emotionalität. Leg’ nur Jon Spencer oder Squarepusher auf, und ich werde emotional reagieren. Warum aber kann ich Raz Ohara nur gut finden? Eifersucht? Missgunst? J.: Raz will Mädchen gefallen. So traurig dies ist, und so absurd die Klischees auch sein mögen, in die er und damit anfallende Diskussionen einsteigen, seiner Musik gelingt es. Und trotzdem wehre ich mich gegen eine verallgemeinernde geschlechterspezifische Kategorisierung. Raz’ hauchende Melodien erfordern wahrscheinlich eine gewisse naive Offenheit. Das Loslassen von elitären Standards – und dabei weder Boden noch Qualität aus den Augen zu verlieren – kann manchmal die Plattensammlung neu ordnen. Und die direkte argumentative Anbindung an Geschlechterrollen fällt dabei ebenso unter den Tisch, wie das Gerücht sich als Wunschgedanke entlarvt, dass Jungs Mädchen mit Sade-Platten beeindrucken können. C.: Ich besitze keine Platte von Sade. Ich weiss gar nicht, wonach meine Sammlung geordnet ist. Aber bevor ich mich in Hornby-Gefilde begebe, interessiert mich eins doch noch sehr: In welche Richtung, jetzt bestehe ich mal auf Schubladen, tendiert Raz Oharas Platte bei dir? Eine Viel-hör-und-schnell-langweilig-Platte? Eine Viel-hör-und-allmählich-wachsend-Platte? Bei mir passiert Raz betreffend seltsamerweise das letztere, welches eigentlich sonst eher bei vielschichtigeren Musikstilen greift. “Realtime Voyeur” scheint man sich vordergründig (!) eher ohrwurmartig überhören zu können. J: Realtime Voyeur gehört für mich zur Kategorie der Viel-hör-grosse-Pause-und-freudig-erneut-aus-der-Kiste-holen-Platten. Diese hübschen Schubladen dürfen nämlich durchaus subjektiv gefüllt werden und orientieren sich somit immer auch an den Rezeptionssituationen. Und wo, wenn nicht bei Pop, spielen diese Konstellationen ihre Rolle in vollem Masse aus?! C.: Können wir jetzt mal eine andere Platte hören?

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