Techno-Avatare
Text: Julia Kausch aus De:Bug 164

René Pawlowitz hat ein neues Album gemacht. “The Killer” ist purer Fokus auf das, was dem Berliner wichtig und relevant erscheint. Ein Sound, bei dem es ihm ziemlich egal ist, was der Rest der Welt davon hält, denn Musik, so sagt er, macht er vor allem für sich selbst.

Für sein neues Album hat Pawlowitz seinen Shed-Alias wieder aus dem Schuppen geholt und sich ein neues Label gesucht. “Es ist immer blöd, wenn die Sache in Klammern hinter dem DJ oder hinter dem Spielenden größer ist als der des DJs. Mit dem Berghain-Label im Hintergrund ist man sehr schnell auf etwas festgelegt, auf eine Art von Musik. Man kommt nicht an das Publikum heran, was man eigentlich möchte.” Mit Monkeytowns 50 Weapons versucht er sich nun dem Branding des Techno-Tempels zu entziehen und eine neue Richtung einzuschlagen. Mit klarer Linie und gewohnter Souveränität entstand der Longplayer in nur wenigen Wochen im Frühjahr. “Ich habe eine Idee, setze sie um und dann ist der Track fertig. Es passiert eher selten, dass ich mich hinsetze und für etwas längere Zeit brauche oder einfach mal probiere und gucke was dabei rumkommt.Digital. Ein Computer. Fertig.” Es hat sich also nicht viel geändert. Mit dezidiertem Sound im Kopf produziert das spätentwickelte Technokind im Akkord weiter. Das Ergebnis ist gewohnt dunkel, kraftvoll und pulsiert auf halbem Weg zwischen Techno und Dubstep. Auch wenn er Ostgut Ton fürs Erste den Rücken gekehrt hat, scheinen seine Klänge nach wie vor den Hallen des Berghains entsprungen zu sein. “Das ist eigentlich genau Technomusik von vorne bis hinten, ohne sonderliche Ausreißer oder ohne zu viele verschiedene Sachen auf einem Album zu vereinen.” An Vielfalt mangelt es trotzdem nicht. Wo “Day After” markant und industriell daher kommt, weist “V10MF!/The Filler” verschwurbelte Synths auf, die von einer harten Kickdrum untermauert werden. “Cas Up” lebt dagegen fast ausschließlich von schwerelosen Flächen, die im Verlauf des Albums von der harten Bassline zurück auf den Boden geholt werden. Die auf seinem letzten Album “The Traveller” stets ausbleibende Bassdrum, die zwischenzeitlich von seinen anderen Aliasen verschluckt wurde, spuckt “The Killer” in aller Fülle zurück in die Spur. Auch wenn er einen Vergleich mit Detroit-Techno stets von sich weist, sind die akustischen Analogien klar erkennbar.

Ich bin dann mal weg

Zu skizzenhaft findet Shed jedoch in Retrospektive die Ansätze von “The Traveller”. “Da hätte man aus jeder Idee auch etwas mehr machen und es auf zwei Platten packen können. Vielleicht war das auch ein bisschen Verschwendung von Ideen, nicht homogen genug. Genau da schließt mein drittes Album jetzt an.” Das Cover-Artwork zeigt im Übrigen das fehlgeschlagene Vorhaben ein Soundsystem zu entwerfen. Als er 2004 seine erste Platte veröffentlichte, riefen Pawlowitz und sein Bruder das gemeinsame Projekt ins Leben. “Das war auch eigentlich alles cool, super Teile, nur irgendwann hat er vergessen, die einen fertig zu machen und schon wieder neu angefangen. Immer eine neue Art von Boxen. Zum Schluss war keine wirklich fertig und die verrotten jetzt.” Verschwendung? Vielleicht. Zumindest findet eine der Boxen nun ihren Platz. In Ambivalenz zu seinem Erfolg scheint der ehemalige Hardwax-Mitarbeiter den Geschehnissen in “Techno-Deutschland” überdrüssig. Als die Euphorie Ende der 90er abebbte, nahm er die Sache schließlich selbst in die Hand – stets den nostalgischen Klang von damals im Ohr. Ein bisschen verzweifelt versucht er sich nun von dem Rest der “Szene” abzusetzen. Der Wille, Musik nicht als Ware zu verkaufen und sich den Vorurteilen der einschlägigen DJ-Kultur zu entziehen, hat sich Shed zumindest vom Auflegen fast völlig verabschiedet. “Ich spiele manchmal noch und dann ist es auch okay, aber oft ist es einfach ermüdend. Man guckt sich selber zu: Jetzt nimmst du da den Bass raus, dann schiebst du den Crossfader rüber, jetzt mach ich den Bass rein. Dieses automatisierte Ding. Zumal die Musik auch nicht interessanter geworden ist, es ist so 1995 stehen geblieben. Aus mir wird kein DJ mehr.

