Der Kurator und frühere Spex-Redakteur Christoph Gurk, der Schriftsteller Rainald Goetz, Techno-Vordenker, DJ und Blogger Tanith sowie René Walter vom Nerdcore-Blog am runden Tisch.


Die Popkultur ist inklusive ihrer widerspenstigen Underground-Spielarten im offiziellen Kultur-Kanon angekommen. Damit ändert sich unweigerlich auch die Rolle des genauso geliebten wie gehassten Popdiskurses. Hat das Modell der schlauen Verknüpfung von Pop-Inhalten mit politischen, sozialen und moralischen Themen ausgedient? Ist dem Pop nachher die Agenda abhanden gekommen?

Um diese Fragen zu klären, haben wir eine illustre Runde zur Diskussion am runden Tisch gebeten: Den Kurator und früheren Spex-Redakteur Christoph Gurk, den Schriftsteller Rainald Goetz, Techno-Vordenker, DJ und Blogger Tanith sowie René Walter vom Nerdcore-Blog, welcher zu den populärsten im deutschsprachigem Raum zählt. Für die De:Bug saßen Jan Joswig, Anton Walt und Ji-Hun Kim am im Wirklichkeit ovalen Tisch.

gurkgoetz
Christoph Gurk & Rainald Goetz

Tanith: Ich bin froh, dass der Popdiskurs vorbei ist. Ich fand es schon immer scheiße, wenn Intellektuelle sich der Musik bemächtigen und sie durch Interpretation vereinnahmen wollen. Das hat mich bei der Spex spätestens ab Nummer 10 genervt. Musik ist doch eine Bauchsache, aber lange Zeit wurde sie als Kopfsache betrachtet. Industrial war eine Kopfsache, ist zu Techno geworden und wurde so zur Bauchsache. Ich fand es gut, dass der ganze Überbau wegfiel.

René Walter: Wobei Techno ja auch mehr eine konzeptionelle Musik ist und keine emotionale Musik.

Tanith: Ich sage Techno, weil ich von da komme. Früher hat Musik eine Message transportiert, war intellektuell überfrachtet und blöd.

Walter: Techno, Alvin Toffler und Third Wave haben schon eine intellektuelle Message.

Tanith: Das Intellektuelle gibt’s du bei Techno doch bei der Garderobe ab. Und bei anderen Genres wäre das auch besser. Ich finde gut, wenn man das trennt.

Rainald Goetz: Ja, ich und die Garderobe. Nee, es ist doch sehr angenehm, dass man nichts, auch keine geistigen Vorstellungen abgeben muss. Man kann auch ohne zu Reden eine intellektuelle Erfahrung im Club machen, aus dem Club mitnehmen, kann im Nachhinein mit Menschen darüber sprechen und noch einmal ein Abenteuer dabei erleben. Jeder gibt sich der Sache auf seine Art hin. Letztlich man kann auch exzessiv tanzend, hoch spekulativ geistig unterwegs sein.

Tanith: Aber nicht, wenn im Club jemand im Lodenmantel neben dir steht und sagt: Hach, Kultur!

Goetz: Ist dir das je passiert?

Tanith: Das passiert mir ständig. Ganz schlimm ist es in Frankreich.

Goetz: Der Westbam hat immer gesagt: Nach Frankreich fahre ich nicht mehr, weil die mich nur buchen, um mich vollzuquatschen.

