Silicon Alley Impressionen eines Besuchs im NewYorker Agenturleben Tai Kalifornien kann sein Valley behalten, diese high-tech urbane Ausdehnung zwischen San José und San Francisco. Ich befinde mich im Landeanflug auf New York. Die Aussicht aus dem doppelglasigen, eiförmigen Fenster ist Ehrfurcht einflößend. Stell Dir eine Schneekugel vor, die man kräftig geschüttelt hat. Stell in diese Halbkugel ein Miniaturmodell von Manhattan, ziehe die Schneeflocken ab, verkabel es mit kleinen, blinkenden Lichtkontakten und Du hast eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was ich sehe: Silicon Alley. Content Hauptstadt der Welt. Hier drängeln sich die Agenturen, die an der Zukunft basteln. Ich werde vier Agenturen besuchen – alle Konkurrenten und alle haben ihre Büros in derselben Straße. 665 Broadway, 9th Floor Ich sitze in einem der sechs Stühle im Warteraum. Die Empfangsdame nimmt gerade von einen Kurier ein Päckchen entgegen. Bilderrahmen mit DIN A3 Ausdrucken von berühmten Websites hängen an den Wänden. Große Namen wie American Express, Claris und GTE. Ich bin bei Agency.com. Richtig ausgesprochen “Agency dot com” und einer der größten neue Medien Agenturen New Yorks. Eine von diesen Firmen, bei denen man sich vorne eintragen muß, damit sie nicht durcheinanderkommen, ob Du ein neuer Angestellter bist oder Gast. Und was ist, wenn du ein neuer Angestellter wärst? Wahrscheinlich bekommst du am Anfang noch keine eigene Bürozelle. Du müßtest dir deinen Platz mit einem anderen Newbie teilen. Und selbst mit einem so gutem Namensgedächtnis wie das meiner Lehrerin Mrs. Nelson aus der fünften Klasse, wäre es immer noch eine echte Aufgabe alle Namen der über zweihundert Mitarbeiter von Agency.com, die auf zwei Stockwerken verteilt sitzen, auswendig zu lernen. Andererseits – das wäre eine ganz schön große Weihnachtsfeier… Allerdings nur solange du nicht zuviel trinkst, einen kompletten Trottel aus dir machst und nächste Woche als “Thema der Woche” im Intranet heiß diskutiert wirst. Hach, und all die Agenturerfahrung, die du später mal hast. Und wenn du mal nicht mehr hier arbeitest, sind all die großen Namen in deinem Lebenslauf zu lesen und du kannst deinen neuen Arbeitgeber zutiefst beeindrucken. An Websites für bspw. American Express oder andere große Unternehmen zu arbeiten, kann auf die Dauer ganz schön langweilig werden. Klar, sie haben riesige Budgets. Und die Site hat eine Menge Traffic. Und jeder versteht es. Und irgendwann kommt die Zeit, da interessiert es dich nicht mehr, was der Kunde eigentlich will. Du mußt dich umorientieren, auch wenn das heißt, nach der Arbeit noch mehr zu arbeiten. Und wenn die Arbeit-nach-der-Arbeit zuviel wird – dann mußt du gehen. ENDE SEITE 01 ANFANG SEITE 25 ob das klappt bitte rikus fragen. 632 Broadway, 3rd Floor Es gibt keinen Namen an der Tür. Nur eine Nummer. Später sagt man mir, daß man das Büro, das in erster Linie ein Plattenlabel und erst in zweiter eine Webagentur ist, vor durchgeknallten Fans schützen will. Nachdem ich also auf die anonyme Klingel gedrückt habe, öffnet mir eine Frau die schwere Stahltür. Kisten türmen sich in dem riesigen, fabrikähnlichen Raum. Ich sage, daß ich mit David Yu verabredet bin. Sie nickt und führt mich zu der Fläche, wo Leute sitzen. Sie tippt jemandem auf die Schulter. Er nimmt sich die Kopfhörer herunter und dreht sich mit dem Stuhl zu uns herum. David Yu aka DHKY . David kennt sich aus mit großen Agenturen, er hat selber bei Agency.com über ein Jahr gearbeitet. Nach seiner eigentlichen Arbeit dort, fing er an eigene Ideen zu entwickeln. Ideen wie Chopiagami, eine Schritt-für-Schritt Anleitung, wie man mit Stäbchen ißt. Oder Breaks of Fury, eine Serie Javascript/Shockwave unterstützter Animationen, die mit verschiedenen Break Beats synchronisiert wurden. Eine andere Arbeit-nach-der-Arbeit ist Giant Robot. Das