Gesten, Cello, Ethnokitsch

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Andreas Otto ist in den letzten Jahren nur noch selten zu Hause in Hamburg: Als Goethe-Stipendiat und als Klang-Beauftragter für deutsche Theater kam er nach Lagos, Hyderabad, Bangalore, Sri Lanka und Kyoto. Die dazugehörige musikalische Horizonterweiterung hören wir auf seinem neuen Album.

Text: Multipara, Bild: Robin Hinsch

Die musikalische Flugbahn von Springintgut hat ihren Ausgangspunkt in der Begeisterung eines Drummers für elektronische Produktion: Eine EP und zwei Alben, erschienen auf seiner Hamburger Homebase Pingipung sowie auf CCO, bezeugen in ihrem detailverliebt spritzigen, immer freundlichen Funk nicht zuletzt Andreas Ottos Erweckungserlebnisse durch Boards of Canada und Mouse On Mars. Dann: Frustration angesichts der Live-Umsetzung im digitalen Zeitalter. In sechs Jahren Albumpause hat sich diese Bahn nun mehrmals um die halbe Welt gebogen, nicht nur um dabei das Verhältnis von Musiker und Instrument aufzuschließen, sondern auch um fast nebenbei einen davon ganz unabhängigen musikalischen Quantensprung zu vollziehen. Inzwischen ist Springintgut dort angekommen, wo Wegweiser, Gebrauchsanweisung oder Karte sich erübrigt haben: “Where We Need No Map”, so der Titel des neuen Albums.
“Screens sind ein Killer. Im schlechten Sinne”, stellt Otto fest. “Das ist, wie wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der eine verspiegelte Sonnenbrille aufhat. Die sind ein schwarzes Loch, das die Aufmerksamkeit aufsaugt.”

Der Laptop-Bildschirm, auf dem der Musiker permanent den von ihm angetriggerten Parameterverläufen zuschaut, vernichtet dessen Bühnenpräsenz: eine Erfahrung, die Andreas Otto 2005 ans Amsterdamer STEIM (Studio for Electro-Instrumental Music) geführt hat, an dem er sich seither fortlaufend mit elektronischen Interfaces beschäftigt – handfest akademisch mit deren Geschichte und Theorie, aber auch praktisch als Musiker. Auf “Park And Ride” (2007) setzt er erstmals sein dort entwickeltes Fello-System ein, eine Erweiterung des klassischen Cellos um einen gestischen Controller am Bogen. Das Cello, als Kind nur erlernt, um dem Schlagzeug noch ein “richtiges” Instrument an die Seite zu geben, wird so zu seinem Hauptinstrument, dessen warmer, aber auch oft perkussiv eingesetzter Klang ins Zentrum seiner Musik rückt. Elektronisches Hauptwerkzeug ist dabei das Delay, wie Filtertechniken eigentlich klassisches Dub-Inventar; eine Sound-Referenz, die Ottos kompositorische Praxis jedoch gänzlich hinter sich lässt. Er konstruiert damit Rhythmen.

Die schöpferische Autonomie des Körpers
Digitale Instrumente und ihre Interfaces sind endlos rekonfigurierbar, das erschwert es dem spielenden Körper des Musikers ungemein, sich eine tiefergehende intuitive Praxis anzueignen. Otto verfeinert das Fello-System daher ganz behutsam und konzentriert sich aufs Erlernen des Spiels. Bei seiner Abkehr vom Bildschirm geht es ihm nicht darum, dem Publikum sein Setup zu präsentieren, sondern schlicht darum, dem spielenden Körper schöpferische Autonomie zurückzugeben – und unmittelbarere Kommunikation. Blickkontakt ist wieder möglich.
Seit er 2009 damit begonnen hat, das Fello-System live zu spielen, trifft man ihn noch seltener in seinem Hamburger Zuhause an: Lagos, Hyderabad, Bangalore, Sri Lanka, Kyoto sind nur die wichtigsten Stationen, an die ihn sein Live-Musikerdasein geführt hat, oft einige Wochen. Als Goethe-Stipendiat oder aber als Klang-Beauftragter für die Berliner Theatergruppe Flinntheater, das Kontakte nach Indien und Nigeria pflegt. Auf diesen Reisen ergaben sich die Möglichkeiten für Kollaborationen wie von selbst. Zu hören gibt es die auf dem neuen Album.
 