Multiple Choice
Ganz der Hardwax-Junge, versucht Pawlowitz den Mythos um seine Musik und seine verschiedenen Aliase aufrecht zu erhalten. “Ich versuche es für mich einfach interessant zu halten und wenn ich alle Platten unter einem Namen rausbringen würde, wäre die Sache jetzt schon erledigt, glaube ich.” Ein Track ist eben doch nicht nur ein Track. “Es macht immer noch Spaß eine neue Platte zu machen, wo nicht René Pawlowitz draufsteht, nur um mal zu schauen, was überhaupt passiert”. Der Verkauf einer Platte hängt zwar nicht zuletzt von den jeweiligen Tracks ab, ein Alias schafft jedoch ein gewisses Image, das er, einmal vorhanden, nicht mehr so schnell los wird. So hat sich Pawlowitz im Laufe der Jahre an die sieben Pseudonyme zugelegt, etwa als EQD, WK7 oder eben Head High, die alle unterschiedliche Richtungen verfolgen und eine musikalische multiple Persönlichkeit nicht ausschließen. Eine klare Trennung der Etiketten fällt ihm dabei bisweilen selber schwer: “Das verschwimmt manchmal so ein bisschen. Manche kennen zwar den einen Alias, aber den anderen nicht oder wissen zunächst nicht, dass ich es bin. Es ist immer wie ein Neubeginn, Diese 12”-Sachen, diese Head High (Head High “Rave”-EP), das ist ja eher für DJs. Es fängt mit einer Bassdrum an, dann hat er es auch nicht so schwer, der arme DJ.” Die Funktion und Clubtauglichkeit bleiben bei seinem Shed-Alias aus, so dass es auch weiterhin sein Hauptprojekt bleibt und das einzige, mit dem er in relativer Regelmäßigkeit Alben produziert. Ob weitere Aliase geplant sind, will er nicht verraten, dafür wird er diesen Sommer mit Marcel Dettmann und den Jungs von Modeselektor mit ihrem Liveprojekt A.T.O.L präsent sein. Angefangen hatte es letztes Jahr, als sie zusammen beim Melt Festival auftraten. Wo er sich 2010 noch als Solokünstler betitelte, bereitet er sich jetzt auf die gemeinsamen Gigs in Polen und London vor. “Es ist schwierig, man muss sich darauf einlassen, aber es geht voran. Wir sitzen gerade häufig im Studio. Zu viert auf der Bühne zu stehen, finde ich schon cool. Vier Männer. Drei rauchende. Oh Gott!” Wofür A.T.O.L. steht, darf er natürlich nicht verraten. Er ist eben ein Buch mit sieben Siegeln.

Shed, The Killer, ist auf 50 Weapons erschienen


http://www.youtube.com/watch?v=eumPKjCLNWg&feature=related

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Elektronische Lebensaspekte.

Sein wir doch mal ehrlich: Seit den Detroiter Anfangszeiten ist nichts Essentielles mehr passiert. Meint Shed aus Frankfurt/Oder und untermauert das eindrücklich mit seinen Vergangenheitsbewältigungstracks im damaligen Geiste. Nicht nur das Hardwax ist begeistert.
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 88

Vergangenheitsbewältigung
Shed

Manchmal können ein paar Platten die Welt verändern. Früher war das so, keine Frage. Damals, als Detroit der einzige Ort auf der Welt war, wo Musik aufgenommen und auf Platte gepresst wurde. Damals, und wenn man in diesen Dimensionen denkt, bedeutet das: vorgestern Revolution, gestern Langeweile, heute … Shed. Fünf Maxis hat Shed dieses Jahr veröffentlicht, davon vier auf seinem eigenen “Soloaction”-Label, die fünfte auf Delsin in Amsterdam. Fünf Platten, die alle bewusst nur eins wollen: so zu klingen wie damals. Damals, als Shed Anfang der 90er in Berlin als Raver unterwegs war (“Ich hatte einen Rucksack, klar”) und man live dabei sein konnte, wie der Sound einer Stadt in einer anderen Stadt alles veränderte. Sheds Geschichte steht dabei stellvertretend für das, was viele erlebt haben: Die Euphorie ebbte ab, schlug in Langeweile und schließlich Desinteresse an neuen Platten um. Plattenspieler standen immer bei ihm im Zimmer, jahrelang hat er aufgelegt, immer diesen nostalgischen, reinen und puren Klang im Kopf, der alles hatte beginnen lassen. Irgendwann dann die Erkenntnis: “Wenn man nur noch zwei Platten im Laden findet, die einen interessieren, dann stimmt was nicht.” Die eigenen Tracks kamen viel später. Sich dazu durchzuringen, die Geschichte von der anderen Seite aufzurollen, braucht Zeit. Und dann? “Dann hat man Tracks gemacht, sie auf Maxi gepresst und niemand will sie haben. Die Vertriebe winkten letztes Jahr ab, solche Tracks könnten sie nicht verkaufen.” Doch plötzlich ging es los. Die offensichtliche Lösung: Hardwax. Das war Anfang des Jahres. Und knapp zwölf Monate später drehen sich fünf Maxis auf den Plattenspielern. “Für mich ist das schon eine Art Vergangenheitsbewältigung, ich muss diese Zeit damals für mich musikalisch aufarbeiten, es rauschte zu schnell an mir vorbei. Was danach kommt … ich weiß es noch nicht. Geändert hat sich für mich wenig. Wenn ich Platten kaufe, suche ich alte Releases, aktuelle Sachen interessieren mich nach wie vor kaum. Und an gute Parties kann ich mich eigentlich auch nicht erinnern. Die Leute in Detroit haben damals einfach alles richtig gemacht, mich mit ihrer Musik wirklich verändert, Strukturen aufgebrochen. Heute läuft alles wieder in die entgegengesetzte Richtung. Das interessiert mich nicht.”
Mit seinem Release auf Delsin hat sich Shed gleich mehrere Türen geöffnet. “Ich weiß noch nicht genau, wie es weitergeht. Eine neue Soloaction kommt sicherlich erst im kommenden Frühjahr. Aber plötzlich muss ich Dinge entscheiden wie: Will ich auch andere Künstler auf meinem eigenen Label haben? Würde ich weitere Angebote annehmen, auf anderen Labels zu releasen? Seine eigene Musik zu veröffentlichen ist ein Lernprozess, da stecke ich mitten drin.” Bis die Entscheidung gefallen ist, bleiben fünf Maxis. Als Statement, das einen schwelgerisch bewegt. Und von Nostalgie muss man dabei gar nicht reden. Tracks von Shed sind zeitlose Juwelen. Und sowas braucht man immer.

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