Filzstift statt Adobe. Die Zeitschrift "Spring" versammelt zeichnerische Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen, die sogar die Anzeigen als "special places" gestalten.


Gezeichnetes Wunderkabinett
Spring#3

So richtig viel zu melden hatte die Zeichnung ja noch nie. Zu schnell, zu fragmentarisch. Bringt nicht viel ein auf dem großen Bildermarkt. Ist doch nur ‘ne Skizze, Vorstudie, eine blasse Bebilderung einer Idee, aber doch bitte nichts Finales oder Ewiges aus Öl, Stein, Video- oder Celluloid, mit dem man ganze Räume füllen könnte. Na gut, für unsere nächste Ausgabe kannst du ja mal was zeichnen. Aber eigentlich bist du da mehr Dekor. Mal halt Bilderbücher. Reich und berühmt wirst du hier sowieso nicht …

Das ist natürlich Blödsinn. Denn als mit dem Sprung in ein neues Millennium alles virtuell werden sollte, rächten sich die Zeichner bald gewaltig, eroberten mit Sprühdosen, Stencil oder Stickern das urbane Feld oder zogen Vektoren in den digitalen Raum, der mit Werkzeugen von Adobe und Co. sowieso erst einmal nur den realen Zeichentisch, Bleistift, Pinsel und Feder nachahmen konnte.

Vielleicht ist das der Grund, warum man zurzeit weg vom cleanen Funktionsdesign sowohl in der Web- und Grafikgestaltung über Werbung bis hin zum Kunstbetrieb so etwas wie eine kleine Renaissance der Zeichnungen und Illustrationen entdecken kann. Verhalten vielleicht, doch mitunter spannender als neue deutsche Malerei. Nicht nur, dass Arbeiten von Grafikdesignern oder Streetartisten in unterschiedlichen Formaten in die Galerien gelangen und damit aufgewertet werden. Es ist das Handgemachte und das Handwerkliche selber, was man nach Jahren der Selbstkontextualisierung und Theorieüberfrachtung im künstlerischen Betrieb neu zu schätzen lernt. Vielleicht weil die Zeichnung, auch wenn sie bis zur Perfektion betrieben wird, immer auch einen Hauch des Direkten, Unmittelbaren und Intimen mit sich führt, weil sie sich nicht mit Dateiformaten herumschlagen muss, weil ein Stift oder Marker mobiler als ein blödes Laptop macht; weil die Zeichnung nicht unbedingt ein Studio braucht, sondern einfach nur eine Zeichenunterlage, ein Fetzen Papier, was sie alleine schon von der Art der Produzierens in die Nähe des schreibenden Erzählers rückt.

Vom Trend aufs Papier
Auch bei SPRING wird in Bildern erzählt und alles selbst gemacht. Vor zwei Jahren hatten sich mit Claudia Ahlering, Larissa Bertonasco, claire Lenkova und Maria Luisa Witte vier Hamburger Zeichnerinnen zusammengefunden, um ein eigenes Magazin herauszubringen: Ein erstes, gemeinsames Thema wurde entwickelt, befreundete Künstlerinnen zur Mitarbeit eingeladen und so entstand schließlich mit gut 100 Seiten schon mehr ein kleines Buch. Im Sommer 2005 folgte dann mit “Wandlungen” die zweite Ausgabe, die zugleich mit einer Ausstellung im Hamburger Karolinenviertel präsentiert wurde. Das Magazin funktionierte hier zugleich als Katalog zu einem kleinen Wunderkabinett, in dem es nicht nur die Originale der dreizehn beteiligten Künstlerinnen zu bestaunen gab: Hier fand man große wie kleine Bildergeschichten, romantische, surreale oder abstrakte Zeichnungen ebenso wie Malereien, an Flipperautomaten erinnernde Hinterglasmalerei oder gar in den Raum vordringende Arrangements, wie die von claire Lenkova, die mit ihrem “Damenzimmer und Herrensalon” einen selbstironischen Karteikartenapparat inszenierte, in der Freundinnen ebenso wie potentielle Verehrer in einem entzückenden wie erbarmungslos aufrichtigen Bewertungstableau katalogisiert wurden.

Die Macherinnen von Spring verstehen sich als Kollektiv: Vom Artwork, Produktion bis hin zum Vertrieb wird alles in bester DIY-Manier und Aufgabenverteilung von den Mitwirkenden selbst organisiert. Ein Prinzip, das bis zur Gestaltung der Anzeigen, die das Magazin neben dem Verkaufserlös mitfinanzieren, durchgezogen wird. Denn auch diese werden von Bild- bis Typoelementen exklusiv von den beteiligten Künstlerinnen per Hand gezeichnet.

Die Arbeitsansätze selbst könnten jedoch bei allen präsentierten Zeichnerinnen nicht unterschiedlicher sein: Die Formate reichen von klassischen Comic- und Bildergeschichten bis hin zu freien assoziativen Zeichnungen. Mit “special places“ wählte man auch für die dritte Ausgabe, die Ende Juli in den Hamburger Off-Galerien Hinterconti und Markthof vorgestellt wird, ein spezifisches Thema, das genügend Spielraum bietet, um diese besonderen Orte per Bleistift, Kohle, Tusche bis hin zur Collage zu erkundschaften. Das Cover stammt von Moki, die in ihrer Zeichensprache die superklare Linienführung klassischer Comic Outlines sowohl figurativ, manchmal aber auch zu organischen, seltsam verzauberten Phantasiewelten verdichtet. Kräftige Umrisslinien sind auch charakteristisch für Nathalie Huths gesichtslose Phantomwesen, die durch eine starke Nachbehandlung fast wie ins Papier gebrannt erscheinen.
Mit überdimensionierten Köpfen, durch die mitunter gespenstisch die Züge einer melancholischen Alice in Wonderland hindurchzuschimmern scheinen, verwickelt Claudia Ahlering ihre Figuren in bizarr-schöne Szenarien. Dunkel und menschenleer sind die Orte, die Maria Luisa Witte aufzeigt, während Christina Ackermann mit ihrem Cowboy Hank in eine desillusionierte Garnisionsstadt ausreitet. Extrovertiert dann wieder die Arbeiten von claire Lenkova, die immer wieder sich selbst in kleinen halb autobiographischen Comics etwa als zickige Rapunzel inszeniert oder gar als Preisgewinn in “Der Weg zu mir“, einem Bilderrätsel, auslobt.

Und so sind “special places“ weniger besondere Orte als vielmehr sonderbare Welten, zu denen hier gesprungen wird: der Bergwald aus Kindertagen, der dunkle “Osten“ versteckt im Pelz einer Mütze, der grelle Schein der Stadt. Hier findet das Häuslich-Private in düsteren Offenbarungen statt, während die neurotisch-öffentliche Rapunzeligkeit der eigenen Person doch eigentlich nur für sich sein will. Das ist schön, fast queer, und braucht keine Helden ferner Comicgalaxien und utopischer Beschwörungen. Hier wird gebuddelt im Nachschein des Erlebten und so die Zeichnung zu einem archäologischen Diagramm authentischer wie inszenierter Parallelwelten.

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Elektronische Lebensaspekte.

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