Die Fernsehserie "Lost" erfindet sich im Netz neu. Als kollektive, transmediale Schnitzeljagd, die echte Fans schon mal einen Sommer lang in Atem halten kann.


Die Lost Experience
Eine Serie verlässt das Fernsehen

Wenn sich US-Fernsehshows im Mai in die Sommerpause verabschieden, folgen die Plots einer lang erprobten Tradition. Alles spitzt sich auf ein bombastisches Showdown zu. Gut gegen Böse, Lover gegen Exlover, Agent gegen Doppelagent. Die großen Konflikte der Saison werden noch mal in einer allerletzten Folge aufgewärmt, gut durchgerührt und auch fast bis zum letzten Bissen aufgegessen.

Doch dann, pünktlich zum dramatischen Höhepunkt, ist plötzlich die Folge und damit die Saison zu Ende. Was bleibt, ist der Cliffhanger. Eine entscheidende, unbeantwortete Frage. Wer ist Michael Vaughn wirklich? Wird Dr. Berg jemals wieder operieren können? Werden die Kents einen zweiten Kometen-Einschlag überleben? Die Antworten darauf gibt’s im September – jedenfalls, wenn die Show im Sommer nicht plötzlich eingestellt wird.

Erster Hinweis: Der erste Hinweis des Spiels wird am 3. Mai ausgestrahlt. Darin wird eine Telefonnummer genannt werden, die wir anrufen können.

Die Macher der ABC-Show “Lost” haben sich dieses Jahr mal etwas anderes überlegt. Klar, auch die letzte Folge der zweiten Lost-Saison hat ihren Cliffhanger, der hier fairerweise nicht verraten wird. Doch schon mehrere Wochen zuvor beginnt man, eine Reihe zusätzlicher Handlungsstränge einzuführen. In den Werbeunterbrechungen tauchen plötzlich Spots der Hanso Foundation auf – jener geheimnisvollen Stiftung eines gewissen Alvar Hanso, der die Lost-Insel all diese seltsamen Bunker verdankt.

In den Werbespots finden sich Hinweise auf real existierende Telefonnummern und Websites. Eifrige Lost-Fans entdecken zudem im Abspann von Mission Impossible 3 eine Danksagung an die Hanso Foundation. In einer der letzten Lost-Folgen vor der Sommerpause liest Insel-Arschloch Sawyer das Manuskript eines Buchs namens “Bad Twin”, das aus dem Gepäck eines vermissten Passagiers stammt. Wenige Tage später ist das Buch in den USA im Handel erhältlich – und die Hanso Foundation schaltet Anzeigen in US-Zeitungen, die das Buch der Lüge bezichtigen. Was der Buchverlag mit eigenen Anzeigen kontert, die Hanso Zensurvorwürfe machen. Willkommen zur Lost Experience.

Zehnter Hinweis: Geht zu Active Projects, World Wellness and Prevention Development Program und klickt dort auf die Weltkarten-Option. Eine Weltkarte erscheint. Wenn ihr die Maus zwischen Afrika und Nordamerika hin und her bewegt, verwandelt sich der Mauszeiger in eine Hand und ihr könnt etwas anklicken.

Die Lost Experience ist ein so genanntes Alternative Reality Game – eine Art transmediale Schnitzeljagd, bei der Gruppen von Spielern gemeinsam einem Geheimnis auf die Spur kommen müssen. Während ABC den Bildschirm mittelmäßigen Sommerpausen-Shows überlässt, sammeln sich Lost-Fans im Netz und versuchen, die Story der Hanso-Foundation zu rekonstruieren. Das Spiel geht vermutlich bis zum Beginn der nächsten Saison. Gut möglich, dass Teile der Lösung in der ersten Episode offenbart werden. Genau weiß man das alles nicht. Auch das ist Teil des Spiels.

Lost eignet sich wie kaum eine andere Serie für ein derartiges Rätselraten. Nur ganz kurz für die Uneingeweihten: Die Show dreht sich um die Opfer eines Flugzeugabsturzes, die auf dem Weg nach Los Angeles auf einer eigentümlichen Insel gestrandet sind. Dort gibt es nicht nur Monster und halb verrückte Einsiedler, sondern auch jede Menge seltsame Bunker, die irgendwann einmal als Teil einer ausgefuchsten Versuchsanordnung gebaut wurden. Dazu gibt es eine Gruppe von “Anderen“, die sich als wahre Herrscher der Insel sehen, eine Vorliebe für Kidnappings haben und ansonsten ausgesprochen undurchsichtige Motive besitzen.

Hinweis 23: Ich habe alle Shockwave-Dateien analysiert und ihren Code extrahiert. Im Quellcode des Buchstaben-Bereichs findet sich ein Verweis auf Rachel. Das könnte bedeuten, dass wir Rachel in Zukunft noch öfter begegnen werden.

Den Lost-Machern war es zudem nicht genug, sich mit zwei, drei Hauptpersonen abzugeben. Stattdessen besitzt die Show ein gutes Dutzend tragende Rollen, deren Vergangenheit an zahlreichen Punkten miteinander verknüpft ist. Kombiniert man das dann noch mit einer merkwürdigen Stiftung, die sich mit Klonen und Lebensverlängerung beschäftigt, dann gibt es genug Rätsel, um die Zuschauer über Jahre zu beschäftigen.

