Foto: Michael Kuchinke-Hofer

“Like a circle, like a ring, there is order in all things.” Redshape wählt für sein neues Album das Quadrat als Inspirationsquelle und schießt auf “Square” in klar gerasterten Attacken nur so um sich in Sachen Deepness. Für DE:BUG nimmt der Berliner die ikonische Maske aber nur im Interview ab.

Redshape avancierte in den letzten Jahren zum rotmaskierten Techno-Superhero. Lange Zeit war er das Phantom der Clubszene, dessen Musik klang, als sei sie den dunklen Kellern Detroits entsprungen. “Dass es immer wieder Schnittpunkte mit Techno und House aus Detroit gibt, ist wohl nicht ganz zufällig, aber auch keineswegs beabsichtigt”, erklärt er, als wir uns zum Interview in seiner Wohnung in Berlin treffen – diesmal ohne Maske. “Ich interessiere mich vor allem für Dinge aus den USA. Das gilt nicht nur für Musik, sondern auch für Bücher”, setzt er nach. Bereits auf dem Weg zu unserem Treffen habe ich mir ausgemalt, wie man wohl so wohnt als anonymer Maskenträger. Im Untergrund mit Geheimgängen? Umso überraschter war ich, als ich die helle, geräumige Wohnung im dritten Stock eines ganz normalen Seitenflügels betrat.
Spulen wir noch einmal zurück: Als die rote Maske 2006 plötzlich aus dem Nichts auftauchte, fiel es schwer zu glauben, dass es sich bei Redshape um einen Neuling handelt – zu dezidiert waren seine Produktionen. Und richtig: Bereits seit ’99 produziert Sebastian Kramer Techno-Platten. Um einen klaren Sound-Cut zu erreichen, hing er diesen Alias aber vorübergehend an den Nagel: “Es ist aus einer musikalischen Notwendigkeit entstanden, weil ich nicht wollte, dass die Leute diese Produktionen mit meinem neuen Projekt vergleichen, sondern eben nur die Musik hören”, erklärt er und fügt schüchtern hinzu: “Außerdem nehme ich es mir sehr stark zu Herzen, wenn Leute ihre Meinung äußern, oder mir zu nahe treten. Für mich hat das alles einen anderen Grund, aber der ist schon fast philosophischer Natur und schwer in Worte zu fassen.” Auch wenn seine Identität inzwischen weitestgehend bekannt ist, bleibt das rote Gesicht fester Bestandteil des Redshape-Kontinuums. “Es soll ein eigenes Universum bleiben. Die Maske gehört einfach dazu. In den letzten Jahren hat sie sich sehr zu einem eigenen Alter Ego entwickelt, als würde ich ein Superheldenkostüm anziehen”, sagt er und schmunzelt.

Rotgewordener Anonymous

Ohne sich in langjährige Deals mit großspurigen Releases verwickeln zu lassen, ist er die Label-Suche langsam angegangen, um sich vorerst auf die Produktion zu konzentrieren. “Natürlich hätte es auch immer Delsin als Option gegeben, aber ich wollte eben mal etwas anderes machen.” Mit Gerd Jansons Label Running Back hat er schließlich ungewöhnlichen und dennoch passenden Rückhalt gefunden. “Ich bin eine Art overgroundiger Underdog. Es kennen mich schon viele Leute, aber ich möchte diese MixMag-Frontpage einfach nicht haben.” Wenn Anonymität die Urdefinition von Techno ist, muss Redshape folglich der rotgewordene Anonymous sein. Minus den Hacker. Fast orthodox trennt er deshalb sein Privatleben vom maskierten Alter Ego. Seine große Passion liege allerdings im Mastern, erzählt er, als unser Gespräch seine Produktionsweise streift. “Zusätzlich bin ich auch noch Engineer, das heißt ich mastere und mische Sachen für andere Leute. In Equalizer, Kompressoren und andere Hardware fließt deshalb das meiste Geld. Was das angeht, bin ich sehr analogaffin”, erklärt er und deutet dabei auf eine geöffnete Tür, durch die man vielerlei Hardware, Platten und Bücher ausmachen kann. Das alles ginge aber nur als Sebastian Kramer, weil er sonst konsequenterweise immer seine Maske aufsetzten müsste. “Ich habe eben auch andere Interessen wie zum Beispiel Filme gucken. Nach einem Film habe ich mal direkt zwei, drei Tracks gemacht.” Musik inspiriert ihn zwar nicht direkt, manchmal wird er aber von Ideen überrascht, “wie etwa den UK-Bass- Entwicklungen, wie Falty DL und solche Sachen.” Privat hört er, besonders in produktiven Phasen, nur selten Musik. “Im Grunde hat sich musikalisch gesehen auch nicht viel verändert. Während der Produktion von ‘Square’ war ich aber sehr stolz auf die (Musik-)Szene, weil sie einfach etwas erwachsener geworden ist. Die Abgrenzung zwischen verschiedenen Genres und Labels ist etwas aufgeweicht”, sagt er und macht die Wandlung an verschiedenen Gruppen wie Uncanny Valley, Smallville oder Dial fest, “die einfach relaxed und cool zusammen arbeiten. Natürlich gibt es immer noch Leute, die dieses elitäre Verhalten proklamieren und sich damit selbst in eine Schublade setzen, alles in allem ist es aber einfach lockerer geworden.”