Tanith: Früher gab es ja auch Raves an irgendwelchen Universitäten, da kam immer die Laberfraktion an mit Deleuze, Guattari und wie die heißen, weil sie die Bücher mal in den 80ern gelesen haben. Auch dass sie Musik so für sich vereinnahmt haben. Beispielsweise in Musikkritiken von Diedrich Diederichsen, das ist schöne Hirnwichse, aber hat doch mit Musik nichts zu tun.

nerdcoretanith
René Walter, Ji-Hun-Kim & Tanith

Christoph Gurk: Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass Techno-Kultur nie einen Kulturanspruch formuliert hat. Die hat sich immer im totalen Gegensatz zu anderen konkurrierenden Spielarten von Popmusik positioniert und daraus auch ihre Wirkungsmacht bezogen. Die ganzen 90er Jahre hindurch hat die ”Ravende Gesellschaft“ mit Bildern von der “Love Parade”, an der Siegessäule und anderswo, pausenlos für sich eine kulturelle Lufthoheit in Anspruch genommen. Wenn man das alles mitmacht, kann man sich doch nicht hinterher beschweren, dass die Leute wirklich ernstnehmen, was man da tut, und darüber eine Auseinandersetzung führen wollen.

Tanith: Die “Ravende Gesellschaft” empfand ich als einen plakativen Spruch, von einer gewissen Zeit an propagiert, um eben Geld damit zu machen. Das hat aber für mich weder was mit Intellekt noch mit Kultur zu tun.

Goetz: Ich dachte nicht, dass die Ravende Gesellschaft eine Parole ist, um Geld zu verdienen. Ich fand eher, dass das die grandiose Übertreibung großartiger Ideen war. Auch eine Art, im Mainstream wirkliche Kunst machen zu wollen. Es war ein Avantgarde-Modell und das ist kaputt gegangen, es hat sich in den Nuller-Jahren leider einfach aufgelöst.

De:Bug: Bevor wir hier eine Techno-Rückschau machen, noch mal zurück zum Popdiskurs: Geht es da vielleicht einfach um einen Generationskonflikt? Die Poplinke und der Popdiskurs manifestierten sich ja in den späten Siebzigern, als eine Generation ihrer Jugend entwuchs und man intellektuelles Bewusstsein auf die Popkultur anzuwenden versuchte und damit Medien wie Sounds oder Spex entstanden. Inzwischen sind jene Leute eben in der Offizialkultur angelangt, in Tageszeitungen, an Theatern oder Unis.

artist-unknown08

Gurk: Auch hier ist es doch ganz interessant, auf die 90er Jahre zurückzuschauen. Mit Spex und Frontpage und dann der De:Bug, die als Absplitterung beider Magazine entstanden ist, haben sich genau in dieser Zeit drei verschiedene Schulen herausgebildet, wie man über Popkultur sprechen will. Die Spex ging irgendwann von der Popkritik zur Kritik der Popkultur als solcher über. Es wurden dramatische Sätze und steile Thesen in den Raum gestellt, um den Diskurs voranzubringen. Die Frontpage stand für eine mainstreamigere Auslegung von Technokultur. Und De:Bug hat schließlich dieses Großsprech, das in der Spex nicht immer eine glückliche Rolle gespielt hat, aus einer Position des minoritärens Sprechens heraus kritisiert und so auch den damit verbundenen Machtanspruch unterlaufen.

Goetz: Genau. Weil es damals eine politischere Position war, keine so extremen, Diedrich-haften Großansagen zu haben. Aber ich muss der These extrem widersprechen, dass Popdiskurs irgendwie am Ende ist. Mein Gefühl ist total gegenteilig. Es ist nur so vielfältig geworden, dass es sehr schwierig ist, die vielen Dimensionen auch noch zu synthetisieren. Der Popdiskurs ist vielfältiger und pluraler geworden. Bis hin zu der Position, die Tanith vertritt, dass man sagt, ich will von dem ganzen Scheiß gar nichts hören. Das ist letztlich auch intellektueller Aktivismus.

Tanith: Und genau so wird man dann vereinnahmt.

Walter: Ich kann mit dem Übertragen von intellektuellen Debatten auf Popmusik auch nichts anfangen. Aber ich würde nicht sagen, dass das Konzept Pop am Ende ist, sondern das Konzept Mainstream. Und damit ist das Popdiskurs-Modell auch nicht mehr existent.

