Bei Smallville in Hamburg kommt das Visuelle zur Musik. Die Plattenladen- und Labelmacher bereiten handelsüblichen Party-Promotern Kopfschmerzen. Im De:Bug-Gespräch erklären sie und ihr ästhetischer Kopf Stefan Marx, warum man die Namen der DJs auf einem Plakat nur ganz klein und ganz unten stehen und der Rest des Plakats ein verschwommenes Aquarell sein lässt. Faszination fürs Handwerkerliche.

Zuerst fallen einem die großen Zeichnungen ins Auge. Auf den zwei großen Fensterscheiben links und rechts neben der Tür kleben sie. Gesichter sind es, etwas überzeichnete Charaktere, in der Mitte über der Ladentür hängt der Schriftzug. Smallville ist zuallererst ein Plattenladen in Hamburg, auf der Schneise zwischen St. Pauli und Schanze, aber Smallville ist auch ein mittlerweile erfolgreiches Plattenlabel, und, es ist sogar noch mehr.

Die Schaufenster sind ausgelegt mit den Covern der letzten Veröffentlichungen, auf der rechten Seite die Fotos und Bilder des Schwesterlabels Dial, links dann die eigenen künstlerischen Cover der Platten und CDs. Eigentlich ist der Laden heute, an diesem viel zu kalten Montag im Oktober, geschlossen. ”Montags ist unser Ruhetag“, bestätigt Julius Steinhoff, einer der Macher von Smallville , selber Produzent und DJ. Zusammen mit Pete aka Lawrence, Stella Plazonja, Just von Ahlefeld aka DJ Dionne, Jacques Bon, der das Pariser Büro leitet und dem Künstler Stefan Marx sowie einem Kollektiv aus einigen anderen betreiben sie seit 2005 Smallville – den Laden, das Label, die Idee.

Kein Name, keine Nummer, kein Titel
Im Laden sitzen Just und Julius zusammen mit Stefan Marx, der für das komplette Artwork von Smallville verantwortlich ist. Just und Julius sehen noch etwas müde aus. Am Freitag haben sie erstmalig in der Panoramabar aufgelegt und den Abschluss einer kleinen Clubtour zur Veröffentlichung ihrer zweiten Compilation ”And Suddenly It’s Morning“ gefeiert. Sie trinken grünen Tee aus einer traditionellen Porzellankanne. Sie sagen Sätze wie ”Es gab nie einen Masterplan bei Smallville“. Und ”Alles entsteht sehr ungezwungen“. Oder ”Jeder hier weiß, wofür er arbeitet“.

Sätze, die nicht aufgesetzt klingen, eher als kämen sie aus tiefster Überzeugung. Sätze, mit denen man wenig anfangen kann, weil sie sich im Grunde aus sich selbst erklären. Und aus den Gesichtern, die sie sagen. Seit der Gründung hat sich Smallville zu einem der Vorzeigelabels für House entwickelt. Veröffentlichungen der Labelmacher stehen neben Künstlern wie Move D und Benjamin Brunn, Sven Tasnadi, Christopher Rau oder STL. Natürlich wirkt sich das auch auf den Laden aus. ”Früher war Dienstag traditionell unser bester Tag im Laden. Heute ist es der Samstag. Da kommen einfach viele Touristen, die unsere Platten gehört haben, auf unseren Parties waren, unsere Plakate gesehen haben.“

Für das ästhetische Gesamtbild von Smallville ist Stefan Marx verantwortlich. Seine Kunst vereint Laden, Label, Platten, Parties, Poster und Flyer. Es wäre falsch von Grafikdesign zu sprechen. Wenn man sich mit Stefan Marx darüber unterhält, wirken die Begriffe Grafik und Design sowieso sehr schnell fehlbesetzt. ”Grafikdesign folgt immer Trends. Bei Smallville ist das ganz anders. Ich habe hier die Freiheit alles zu mache.” Stefan Marx redet viel über Kunst, über seine Zeichnungen, seine Aquarelle, seine Arbeit bei Smallville. Was sie von den meisten anderen Labels unterscheidet, ist, dass auf dem Cover nie der Name des Künstlers steht, nie die Katalognummer, nie der Titel der EP.

