Die beiden übergesiedelten Nerds toben sich im Funk- und Fernseharreal der DDR in Berlin aus

Andi Thoma und Jan St. Werner aka Mouse On Mars sind vor einem Jahr endgültig nach Berlin übersiedelt, wo sie im Funk- und Fernsehareal der DDR an der Nalepastraße ein historisches Studio bezogen haben, in dem sie an Orchesterpartituren, subsonischen Experimenten, iPhone-Apps und einem neuen Album schrauben. Ein Besuch im Sound-Nerd-Wunderland.

Andi Thoma schickt vom Kontroll-Tower eine Sinuskurve durch den Raum. Wenn die Basswelle auf die Raumfrequenzen trifft, brummt es so allumfassend, wie wir es noch niemals irgendwo gehört haben. Es entsteht ein seltsamer subsonischer Druck, der den Körper umschließt, wie Hitze in der Sauna. Man kann dann in den Raum schreien, aber die Stimme ragt nur noch sachte und quadratisch in die vier Wände, stattdessen vibrieren die Stimmbänder im Hals, die Augen tränen und man lacht selig. Was Geräusch kann, wie tief Frequenzen werden und wie schön die Stille fern der Stadt ist, all das wird an diesem Tagesausflug zum Studio von Mouse On Mars im verwachsenen Berliner Stadtteil Oberschöneweide klar.

Hier, ganz knapp hinter der Stadt, wo die S-Bahnstationen Rummelsburg und Karlshorst heißen, rechts hinter der Shell-Tankstelle, liegt in friedlicher Weltabgewandtheit das riesige ehemalige Funk- und Fernsehareal der DDR. Durch die Pförtnerloge drängelten sich von 1956 bis 1990 morgens über 3.000 Leute und verfügten vor Ort über das Dienstleistungsangebot einer kleinen Stadt. Alle überregionalen Radiosender der DDR produzierten und strahlten von diesem denkmalgeschützten Gebäudekomplex an der Nalepastraße ihre Sendungen aus. Seit der Wiedervereinigung ranken sich rechtliche Mythen um den Komplex, aktuell gehört er einer Immobiliengesellschaft, die das Funkhaus zum Anlaufpunkt für Menschen machen will, die sich professionell oder privat mit Medien und Musik und den angeschlossenen Wirtschaftszweigen beschäftigen. Menschen wie Mouse On Mars eben. 
 
ROCKER 
Dieser Tage ist es rund um den Komplex vor allem richtig schön leise. Tritt man durch die zum Teil regelrecht versteckten Eingänge in die Gebäude, eröffnen sich großzügige Foyers mit Freitreppen und repräsentative Eingangshallen mit Säulen, großformatige Fotos von Sting, Harry Rowohlt und den Black Eyed Peas schmücken die Wände. Eine einsame Dame am Empfang gibt Auskunft: “Ah ja, Studio 5, das früher Studio 4 hieß.” Im Gang auf der ersten Etage dann Gefängnisgangcharme, wellenförmiger Linoleumboden, gelbliche, ewig lange, schnurgerade Flure. Ab und an hallen schmucklose Gitarrenriffs aus nummerierten Räumen. Hinter der schwergedämmten Tür 113 sitzen die Marsmäuse und sind schwer gehypt vom Alleinsein: “Man sieht hier selten jemanden. Und wenn, dann meist Rocker.” Mit dem Umzug von Andi Thoma aus Düsseldorf und dem Einzug in dieses Studio vor einem Jahr sind Mouse On Mars nun endgültig in Berlin angekommen.

