Grime wird erwachsen
Text: Christian Fussenegger aus De:Bug 113


Für Grime-Ikone WIley hat der Ernst des Lebens angefangen. Sein neues Album erscheint in einem Moment, in der Londoner Grime wieder im Kommen sieht. Nur richtig machen muss man es dieses Mal. Er weiß wie es geht und battelt mit Worten.

Bow im Londoner Eastend, irgendwann im Herbst 2001. Tag für Tag hockt Richard Cowie in seinem Home-Studio und produziert sich den Frust von der Seele. Seine Crew, das Pay As U Go Cartel, ist neben der So Solid Crew zwar die größte Nummer in der UK-Garage-Szene – aber die Musik hat ihr Haltbarkeitsdatum überschritten. Langweilig und berechenbar. Und so dick ist er mit seinen Crew-Kumpels auch nicht mehr. Außerdem gibt’s Stress mit der Freundin. Und der Schock des 11. September sitzt tiefer als gedacht. Was tut man also, mit 22 Jahren, im Ghetto, mit etwas Talent an den ’buttons’ und genug Wut im Bauch? Man schreibt Geschichte.
 
Mit dem Wort “Legende” sollte man sehr vorsichtig hantieren. Gefährlich wird es vor allem, wenn die Person, um die es geht, den Begriff für sich selbst verwendet. Hybris stand noch niemandem gut zu Gesicht, im alten Griechenland kam man dafür vor Gericht, im London des Jahres 2007 bekommt man dafür leicht mal ein Messer zwischen die Rippen. Aber: In sehr wenigen Fällen darf das verpestete L-Wort benutzt werden, sowohl vom Betrachter, als auch vom Protagonisten selbst. Wiley ist so ein Fall.
 
“Ich glaube, ich bin jetzt mit 28 an einem guten Punkt. Ich habe genug Musik gemacht auf dieser Welt und wenn ich morgen sterben sollte -’touch wood’- dann glaube ich, dass mich die Leute eine Legende nennen würden. Ich glaube, dass ich wirklich eine Legende bin. Nach dem ’Playtime is Over’-Album werde ich die nächsten fünf Jahre weiterarbeiten und diese Musik in alle Charts der Welt zu bringen. Um hoffentlich mit 33 in Rente gehen zu können. Ich werde mich aus der Grime-Szene zurückziehen, damit die jüngeren Künstler  ihr eigenes Ding machen können – und ich reise um die Welt und erzähle allen davon.“
 
Eine offizielle Geschichtsschreibung von Grime gibt es nicht. Denn wer beim halsbrecherischen Tempo der Entwicklung dieser Musik zurückblickte, der blieb zurück, auf der Straße. Es ist aber wohl unbestritten, dass eine Hand voll Tracks, die Anfang 2002 aus Wiley’s Studio an die Öffentlichkeit gelangten, die Lunte darstellten, die eine gewaltige Detonation auslösten. Stücke wie “Igloo”, “Ground Zero”, “Eskimo” oder der berüchtigte “Ice Rink”-Riddim waren damals ein radikaler Bruch mit der Soundästhetik jeglicher urbaner Musik, ob das nun UK Garage, Drum and Bass, HipHop oder Bashment war. Kein Wunder, dass diese neue Musik, zumindest zu Anfang, jedem über 20 im Hals stecken blieb. Tanzen konnte dazu niemand. Auch kein Wunder, dass Wiley zu jener Zeit seine Tracks in 10.000er Auflagen pressen ließ und diese, direkt aus seinem Kofferraum, hauptsächlich an Teenager verkaufte. Gerüchten zufolge soll er so an die 100.000 Platten unter die Leute gebracht haben – und dabei viel Geld verdient haben.
 
Wiley’s Arbeitspensum ist immens. Über 35 EP’s listet sein Wikipedia-Eintrag, dazu
zwei reguläre Alben Alben und sechs Mixtapes. Und zwar in der Rolle des Beat-Produzenten und des MC. Drei neue Mixtapes sind schon in Planung. Sein neustes Opus kommt nun unter dem Titel “Playtime is Over” in die Läden. Angesichts dieses enormen Outputs wundert man sich etwas über Statements wie das folgende.
 

