Die Streetart-Lümmel von schöpfen aus Alice im Wunderland und Orwells 1984 ein Anarcho-Projekt zwischen Straßenaktivismus und Merchandise-Gewieftheit. Unserer Reporterin haben sie den Kopf verdreht.

Orwell und das Kaninchen
Straßenkunst von Undenk

“Wer das liest, hat zu viel Zeit. Don´t believe the hype!”
Paul, Undenk

An der Spitze weht ein eisiger Wind. Mir gegenüber sitzen fünf unglaublich attraktive, Erfolg ausdünstende Macher, live zugeschaltet aus Köln, Berlin, London und Melbourne. Da liegt was in der Luft. Ziemlich penetrant. Es ist der Geruch von Geld und Macht. Mir stockt der Atem. Unbelievable, einer hübscher als der andere. Sexy lümmeln sie sich in ihren lässig-sportlichen Streetwear-Klamotten. Souverän wie Ludwig der Vierzehnte. Zahar bringt die Getränke. Champagner für die Dame. Luft holen, erste Frage.

Debug: Was ist Undenk?

Paul: Undenk ist ein Begriff aus George Orwells 1984: “Undenk means the power of holding two contradictory beliefs in ones mind simultaneously, and accepting both of them. … to tell deliberate lies while genuinely believing in them, to forget any fact that has become inconvenient, and then, when it becomes necessary again, to draw it back from oblivion for just so long as it is needed, to deny the existence of objective reality and all the while to take account of the reality which one denies – all this is indispensably necessary. Even in using the word undenk it is necessary to exercise undenk. For by using the word one admits that one is tampering with reality; by a fresh act of undenk one erases this knowledge; and so on indefinitely, with the lie always one leap ahead of the truth”.

Undenk begreift sich als ein globales Experiment visueller Hygiene.

Debug: Wie hat alles angefangen?

Matz kratzt sich am Kopf, legt seinen Zeigefinger in Denkerpose ans Kinn und beginnt versonnen zu zitieren: “Alice langweilte sich allmählich. Sie saß am Ufer neben ihrer Schwester und hatte nichts zu tun. (…) Sie überlegte gerade (…), ob es Spaß machen würde, eine Kette aus Gänseblümchen zu machen, oder ob das Aufstehen und das Gänseblümchenpflücken zu viel Arbeit wären, als ein weißes Kaninchen (…) an ihr vorüber rannte. (…) Sie hörte, wie das Kaninchen vor sich hin murmelte ‘o je o je ich komme zu spät’.
Eines Abends saßen wir im Plenum zusammen. Russell hatte gerade den Tee gekocht, als Paul plötzlich ausrief: ‘Ey, lass uns doch mal was mit Kaninchen machen!’ Alle waren sofort begeistert. Das war süß, das hatte Pfiff, das hatte ne Aussage, klasse. ‘Geil Alter’, rief Brendan aus, ‘damit verdienen wir Millionen!’ ‘Cool, und dann machen wir aus dem ganzen ein Street-Art-Projekt, ich hab gehört, das ist voll im Kommen!’ Das war vor zehn Jahren. Und heute sitzen wir hier.”

Plötzlich Unruhe. Jason springt auf. “It´s our love you can’t handle!” Schreiend uriniert er auf ein Bild von Margaret Thatcher. Ich tue so, als hätt’ ich’s nicht gesehen. “Immer diese Künstler”, denke ich, als eine Wodkaflasche haarscharf an meinem Ohr vorbeisegelt. Was haben wir bis jetzt oral inkontiniert?
Es war einmal ein weißes Kaninchen. Es kaute auf seiner Möhre, mjjjiiioong, und guckte auf seine Taschenuhr – ach was, es hat ja weder ne Möhre noch ne Öhre, ist ja ganz weiß, mit Outline und Arschloch, na immerhin. Ich guck’s mir noch mal an. Süß ist das. Ach, watt süß.

Debug: Wie steht es denn mit Knete aus Streetart?

Jason: Immer diese Auftragsarbeiten, das wollte ich schon nach Carhartt nicht mehr machen.

Debug: In Hochdahl am Neandertal habense jetzt nen Wahlplakat zur Landtagswahl gestencilt?

Matz: Streetart ist tot, und wir sind die Totengräber. Mir fallen nur Überschriften ein. Das kommt von dieser ganzen Undenkerei. Immer nur in Punchlines denken. Ansonsten möchte ich noch für den Dilettantismus werben. Profis machen diese Welt kaputt. Man kann auch zu viel wissen, nach der vierten Klasse sollte Schluss sein.

Debug: Und in Zukunft …?

Russell: … gibt es ein Franchiseunternehmen, Mc Kinsey verortet unseren Shareholder Value in astronomischen Höhen. Jeder, der uns Geld zahlt, darf Hasen kleben gehen. Außerdem möchte ich dieses Forum dazu nutzen, um Christoph Daum eindringlichst aufzufordern, endlich wieder zum FC Köln zurückzukehren. Chris, wenn du das liest: bitte, bitte komm zurück, ich weiß, das war doch alles dem Uli seine Schuld.

Zeit zu gehen. Furioses Gelächter aus vielerlei Kehlen hallt aus dem Fahrstuhl, mit dem sie entschweben. Zwölvis has left the building. Ich presse meinen geschmeidigen Körper an das Fensterglas. Soeben treten die Herren aus dem Gebäude und besteigen das Love Boat, das schon wenige Minuten später am Horizont verschwindet. Ich fühle mich leer.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply