Paul Woolford im Breaktbeat-Kontinuum

Paul Woolford wühlt als Special Request Dancefloors und Musikverständnisse auf: So hörte sich Breakbeat also neulich an, kein Wunder: alles wie von vorn, noch elegantere Ambosse. Unser Autor hat sich mit Woolford verabredet, um über Hier und Jetzt von Breakbeat zu reden: Ist das die Musik der Krise oder der Besinnung?

Herbst 2012. Gerade hatte Lana Del Ray noch für eine große Modekette anklagend von den Werbeflächen der Stadt geblickt. Dann hatte irgendwer wieder mal Vocals von ihr benutzt. Benutzt, um damit diesen einen Jungle-Breakbeat Track zu bauen. Neuartig, und doch mit allem, was früher schon dazu gehört hatte. Ein halbes Dutzend trocken und flott gechoppte Breaks, eine tiefer gelegte Reese Bassline, Gunshots, und dann geloopt und dann wieder geradeaus Lana, gesamplet darüber gelegt, unverkennbar leicht nörgelnd singend, ein Mal, zwei Mal: “Big dreams, Gangster, said you had to leave to start your life over.” BOW. So schön kann Pop manchmal sein, wenn er ohne Emphase gemacht wird. Zusammen genommen eine kleine Detonation und umwerfend, weil es jemanden mit dem Track gelungen war, Breakbeat in einer neuen Art und Weise zurück an die eigenen Wurzeln zu führen. Dem Weg des immer weiter und schneller der Breaks, dem zu oft gewählten, auswegslosen Heavy-Metal-Subkontext von Drum and Bass einen Haken zu schlagen, das Tempo runter oder auch zurück auf die leicht erhöhte House-Geschwindigkeit der Anfänge zu ziehen, und trotzdem mit den Beats und Sounds pure Magie eleganter Tanzmusik zu offenbaren. Der posthumane Drummer, er lebt.

Ride V.I.P.

“Ride”, der Remix des Stücks von Lana Del Ray, der im letzten Herbst seine Runden zog, befand sich auf einer 12″ mit Aufdruck “Special Request”. Zwei Vinyl-Vorgänger hatte es schon gegeben, und so, als ob jemand die Gemeinde der Four-to-the-Floor-Fraktion auf dem Dancefloor gemächlich und historisch korrekt an das Thema Rave, Breakbeat und Jungle, oder vielleicht besser einfach HARDCORE heranführen wollte, hatte sich ihr Produzent auf ihnen mit vielen atemberaubenden Akzenten noch mehr an der technoiden Seite der britischen Tradition abgearbeitet. Schnell war zu erfahren, dass hinter dieser Serie Paul Woolford stand. Erstaunlich eigentlich. Woolford: einer der großen Techno-DJs Britanniens, Headliner riesiger Raves, Resident auf Ibiza und Gewinner zahlreicher britischer DJ-Leserpolls. Einer, der mit seinem Alias Bobby Peru als Producer sehr erfolgreich und als Remixer so gefragt war, dass er noch Amy Winehouse auf Elektronik trimmen durfte. Der seinen Adelsschlag spätestens vom Techno-Don Carl Craig bekam, der auf Planet E veröffentlichen konnte und gemeinsam anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums mit eben jener Posse durch die Staaten tourte. Der aber offensichtlich immer auch seinen eigenen musikalischen Plan verfolgte, danach zwei weitere 12″s der “Special Request”-Serie veröffentlichte, um auf ihnen wieder die ganz eigene Verbindung zwischen heute und den Stilmitteln britischer Breakbeatmusic der ersten Hälfte der Neunzigerjahre zu knüpfen. Woolford, der nun mit “Soul Music” seine moderne Vision von basslastiger Dancemusic mit ihren zahleichen Verweisen zwischen Techno, UK Hardcore und Jungle auf Albumlänge veröffentlicht.

