Als Macher von elektronischer Musik verplempert man heutzutage viel Zeit mit dem Checken neuer Software und sich verändernden Interfaces. Da ist die künstlerische Krise nicht weit. Christophe Stoll hat als Nitrada releast und für Native Instruments gearbeitet. Seine Maxime: Weniger ist mehr. Glaubt keinem Hype.

Aus Zeit- und Ideenmangel hatte ich lange Zeit die Waffen niedergelegt und keine neue Musik produziert. Nach dem Umzug in neue Räumlichkeiten und als ich endlich wieder Momente und Muße fand, neue Songs zu schreiben, begann ich damit, mein Studio erst mal wieder einzurichten und mir dabei ein paar Gedanken zu machen. Ich musste sehr schnell feststellen, dass ich von der Menge und Komplexität der über die letzten Jahre angesammelten Möglichkeiten schlichtweg überfordert war. Bevor die erste Note erklang, mistete ich also erst mal ein wenig aus.

Wenn ich mich umhöre, stelle ich fest, dass ich nicht der Einzige bin, der seine Mittel bewusst einschränkt: Zahlreiche Gleichgesinnte räumen ebenfalls ihre Hard- und Software auf, schrumpfen Sound-Bibliotheken und Preset-Sammlungen zusammen. Zum Teil wird sogar versucht, den Computer nur noch als ein Hilfsmittel einzusetzen, der deutlich in den Hintergrund rückt, nur noch steuernd alles zusammenhält; der Fokus der Klangerzeugung oder des Programmierens von Sounds wird auf eher limitierte Einzelgeräte gelenkt. Was oft dazu führt, deren Bandbreite tatsächlich auszuschöpfen, anstatt sie quasi als “one night stands” am nächsten Tag schon wieder durch neue Mittel zu ersetzen.

Ich will hier keinen Trend zur Rückbesinnung auf Hardware-Instrumente aus der Vergangenheit heraufbeschwören. Ganz im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass vor allem moderne Mittel, Möglichkeiten und Paradigmen noch viel stärker ausgeschöpft werden sollten – aber immer mit klarer Konzentration auf den Menschen, der die Musikmaschinen bedient, und die Art und Weise, wie er dies tun kann. Es wäre Quatsch zu behaupten, man solle sich wieder AKAI S-1000 Hardwaresampler von 1988 mit winzigen Displays anschaffen, da man mit diesen durch die eingeschränkten Möglichkeiten automatisch mehr oder bessere Musik macht. Ein Computer bietet mit schnellen Prozessoren, großer interner Festplatte und hoher Bildschirmauflösung eine perfekte Plattform für Sample-Bearbeitung – er sollte aber nicht alleine durch seine umfangreichen technischen Möglichkeiten zu Überfrachtung und unnötiger Komplexität führen.

Blick auf die Klassiker
Ich finde die Definition, was ein Musikinstrument ist oder sein kann, sollte sehr offen bleiben, aber immer ein überschaubares Ziel beinhalten: das Musikmachen. Werfen wir einen Blick zurück auf Zeiten, in denen der Computer noch nicht Einzug gehalten hatte in die Welt des Musizierens: Mit einem analogen Synthesizer spielte man primär Melodien – und auch wenn mit der Zeit experimentelle Formen der Synthesizer-Bedienung dazukamen, so ging es unterm Strich darum, Töne oder Geräusche – also Musik zu erzeugen. Dasselbe gilt für die Gitarre – ob klassische Stücke gespielt wurden oder unter Zuhilfenahme von Effektgeräten ausschließlich Feedback erzeugt wurde … es stand ganz klar der Versuch im Vordergrund, aus einem bestimmten Instrument das für den jeweiligen Musiker Bestmögliche herauszuholen.

Digital ist besser
Mit der rapiden Verbreitung leistungsstärkerer Heimcomputer und der damit einhergehenden Möglichkeit, Musik an einem Rechner zu erstellen, setzte die “Digital ist besser”-Euphorie ein. Computer waren auf einmal schnell genug, Festplatten groß genug und die geeignete Audio-Hardware erschwinglich, um sich sein eigenes digitales Heimstudio einzurichten. Was von den Herstellern als ein sehr großer neuer Markt wahrgenommen wurde und dazu führte, dass innerhalb kürzester Zeit unzählige Musik-Programme und Audio-PlugIns auftauchten. Man wurde fast täglich mit neuen, innovativen Möglichkeiten der Sounderzeugung konfrontiert und verfiel vor allem am Anfang sehr leicht in einen Wahn, immer das Neueste ausprobieren zu müssen. Was ich immer noch als irgendwie spannend und manchmal interessant, vor allem aber vom musikalischen Ergebnis ablenkend empfinde.