Man habe Mark Ernestus angerufen und der habe gesagt: Funkhaus an der Nalepastraße, und die haben gesagt: dieser oder der andere Raum, und da war man sich dann ganz schnell einig. Der muffige Teppich verschwand unter Klick-Parkett und all die Gerätschaften, die im Düsseldorfer Studio Schicht um Schicht abgetragen wurden, in Berlin-Treptow wieder zu imposanten Techniktürmen aufgebaut und verkabelt. Via Flurfunk wisse man zwar, dass ein paar Türen weiter einer die Synths für Depeche Mode zusammenbaue, und auch dass neulich Kalkbrenner hier gehaust und an Tracks gewerkelt haben soll. Wenn aber Portishead oder Phoenix herkommen um ihren Alben im weiträumigen Studiosaal 1, von dem der Superdirigent Daniel Barenboim sagt, er sei einer der besten der Welt, ihren letzten Schliff zu verpassen – “dann sperren wir von innen zu”.
Und wenn man Andi Thoma und Jan St. Werner beim Hiersein zuschaut, krabbelt irgendwann unwillkürlich der Begriff Musikarbeiter ins Hirn, im eigentlich eigentlichsten Sinne, das geht gar nicht anders. Während Jan weit verzweigte Sätze über Musikproduktion sagt und die Sonne von der Spreeseite blassverschwommenes Licht in den Raum schießt, wuselt Andi Thoma permanent durch die Studioräume, schraubt an kleinen Geräten, zerlegt größere, verkabelt sie oder dreht martialische Sounds, aber auch weiche Popbeats ins Gespräch. Er trägt einen Handwerkergürtel mit allerlei Taschen um die Hüfte und eine rosafarbene Brille auf der Nase, die er von einem verstorbenen Maler aus der Düsseldorf-Zeit hat. Dass Mouse On Mars seit fünf Jahren kein Album mehr herausgebracht haben – das ist von hier aus, im Studiosessel sitzend, einfach nur grandios.   
 

VUVUZELA UND IPHONE APPS 

Betritt man das Studio, stolpert man im Vorraum direkt über ein Schlagzeug. Hier arbeitet auch ihr Freund Florian Grote, früher bei Native Instruments, an diversen Apps und intuitiv bedienbaren Digitalinstrumenten, welche Mouse und Mars und er gemeinsam entwickeln. Zu linker Hand liegt der gut 20 qm große Aufnahmeraum, vollgestopft mit Instrumenten, einem Konzertflügel, diverse Gitarren bis hin zu einer schwarz-rot-goldenen Vuvuzela. “Die gab es mal an der Tankstelle vorne und wir haben sie tatsächlich für ein Stück mit Bläserarrangements benutzt”, schmunzelt Jan. Knapp über der Decke schwebt ein metallenes UFO – es ist der mittlerweile mit einer Lichtorgel bestückte Werkslautsprecher aus der ehemaligen Schnapsfabrik, in der das vorige Studio der beiden untergebracht war. Auf einem Hocker türmen sich Berge an Notenblättern auf. Überbleibsel aus der Entstehungsphase von “Paeanumnion”, dem ersten Orchesterwerk von Mouse On Mars, das im kommenden Herbst im Rahmen des 25-jährigen Bestehens der Kölner Philharmonie einmalig aufgeführt wird. Eine Glasscheibe gibt den Blick auf die Kommandozentrale des Studios frei: ein riesiges Mischpult, flankiert von Racks voll mit MIDI-Interfaces und anderem Outboard-Kram. Auf dem Fensterbrett Drumcomputer wie der Roland CR-68 oder der Roland TR-707, auf dem ungefähr jeder solide Chicago-Tune basiert. Der Sound kommt aus massiven Adam-Boxen. An jeder Ecke stehen Effektgeräte herum: das Roland RE-201, Synthesizer wie der Korg Mono/Poly oder ein Sequential Circuits Pro One, im Kabelwust auf dem Mischpult liegt auch ein Remote-Controller.

Erstaunlich: Neben der immensen Zahl an sperrigen Gerätschaften nutzen die beiden auch viele Apps wie Gliss für das iPhone. Und reichen die nicht aus, greifen sie auf selbstgebaute zurück. Hier kommt wiederum Florian Grote ins Spiel, er setzt die Ideen der beiden um. St. Werner findet: “Das ist wie bei einer Therapiestunde: Du erzählst alles, was dir einfällt und zwei Stunden später hast du dann so eine iPhone-Applikation, mit der man den gewünschten Sound erzeugen kann – oder eben auch etwas ganz anderes. Ein iPhone ist ja auch nur ein kleiner Rechner. Ich finde die Samplingrate von 22 KHz super. Das ist bereits ein kleiner Kompressor mit sehr viel Durchsetzungsvermögen. So blöd man es auch finden mag, dass ganze Platten auf dem iPhone entstehen – man kann da einfach gute Sachen mit machen.”
An einer Wand hängt das andere Ende der Gadget-Welt: ein Stecksequenzer aus den 70ern. “Diesen hier haben Neu! benutzt, von dem gibt es auf der Welt zwei Stück. Den anderen besitzen Der Plan. In Düsseldorf hat eigentlich jeder ein Teil von Neu! oder Kraftwerk abbekommen”, meint Jan. “Dieses Ding hier ist so etwas wie der Tenori O in schlau.” Andi ergänzt, er habe nur noch zehn Eimerketten, die aber schnell durchbrennen – und ohne Eimerketten könne man das leider nicht mehr benutzen. Er habe mal den Entwickler der beiden Sequenzer zu kontaktieren versucht, aber der sei jetzt irgendwo auf Ibiza, verschollen und verrückt geworden.
 