Lost-Fans nutzen das Netz seit Beginn der Serie, um sich über versteckte Hinweise innerhalb der einzelnen Episoden auszutauschen und ihre Theorien zu diskutieren. Bereits Stunden nach der Ausstrahlung der jeweils aktuellen Folge werden hunderte von Beiträgen in Lost-Messageboards gepostet. Losttv-Forum.com verzeichnet für einige Episoden-spezifische Diskussionsstränge mehrere hunderttausend Zugriffe. Losts Macher unterstützten die Fan-Foren anfangs, indem sie Serien-begleitende Webseiten erstellten. Die nicht existierende Lost-Fluglinie bekam ebenso ihre Web-Präsenz wie die Band des Heroin-abhängigen, auf der Insel gestrandeten Rockers.

Hinweis 28: Die Hanso Foundation hat Anzeigen in mehreren US-Zeitungen geschaltet. Ich habe gehört, es handelt sich dabei um Chicago, Los Angeles, Philadelphia, New York, Washington und Dallas.

Mit der Lost Experience geht man jedoch noch einen Schritt weiter. Anstelle von statischen Inhalten wird auf eine parallele Story gesetzt, die Lost in Echtzeit außerhalb der Welt des Fernsehens begleitet. Informationen sickern nach und nach durch und werden von den Blogs und Foren der Spieler begierig ausgewertet. Dazu setzt das Lost-Team immer wieder auf einen imaginären Hacker namens Persephone, der die Server der Hanso-Foundation knackt und dabei Spielern schon mal Zugriff auf die Email-Accounts der Vorstandsmitglieder gibt.

Die Lost Experience ist nicht das erste Alternative Reality Game. Bekannt wurde das Genre, als ein Microsoft-Team vor fünf Jahren ein Spiel zur Promotion des Spielberg-Films A.I. veranstaltete. Das drei Monate dauernde Spiel zog Tausende von Mitspielern in seinen Bann, die gemeinsam über eine Yahoo-Mailingliste an der Lösung arbeiteten.

Hinweis 29: Caltech hat keinerlei Einträge über diesen Typen in ihrer Ehemaligen-Datenbank. Er hat nie Studiengebühren gezahlt. Hat er überhaupt einen College-Abschluss? Warum nennt er sich Doktor? Wer ist dieser Clown wirklich?

Microsoft muss von dem Verlauf des Spiels begeistert gewesen sein. Der Software-Konzern beauftragte wenig später die auf Alternative Reality Games spezialisierte Firma 4rty 2wo Entertainment damit, ein eigenes Spiel zum Bewerben seines Video-Shooters Halo2 zu entwerfen.

Das “Ilovebees” genannte Halo2-Spiel war von Beginn an ungewöhnlich: Erfahrene Alternative Reality Gamer bekamen per Post Honig-Flaschen zugeschickt. Mitten in der klebrigen Masse fanden sich kleine Buchstaben-Schnipsel, die sich zu einem ersten Hinweis zusammenpuzzeln ließen. Diesen und andere Hinweise führten zu über die ganze Welt verteilten öffentlichen Telefonzellen, die zu einer bestimmten Zeit klingelten. Wenn Spieler den Anruf entgegennahmen, bekamen sie einen kleinen Ausschnitt eines fünf Stunden dauernden Hörspiels vorgespielt.

Hinweis 35: Wir haben “the mouthpiece“ in Hugh McIntyres Biographie eingegeben. Klick auf “Familienwerten verpflichtet“. Schau dir Persephones Nachricht an. Klicke auf das Bild und dann die fallenden Objekte.

Ganz gleich ob Honig, künstliche Intelligenz oder Insel-Experimente: Allen Alternative Reality Games ist gemein, dass sie sich nicht als Spiel zu erkennen geben. Und natürlich auch nicht als Werbung. Dabei ist die Idee der Spiele der Traum jedes Werbetreibenden: Wann organisieren sich Konsumenten schon mal in Fan-Gruppen, um jeden Aspekt einer Kampagne penibel zu analysieren?

Die kommerzielle Natur des Genres ist allerdings auch nicht ganz unumstritten. Einigen Spielern geht es gegen den Strich, dass sie immer auch Teil einer Marketing-Kampagne sind. Für zusätzlichen Verdruss sorgt, dass Werbung in den Spielen selbst präsenter wird. So sucht die Hanso Foundation natürlich über Monster.com nach neuen Mitarbeitern. Eine andere Website des Spiels wirbt für einen Soft Drink, und in einem versteckten Verzeichnis eines Hanso-Servers finden sich alte Jeep-Commercials.

Der Enthusiasmus der Lost-Experience-Spieler ist allerdings trotz solcher Kritik ungebrochen. Fast täglich entdecken sie neue Hinweise im Netz. Mal muss einfach nur ein Flash-Puzzle gelöst werden, mal müssen Informationen im CIA World Fact Book nachgeschlagen werden. Noch sind viele Fragen offen. Nur eins steht fest: Traditionelle Cliffhanger werden uns in Zukunft nur noch ein müdes Gähnen abringen.

Hinweis 40: Wir versuchen, alle Änderungen der Hanso-Webseite im Auge zu behalten. Schaut euch zum Beispiel den Quelltext ihrer RSS-Feed-Webseite an. Die Frage ist: Wer sind Bill Flood und Sam Hicks?

(Alle Zitate im Text entstammen dem “Lost Experience Clues”-Blog.)

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Elektronische Lebensaspekte.

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