Soziale Netzwerke und die Ökonomie der Freundschaft
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 120

Fluch und Segen der sozialen Netzwerke. Mercedes Bunz ordnet das positive Dilemma eines sozialen Raumes, der sich noch immer im ständigen Werden befindet.

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Grafik: Chris Harrison

Eines ist klar: Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder MySpace haben keinen guten Ruf. Über sie kommunizieren zwar Millionen, aber ihr Image ist grausig. Sie sind der Mainstream des Internets, der Ort, an dem die Massen sich herumtreiben, und Masse, wissen wir ja, ist kein guter Begriff. Masse ist dumm, schwerfällig und dumpf. Folglich hat man sie auf dem Kieker. Dabei nutzen junge Menschen diese von allen möglichen Widgets aufgepimpten Dienste nicht nur weitaus lieber als die üblichen Applikationen, Email oder so. Was alleine schon ein Grund wäre, da genau hinzugucken. An sozialen Netzwerken lässt sich auch mehr sehen als nur die üblichen Probleme. Aber beginnen wir mit denen.

Privat ist jetzt öffentlich

Soziale Netzwerke, eigentlich aber das Internet im Allgemeinen, erzeugen ein ganz neues Kuddelmuddel. Denn bislang schien unser Leben wohl geordneten Zonen zu folgen: Angelegenheiten zu Hause sind privat. Gehen wir auf die Straße oder versammeln uns an öffentlichen Orten, sind wir dagegen öffentlich, denn draußen, an öffentlichen Orten mutieren wir zu dem, was Habermas mal etwas umständlich „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“ genannt hat. Und das gerät jetzt im Netz, vor allem aber auf der Oberfläche der sozialen Netzwerke durcheinander. Dort reden wir in einem Netzwerk mit unseren Freunden, privat quasi, doch diese private Kommunikation ist zugleich – und das macht Ärger, zu dem kommen wir später – öffentlich für alle zu verfolgen. Privat und öffentlich sind heute also im Gegensatz zu früher miteinander verwoben. Obwohl: Ganz so ordentlich zu trennen war sie im Grunde noch nie.

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Wohnzimmer beispielsweise sind privat, sogar durch den Artikel 13 im Grundgesetz geschützt (”Die Wohnung ist unverletzlich“), hatten aber sogar jenseits des Großen Lauschangriffs immer auch etwas Repräsentatives. Wenn Freunde erstmals zu Besuch kommen, bilden sie mit hochgezogener Augenbraue ein beurteilendes Publikum, kennt man ja von sich selbst. Besucht man jemanden zum ersten Mal, guckt man sich neugierig um, wie jemand eingerichtet ist. Schon seit langem bilden privat und öffentlich also unsaubere Schnittmengen. In gewisser Weise konnte man diese aber bisher noch ganz gut kontrollieren, denn im Allgemeinen bekommt man a) mit, wenn jemand das eigene Wohnzimmer betritt und wenn der b) einem nicht mehr passt, schmeißt man ihn eben raus. Bitte geh. Mit dem Internet ist das anders. Beides. Denn das Besondere an sozialen Netzwerken ist, dass man dort seine eigene private Öffentlichkeit aufmachen kann. Zu der versammelt man um sich seine besten Online-Freunde, außerdem kann man dank seines Profils – Bild und aufgebohrter Proust-Fragebogen – mehr Aspekte von sich rüberbringen als mit einer auch noch so kreativ ausgedachten E-Mail-Adresse. Wir stehen vor einer neuen Ära der Semi-Öffentlichkeit quasi, habermasianisch könnte man auch sagen, vor einer ”Sphäre des zum Privaten versammelten Publikums“. Und die ist öffentlich, fühlt sich aber privat an.

Im Dickicht der Millionen fühlt man sich sicher und unauffindbar – kein Wunder, denn Aufmerksamkeit, wissen wir ja, ist das wichtigste Gut des Internets und die kriegt man nicht so leicht, normalerweise sind die Millionen eben nur potentiell. Die meisten Webseiten gammeln träge im Netz vor sich hin, Blogs plappern ins Leere und bekommen keinen Besuch. Nicht umsonst sind professionelle Seiten ja damit beschäftigt, unprofessionell Traffic auf ihre Seite zu schaufeln. Online sein, das heißt eben erst mal nicht zugleich sichtbar und damit öffentlich zu sein – es sei denn, man wird gesucht. Und da beginnt das Problem, besonders, wenn man Besuch bekommt, den man nicht unbedingt erwartet.

