Münchendiskussionen erzeugen Hass


Jonas Imbery und Matthias Modica sind von nerdigen Spezialisten zu slicken Hipstern gereift, ihr Label Gomma steht auf Augenhöhe mit Kitsuné oder Ed Banger. München ist daran nicht ganz unschuldig.

Die unnötigsten Diskussionen sind Städtediskussionen. Die unnötigsten Städtediskussionen sind Münchendiskussionen. Münchendiskussionen erzeugen Hass, oder entlarven ihn und die wortführenden Städtediskutierer gleich dazu: die Zugezogenen und Ängstlichen, die Gescheiterten und Abgehängten, die sich nur über das Lokale definieren. Gerade in Berlin. Weil: Berlin ist gut. München böse. Stoiber, Hell und Hoeneß. Eines morgens, Jonas Imbery und Matthias Modica, Heimat: München, waren bundesweit noch DJ-Novizen, kamen zwei anschaubare Mädels daher im Berliner F.U.N.-Club. Die Mädels hätten gerne zur Schickeria gehört, sie tranken Schampus und mochten House, nur dass es keine Schickeria gibt in Berlin. Modica redete mit den beiden gegen den Krach an, nett war es. Bis die eine fragte: “Du sprichst manchmal so komisch, ist das ‘n Akzent?“ Und Modica dann so, in seiner allzu offenen Art: “Ich komme aus München“, woraufhin die anschaubaren Mädels in der Menge verschwanden, was ihm herzlich egal war, aber trotzdem einer von vielen Gründen, warum die beiden Macher des Labels Gomma fortan Patrioten mimten.

“Das war schon paradox“, sagt Modica heute, “München war für uns nie mehr als der Ort, an dem wir leben, aber nachdem wir überall als Münchner definiert wurden, ob abfällig, mitleidig oder anerkennend, dachten wir uns: Dann eben richtig!“ Also betitelten sie sich als “Bavarian Riders“, schrieben “Gomma from Monaco“ auf ihre Plattencover oder diktierten Debug vor vier Jahren: “Seit König Ludwig dem Zweiten ist Bayern das wohl spaßigste bundesdeutsche Pflaster.“ Der Schmarrn funktionierte.

An diesem Mittwochvormittag ist München so, wie München sein sollte. Der Himmel klischeeblau. Die Sonne triumphal. Die Passanten entzückend. Die Sonnenbrillen gezückt. Das erste Helle bestellt. Gegenüber der Universität, Rückgebäude, zweiter Stock: Modica und Imbery kramen im Durcheinander des engen Altbaubüros, ein wenig zerknittert, wie gerade aufgestanden, aber wenn Modicas Hemd zerknittert ist, spannt es trotzdem perfekt, und wenn Imbery gerade aufgestanden ist, schlackert die Rolex schon angenehm selbstverständlich am Handgelenk. Modica findet schließlich ein Exemplar der neusten Veröffentlichung: “Gommagang 4“, der hundertste Release, pünktlich zum siebten Geburtstag des Labels. “Schau da“, sagt Modica und weist in das heimelige Studio, rappelvoll, das Fenster zum Hof steht offen, der alte Herr von obendrüber hört eh nichts mehr, Krach ist kein Problem. Also, geh’ma runter, irgendwo draußen sitzen, plaudern, oder? Passt schon.

De:Bug: Das nächste Album von euch als Duo, von Munk also, lässt nun schon eine Weile auf sich warten. “Aperitivo“ liegt zweieinhalb Jahre zurück …

Modica: Stimmt. Wir kommen einfach nicht so richtig dazu, leider. Oder auch zum Glück: Die letzten zwei Jahre waren wir nonstop auf Tour. Jedes Wochenende.

Imbery: Sechzig Prozent unserer Zeit sind wir ja schon musikalisch aktiv. Wir produzieren, sitzen mit unseren Künstlern im Studio, machen Remixe, legen auf. Der Rest ist Labelarbeit, obwohl wir mittlerweile auch zwei Helfer angestellt haben. Und irgendwo dazwischen müssen wir unser nächstes Album schieben. Aber das kommt bald, versprochen.

