Phillip Sollmann aka Efdemin hat sich vier Monate in sein neues Studio im Berliner Wedding zurückgezogen, um ungestört sein Album “Chicago” aufzunehmen. Im alten Gemäuer eines Stromanbieters gelegen, müssen die Mieter praktischerweise nichts für den Strom zahlen. Bei unserem Besuch plaudern wir über eine neu gewonnene Liebe zu alten Maschinen, Celli, Zithern und die romantische Projektion auf ein besseres Amerika.

Aktueller Hingucker in Efdemins Studio im Berliner Norden? Ein altes Rundfunk-Mischpult von Siemens. Ende der 70er in Kleinstauflage als Nachfolger der legendären Sistral-Serie gebaut, wollte der Hersteller nochmal gegen die immer größere Übermacht von Telefunken, Studer und Neumann anstinken. Wenige Jahre später war dann endgültig Schluss. Die Knöpfe sind bunt, die Fader-Wege lang, der Klang fantastisch, nur ein defekter Kanalzug liegt im Nebenzimmer auf dem Tisch. “Auf ‘Chicago’ konnte ich mit dem Pult leider nicht arbeiten, da war es noch im Krankenhaus”, erklärt Phillip Sollmann, der noch einen Rest Grippe ausschwitzt, uns aber trotzdem über das Siemens-Pult Remix-Fragmente vorspielt.

Wir wollen über Technik sprechen, aber nicht ausschließlich. “Chicago” ist viel zu famos, um die Nase akribisch in Soundbänke zu stecken und Oszillator-Designs zu diskutieren. Und Sollmanns zweites Album als Efdemin markiert auch den Beginn eines neuen Abschnitts. “Ich habe mich vier Monate aus fast allem rausgehalten, kaum Gigs gespielt und mich voll und ganz auf das Album konzentriert, von A bis Z”, erklärt er und zeigt auf die Zither, die neben einem alten Drumcomputer von Sequential Circuits an der Wand lehnt. Das Cello wartet gleich daneben.

“Früher habe ich so gut wie keine Hardware verwendet, und wollte nun unbedingt all das einmal in echt ausprobieren, was ich bislang nur als Emulation aus dem Rechner kannte.” Dazu kommt das neue Studio, in dem Efdemin seit letztem August seine Kabel zieht, ein neuer Raumklang, der die einzelnen Schichten seiner Tracks neu gefärbt hat. “Und mehr Rauschen, das ist ganz wichtig. Ich habe Ideen und Fragmente mit immer neuen Elementen der Maschinen aufgefüllt und verfeinert. Dadurch musste ich das Rauschen im Rechner nicht mehr nachträglich einbauen, die Aufnahmen klangen einfach von vornherein so.”

Keine Ausgrenzung
Efdemin hat nichts gegen digital. Nichts liegt ihm ferner. “Man kann alles im Rechner machen, gar kein Problem.” Ist die Frage also, ob man das braucht, das Analoge? Nein, die Frage ist, was man selber aus seinem Setup zieht. “Ich hatte mit den Maschinen bei den Aufnahmen das Gefühl, dass ich hier gerade mit meiner Band spiele.” Ein wichtiger Punkt, denn für Sollmann ist es ein himmelweiter Unterschied, ob man allein oder gemeinsam Musik macht. Frühe Band-Erfahrungen, aber auch Cellist in einem Orchester zu sein, haben ihn geprägt. Kein Wunder also, dass er jetzt, wo “Chicago” beendet ist, zusammen seinem Dial-Kollegen Oliver Kargl aka Rndm das gemeinsame Pigon-Projekt wieder beleben will: Selbst legendäre Maschinen sind nicht die besten Einsiedler-Kumpels.