Gurk: Die ganzen 90er Jahre durch war Techno-Kultur immer ein Versprechen auf die Zukunft und somit Teil einer Logik der Spekulation. Da gab es immer die Option auf die Zukunft. Dann kam der Crash.

De:Bug: Elektro-Clash-Crash!

Gurk: Der Witz ist nur, dass alle Versprechen, die Techno-Kultur in den 90er Jahren gegeben hat, inzwischen einfach eingelöst worden sind. Wir reden über einen kulturellen und politischen Status Quo. Wenn man heute über Digitalisierung spricht, dann geht es nicht mehr darum, eine Technologie der Zukunft zu diskutieren. Sie hat eine derart wirklichkeitsverändernde Kraft angenommen, dass die eigentliche intellektuelle Anstrengung darin besteht, die Gegenwart zu beschreiben, und dafür eine Sprache zu finden. Ein Ergebnis dieses Nachdenkens über die Wirklichkeit könnte sein: Popmusik als als alle möglichen Minderheiten verbindender, sinnstiftender Zusammenhang hat mehr oder minder aufgehört zu existieren.

britney02

Tanith: Vielleicht ist dem Popdiskurs einfach das Objekt weggeglibbert. Zum Beispiel weil es kein Album mehr gibt. Was heute auf dem iPod einzelne Files sind, kennt man ja im Techno schon durch die Maxi-Single. Und der Popdiskurs hat sich ja gerne an Alben – oder Konzept-Alben – abgearbeitet. Und die gibt es eigentlich nicht mehr, oder sie sind nicht mehr wichtig. Popdiskurs arbeitet sich heute an Whitest Boy Alive oder ähnlichen Kleinigkeiten ab.

De:Bug: Man könnte es also zugespitzt sagen: Heute setzt man sich lieber mit der komplizierten Wirklichkeit auseinander und da das anstrengend genug ist, gibt es gar keinen Bedarf mehr für Utopien, die man dann auf ein Stück Kultur projizieren muss?

Walter: Die Utopien gibt es natürlich noch. Sie finden eben nur nicht mehr im Popdiskurs statt, sondern zum Beispiel in Mash-Up-Foren, in denen die Kids die Popkultur nehmen, ineinander mixen und etwas Neues schaffen. Ob da wirklich ein Diskurs stattfindet, kann ich nicht sagen. Aber die Mash-Up- und Mix-Kultur hat ja an und für sich eine politische Dimension, weil sie dem Urheberrecht völlig widerspricht. Über solche Themen findet auch eine Diskussion statt und zwar vor allem im Internet und in Blogs.

Tanith: Dazu muss man auch sagen: Wann ist es mir zum letzten Mal passiert, dass ich von einem Track zum ersten Mal etwas in De:Bug/Groove/Raveline gehört habe? Früher hat man sich Zeitschriften geholt, um zu sehen was passiert. Heute kaufe ich mir eine Zeitschrift um zu sehen, was dort angekommen ist …

De:Bug: Der Diskurs diskreditiert sich also allein dadurch, dass er sich immer an Subjekten festmacht, die schon längst erledigt sind?

Tanith: Er hängt zu sehr an Plattenverkäufen und an Sachen, die schon angekommen sind. Dabei müsste Popdiskurs auch Sachen entdecken und auch konfrontativ auf Sachen zugehen. Ich vermisse Schreiber, die polarisieren. Wo Leute sagen: So ein Arschloch, das kann ich nicht lesen. Und natürlich dass Leute sagen: Genau das ist mein Geschmack. Wie hieß zum Beispiel dieser Spex-Schreiber, Kid P.

Goetz: Aber die Geschichte, die ihr zum Beispiel zuletzt über MySpace und Facebook gemacht habt, gehört doch auch zum Popdiskurs. Zusammenzufassen, was da in den letzten zwei Jahren gelaufen ist.