Das Leben ist kein Spielplatz
“Ich glaube, dass es in meinem Leben Zeit war, die Sache etwas ernster zu nehmen, das Rumspielen musste ein Ende haben, deshalb habe ich beschlossen: Playtime is over, innit? Man kann nicht die ganze Zeit nur rumhängen, man muss seine Sache in die Hand nehmen, egal, ob du 25, 28 oder 33 bist. Viele in die Szene arbeiten im Moment echt hart, viele Mix-CDs kommen raus, viel neues Talent, die ’big dogs’ nehmen wieder ihre Plätze ein – langsam fühlt es sich tatsächlich wie eine Szene an. Alles, was ab jetzt in den nächsten fünf Jahren entsteht, das wird die Szene sein.”
 
“Szene” ist in Großbritannien ein ambivalentes Wort. Denn sobald sich im Musikbereich eine Szene formiert, die der dreckigen Vorstadt, dem Ghetto, als Ventil, als Sprachrohr dient, dann läuten beim britischen Establishment die Alarmglocken. Ein Heer renitenter Jugendlicher, das seine schlechte Laune in unverdauliche Musik verpackt, das passt nicht ins Bild von “Cool Britain”. Wie jugendgefährdend ist den Grime? Erzeugen “gun-lyrics” tatsächlich “gun-crime”?
 
“Die Kids lieben die Energie, die Emotion dieser Musik, die drehen durch! Dazu muss ich aber sagen, dass sie sich die guten Elemente von Grime als Maßstab nehmen sollten, nicht die schlechten und negativen. Natürlich gibt es in jeder Situation, und auch in jeder Musik, das Gute und das Böse. Es hat doch nur damit zu tun, welche Probleme die Leute haben, welchen Scheiß sie durchmachen müssen. Die (MC’s) erzählen doch nur über ihren Alltag – wenn einem Kid nur Scheiße passiert in seinem Leben, dann wird es natürlich darüber reden in der Musik. Trotzdem, Musik bleibt Musik, man kann sie nur hören, vielleicht lässt sie dich lebendig fühlen – aber sie dringt nicht in dein System ein und sagt dir: Bringe diese Person um!
 
Die lokalen Councils und die Metropolitan Police scheinen alles zu tun, um Grime-Raves und größere Parties in Innercity-London zu verbieten. Zu Recht?   
 
“Naja, die Rave-Szene habe ich innerlich schon aufgegeben. Es bringt mir nichts, viel Geld in einen Rave zu investieren, der dann einen schlechten Ruf bekommt, weil ein Kid in der Veranstaltung jemanden absticht. Ich habe dadurch viel Geld verloren (bei seinen Eskimo-Dances, der Verf.). Was da gerade in London bezüglich Grime-Parties und Raves passiert, ist ziemlich haarig. Vielleicht ist die Lösung ja, es irgendwo anders zu machen, irgendwo in Europa. Aber in London ist es im Moment nicht sicher genug.”
 
Wiley teilt gerne aus, seine Spezialität sind Battle-Lyrics. Man kann davon ausgehen, dass jeder bekannte britische MC von ihm schon sein Fett abbekommen hat, ob Freund oder Feind. Seine “Clashes” bei Raves wie Sidewinder sind der Stoff von Legenden. Ende 2006 lieferte er sich zum Beispiel ein mehrwöchiges Duell mit den Mitgliedern von “The Movement”, vier jungen Ausnahme-MCs, und zwar wöchentlich auf Logan Sama’s KissFM-Show. Andererseits beschwert sich Wiley, dass er sich mit seinen zwei kleinen Töchtern nicht auf die Straße trauen kann, weil ständig halbwüchsige MC’s ankommen, die entweder “nur” batteln wollen, oder gleich handgreiflich werden. Scheinbar sind die Geister, die er rief, auf Dauer doch etwas lästig. Es sei denn, es sind die eigenen.
 
“Man darf nicht vergessen: Ich komme aus der Zeit, in der Dizzee Rascal angefangen hat.  Wenn ich nach Talent Ausschau halte, dann suche ich immer Künstler, die so gut sind wie Dizzee, oder die sogar das Potential haben, besser zu sein. Dizzee war das erste Kid, das ich traf, das künstlerisch wirklich ‘heavy’ war. Und sein Album ’Boy in the Corner’ war in UK ein sehr gutes und wichtiges Album. Heutzutage sind die Kids aber noch cleverer als Dizzee damals war, die werden all den großen Künstlern wie Dizzee und Kano echt Probleme bereiten. Ich selbst habe 4 MCs unter meine Fittiche genommen, das sind IceKid, Chipmunk, Maverick und Little Dee. Die sind alle 15, 16 und ganz definitiv die Stars von morgen.”

myspace.com/eskiboywiley

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.