Quadratur des Kreises

Bereits letzten November begann Redshape mit der Arbeit für sein zweites Album “Square”, das nahtlos an den dunklen Sound von “The Dance Paradox” anschließt. “Im letzten Jahr habe ich viel entdeckt und gelernt. Harmonielehre, unterschiedliche Aufnahmemethoden, Programmieren mit neuer Hardware – es war alles ein sehr natürlicher Prozess. Ich habe versucht, ein klassisches Album zu produzieren, das nicht von Stil, Genre oder Erwartungen abhängig ist.” Dabei war es ihm wichtig, Atmosphären zu generieren und Musik und Drums mit Emotionen aufzuladen: “Für mich ist Emotionalität ein wesentlicher Bestandteil. Ich habe mir zu der Zeit viele Gedanken gemacht, das waren viele Emotionen, die einfach mit rein mussten. Ich glaube sie ha- ben es auch ganz gut überlebt.” Knapp 42 Minuten lang mäandert “Square” mit einer melancholischen Traurigkeit in Fis-Moll, immer wieder von einer harten Bassline auf den Boden zurückgeholt. “Fröhliche Musik könnte ich wahrscheinlich nie machen, ich mag diese Melancholie, die man auch von Radiohead kennt.” Trotzdem scheint sein Sound, obgleich dunkel und emotional, auch ruhiger geworden zu sein – manchmal
»Die Maske gehört einfach dazu. In den letzten Jahren hat sie sich zu einem eigenen Alter Ego entwickelt, als würde ich ein Superheldenkostüm anziehen.«
sogar fast ein bisschen dramatisch. “It’s In Rain” basiert beispielsweise auf Samples eines 30er-Jahre-Films über die große Depression, die ein Gefühl der Endzeitstimmung vermitteln. “Die Samples wollte ich einfach nehmen, völlig unabhängig davon, was da gerade gesprochen wird. Das hatte einen schönen Singsang und hat gut gepasst.” In “Landing” findet man sich wiederum in sphärischen, fast orchesterartigen Sounds wieder. Besonders sticht jedoch “Paper” heraus, noch sinistrer und prägnanter, quasi die tongewordene Industrialisierung. Obwohl musikalisch sehr breit und variabel, ist ihm mit “Square” ein in sich schlüs- siges Album gelungen, das man gleich als eine homogene Masse aufsaugt.
Persönlichkeit war bei der Produktion essentiell, kein Wunder also, dass er sowohl Drums, als auch Vocals selbst eingespielt und aufgenommen hat. “Ich habe alles neu eingespielt, die akustischen Drums sogar diesmal selber im Overdub-Verfahren. So konnte ich immer direkt entscheiden, wo noch etwas dazu kommt”, so Kramer. “Dann habe ich mich einfach umgedreht und irgendwo drauf gehauen.” Die Vocals zu “Enter The Volt” sind ihm auf dem Weg zu einem Gig im Flugzeug eingefallen. Weil er aber nicht wusste, wen er fragen könnte, hat er sie kurzerhand einfach selber eingesprochen. Eigentlich, so sagt er, seien Vocals für die- ses Album ein großes Thema gewesen, auch wenn “Until We Burn” die einzige Kollaboration geblieben ist. “Der Track war zunächst instrumental, aber ich dachte die ganze Zeit, es wäre ziemlich cool, noch Vocals darüber zu legen. Ich habe SpaceApe den Track gegeben und er hat dann alles dazu geschrieben. Da war ich natürlich stolz wie Bolle.”
Angestoßen wurde der Redshape-Sound im Übrigen von Carl Craigs Remix zu Reclooses “Can’t Take It”: “Als ich das gehört habe, dachte ich: Wow, genau so etwas will ich auch machen. Ziemlich genau im Anschluss habe ich dann ‘Shaped World’ produziert. Es liegt also an Carl Craig!”, berichtet er grinsend.
Was als nächstes kommt, kann Kramer noch nicht so genau sagen. “Es ist ein großes Vielleicht, ob ich mal wieder Sebastian-Kramer-Tracks mache. Da müsste ich mich erst mal wieder richtig reindenken.” Für Redshape und Palisade, sein drittes Alter Ego, sprudeln die Ideen dafür umso mehr: “Mir macht es jetzt mehr Spaß, Nicht-Album-Tracks zu produzieren. Ich habe auch schon viele neue Ideen und denke, dass es alles sehr analog und sample-lastig wird.” Und wenn’s mal nicht klappt mit dem Produzieren? “Dann spielen wir solange World of Warcraft, bis es wieder läuft”, sagt er lachend. Ich verlasse schließlich das Redshape-Hauptquartier und fühle mich, als hätte ich gerade einen Geist gesehen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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