De:Bug: Aber zum Popdiskurs gehörte doch auch immer, dass man Musik oder ein anderes Stück Kultur nimmt und damit eine große soziale, politische, emanzipatorische Utopie verbindet. Wenn man über Facebook oder MySpace redet, bleibt man sehr nahe am Objekt dran. Es wird eher die Praxis beleuchtet, aber man stellt sich nicht hin und leitet große Thesen auf einer ganz anderen Ebene ab, die dann der eigentliche Clou sein sollen.

Goetz: Aber der Text von Sascha Kösch sagt ja doch, dass der Druck steigt, Identitäten zu zementieren. Das ist eigentlich eine klassische Form, aus Spezialgegebenheiten, in dem Fall technologischer Art, politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Das genau ist doch eine Übertragung von Popdiskurs auf ein neues Feld. Oder auch das Buch “Lost and Sound” von Tobias Rapp: Wenn das nicht Popdiskurs ist, was ist dann überhaupt Popdiskurs?

Tanith: Na ja, es ist eine in mundgerechte Happen aufgeteilte Beschreibung. Damit es verwertbar ist, auch für Menschen außerhalb der Szene.

rapper03

Gurk: Das ist doch eine legitime Funktion von Journalismus. Ich halte es für ein Verdienst, wenn Tobias Rapp in der »taz« durchsetzt, dass ein Abend im Berghain genauso ernst genommen wird wie eine Opernaufführung. Die Popkritik ist einfach aus den Musikzeitschriften ins klassische Feuilleton abgewandert. Da ist eine Generation angekommen und führt den Diskurs auf dieser Ebene fort. Das bringt die Musikzeitschriften natürlich in eine missliche Lage. Die sind durch die Gegebenheiten auf dem Anzeigenmarkt viel mehr zu produktorientierter Berichterstattung gezwungen. Vom Feuilleton wird Sinnstiftung erwartet.

De:Bug: Ist Popdiskurs nicht auch immer Selbstverständigung? Dass sich eine Gruppe über ihre Positionen klar wird? Bei der Spex war doch Leser- und Schreiberschaft ein Feld.

Gurk: Stimmt. Aber ist dieser Prozess, wo Schreiber und Leser gemeinsam einen Textprozess gestalten, nicht längst in die Blogs gewandert? Die Frage sollte vielleicht nicht lauten: Gibt es noch den Popdiskurs? Sondern eher, in welchen Zusammenhängen findet er statt? Und was kann er in diesen Kontexten jeweils leisten? Genau da sind wir wieder bei der Existenzberechtigung von Musikzeitschriften. Die muss man neu klären.

Tanith: Ich war mal Plattenkritiker bei der Frontpage. Aber mein Wortschatz war dann irgendwann einfach aufgebraucht, was Plattenkritiken betrifft. Da war die Plattenkritik nicht mehr mein Medium, um mich mit Musik auseinander zu setzen. Eine zeitlang fand ich es interessant, Leuten, die nicht auf der Party waren, einen Tourbericht zu geben, also zu schreiben, was ich da und da erlebt hatte. Oder ich kotze mich über das Urheberrecht aus oder andere Sachen, die viel wichtiger wurden als eine Plattenbesprechung.

Walter: Ich habe früher auch viel mehr über Musik geschrieben, das geht mir ähnlich. In meinem Blog reflektiere ich nur noch meinen Geschmack – aber ich weiß nicht, ob man das Popdiskurs nennen kann, wenn ich heute ein Video zeige, dass Brückenexplosionen zu einer Oper geschnitten zeigt. Da kommen dann zehn Kommentare von Hu hu! bis zu: Zu dem und dem Stück wäre das noch besser gekommen. Ob das Popdiskurs ist? Jedenfalls kriege ich sofort Feedback, und das ist etwas ganz anderes als ein Redakteur, der sich erst mal gründlich Gedanken macht und dann 10.000 Zeichen schreibt.

Tanith: Aber da passt doch in deinem Fall das Wort “Diskurs” viel besser. Weil es ein echter Dialog ist und im anderen Fall ein Monolog und die Leserschaft darf dann einen Leserbrief schreiben. Im Blog haust du was raus und kriegst sofort was zurück.