BASSWÜNSCHELROUTENGÄNGER  
“Jeder Raum in diesem Gebäude hat eine interessante und andere Akustik. Der hier ist etwas schätteriger, der andere schluckt extrem viel Bass. Wir waren dann bei so einem Basswünschelrutengänger, der die ganzen Resonanzfallen aufgespürt hat. Eine Basswelle braucht, um sich zu entwickeln, teilweise so lange, dass sie im Grunde schon an der Wand ist, bevor du sie richtig hattest. Oder sie hat genau eine Schwingungsphase bis zur Wand und wird reflektiert. Und die Reflexion löscht sie dann wieder aus. Die hörst du dann nicht. Die Projektionisten, eine Art russische Futuristenabteilung, haben bereits in den 20er Jahren Frequenzphasenauslöschungsversuche gemacht. “Die Auslöschionisten!”, ruft es von weiter weg. Andi fummelt an einem Kästchen und blickt über den Rand seiner Brille herüber. “Die haben versucht Musik wegzulöschen, in dem man sie wieder in den Raum reinspielt.”

In das Werk der beiden Frickelfreunde hat sich im Laufe der Jahre eine ausdifferenziertes Spezialistentum eingeschrieben, welches sich durch die Ergründung des Kleinstmöglichen in der Musik ausdrückt: “Einerseits sind wir vom Wunsch getrieben Geschichten zu erzählen, andererseits sind wir wiederum so scheuklappig, kamikazehaft oder auch arrogant, das wir einfach sagen: ’Das muss jetzt so gemacht werden.’ Ohne Rücksicht auf Verständnisverluste. Jeder soll dann selber sehen, was er daraus zieht. Die Tiefe, der musikalische Wahnsinn, die Melancholie, die Überstimulation oder die Hintergrundmusik für eine kurze Zigarette – das steht nicht mehr in unserer Macht.” 
 
STUDIOFRISCHE
Mouse On Mars – das sind 18 Jahre Abstraktion elektronischer Musik in Reinform. Zehn Alben, voll mit verspulten Sounds und fragmentarischen Kompositionen voller Verve und Nerdismen gleichermaßen. Angefangen bei den vibenden 10-Minuten-Epen auf “Vulvaland” von 1994 über den dekonstruktivistischen Dance auf “Nuin Niggung” bis hin zum Projektpop mit Postpunk-Proll Mark E. Smith als Von Südenfed. Aktuell liegt die Produktion des just erschienenen 12-teiligen Hörspiels zu Dietmar Daths soziodystopischen Steampunkwälzer “Die Abschaffung der Arten” hinter ihnen, welches die beiden vertonten und dazu einen Soundtrack ablieferten. St. Werner plant außerdem eine Oper mit Dath. Man merkt: Mouse On Mars flüchten sich tief in den Sound und ziehen ihn gleichzeitig immer wieder von einer anderen Seite größer oder zumindest anders auf. Vor ihnen liegt die Kooperation mit der Kölner Philharmonie und dem ersten eigenen orchestrierten Stück “Paeanumnion”, ein Mammutprojekt, das die beiden mit dem Komponisten André de Ridder und 22 Musikern umgesetzt haben. Und stets um sie herum liegt auch die Produktion ihres neuen Albums, das mit Gastsängern wie Eric D. Clark oder den Junior Boys Pop verspricht. “Das war einfach viel zu lange gar nix und jetzt viel zu viel auf einmal”, lacht Jan. “Unser Problem ist ja: Wir wollen eigentlich nicht, dass es fertig wird. Im Grunde ist Musikmachen wie Urlaub – man will nicht, dass es aufhört. Es ist ja auch gar nicht so angelegt, dass es fertig sein müsste”, findet Jan.
 