war auch das erste Projekt, das ich von David im Netz gesehen habe. Ein eklektischer Mix asiatisch orientierter Illustrationen, großflächige, monochrome Farben und zinehafte Geschichten. Wie man wahrscheinlich schon gemerkt hat, sind Davids Wurzeln in Asien; seine Eltern zogen von Hong Kong nach Kanada. Das erklärt auch die Vorliebe für asiatische Grafik. Wir warten auf seine Freundin Irene, wir wollen mit ihr gemeinsam irgendwo Mittagessen. Auch sie arbeitet bei einer Webagentur direkt um die Ecke. Während unseres Essens bei Jones’ Diner (einem riesigen Pfannkuchen für mich, einem Truthahn-Burger für Irene und einem Sandwich für David), bekomme ich eine Menge über meine Lieblingswebdesigner zu hören. Zum Beispiel über Ben von Superbad. Ben arbeitet in einem Altersheim. So hat er eine Menge Zeit für seine kreative Arbeit. Ich glaube, das ist der einzige den ich kenne, der nicht bei einer Web-Agentur seinen Lebensunterhalt verdient. Außerdem unterhielten wir uns über die per-Einladung-nur-zugängliche-parallel-web-community hell.com. Wir fragen uns, ob es wohl jemals über die jetztige Phase hinausschafft. David findet es interessant, ist aber nicht sicher, ob etwas dabei herauskommt. Die Mitglieder arbeiten zuviel und haben kaum Zeit sich auf andere Projekte zu konzentrieren. Das denke ich auch, aber wenn es laufen würde, wäre es sehr interessant. Ich hätte den ganzen Nachmittag plaudern können – da ich aber der Besucher war und die beiden wieder zurück zur Arbeit mußten, verabschiedete ich mich und versprach in Verbindung zu bleiben. 1700 Broadway, 9 Floor Yoshi Sodeoka, wiederholte ich zum zweiten Mal, als die Empfangsdame den Name in der plastikeingeschweisten Telefonliste suchte. Obwohl die Word Site mit ihrem Art Direktor Yoshi Sodeoka im Netz jeder kennt, heißt es noch lange nicht, daß ihn die Leute in seiner unmittelbaren Nähe kennen. Vielleicht ist das die Natur des Netzes. Man kennt Menschen über 1000 Meilen hinweg, aber ist für die Nachbarn oder das eigene Haus ein Fremder. Word wird verkauft. Icon.net, die Mutterfirma, hat beschlossen, daß Online Geschichten nicht der Weg ist, den sie gehen wollen. Sie hat ihrem Zweck gedient – nämlich P.R. für Icon zu machen. Word besteht aus zwei Festangestellten. Die Chefredakteurin Melissa und dem Art Direktor Yoshi. Word ist im echten Leben klein; das Büro ist noch nicht mal 30 m2 groß, die Hälfte davon vollgestellt mit Büchern und anderen leblosen Dingen. Aber wir wissen ja: es ist nicht die Größe, die zählt. Word hat das bewiesen. Sie haben mehrere Preise gewonnen und wurden in vielen Design-Büchern erwähnt. Marissas Stuhl ist leer, daß heißt Yoshi ist alleine. Aber nur wenn man Menschen zählt. Sein Tisch, Monitor, Regale und alle anderen horizontalen Flächen sind vollgestellt mit Plastik Spielzeug. So Zeug, das man in 25 Cent Automaten bekommt. Es erinnert an die asiatischen Tempel, wo Menschen den Göttern kleine Geschenke machen. Er sitzt zwischen ihnen allen: der phosphoreszierenden Schein des 21-inch Monitors erwärmt die kleinen Plastik Teile. Ich sehe ein geöffnetes Direktor-Stage-Fenster unter dem Netscape Fenster. Das läßt nur eins vermuten. Shockwave. Nachdem wir uns 45 Minuten über unsere Lieblings-Shockwaves unterhalten haben, beschließen wir demnächst eins gemeinsam für die Word-Rubrik “the Thing” zu programmieren. 