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Ein lang gehegter Plan

Auf die Frage, wie es überhaupt zu seinem “Special Request”-Projekt kam, erfahren wir, dass er diese Idee schon ziemlich lange mit sich herumgetragen hatte und dann vor ein paar Jahren anfing, die ersten Tracks im Studio zusammen zu bauen. Zunächst habe er ein wenig Zeit gebraucht, um die passende Sound-Ästhetik zu finden, aber dann hätten sich die Tracks fast wie von selbst ergeben. Für ihn wären das einigesehr große Momente gewesen, Momente der künstlerischen Freiheit, weil er ohne lange zu überlegen, fast unbewusst und beinahe instinktiv seine Tracks machen konnte. Zwei Mal hatte er vorher schon ein ganzes Album zusammengestellt, um diese Versionen doch wieder zu verwerfen. So kommt es, dass er mittlerweile ungefähr 70 Tracks auf Tasche hat, einen komfortablen Materialberg, aus dem er unbeschwert die passenden Tracks für “Soul Music” auswählen konnte. Trotzdem bleibt bei uns etwas Verwunderung darüber, wie es dazu kommen konnte, dass ein arrivierter Techno-DJ ein so umfassendes, so viele Einflüsse bündelndes Album veröffentlicht. Nein, entgegnet Woolford, die Musik sei genau die, die er gerade machen möchte, es wäre immer nur ein Problem der Medien, die einen in eine bestimmte Ecke stellen und mit einem bestimmten Label abstempeln. Es wäre deswegen für Künstler oft schwer zu zeigen, gerade wenn sie davon leben möchten, woher sie wirklich kommen und was sie gerade bewegt. Und daher wäre es umso wichtiger, hartnäckig an der eigenen Vision festzuhalten und die Dinge klarzustellen. Für ihn, der in Leeds im Norden Englands groß geworden ist, dort seine DJ- Karriere gestartet hat und dort auch immer noch lebt, waren die damaligen lokalen Piratensender Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger der eine große, vieles bestimmende Einfluss auf sein Kunstschaffen. “Schon als Teenager habe ich die hiesigen Piratensender gehört, auf denen ich Musik von Labels wie NuGroove, Network, R&S, Bonesbreaks, DFC und hunderten von White Labels gehört habe. Musik, die so neu und verboten klang, dass sie mich für den Rest meines Lebens inspiriert.”

Forget back in the days

Wir fragen daraufhin, ob er denn, wenn die Zeiten der Piratenstationen für ihn und auch das Album so einschneidend gewesen ist, gerne etwas an der heutigen Situation der Musikszene ändern möchte. “Überhaupt nichts”, sagt Woolford, “ich möchte nichts ändern. Leute, die sich der Idee verschrieben haben, irgendwas wäre früher besser gewesen, führen sich doch selbst an der Nase herum. Die Zeit schreitet voran, wir existieren im Hier und Jetzt.” Sein Album habe deswegen auch absolut nichts mit einem Hang zur Vergangenheit zu tun: “Vergiss das Gerede von den alten Zeiten. Die Jungle-Produzenten wie Dillinja, Photek, Goldie, Source Direct, 4 Hero, Doc Scott oder Bizzy B. sind immer noch meine absoluten All-Time-Favoriten. Genauso wie Shep Pettibone, Teddy Riley, Carl Craig, Trevor Horn, Derrick May, Anthony Shakir, Matt Cogger, Baby Ford – es ist eine niemals endende Liste.” Und damit wird die simple aber großartige Idee hinter dem Album deutlich, auf dem sich zusätzlich auch gleich eine Handvoll großartiger Remixe von Kassem Mosse, Anthony Shakir oder Hieroglyphic Being finden. Für Woolford geht es einfach um die Musik, um die, die man selber spürt: “Es gibt diesen Moment, in dem man versteht, dass bestimmte Sounds in einem viel größeren Kontext stehen als im zyklischen Wesen der Kultur. Sich genau das klarzumachen ist für jeden Künstler sehr wichtig. Wichtiger ist aber noch, dass man wirklich macht, was man fühlt.”

Culture reflects the times

Einer der ausschlaggebenden Gründe für die einmalige Entwicklung britischer Ravemusic in ihrer Verschmelzung von jamaikanischen und anderen kulturellen Einflüssen war sicherlich die offene britische Immigrationspolitik. Ein anderer der düstere Humor und der Gemeinschaftsgedanke, mit dem sich die Szene in ihren Ursprüngen und vielleicht bis Mitte der 90er-Jahre gegen die unerbittlichen Härten der unsäglichen, bis heute nicht wieder reparierten, neoliberalen Politik Thatchers zu Wehr setzte. Musikalisch reagierte man auf die damals von der Politik so bewusst in Kauf genommenen Kollateralschäden mit überspitzter, abstrakter Härte und düsteren, spukhaften Jungletracks mit der nächsten beeindruckenden Bassline. Auch beim Hören von “Soul Music” trifft man an einigen Stellen auf kompromisslose Härte, die vielleicht zum Teil auf die Anlehnung der Tracks an die frühere Ravemusic zurückzuführen ist, aber auch auf eine sehr saubere Produktionsästhetik. Den besonderen Kniff machen aber auch die – ohne wuchtig zu klingen – in ihrer Geschwindigkeit zurückgenommenen Drumbreaks, die dadurch eine fast schon geisterhafte Wirkung erzielen, die so vielleicht auch den Ausnahmestatus von “Soul Music” erzielen. Auf den Eindruck einer ziemlich düsteren Atmosphäre angesprochen und die Frage, ob der Sound auch eine Antwort auf krisengeschüttelte Zeiten in England und Europa sind, antwortet Woolford: “Mach keinen Fehler: Wir leben in düsteren Zeiten. Schnapp dir eine Zeitung und lese zwischen den Zeilen. Analysiere den Subtext von dem, was uns jeden Tag erklärt wird. Kultur reflektiert die Zeit.”

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lebt für die Musik.

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