Der Feind in deinem Blog

Zuerst ging das der eingefleischten Gemeinde der Blogger so. Die waren zunächst unter sich, die ersten, die entdeckt hatten, dass man zur Veröffentlichung im Netz weder ein Nerd sein, noch ein Business haben musste. Traffic ging auch, im Kleinen eben, nur verlinkte man sich nicht wie heute durch Freunde, sondern per Blogroll und kommentierte sich gegenseitig. Das war, bis Blogs zum nächsten großen Ding wurden. Dann war es aus. Leute schauten bei einem vorbei, die man da nicht unbedingt haben wollte. Peter Praschl, der lange mit einigen anderen das Blog Sofa -Rites de Passage (arrog.antville.org) betrieb auf dem das Nachdenken wundersam herumstolperte, beschrieb das mal so:

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Unangenehm irgendwie, plötzlich lief es auf etwas hinaus, plötzlich wurde man von Leuten mit diesem wissenden Grinsen gefragt, wie es denn dem Weblog ginge, (…) plötzlich war das so etwas wie die Mitteilung, dass man Klavier spielte oder kitesurfte, unheimlich, nicht, dass man es hätte geheim halten wollen, aber man wollte nicht Schwenkfutter sein, man wollte keine Biografie haben, man hatte die Biografie ja zersetzen wollen: In Einsatz-Einträge, in Redeflashs, in Texte, die auf nichts hinausliefen als vielleicht auf Ausatmen. Man hatte einen unendlichen Text schreiben wollen, der auf gar nichts hinauslief, um herauszufinden, worauf das alles hinauslief und ob überhaupt, und im Wissen, dass man das wahrscheinlich nie herausfinden würde, weil man ja erst sterben muss, um eine Autopsie vornehmen zu können.

Zu viel Öffentlichkeit. Das Publikum war da, das Semi war weg und die Autopsie setzte damit zu früh ein. Folglich hörte Praschl nach fünf Jahren auf. Und das gleiche Moment, die neue Vermischung von Öffentlichem und Privatem, die zusammen ein großes Kuddelmuddel bilden, kommt seit einiger Zeit in den sozialen Netzwerken an.
Da schaut jetzt eben auch mal der Arbeitgeber auf Webseiten vorbei, die ihn eigentlich nichts angehen. In der Tat sind in den USA schon mehrere Lehrer wegen ihrer hochgeladenen Bilder gefeuert worden. Weil sie sich in ihrer Freizeit auf ihren privaten MySpace- oder Facebook-Profilen zu freizügig zeigten, weil sie sich mit etwas abgelichtet haben, was wie ein Longdrink aussah und ihre Vorbildfunktion – so lautete die offizielle Argumentation – damit ins Wanken gerät. Bestraft wird heute eben nicht mehr nur Alkohol am Steuer, überprüft wird auch der Alkohol im Bild. Da hilft bei einem spießigen Arbeitgeber wie der Millersville University in Pennsylvania auch nicht der Verweis auf Ist-doch-Freizeit etwas. Es ist so, wir müssen alle damit umgehen: Leute schauen in Kontexten vorbei, in denen sie nichts zu suchen haben. Und dass ins Internet öffentlich eingestellte Bilder immer angesehen werden können, sollte jedem klar sein. Wichtiges Detailwissen quasi. Denn der Long Tail des Internet ist zwar endlos lang, aber selbst am entlegendsten Ende besteht er aus lauter Nischen – und die sind grundsätzlich an einer Seite offen.

Freizeit ist jetzt Arbeit

Unordnung gibt es aber nicht nur, weil öffentliche Kommunikationen sich privat anfühlen, es aber nicht sind. Begrifflich dreht ja derzeit vieles durch. Arbeit und Freizeit benehmen sich beispielsweise schon seit einiger Zeit weit wilder als privat und öffentlich. Auch außerhalb des Netzes. Beziehungen haben heute nicht mehr nur Leute, die etwas darstellen. Im Gegenteil: Das eigene Netzwerk an Freunden ist für alle zu einem wichtigen Arbeitgeber geworden. Cafés sind in Folge dessen zu laptopgepflasterten, rauchfreien Büros mutiert, in denen man Meetings abhält. Und Menschen, die Festanstellungen mit eigenem Büro besitzen, sind auch nach der Arbeit, in der man sich natürlich selbst verwirklicht (klar), auf ihrem Smartphone überall erreichbar – abgesehen davon, dass man sich in Festanstellungen heute auch nur vorübergehend parkt. Weshalb soziale Netzwerke auch mehr sind als einfach nur neue Entwicklungen im Netz. Man kann sie als ein neues Paradigma für unsere Gesellschaft lesen. Was heißt: An ihnen kann man die Verschiebungen feststellen, die man uns Subjekten in den letzten Jahren aufgedrückt hat.

