Mit "Thora Vukk" ist der Jenaer bei sich angekommen

Robag Wruhme

Aus dem Special in De:Bug 149: Pampa Records

Robag Wruhme war 2010 extrem umtriebig. Eine Unmenge an Remixen, diverse Maxis, überall tauchte ein neuer Track von ihm auf. Auf Kompakt erscheint dieser Tage eine neue Mix-CD und im März kommt sein zweites Album auf Pampa Records. Die neuen Tracks gehen extrem in die Tiefe gehen: Spielerische Melodiösität und der hintergründige Humor blitzen überall mit einer derartigen Leichtigkeit durch, dass klar ist: Robag ist erst jetzt an seinem Höhepunkt und ganz bei sich angekommen.

Debug: Thora Vukk ist ein sehr intimes Album geworden.

Robag: Ja, sehr. Das Bild auf dem Cover ist ein altes Foto, das mein Vater geschossen hat, als wir in Malchow an der Müritz Urlaub gemacht haben. Auf der Autobahnbrücke mit meiner Mama, meinem damals noch sehr kleinen Bruder und mir mit acht Jahren. Ich habe von meinem Bruder viele Bilder bekommen aus frühen Jahren, die er eingescannt hat. Während ich die Musik gemacht habe, habe ich mir immer diese Bilder angeschaut und bin immer tiefer in die Sache reingekommen. Es ist mittlerweile mein sechstes Album. Das zweite als Robag Wruhme und auch mein intensivstes und ehrlichstes.

Debug: Sind die Stimmen auch von dir?

Robag: Ja. So oft habe ich das ja noch nicht gemacht. Aber wenn, dann habe ich meistens am Montag noch mit komplettem Alkoholbelag auf den Stimmbändern direkt ins Rechnermikrofon gesungen.

Debug: Brücke ist ein sehr guter Titel für die kleinen Interludes dazwischen.

Robag: Die LP ist ja eher durch Zufall entstanden. Stefan und ich haben uns immer gegenseitig den Stand der Dinge mitgeteilt, indem wir uns Stücke zugeschickt haben. Eigentlich hatte ich dieses Jahr schon viel gemacht. 15 Remixe, acht Exklusivtracks, Freude Am Tanzen, Musik Krause, Circus Company, die Movida kommt noch, dann das Mix-Album auf Kompakt. Man muss ja aufpassen, dass man nicht nur sich, sondern auch die anderen nicht überfordert. Stefan meinte erst: Wir machen eine Maxi. Nachdem ich ihm noch ein Lied geschickt habe, meinte er: Mach einfach eine LP. Er hat bei mir eine sehr gute Phase abgefasst, was unheimlich wichtig ist. Stefan hat das erkannt und gesagt: Mach bitte weiter. Es sind auch alles komplett neue Stücke, außer diesem “Tulpa Ovi”, das ich noch im Zuge des Wighnomy-Albums auf Mute, was ja nie zu Ende gebracht wurde, angefangen hatte. Diese Brücken waren ursprünglich ein 17-minütiges Soundstück für ein Jenaer Kulturprojekt. Dazu gab es eine Videoanimation auf der Fassade eines Museums. Stefan war begeistert und meinte, man könnte es einfließen lassen, aber 17 Minuten am Stück wäre zu lang für ein Album gewesen.

Debug: Es gibt dem Album einen Kino-Effekt.

Robag: Ich arbeite ja gerne auf diese Art mit Sound. Mal große, mal kleine Räume zu machen. Dadurch, dass die LP als Ganzes etwas ruhiger ist, ist es schon ein kleines Wagnis. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die letzte Platte Wuzzelbud das Augenmerk ja gänzlich auf den Dancefloor gerichtet hat.

Debug: Wie viel von dem Album, von den Sounds, ist von dir direkt aufgenommen?

Robag: Viel. Die ganzen Naturaufnahmen sind auf meiner Terrasse in Jena entstanden. Bei “Thora Vukk” läuft im Hintergrund ein sattes Sommergewitter. Das Rhodes mit den Nachtgeräuschen habe ich ebenfalls auf der Terrasse eingespielt. Ich schaue von dort direkt aufs Paradies. Diesen Park mit einer unglaublichen Natur.

Debug: Hört sich gut: Ich gucke auf das Paradies …

Robag: Ja, es klingt schon komisch. Immer wenn es im Zug heißt: Wir erreichen in Kürze Jena-Paradies, passiert das genau dann, wenn man durch die unspektakulärsten Gewerbegebiete fährt. Die Leute horchen auf, sehen raus und und sind total enttäuscht. Das ist von der Bahn relativ schlecht gelöst. Wenn man denn mal da ist, sieht es ja wirklich sehr schön aus. Das haben sie gut hinbekommen, mit der Saale und dem Volksbad gegenüber.

Debug: Auch viele Drumsounds wurden mit dem Mikrofon aufgenommen, oder?