De:Bug: Also wie von Rainald gesagt: Das Thema ist auf viel mehr Kanäle verteilt. Das Problem wäre dann eher, wie man das synthetisiert, wie man in den Blog-Millionen den Sinn findet. Und wie man sich als Blogger motiviert, das permanent fortzuführen.

Tanith: Das geht irgendwann in die Gene über. Wenn Bloggen verboten würde, würde mir echt ein Teil von mir fehlen. Ich muss gar nicht jeden Tag etwas schreiben, aber allein die Möglichkeit zu haben, von dem, was sich im Kopf ansammelt, die Sahnehäubchen abzuschöpfen und in den Blog zu tun … Das gehört zum Menschenrecht.

Walter: Mir geht es auch nicht darum, meine Gedanken festzuhalten, sondern ein Mash-Up aus Ideen zu haben. Explodierende Brücken neben einer Betrachtung über Copyright und dann wieder singende und tanzende Zombies mit Stormtrooper-Helmen oder so was.

De:Bug: Zum Popdiskurs hat aber immer gehört, dass man ein Stück Kultur nimmt und eine große Erzählung dranknüpft. Funktioniert das nicht mehr, weil es zu vielstimmig geworden ist? Oder weil sich das Prinzip abgenutzt hat, an eine Platte eine große Erzählung dranzuhängen?

Walter: Ich finde die Idee ganz schön, dass die Social Networks – auch wenn sie von kommerziellen Firmen angeboten werden – eine neue Form der Popkultur sind und da findet natürlich auch ein Diskurs statt, aber das hat nichts mehr mit Musik zu tun.

De:Bug: Die große Erzählung ist dann: Wir sind alle hier und können miteinander reden?

Tanith: Das könnte durchaus noch funktionieren, aber dafür fehlen momentan die Talente. Ich kann mir schon vorstellen, dass Leute über eine Platte wer weiß was erzählen oder ihre Welt in eine Platte reininterpretieren und die nach außen tragen. Aber ich sehe die im Moment nicht. Ob das auf das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom zurückzuführen ist, weiß ich nicht. Vielleicht müsste Popdiskurs heute auf Twitter-Länge stattfinden.

De:Bug: Es gab ja auch zum Internet mal große Erzählungen: Cyberspace, etc. Von so was redet keiner mehr.

Gurk: Eine große Erzählung ist doch der Obama-Wahlkampf gewesen. Der Segmentierungsprozess, der in der Popkultur seit den 90er Jahren sichtbar ist, der alles in koexistierende Subkulturen zerrieseln lässt, hat sich im Internet noch einmal dramatisiert. Die Nische ersetzt immer mehr den Mainstream . Obama hat es nun geschafft, Menschen unterschiedlichster Herkunft und Orientierung zu einer postrassistischen Gemeinschaft zu formen. Mit einem super sophisticateten Wahlkampf, der ganz bewusst auf kulturelle Techniken zurückgegriffen hat, die durch MySpace und Facebook erst möglich geworden worden sind. Wenn man sich dann noch anschaut, wie Obama auf seiner Seite change.gov Regierungsprojekte offenbar nach einem Open-Source-Modell angehen will, dann kann man schon sagen, dass das Internet mittlerweile zu einer neuen Form des Regierens geworden ist.

De:Bug: Wozu passt, dass Obama auch wie ein konventioneller Popstar inszeniert wird. Aber da wird doch Politik als Politik verhandelt. Und nicht mehr ein Inhalt mit einem Stück Popkultur verbunden, als Vehikel, Überhöhung, Katalysator.

Walter: Wenn du das Netz und die Netzkultur als Kultur betrachtest, dann ist die Verknüpfung durchaus da.