 
Der auf sehr sympathische Art weltumspannende Sound, mit dem “Where We Need No Map” nach allen Seiten aufzugehen scheint, hat jedoch überraschend wenig mit bewusstem kulturübergreifenden Künstleraustausch zu tun. Die Erschließung fremder musikalischer Idiome stand eigentlich gar nicht auf dem Programm. Vielmehr ging es laut Otto vor allem darum, das performativ expressive Live-Instrument in ein reines Listening-Format zurückzuführen, das musikalisch schlüssig ist. “In Indien war es oft eher so, dass die Leute sauer waren, dass ich nicht Bach spiele. Das Cello ist ja auch ein starkes Bild, die geschwungene Form, da ist der logische Schritt dann die schöne traurige Schwanenmelodie. Das ist auch eine ganz andere Geisteshaltung in Indien, die fragen dann, wer denn mein Lehrer sei. Da kann ich allenfalls auf die Tradition des STEIM verweisen, das ist natürlich unzureichend. Die bei uns zentrale Idee, etwas Individuelles zu entwickeln, ist dort oft fremd. Dabei bin ich ja weder Avantgarde, noch will ich jemanden vor den Kopf stoßen.”

Ethno-Quatsch
Eine kollaborative Ausnahme, die es in einer kurzen, aber starken Vignette aufs Album geschafft hat, ist die indische Sängerin MD Pallavi; die beiden herausragenden Stücke mit der (sri-lankisch-britischen, nicht minder begnadeten) Jahcoozi-Vokalistin Sasha Perera verdanken sich eher dem internationalem Musiker-Jetset. Bleiben die mitreißenden Field Recordings eines im Park singenden Schuljungen in Bangalore, oder einer Japanerin übers inselweite Intercom auf Yakushima, die sich zwischen die Einflüsse aus britischer Bass-Music, Skweee- Keyboards, wacher Rhythmik und Streicherklang von Barock bis Indien mischen, die den Sound dieses Albums prägen: Ausdruck einer unermüdlich neugierigen, aber auch sensiblen musikalischen Integrationsfähigkeit. “Ich hab viele solche Aufnahmen gemacht. Buddhistische Mönche, die im Tempel singen, wirklich fantastisch, und zu Hause hört man sichs an und denkt: Das ist irgendwie nur Ethno-Quatsch. Ist es natürlich nicht, aber wenn ich es anfasse und was damit mache, dann kommt das in so einen komischen Kontext. Ich bin allergisch gegen undifferenziertes interkulturelles Botschaftertum, das ist immer eine Gefahr.”

Die Kunst des Reisens ohne Karte ist es, die Springintgut heute ausmacht: Hände spielen lassen, was sie wollen (ohne immer wieder neue Mappings nachschlagen zu müssen), ein transzendentes Befreien des Geistes in der Identifikation mit den Beschränkungen, die ein gewähltes Raster oder Setup einem auferlegen. Die Steingartenpflege als performatives Modell. Otto war sicher nicht das letzte Mal in Japan.
Und: die Füße gehen lassen, wohin sie wollen. Weil das den entscheidenden Kick gibt. “Natürlich bekommt man in Hamburg eine Menge Input, aber wenn du dann in einen Alltag kommst, wo du schon am ersten Tag denkst: Das glaubt mir kein Mensch, da hängen die Leute außen am Bus und hinten die Kuh auf der Ladefläche. Oder das Essen, ganz wichtig für mich, nicht nur neue Zutaten, sondern auch, was die Leute in Indien aus einer Aubergine machen, oder in Japan nochmal ganz anders. Lass mich bloß nicht Remix sagen, aber so etwas in die Richtung. Das sprengt einfach deinen Realitätshorizont.”

Springintgut, Where We Need No Map,
ist auf Pingipung/Kompakt erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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