Alle angekommen
De:Bug: Sieben Jahre Gomma. Eine kleine Festrede bitte.

Modica: Wenn ich da mal eine kleine Historie entwerfen sollte, dann würde ich Gomma in drei Phasen einteilen. Zuerst: wir und unsere Freunde, unser Sound, obskurer Sound. Nerds laden uns als DJs ein. In, richtig, obskure Läden.

De:Bug: Ihr kompiliert damals immerhin obskure Sampler: “Teutonik Disaster“, deutscher New-Wave mit provokanten Symbolen, die erste “Gomma Gang“, mit verstörend weitblickendem Punk-Funk, verhelft Sprayer-Legende Rammellzee zum Comeback …

Modica: Richtig. In Australien rocken wir dadurch plötzlich Festivals, in Frankreich bekommen wir wegen des Artworks Ärger. Und wir haben unseren Ruf weg. Die zweite Phase, so ab 2003: Wir spielen auf vielen Festivals, in Japan, in Australien, wo wir bis heute gefeiert werden, immer wieder in Frankreich, Gomma-Parties in Paris, ein Wahnsinn. Und schließlich Phase drei: Gomma als Label arbeitet besser, effektiver, gelassener.

Imbery: Nimm als Beispiel Headman. Der gehörte von Anfang an zum engen Kreis, tobte sich bei uns aus. Heute hat er sein eigenes Label, ich muss den Kerl niemandem mehr erklären. Oder der Weg von Kamerakino zu Franz Ferdinand. Und so hat es sich bei uns entwickelt: Wir haben Freunden eine Plattform geboten, die haben ihren Sound gefunden, sind groß geworden und machen dennoch weiter Platten bei uns. Auch Headman. Oder WhoMadeWho. Wir sind alle angekommen, das gilt auch für das Label an sich.

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Als bedürfe es dafür noch einer Bestätigung, klingt “Gommagang 4“ so unberechenbar wie vertraut. Das dreifach bewährte Konzept: Imbery und Modica präsentieren keinen DJ-Mix, sie erstellen eine manieristische Collage, dabei sind sie ganz Kinder des Cosmic Sounds, bewegen sich quirlig um die 100 Bpm – und lassen nach ihrer Regie die aktuellsten Werke der Mitglieder des inneren Gomma-Zirkels vor jedes Indie, Garage, Folk, Disco, Electro oder Techno mal ein Neo-, mal ein Post- setzen. Franz-Ferdinand-Gitarrist Nick McCarthy und sein fantastisch feinfühliger Kanten-Pop als Box Codax, Headman trägt im Erol-Alkan-Remix ganz dick auf, WhoMadeWho dürfen ohnehin längst alles und entscheiden sich stets für schüchterne Hymnen.

Immer dann, wenn der beiläufige Gestus der 22 vereinten Tracks beliebig werden könnte, schreckt eine Funkbeat-Frechheit wie Oliver Koletzkis “Weil ich in einer Stadt aufwache, die …“ auf. Koletzki jazzt als “Parker Frisby” genau bis in jene Höhen, die Gomma so überwitzig machen. Zu den sicherlich aufregendsten und erwähnenswerten Neuzugängen, die auf der neuen Nabelschau präsentiert werden, gehört das Space-Disco-Trio Rodion aus Rom. Imbery und Modica, dessen Familie zum Teil aus Italien stammt, lernten die Lokalhelden auf einem ihrer vielen Ausflüge ins italienische Umland Münchens kennen. Rodion sind vor allem live eine Band, die anderthalb Stunden lang die bestmögliche Illusion eines Adria-Sommers anno dazumal entwirft und dazu ziemlich verwirrt drauflosbrettern kann. Im Herbst erscheint auf Gomma ihr erstes Album.

Modica: Wo wir gerade bei Rom sind. Da spielten wir letztens auf so einer 2000-Leute-Kunst-Party. Das sind dann die Momente, in denen du merkst, die Leute haben deinen Sound verstanden, deinen Ansatz.

Imbery: Dass wir das Reisen um die Welt lieben, ist klar. Was ich aber am meisten liebe: irgendwo weit weg in einen Plattenladen zu kommen und deine Vinyls zu entdecken. Zu sehen, wo Gomma einsortiert wird.