Goetz: Tanith hat Diedrich vorhin als Schreckgespenst erwähnt. Für mich ist Diedrich aber der Einzige, der nach wie vor an einzelnen Gegenständen maximal avanciert seine eigene und auch die allgemein vorliegende Theorie weitertreibt und auf den Punkt bringt. Das ist wie in der Soziologie, wo ich immer das Gefühl hatte, dass Luhmann der Einzige ist, der die Systemtheorie wirklich beherrscht. Und genauso habe ich oft das Gefühl, dass Diedrich im Alleingang die Poptheorie auf dem höchsten Niveau bringt und weiterentwickelt. Sein letztes Buch, Eigenblutdoping, ist der Hammer, das ist die negative Dialektik der Popkultur. Da ist alles, was man heute zu diesen Fragen aufwerfen kann, drin. Zugleich hochpersönlich, gleichzeitig total allgemein. Total zugänglich, verständlich und hochtheoretisch. Das ist doch der Inbegriff von Popdiskurs.

De:Bug: Dass heißt, wir müssen uns nur alle ein bisschen Mühe geben, dann wird das schon noch klappen?

Goetz: Nein. Generell zur Frage: Hat der Popdiskurs aufgehört: nein. Er hat sich einerseits vervielfältigt in viele Ecken, vor allem im Netz. Zweitens gibt es Erzählungen, wie die Erzählung von Tobias Rapp, die aus dem Erleben heraus kommt und das relativ nahe dran beschreibt. Und auf der anderen Seite der hochtheoretische Ansatz, den Diedrich macht. Es gibt diese drei verschiedenen, ganz unterschiedlichen Arten, wie der Popdiskurs lebt. Mit diesen Elementen finde ich das maximal lebendig und kann es mir gar nicht schöner vorstellen. Und wenn Diedrich ein Blog schreiben würde, fände ich das auch riesig.

Tanith: Genau. Wenn ich an Diederichsen in den 80er Jahren denke, da kam er ja noch aus dem Pop raus. Der wurde allgemein angenommen. Heute philosophiert er in der Golzstraße in der Kneipe mit seinen Epigonen. Aber er kommt da nicht mehr groß raus. Ich würde es begrüßen, wenn jemand wie Diederichsen aus dem Elfenbeinturm rauskäme. Das ist für mich der Lackmustest für Intellektuelle: direkt auf die Fragen im Internet antworten. Trauen sie sich diese Auseinandersetzung zu? Ich kann auch ellenlang in Heften elaborieren, aber die Zwischenfragen, die sind doch wichtig. Inwieweit so ein Intellektualismus überlebensfähig ist, wenn er sich wirklich an die Front stellt und mit dem Leser direkt interagiert. Es gibt ja auch Intellektuelle, die bloggen und sich dem Ganzen aussetzen, aber nicht im Popdiskurs. Da gibt’s diese alte Kaste, die da sitzt und (äfft nach): Ich bin ja so intelligent! Was habe ich mir nicht wieder Schönes ausgedacht! Und es gibt die anderen, die spontan drauflos schreiben, wo es spontan auch was zurückgibt. Man muss sich der Auseinandersetzung stellen, dann ist es ein Popdiskurs! Ich würde es interessant finden, wenn Intellektuelle sich dem stellen würden. Gut, es wird länger dauern, weil sie längere Sätze brauchen.

artist-unknown03

Walter: Es gibt auch kein anständiges deutsches Musikblog. So was wie Pitchfork, so was will ich für Musik in Deutschland haben. Warum gibt’s das nicht?

De:Bug: “Klage” hatte ja auch keine Kommentarfunktion.

Goetz: Ja, leider. Ich hatte leider noch nie das Gefühl, dass ich das Kreuz dazu habe, um so eine Resonanz auszuhalten und selber darauf antworten zu können. Ich bin zu verwirrbar. Aber was Tanith sagt, stimmt: Es wäre großartig, wenn Popdiskurs auf dem intellektuellen Niveau von Diedrich an die so genannte “Front” im Netz gehen würde. Dass so was funktioniert, beweist ja ausgerechnet die fucking FAZ mit dem grandiosen Don Alphonso. Aber für Popmusik oder Partys gibt es so was nicht.