841 Broadway, 5th Floor Das erste, was mir auffällt, als ich das Studio von i/o360 betrete, ist, daß es hier einige Grad wärmer ist, als im Flur. Das kann nur am ständigen Fluß der Nullen und Einsen liegen, die die Computer in sich hineinfressen. Es kann aber genauso gut daran liegen, daß das Team im letzten Jahr um das Doppelte angewachsen ist, aber immer noch im selben Studio ist. Die Hitze der Energie, die herumschwirrt, kann sich im Raum nicht zerstreuen. Es ist zwar warm, aber nicht unangenehm. Bündel roter Kabel hängen auf alle Flächen herab, die sie finden können. Von den Wänden finden sie schlängelnd ihren Weg in die Klötze aus Plastik und Stahl. Alle im Raum scheinen mit diesen Klötzen beschäftigt zu sein. Innerhalb jedes Towers erwarten Berge von Hardware geduldig weitere Instruktionen ihrer Befehlshaber. Ein neues Gesicht erscheint aus einer der dunklen Ecken. Freundlich stellt sie sich als Kirsten vor, PR-Frau und meine Kontaktperson. Willkommen bei i/o360 Digital Design. Auf unserem Weg zum Präsentationsraum zeigt mir Kirsten das Studio und stellt mich zwei Geschäftsführern (creative partners), einigen Projektmanagern (project managers), dem technischen Leiter (lead technologist) und dem Designtechniker (design technologist) vor. Wenn sich diese Berufsbezeichnungen seltsam anhören – nun, i/o360 ist keine typische Medienagentur. Schon die Berufsbezeichnungen sollen auf den technischen Hintergrund hinweisen. Im Gegensatz zu vielen anderen Firmen, die neue Technologien bei Projekten meist ein oder zwei Monate vor der Kundenpräsentation einsetzen, entwickelt i/o360 neue Technologie direkt für ihre Kunden und deren Anforderungen. Sie glauben, daß Technologie neue Möglichkeiten für Kommunikation bietet. Und so sind sie immer auf dem neuesten Stand. Das Licht wird schwächer, als wir auf das Flimmern des i/o360 Intranet starren. Die Bewegung des Cursors ist ruckelig. Wie ein Fahrer, der keine konstante Geschwindigkeit hält, sondern aufs Gaspedal tritt, es wieder wegnimmt, wenn der Wagen langsamer wird und wieder von Neuem beginnt. Ich schaue rüber zu Kirsten. Sie muß meine Gedanken lesen können, denn sie erklärt mir, daß das Keyboard neu ist. Ein infrarotgesteuertes, dunkelgraues Modell mit Rollerball. Sie hatte noch nicht genügend Zeit es auszuprobieren. Manche Sachen sind halt selbst für i/o360 zu neu. Nachdem ich mir mehrere Projekte in verschiedenen Stadien anschauen durfte – mein Lieblingsapplet: Eine Javamap, die alle Agenturen in Silicon Alley anzeigt – ist meine Zeit gekommen mich zu verabschieden. Sie feiern eine Party und müssen noch Vorbereitungen treffen. Sophie’s Bar, East Village Digitale Kommunikation. Zwei ungenaue und gleichzeitig alles umfassende Wörter. Es kann das indigoblaue Glühen deiner multifunktionalen Armbanduhr sein, das du jemanden ins Gesicht beamst, der nach der Uhrzeit fragt. Es kann die Arbeit in einer Fabrik sein; das Zusammenlöten der Kontakte von Computerchips. Wie es auch sein mag, folgende Antwort bekam ich von dem Mädchen in Sophie’s Bar auf die Frage, was sie studiert: “Multimedia. Ich studiere Multimedia.” Oh mul-ti-me-di-a. Wenn es ein Wort gibt, das sich total abgenutzt hat, dann ist es dieses. Und hier, direkt hinter mir, sitzt die multimediale Zukunft. Cathryn Brown, Studentin bei ITP (Interactive Telecommunications), ursprünglich aus Kanada. Die Leute sagen, daß die Konvergenz der Medien die Zukunft ist. Ich glaube, es ist die Konvergenz der Kulturen. Es ist die Konvergenz so vieler Kulturen, die diese Stadt so interessant macht. Obwohl die Menschen ihren eigentlichen Geburtsort wieder zum Leben zu erwecken, so wie in China Town oder Little Italy, ist es doch nicht das Original. Es ist wie bei der Fotokopie Philosophie: eine Kopie ist niemals so scharf und sauber wie ihre Vorlage. Per copy-and-paste setzen wir eine neue Hybrid-Kultur nach unserem Geschmack zusammen. Links zum Thema: i/o360 Digital Design <http://www.io360.com> Agency.com <http://www.agency.com> DHKY <http://www.dhky.com> Giant Robot <http://www.giantrobot.com> Superbad <http://www.superbad.com> hell <http://www.hell.com> icon.net <http://www.icon.net> word <http://www.word.com> Shockwave von Tai/Yoshi <http://www.word.com/thething>

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Elektronische Lebensaspekte.

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