Auf der “Digital Media”-Website von O’Reilly stieß ich neulich auf einen Artikel, den ich in diesem Zusammenhang sehr passend und anregend fand. Darin wird über aktuelle Erkenntnisse einer Gruppe von Audio-Experten berichtet, die jährlich auf einer Ranch in Texas zusammentrifft, um über neue Entwicklungen und Potentiale auf dem Audio-Markt zu diskutieren:

“Wenn man Musiker fragt, was sie am Musikmachen am meisten schätzen, werden die meisten auf die eine oder andere Weise den Flow erwähnen. Flow ist dieser wunderbare Sinn des Verlorenseins in der Arbeit, wenn die “Arbeit” zur Freude wird. Die Zeit wird unwichtig, Ablenkungen und Sorgen sowie alles andere verschwinden und führen zu einer puren Einheit des Schöpfers und seiner Schöpfung. Wäre es also nicht seltsam, wenn viele der heutigen Musikinstrumente so gestaltet wären, dass sie Flow verhindern oder zerstören? Die Gruppe veröffentlichte einen Bericht, der den meisten elektronischen Musikinstrumenten eine komplizierte, verwirrende und schlichtweg frustrierende Bedienungsstruktur attestiert. Und wenn es darum geht, den Flow zu unterstützen, können sie nur sehr schlecht mit den Instrumenten mithalten, die wir seit Jahrhunderten kennen. (…)” (Quelle: http://digitalmedia.oreilly.com/2004/12/29/flow_1204.html)

Abgesehen davon, dass der Markt mit einem Überangebot von verschiedenen Software- oder Hardware-Lösungen gesättigt ist, sind auch heute noch die meisten elektronischen Musikinstrumente einem technischen Möglichkeitswahn verfallen und durch zu universelle Ansprüche und zu viele Features, die man gar nicht alle entdecken, geschweige denn verstehen kann, klare Kreativitätsfeinde. Dadurch dass die schiere Bedienung dieser Instrumente so viel Aufmerksamkeit vom Benutzer abverlangt, werden die Ideen und der Flow in den Hintergrund gedrängt und damit das explizite Ziel unnötig verkompliziert: das Musikmachen.

Post-digital
In der jüngeren Vergangenheit konnte man bereits einige sehr spannende und richtungsweisende Ansätze kennen lernen. Hier sei z.B. die Software Ableton Live erwähnt, die in der Audio-Welt ganz klar für Polarisierung sorgte: Den einen war sie zu schlank, zu einschränkend – die anderen profitierten genau von diesen Restriktionen und dem eindeutigen Fokus. Oder die Hardware-Instrumente Machinedrum bzw. Monomachine der schwedischen “Synthesizer-Boutique” elektron: Mit seinen Geräten nutzt der Hersteller moderne Möglichkeiten, setzt ihnen aber zugunsten einfacher Bedienbarkeit und einer ausgeprägten Individualität klare Grenzen. So kann man in die neue “user wave”-Variante der Machinedrum maximal 2 MB eigene Samples laden – was einen dazu zwingt, sich genau zu überlegen, was man tut, anstatt sich blind in Unerschöpflichkeit zu wälzen und mich damit metaphorisch betrachtet ein bisschen an die begrenzten Einsatzmöglichkeiten des Mellotron aus den 60er Jahren erinnert – ein mechanisches Instrument, das oft als die Urform des Samplers bezeichnet wird, da es an Hand von Tonbändern, die einzelnen Tasten zugeordnet sind, vorher aufgenommene Klänge wiedergeben kann.

Bei der Lektüre von John Maedas SIMPLICITY-Blog blieb ich über ein paar Umwege an seiner Erläuterung des von ihm geprägten Begriffs post-digital kleben, die ich gerne anerkennend und abschließend für sich sprechen lassen würde:

“Ich werde oft gefragt, was ich mit dem Begriff post-digital meine. Es ist ein Begriff, den ich als eine Abgrenzung schuf für diejenigen, die ihre Faszination für Computer bereits hinter sich gelassen haben und jetzt von den Ideen anstatt von der Technlologie getrieben werden. Es ist kein Ausdruck von ‘Technikmuffelei’ und kein aufgeladener Begriff wie das eklige ‘Postmodernismus’-Business. Wenn wir Nicholas Negropontes Buch ‘Being Digital’ als eine Bestätigung verstehen, dass der Computer angekommen ist, dann verweist die post-digitale Generation auf die wachsende Anzahl der wenigen, die bereits digital waren und jetzt interessiert sind, Mensch zu sein. Einen guten Computer zu kaufen ist einfach. Eine gute Person zu sein ist etwas, das man nicht kaufen kann … nicht einmal beim großen Gott eBay.” (Quelle: http://www.maedastudio.com/2006/burn/)

Wir sind bereit, wieder mehr Musiker zu sein. Wir haben die schnellsten Computer, die größten Festplatten und viele von uns sogar zwei Monitore. Dennoch fordern wir: Gebt uns weniger und einfachere elektronische Musikinstrumente, die dafür besser und individueller sind und uns dazu beflügeln, aus wenig mehr zu machen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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