De:Bug: Liegt es vielleicht auch daran, dass der Mythos Pop nicht mehr interessiert? Dass es qua MySpace und Discogs keine Geheimnisse mehr gibt? Oder ist das Interesse an Musik verloren gegangen?

Gurk: An der die Qualität der Musik selber liegt es sicher nicht. Ich komme kaum noch hinterher, wenigstens den Überblick darüber zu behalten, was alles an interessanten Sachen rauskommt. Aber Musik als etwas, das eine Relevanz über sich selbst hinaus behauptet, das gibt es wohl tendenziell immer weniger. Sie ist einfach nicht mehr der wichtigste Sozialisationsagent, wenn es darum geht, sich seinen eigenen Wirklichkeitsentwurf zusammenzubasteln. Gleichzeitig spielen Kulturtechniken, die aus der Pop hervorgegangen sind, jenseits der Musik eine immer größere Rolle. Auch in dieser Hinsicht bedeutet der Aufstieg von Obama einen Quantensprung.

De:Bug: Was auch ganz wichtig für den Popdiskurs gewesen ist, war die Sozialisationshilfe. Dass man als Adoleszenter ein als Autorität wahrgenommenes Gegenüber hatte. An dem man sich selbst aufgebaut hat.

Goetz: Fuck Autoritäten!

Tanith: Das relativiert sich. Man hat zu einer Jugendbewegung gehört und das war das Leben. Das gibt es heute in der Form nicht mehr. Du kannst zwei Jahre Dubstep hören, aber das heißt nicht, dass du damit “Dubstepper” bist. Du bist gleichzeitig der Gamer, der Blogger, was weiß ich. Du holst dir ein Modul davon und eines hiervon, Musik ist da nur noch ein Bestandteil unter vielen.

Gurk: Ein fundamentaler Kritikpunkt gegenüber Netzkultur bleibt dennoch. Kapitalkonzentration verursacht kulturelle Konformität/Gleichheit, um mal eine berühmte These von Adorno zur Kulturindustrie ganz grob auf einen Satz runterzukochen. Heute haben wir dagegen eine beispiellose kulturelle Diversität unter den Bedingungen einer mindestens genauso beispiellosen Kapitalkonzentration. Die endlosen Debatten um Vertriebskanäle für Musik, wie wir sie aus Zeiten des Tonträgers kennen, Majors versus Indie, wirken nur noch wie ein Anachronismus aus gemütlichen, alten Tagen, wenn man bedenkt, wem YouTube und MySpace gehören, und wie widerspruchslos das mittlerweile hingenommen wird.

De:Bug: Last.fm zeigt auch, dass die Entdeckung der Nischen eben nicht stattfindet. Die Lieblingssongs sind doch immer noch die gleichen: Red Hot Chilli Peppers, U2. Es stellt sich als Irrglaube heraus, dass man im Netz auf ewig Neues entdecken kann. Damit könnte ein Popdiskurs 2.0 fällig werden.

Walter: Das ist doch Journalismus-Bullshit von einer Gatekeeper-Funktion. Die Leute entscheiden schon selbst, was für sie relevant ist. Und was da rauskommt, ist kein Bild-Zeitungs-Niveau. Das ist nicht dumm.

De:Bug: Wo ist die große Erzählung? Die weiterführende Idee? Wo bleibt die kritische, emanzipatorische Erzählung? Auf die man sich qua Verknüpfung mit einem Kulturgut einigen kann? Geht die in der maximalen Diversität verloren?