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Zentral auffällig ist da vor allem eins: Die Technik der Selbstdarstellung ist heute nicht mehr nur eine Angelegenheit des Künstlers, der damit früher einmal die eigenen Fähigkeiten ausstellte. Jeder mündige Bürger, nun gut, zumindest die jüngeren unter ihnen, sind heute zur Selbstdarstellung verpflichtet, einfach weil man gar nicht mehr daran vorbeikommt. Es ist ja so: Man bewirbt sich nicht mehr nur beim Arbeitgeber mit einem Lebenslauf, sondern auch bei seinen Freunden. Eine Ökonomisierung des eigenen Selbst, die man auch positiv auslesen kann: Man überlässt das Führen von personenbezogenen Daten nicht mehr der Personalabteilung, dem Einwohnermeldeamt oder der Polizei alleine, sondern exponiert sich lieber im eigenen Licht. Aneignung der Statistik, verwalte dich doch lieber selbst.

Knechte waren gestern

Wie jede Gentrifizierung ist auch die ”gentrification of our souls“ damit alles andere als eindeutig schlecht oder gut. Die Ökonomisierung des eigenen Lebens im postbürgerlichen Kapitalismus, wie sie sich in sozialen Netzwerken zeigt, ist ambivalent. Sie entspricht einer Aneignung ebenso wie einer Auslieferung. Und es hat wenig Sinn, gegen sie frontal anzugehen. Bleibt man aus den sozialen Netzwerken weg, ist man eben nicht dabei. Es merkt ganz einfach keiner. Tja, Mist aber auch, Widerstand sieht anders aus. Was nicht heißt, dass es ihn nicht gibt. Er findet nur innerhalb dieser Netzwerke statt: Man organisiert sich dort zu Gruppen gegen das Sammeln von Daten oder sprengt absichtlich das starre, vorgefertigte Layout bis zum Biegen und Brechen der Netzwerk-Seite. Und das heißt, soziale Netzwerke sind alles andere als dumm. Während im Feuilleton die angekommenen 35-jährigen Redakteure darüber herumjammern, dass ihre Jugend nie aufhört, diskutiert man dort die Veränderungen, die auf die nachwachsenden Kids einprasseln, und bemerkt vehemente qualitative Verschiebungen in dem, was es heute heißt, jung zu sein. Beispielsweise Folgendes: Früher galten Teenager als faul, widerspenstig, unbeholfen und schüchtern. Heute dagegen sind sie umtriebig, bauen ihr soziales Netzwerk aus und planen außerdem ihr nächstes Praktikum. ”Childulthood“ nennt der MySpace-Künstler Leandro Quintero auf seiner Seite diese Phase von 13-23, in denen der zukünftige Weltbürger für die zeitgenössische Globalisierung trainiert wird.

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Was heißt: In und an sozialen Netzwerken lässt sich eine umfassende Transformation dieser Gesellschaft ablesen. Knechte braucht heute kein Mensch mehr. Selbstverwirklichung ist eine effektivere Kapitalisierung der Subjekte. Hegels alte Herr-Knecht-Dichotomie hat ausgedient, was man auch daran merkt, dass Werte wie Demut, Opfer oder Selbstaufgabe sich klammheimlich vom Acker des Subjektes gemacht haben. Sie sind aus den zeitgenössischen Erzählungen verschwunden. Die klassische Unterwerfung, sie wird nur noch wenig verlangt, geübt oder trainiert. Sie spielt keine große Rolle mehr. Die permanente Aufforderung zur Selbstverwirklichung rückt an ihre Stelle und folglich muss Ideologie heute umdefiniert werden. Sie besteht nicht mehr in Unterwerfung. Fast klingt es, als hätte der französische Marxist Louis Althusser sich auf sozialen Netzwerken herumgetrieben als er in seinem Aufsatz ”Ideologie und ideologische Staatsapparate“ schrieb: ”Die Ideologie stellt das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren wirklichen Lebensbedingungen dar.“ Und außerdem festlegte: ”Eine Ideologie existiert immer in einem Apparat und dessen Praxis oder Praktiken. Diese Existenz ist materiell.“ Denn all das – das imaginäre Verhältnis zu den eigenen Lebensbedingungen, manifestiert im Profil, ausgestellt in einem Apparat namens soziales Netzwerk, der ja in Form von Servern durchaus materiell ist – findet man heute genau so auf sozialen Plattformen.