UFO
Am Ende sitzen wir im völlig skurrilen Kaffee Moskau, essen Gulasch und trinken frisch gepressten Orangen-Kiwi-Möhrensaft. Die Besitzerin hat einen fantastisch hochgetunten Busen, auch das Auto mit “Sexy”-Aufdruck gehört ihr. Weiter hinten ist die Milchbar, nebenan gehen die schweren Jungs im Boxclub ein und aus. Einerseits das komplette Idyll, sieht hier andererseits alles aus wie eine verlassene Filmkulisse. Die Größe, die Ruhe, die verfallene Broadcasting-Geschichte, die hier immer noch nostalgisch durch ihre Ruinen zu funken scheint. Fernab vom Pomp des Prenzlauer Berges an Tracks feilen. Ob das auch mit Loslassen zu tun habe? “Vielleicht”, sagt Jan, während wir durch das hohe Gras an der angrenzenden Spree entlangschlendern. Knapp hinter dem Gelände zeigt er uns noch eine gleißend weiße, retrofuturistisch anmutenden Wohnkapsel, die 1968 vom finnischen Architekten Matti Suuronen für die ganz Reichen entwickelt wurde, um mit dem Hubschrauber in schwer zu passierende Skigebiete geflogen zu werden. “Futuro” ist ein verkitschter Le-Corbusier-Wohnraum auf Stelzen, der letztlich zu schlecht isoliert und einfach zu kalt war, um wirklich zu funktionieren. Mit dem ganzen Space-Age-Schwulst der ausgehenden 60er Jahre sieht es aus wie ein notgelandetes UFO, dass sich hier an der Spree fallen gelassen und seinen Frieden gefunden hat.

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Elektronische Lebensaspekte.

10 Responses

  1. Das Kraftfuttermischwerk » Just my daily cents

    [...] Studiobesuch: Mouse on Mars | De:Bug “Andi Thoma schickt vom Kontroll-Tower eine Sinuskurve durch den Raum. Wenn die Basswelle auf die Raumfrequenzen trifft, brummt es so allumfassend, wie wir es noch niemals irgendwo gehört haben. Es entsteht ein seltsamer subsonischer Druck, der den Körper umschließt, wie Hitze in der Sauna. Man kann dann in den Raum schreien, aber die Stimme ragt nur noch sachte und quadratisch in die vier Wände, stattdessen vibrieren die Stimmbänder im Hals, die Augen tränen und man lacht selig. Was Geräusch kann, wie tief Frequenzen werden und wie schön die Stille fern der Stadt ist, all das wird an diesem Tagesausflug zum Studio von Mouse On Mars im verwachsenen Berliner Stadtteil Oberschöneweide klar.” [...]

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  2. laborlux

    “Er habe mal den Entwickler der beiden Sequenzer zu kontaktieren versucht, aber der sei jetzt irgendwo auf Ibiza, verschollen und verrückt geworden.” …weder verschollen, noch verrückt, noch auf Ibiza…sondern quietschfidel und gesund auf Mallorca, der gute Mann.
    Entweder haben die beiden Mäuse schlecht recherchiert, oder der Plan hat ihnen Mist erzählt…

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  3. Werner Lambertz

    Ich – der Erfinder / Erbauer des “Eimerketten”-Sequenzers – wurde zu keiner Zeit jemals kontaktiert. Kontakt zu Atatak bzw. Pyrolator habe ich eigentlich immer sporadisch gehabt.
    Ich möchte jedoch um eine Richtigstellung zu meinem Geisteszustand bitten, da ich beruflich erfolgreich auf Mallorca eine Firma betreibe und einen guten Ruf zu verlieren habe.
    Übrigens: wegen solchen Dummschwätzereien und Ideen-Diebstahl habe ich Deutschland seinerzeit verlassen.

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  4. Alfredo

    ich wüßte gerne, was das für Schuhe sind, die der Herr rechts auf dem obersten Foto trägt.

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