Robag: Ja, das war ursprünglich auch die Idee für das nie zu Ende gebrachte Wighnomy-Album, viel mit Aufnahmen und organischen Sounds zu arbeiten. Um diese verschachtelten Sounds hören zu können, braucht man einen Kopfhörer. Da ist man näher dran und bekommt noch Ebenen mit, die sonst verschwinden würden. Das mag aber auch daran liegen, dass ich seit Anbeginn nur mit Kopfhörern Musik mache. Ich habe nicht mal mehr Monitorboxen. Ich bin der Meinung, dass man vom Sound-Equipment her nicht viel Geld investieren muss, wenn man mal seine Einstellung gefunden hat. Obwohl ich schon jemanden brauche, der es perfekt mastern kann. Ich habe beim Frequenzbereich von acht KHz seit jeher einen Tinnitus. Da brauche ich einen Fachmann, der das nachjustiert. Sonst gibt es unheimliche Einbußen im Höhenbereich und den oberen Mitten. Bei jedem Mastering heißt es dann: Da fehlt doch was! Für mich klingt das natürlich immer gut (lacht). Ich habe mir den Tinnitus damals bei meiner Lieblingsband geholt, mit 16 Jahren. Beim allerersten Konzert. Insofern ist das ein schönes Andenken.

Debug: Welche Band war das?

Robag: Sandow aus Cottbus. Das waren sozusagen die ostdeutschen Einstürzenden Neubauten. Wir haben mit denen auch mal was zusammen gemacht. In Huxley‘s Neuer Welt. Ich war noch ein junger Kerl, dazu kam ein Maler, er begann auf einer riesigen Leinwand zu malen, die Band spielte ruhig hinter der Leinwand, wie bei einem Soundtrack. Dann ist es richtig aufgeblüht, daraufhin wurde die Leinwand zerrissen und es ist explodiert. Es wurde ein Haufen Schrott und Knüppel aufgestellt und das Publikum hat angefangen den Rhythmus mit zu trommeln. Es war eine unheimliche Befreiung. Sandow… Die begleiten mich von Anfang an. Auch wenn ihre Musik anders, unelektronischer geworden ist: Es ist meine Band.

Robag Wruhme 2

Debug: Hast du den Hang, dich zu überarbeiten?

Robag: Ich will versuchen nach dem Album eine Pause zu machen. Es kann aber natürlich sein, dass ich nach zwei Wochen schon wieder an irgendwelchen Bassdrums herumfummel. Kreativität ist nicht abrufbar, die kann man nicht bei eBay bestellen. Dieses Jahr lief es aber sehr gut. Dadurch, dass sich so viel geändert hat, war ich im Kopf so frei, dass alles nur so rausgepurzelt ist. Ich habe vor zwei Jahren Freude am Tanzen/Musik Krause verlassen, um Zeit für mich zu finden. Für eine gewisse Zeit hat es ja funktioniert: rausfahren am Wochenende, produzieren und Labelarbeit, auch mit dem Umstand, dass man Alkoholika zu sich nimmt – auf die Dauer bekommt man jedoch gesundheitliche Probleme. Eine weitere Zäsur war, als Sören und ich gesagt haben: OK, nach 17 Jahren legen wir mal eine Pause ein. Wie sich das weiter entwickeln wird, kann man noch nicht sagen, aber es nach diesem ganzen Wahnsinn mal ruhen zu lassen, hat dazu geführt, dass ich eine komplette Erdung erfahren habe. Stefan hat das genauso gemerkt. Er meinte: Gabor, das ist Wahnsinn, das bist ja wieder du! Wenn ich Sachen aus den letzten Jahren höre, weiß ich teilweise gar nicht mehr, wer das gemacht haben soll, obwohl ich mich prinzipiell dran erinnern kann. Keine Ahnung, was zu der Zeit in meinem Kopf vorgegangen ist.

Debug: Dein Mix-Album für Kompakt ist auch voll von kleinen Sound-Fragmenten und Loops von dir, die alles zusammenhalten. Wie kam das zustande?

Robag: Ich war im Urlaub auf einem Bauernhof mit Edgar dem Schwein, und einer Katze, die kaum noch Zähne hatte. Aus Lust und Laune habe ich in der Küche angefangen, Musik zu machen, genauso wie ich das früher für Wighnomy auch gemacht habe. Meine Herangehensweise war, etwas aus einem Guss zu schaffen. Aus verschiedenen Musikrichtungen mit vielen Melodien etwas Zeitloses zu machen, das man auch in drei Jahren noch hören will. Ich bin zwar weiterhin ein Befürworter der Schallplatte, aber es ist im DJ-Alltag sehr stressig geworden, das so durchzuführen. Zum einen, weil gerne mal die Plattenspieler nicht gehen oder der Allen&Heath-Eingang für Vinyl einfach zu leise ist und man gegen den CD-DJ kaum noch ankommt. Ich finde, dass man so eine Nacht nicht nach Hause transportieren kann, aber so ein Mix muss perfekt sein, und das ist dann auch das einzige Mal, dass selbst ich mit Software arbeite.

Robag Wruhmes Mix, Wuppdeckmischmampflow, ist auf Kompakt erschienen.
Das Album, Thora Vukk, erscheint im April auf Pampa.

http://www.kompakt.fm
http://www.pamparecords.com

Aus dem Special in De:Bug 149: Pampa Records

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