Cabrio und Afterhour
Klar ist spätestens zum Jubiläum: Gomma gehört nicht mehr in die Kiste “Absurditäten“ oder “Spielereien“. Was einst Alleinstellungsmerkmal und Aufreger war, die geschichtsträchtige Mischung, das betont Ambitionierte, die Labelchefs, die nach Cabrio und Afterhour zugleich aussehen, hat sich längst verselbstständigt. Was für eine programmatische Monotonie sorgen kann, was aber dem Label Gomma ebenso gut tut. Vielleicht liegt es in München oft an einer Maß zu viel, aber es ist ansteckend, das Gomma-Laissez-Faire, dieses Gefühl, dass alles läuft, du jeden kennst, dass der Art-Director des SZ-Magazins dein Artwork macht, dass der Oschi von früher mit seinem Weekend im neuen “Spiegel“ steht, dass dein wöchentlicher Club-Abend wieder voll sein wird, dass das Poster-Magazin “Amore“ toll aussieht, dass die Orchiette mit Pesto zum Mittag super schmecken.

Gerade wegen dieses Netzwerks aus guten Leuten, aus Hipstern, Designern und Kleinmusikern, ist Gomma von Anfang an vielleicht nicht das bahnbrechendste, vielleicht nicht das wichtigste, aber das am bestaussehendste Label gewesen. Und auch, ganz automatisch, das münchnerischste. Matthias Modica und Jonas Imbery waren meist dem Erfolg voraus, dem Electroclash und der Disco-Nostalgie, sie folgten nur ihrem Geschmack und arbeiteten sich mit einer ausgewählten Politik stoisch nach vorne. Das zahlt sich jetzt aus: Gomma hat eine eigene Stimmung entworfen, die an die Leichtigkeit des Sound of Munich nicht nur ideologisch erinnert. Doch wie damals, als Donna Summer den Takt vorgab und Freddie Mercury an die Isar kam, wird die Nonchalance Modicas und Imberys von internationalen Künstlern mitgetragen, die aus unterschiedlichsten Ecken kommen, aber im Münchner Uni-Viertel zusammenfinden, weil Gomma ihnen nichts vorgibt als: wage etwas!

Und so rätseln Imbery und Modica, ob es nun gut ist oder schlecht, dass ihnen tagtäglich viel zu viele Demo-Tapes zugesandt werden, die sehr stark an einzelne Gomma-Veröffentlichungen erinnern. “Einerseits blöd“, sagt Imbery, “denn unser Ansatz ist ja stets gewesen, neue Wege zu gehen. Andererseits toll, wenn du merkst, wie sehr sich der Nachwuchs mit einzelnen Platten, einzelnen Tracks auseinander setzt.“ Was Imbery nicht sagt: dass Gomma eben bei aller Divergenz sehr wohl die eigene Marke entworfen hat. Und wenn Gomma ein Regisseur wäre, dann wäre Gomma wohl Klaus Lemke. Jener seit den 1970ern dauerspezielle Low-Budget-Held, Drogennarr und Experimental-Filmer, Deutschlands wahrer Kino-Rabauke, der Wolfgang Fierek entdeckte, als dieser nur ein schlechter Disco-DJ war, und permanent auf der Suche ist nach seinen Musen, in München-Schwabing.

Ebendort wohnt Jonas Imbery und gemeinsam mit Matthias Modica initiiert er im netten Münchner Allerlei-Club “Palermo“ regelmäßige Klaus-Lemke-Abende samt Screening und feinen Setlists. Im Palermo. Disco. Monaco. Ironie. Oder nicht? Es ist längst vorbei, das Bavaria-Posen. Wenn Imbery und Modica, wenn Munk heute auflegen, dann raunt niemand mehr “München“, es reicht ein kurzes “Gomma“. “Mittlerweile ist München-Patriotismus auch in breiter Masse cool und salonfähig geworden, also haben wir uns zurückgenommen“, sagt Modica. Doch diese Erfahrung hat Gomma bis zu seinem Siebenjährigen oft genug gemacht: Zuerst da gewesen, zuerst wieder weiter gewesen.
http://www.gomma.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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