A propos legendär: Die 707, der Drumcomputer von Roland, der den House-Sound Chicagos mit seiner breiten Bassdrum, der 909-artigen HiHat und dem einzigartigen Rimshot geprägt hat, steht auch in Efdemins Studio. Warum eigentlich Chicago? Die Windy City kennt Sollmann nur aus Erzählungen, erst im kommenden September wird er selber dort spielen. “Die Stadt steht für mich stellvertretend für ein Amerika, das es nicht mehr gibt, für eine Vision, die nicht mehr verfolgt wird. Außerdem verbindet sie so viele unterschiedliche Arten von Musik, wie keine andere Stadt. Soul, Post-Rock, Jazz und natürlich House. Und so, wie es vor ein paar Jahren auf jeder zweiten 12″ Detroit-Referenzen gab, ist jetzt Chicago dran. Das ist meistens nicht wirklich gut, es jackt einfach nicht. Beim finalen Abhören des Albums ist mir aber aufgefallen, dass da mehr Einflüsse zum Vorschein kommen, als mir zuvor bewusst war. Die Art und Weise, wie die Percussion eingesetzt wird, oder wie ich, ganz ähnlich wie damals Bastro, das Schlagzeug gate. In der Zeit, in der ich das Album aufgenommen habe, kamen viele Dinge wieder zum Vorschein, die ich schlicht vergessen hatte. Eine Konsequenz daraus wird sein, dass ich meine Gigs viel sorgfältiger auswählen werde, Orte, an denen ich mit meiner Musik einfach gut funktioniere. Ich kann nicht jedes Wochenende irgendwo hinfliegen. Das müssen andere machen, die können das auch viel besser.”

Respekt
Den empfindet Efdemin durchaus, wenn es um seine Maschinen geht, egal ob groß oder klein, teuer oder billig. “Ich habe früher in Hamburg schon in einem Studio zu tun gehabt, wo die Aufnahmetechnik komplett analog war. Heute, zehn Jahre später, ist diese ganze Technik noch viel teurer, als sie es damals schon war, sie wird wieder mehr nachgefragt. Es klingt ja auch einfach besser, High-End-Nerds rümpfen bei meinem Siemens-Pult dann aber wieder die Nase: ’Ist ja nicht diskret aufgebaut … nee, nee, klingt wirklich super.’ Die Arbeitsweise ist eine dezidiert andere und das ist eigentlich noch wichtiger als der Klang. Ich habe nur noch zwölf Spuren, kann also nicht mehr endlos schichten. Wir wissen alle, wie schnell man in Logic mal eben 32 Spuren vollgespielt hat und sich dann wundert, warum das alles nicht mehr gut klingt. Die erzwungene Reduktion war schon immer ein Traum von mir, denn wenn es auf zwölf Tracks gut klingt, dann ist das schon ziemlich toll. Mir tut das gut.”

Die Konsequenz ist schon jetzt klar sichtbar. “Ich entferne mich gerade vom Dancefloor, von rein funktionalen Tracks. In den vier Monaten sind auch viele Tracks entstanden, die eher klingen wie Musik von dem Album, das ich unter meinem vollen Namen Phillip Sollmann veröffentlicht habe. Lawrence und ich haben uns dann aber dagegen entschieden, diese Welten zu mischen. Der große ‘Hit’ hat es übrigens auch nicht auf “Chicago” geschafft. Im Nachhinein bin ich sogar froh darüber, weil dem Album so der klar identifizierbare Peak fehlt.” Und wer braucht schon Peaks, wenn man auch “Chicago” haben kann? Ein Album randvoll mit Herzblut und Tracks, die eben nicht funktionieren wie 95 Prozent aller 12″s, die von immer den gleichen DJs mit immer den gleichen Floskeln abgefeiert werden, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen, zu Tode komprimiert, immer und immer wieder den gleichen Trampelpfad der Effekthascherei entlang stolpern.

Sollmann hat lieber sein eigenes Label gegründet und nicht ohne Grund “Naïf” genannt. “Das sind die Releases, die mich interessieren, die man im Plattenladen entdeckt und die auch nie mehr als 1000 Stück verkaufen würden. Es muss doch möglich sein, diesen Spagat hinzubekommen. Über den Tellerrand des Clubs zu schauen und sich dennoch dort zu Hause fühlen, dort verwurzelt sein.” Efdemin gelingt das mit “Chicago” vorbildlich. Und die kleinen Maschinen haben ihm dabei den Rücken freigehalten.

“Chicago” ist auf Dial/Kompakt erschienen.
http://www.dial-rec.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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