Profil heißt die neue Ideologie

Kreuzt man jetzt weiter und noch ein wenig intensiver Althussers alten Versuch von 1969 mit 2008, kreuzt man den Versuch, den Ideologie-Begriff upzudaten mit sozialen Netzwerken, kommt man zu folgendem Ergebnis: Ideologie ist heute selbst gewählt. Sie ist selbst gewählt, aber nicht selbst bestimmt. Denn mein Profil ist mein imaginäres Verhältnis zu meinen wirklichen Lebensbedingungen. Es ist mein System von Wertvorstellungen, was aber nicht heißt, dass es mir gehört. Tatsächlich gehört es, das Runterscrollen auf jeder MySpace-, StudiVZ oder Facebook-etc.-Seite hin zum Copyright zeigt das schnell: Rupert Murdoch oder Marc Zuckerberg oder wer auch immer die Plattform betreibt. Und die machen ihr Geld mit der Auswertung meiner privaten Ideologie. Genau da schließt sich der Kreis zur älteren Bestimmung der Ideologie, denn wie damals können wir den Apparat nicht kontrollieren. Meine Vorlieben, meine Einkaufsgewohnheiten, mein Freundesnetzwerk und mein aktueller Gefühlsstatus, all diese Dinge sind nicht privat. Sie gehören dem Besitzer des sozialen Netzwerkes und nicht mir. Weshalb Hegel auch seinen Kopf in die Shoutbox hineinsteckt und dort lauthals ruft: Wir sind alle Knechte von Rupert Murdoch und Konsorten. Aber die Sache ist komplizierter.

Tatsächlich sind soziale Netzwerke nicht per se böse. Auch wenn sie immer mal wieder den Usern zu nahe treten, ihre Daten für targeted ads verticken und das in all jenen Fällen, in denen sie ihren Usern zu nah auf die Pelle rücken, jedes Mal nach der Welle der Empörung bitter rückrudernd bereuen, werden sie ihre User nicht prinzipiell für ein Appel und ein Ei verkaufen. Denn das vergrault sie. Und damit ist das Businessmodell futsch. Der Herr ist heute eng an den Knecht gebunden, tatsächlich wird er ab und an deshalb eben zum Knecht der User, denn natürlich wollen sie mit den Datenspuren ihrer Kunden Geld machen. Umso dringender muss man sich die Frage stellen, wem heute eigentlich meine Gewohnheiten gehören – mir oder dem Netzwerk.

Friendemy

Damit jedoch steht man bei sozialen Netzwerken vor einem Typus von Macht, die für das Internet spezifisch zu sein scheint: Auf Grund von gefährlichem Detailwissen haben Firmen im Netz eine neue Form der Macht – nicht umsonst bezeichnet man Google als ”Friendemy“. Diese Firmen im Netz sind auf Grund ihres Wissens – und Wissen ist Macht, heute mehr denn je – gefährlich wie ein Feind, aber sie verhalten sich wie deine Freunde. Sie machen das Leben leichter. Sie sind nicht im hegelschen Sinne Herrscher. Es ist eine andere Form der Macht, und diese Macht ist gefährlich – doch sie ist nicht automatisch unterwerfend, schlecht oder böse. Ein soziales Netzwerk hat Macht, aber das ändert nichts daran, dass soziale Netzwerke auch eine neue, angenehme Form der Kommunikation mit Freunden bleiben. Das Problem ist, dass die Ökonomisierung der Freundschaft eben nicht heißt, dass die Freundschaft dabei verschwindet. Was kommentiert werden muss. Und wo könnte man das nicht besser tun als auf einem sozialen Netzwerk. Also los.

Mercedes Bunz ist mal mehr, mal weniger aktives Mitglied auf Facebook, last.fm, MySpace und StudiVZ

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Elektronische Lebensaspekte.

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