Tanith: Da fehlen auch einfach die Tools. Wir haben jetzt den Abgesang auf die Zeitschriften besprochen. Print hat aber noch immer mehr Gewicht. Gleichzeitig ist das Internet immer noch die Schmuddelecke, in der man sich austauschen kann, aber die echten Talente findet man da noch nicht. Ich vermisse bei Plattenläden wie Beatport und WhatPeoplePlay die Möglichkeit für Kunden, sich zu dem Produkt zu äußern. Was bei Plattenläden heute vermisst wird, der Plattenhändler, der einem Sachen empfiehlt. Wenn die Läden den Leuten die Möglichkeit geben würden, sich über die Musik auszulassen, dass darüber vielleicht neue Talente entdeckt werden. Aber wir sind ja nicht an einem Endpunkt …

Walter: Die Sache mit der großen Erzählung, die im Netz angeblich nicht stattfindet. Es ist Irrsinn zu glauben, dass das an Google, Facebook oder MySpace hinge. Es geht darum, dass Leute ins Netz gehen, um miteinander zu kommunizieren. Das ist die große Erzählung.

Goetz: Und gleichzeitig zur Bewegung ins Netz findet die Bewegung in die wirkliche Party hinein statt. Bezogen auf den Popdiskurs, ist das narrative Berichten, die Erzählung eine Form, die es immer schon gegeben hat. Als Konzertbericht oder als Partybericht, die in Frontpage teilweise die schönsten Geschichten waren. Daran knüpft jetzt Tobias Rapp an, dessen Buch einen wichtigen Stream der Nuller-Jahre abbildet.

Gurk: Was auf der Straße passiert, ist nicht mehr zu verstehen, wenn du nicht gleichzeitig im Internet bist.

Walter: Das ist richtig, heute ist es müßig, von einer Trennung zwischen virtueller und realer Wirklichkeit zu reden. Das muss man sich mal deutlich machen, was da noch passieren wird in den nächsten 50 Jahren. Das ist unglaublich. Was da entsteht, ist eine völlig neue Gesellschaft. Ganz andere Politik, ganz anderes Privates.

De:Bug: Abschließend: Wie lässt sich die kritische Auseinandersetzung mit Popkultur in der Zukunft denken?

Goetz: Gute Texte! Im Netz und in Magazinen. Und gute Partys, auf denen nicht geredet wird. Gute Ideen: Das ist die Forderung. Das ist das knappe Gut. Es ist schwierig, keinen Quatsch zu denken. Und das jeder auf seine Art. Das ist die Utopie.

Gurk: Wenn es immer mehr unterschiedliche Formen von Öffentlichkeit gibt, dann bin ich für Orte, an denen sich diese Öffentlichkeiten bündeln, Konflikte ausgetragen werden können. In der Welt des Physischen und Materiellen ist deshalb für mich immer noch das Theater ein relevantes Modell. Und genau da würde ich, auf die Welt der Medien bezogen, auch die Exitenzberechtigung von Print und dem Papierjournalismus lokalisieren. Um überhaupt politikfähig zu bleiben mit dem, was man rausgibt in die Welt, ist es extrem wichtig, dafür zu sorgen, dass es Plattformen gibt, auf die sich verschiedene Subwirklichkeiten beziehen können. Wenn jeder seinen eigenen Kanal hat und sich das derart aufsplittert, dann gibt es im Extremfall keine Kommunikation mehr. Das wäre dann die Vollendung der elektronischen Einsamkeit. Das kann niemand wollen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

13 Responses

  1. Pop im Hirn « Kreuzwortfeuer

    […] Dezember 2009 Eine nicht mehr taufrische, dafür sehr aufschlussreiche Gesprächsrunde findet sich auf debug.de. Es geht um das etwas eklige Thema Pop. Überraschend bzw logisch, dass […]

    Reply
  2. ralle

    ach die pop fachleute.
    wie so oft bei solchen diskussionen kommt eigentlich nicht mehr heraus als “ich brauche geld, hab aber nix anderes gelernt, deshalb sitz ich hier und schwadroniere rum”
    pop sucks big time

    das problem ist doch, dass pop das versprechen anders zu sein, in einer welt, in der alles geht, nur sehr schwer erfüllen kann.

    meine mutter hört jetzt auch math rock

    Reply

Leave a Reply