Einzig und allein die Bilder von Stefan Marx zieren Plattencover, CD-Booklets, Poster und Partyflyer von Smallville. ”Die Informationen werden auf das Wesentliche beschränkt“, steuert Julius bei. So ist das Motiv losgelöst von der Musik. ”Ich habe immer darauf gewartet und gehofft, dass Smallville endlich losgeht“, erzählt Stefan lachend. ”Denn für mich ist das eine sehr luxuriöse Situation. Natürlich entscheiden Julius, Pete und ich gemeinsam, welches Bild wir für ein Cover nehmen, aber ich habe hier die Möglichkeit, Vollcover für 12“s zu gestalten. Ganz ehrlich, ich rechne ja jeden Tag damit, dass ich das nicht mehr machen kann. Dass ich nie wieder ein Vollcover für eine Platte gestalten darf.“

Oft sind die Cover Ausschnitte aus größeren Arbeiten, denn, so sagt Stefan, er zeichne oder male ja nie im quadratischen Format. Besonders bei der aktuellen Compilation von Smallville wird deutlich, wie groß der Freiraum ist, den man Stefan Marx überlässt. Und welche Bedeutung das Visuelle hier erfährt. Das 16-seitige Booklet enthält keinerlei Informationen zur Veröffentlichung, es ist eine Art Scenebook mit Zeichnungen von Stefan, die auf einer Reise nach New York entstanden sind.

Wieder sind es Gesichter, leicht überzeichnete, karikaturenhafte Charaktere, aber man hat das Gefühl, diese Motive passen auch zur tiefen, wenngleich doch so einfach zugänglichen Musik von Smallville. Vielleicht liegt es gerade daran, dass Stefan Marxs Zeichnungen auf Reisen entstehen. Er zeichnet Personen, die ihm über den Weg laufen, die er beobachtet. Das könne er oft nur, so erzählt Stefan, wenn er nicht einfach so durch die Straßen Hamburgs laufe. Da sei der Blick nicht klar genug. Aber auf Reisen oder im Nachtleben, was ja auch so eine Art Reise sein kann, funktioniere das sehr gut. Er nennt die kreativen Momente, in denen er mit Stift und Zettel da sitzt und kritzelt, ”Anflüge von Zeit“.

Reste eines verschwommenen Aquarells
Später, als wir in seinem Atelier sitzen, zeigt mir Stefan, der unter anderem als Chefdesigner des Streetwear-Labels Cleptomanicx arbeitet, einen Bildband, den er gerade im Verlag Rollo Press veröffentlicht hat. ”85 Zeichnungen“. Darin sind von ihm gesammelte Flyer, Poster und Anschreiben von Laternenpfählen abgedruckt, auf deren Rückseite er wiederum eigene kleine Zeichnungen gemalt hat.

Eine Art soziokulturelles Gedächtnis von Erfahrungen und auch eine Hommage an die einfache Schönheit von kopierten Flyern. ”Diese D.I.Y.-Kultur hat mich schon immer fasziniert. Das kommt vielleicht von meiner Zeit als Skateboarder. Ich mag es einfach, wenn man etwas selber gemacht hat, mich fasziniert auch das Handwerkliche.” Es wäre schon komisch, dass heute 100 einseitige Schwarz-Weiß-Flyer zu kopieren das Gleiche kosten würde wie 5.000 4c-Hochglanz-Flyer bequem vom Computer aus zu bestellen. Aber die Qualität leide darunter doch enorm, bemängelt Stefan. Und es fehle der Freiraum. Der Freiraum, einen Flyer mal nur einseitig zu gestalten. Mal Informationen weg zu lassen.


Diesen Freiraum hat Stefan Marx bei Smallville. Natürlich müsse man sich schon mal mit Promotern auseinandersetzen, die nicht verstehen, dass die Namen der DJs unten ganz klein auf dem Plakat stehen und der Rest des Plakats ein verschwommenes Aquarell ist. Aber trotzdem: Mittlerweile wüssten die Leute auch direkt, dass es Smallville ist. Obwohl oder gerade weil nicht Smallville drauf steht. Und es führt auch dazu, dass manche Leute über das Visuelle zur Musik kommen. ”Manchmal“, erzählt Julius nämlich dann, ”kommen Leute in den Laden und kaufen sich eine Platte, ohne dass sie einen Plattenspieler zu Hause haben. Die wollen dann einfach das Cover unbedingt besitzen.” Stefan Marx sitzt einfach da und lächelt. Das hört er gerne.

5 Responses

Leave a Reply