Das Unbehagen der Sonnenblume

Vom Disco Edit zum Künstleralbum. Nicolas Jaar ist nicht nur in Chile geboren, auch sein erster elektronischer Einfluss ist dem Chilenen Ricardo Villalobos zu verdanken. Mit dem intellektuellen Wunderkind-Image will er dennoch nichts zu tun haben. Über den Clinch zwischen Hipstertum, Entschleunigung und der Bestie Club.

Wenn Nicolas Jaar auf einer Couch in der Lobby im hipsten Hotel Berlins sitzt, dann passt er mit seiner Nerd-Brille, den Röhrenjeans und Sneakern zum Inventar wie ein Eames Chair ins Vitra Design Museum. Touristen aus den USA, Spanien und Skandinavien tummeln sich zwischen Designer-Möbeln, Regalen randvoll mit Secondhand-Büchern und Street Art an den Wänden. Im Hintergrund laufen Witch-House-Tracks und Disco Edits, der letzte Schrei der Clubmusik.

In den vergangenen Jahren wurde das Internet mit Bearbeitungen von Pop-Klassikern und Disco-Stücken aus den Siebzigern überschwemmt. Edits sind nicht schwer zu produzieren und man kann mit ihnen leicht die Aufmerksamkeit von Bloggern und YouTube-Junkies auf sich ziehen. Von den Stücken bleibt in der Regel nicht mehr als ein kurzer Spaß. Die meisten von ihnen sind wie Cola-Dosen: das recycelte Wegwerfprodukt einer musikbeflissenen Hipster-Generation. Auch Nicolas Jaar hat mehrere Disco Edits veröffentlicht. Im letzten Jahr bearbeitete er Michael Jacksons “Billie Jean“, in dem er das entscheidende Element des Tracks ausspart: die Jahrhundertbassline. Billie Jean zu remixen ist in etwa so originell wie Bob Dylans “Blowing in the wind“ am Lagerfeuer zu klampfen, doch in dem Jaar dem Stück seinen Groove entreißt, es mit traurigen Flächen unterlegt und die von sanften wie plätscherndes Wasser klingenden Sounds umspielen lässt, gelingt ihm eine interessante Interpretation eines der wichtigsten Stücke der Popmusik. Jaar verwandelt “Billie Jean“ in eine Art Soul-Ballade für das 21. Jahrhundert. Natürlich braucht man diese Version eigentlich genau so wenig wie die zahllosen anderen Edits, die durch das Netz geistern. Doch seine Bearbeitung erzählt etwas Entscheidendes über den Produzenten Nicolas Jaar, der zu einer recycle-wütigen Musikergeneration gehört, die lieber Altbewährtes wieder aufleben lässt als sich Neues auszudenken und sich wider besseren Wissens schnelllebigen Trends mit augenzwinkernder Ironie an den Hals wirft. Jaar interpretiert “Billie Jean“, anstatt den Sound des Songs für die Clubanlagen der Gegenwart fit zu machen. Das Stück zeigt das Dilemma eines Musikers, der Teil einer Generation ist und ihr doch misstraut, der sich mit dem Klischee gegen das Klischee stemmt. Nicolas Jaar verachtet, wie Musik in dieser Zeit vermarktet wird. Er hasst Trends, gerade wenn Musiker Trends hinterherlaufen und teilhaben wollen an der Aufmerksamkeitsmaschinerie des Internets. Wo bleibt da das Wahre, Schöne? Wo die aufrichtige Kunst? Ziel eines jeden Produzenten sollte doch eigentlich emotionale und innovative Musik sein. Forderungen wie diese hört man immer wieder zwischen den Zeilen, wenn Jaar im Trouble der Hotel-Lobby über seine Musik und sein gerade erschienenes Debüt-Album “Space is only Noise“ spricht. Aber Jaar weiß nur zu gut, dass er selber durch die gleichen Mühlen gedreht wird wie jeder andere seiner Kollegen.

Trigger Villalobos
Der in Chile geborene Produzent ist Anfang 20 und wird in zahllosen Artikeln als Wunderkind der elektronischen Musik gefeiert. Seine erste Platte veröffentlichte er mit 17 auf dem New Yorker House-Label Wolf + Lamb. Seine Musik klingt wie eine Mischung aus der Clicks-and-Cuts-Elektronika der frühen 2000er, Minimal Techno und zeitgenössischem Deep House. Sein Vater ist Künstler, seine Mutter war Tänzerin. In einem Interview sagte Jaar einmal, dass er weiterführt, was seine Mutter nach seiner Geburt aufgegeben hat: Sie tanzte vor Publikum, er bringt sein Publikum zum Tanzen. Mit 14 schenkte ihm sein Vater Ricardo Villalobos‘ sperriges Album “Thé Au Harem D’Archimède“, was ihn dazu inspirierte, selber elektronische Musik zu machen. Jaar ist in Chile aufgewachsen und dann mit seinen Eltern um die Welt gezogen. Jetzt lebt er in New York und studiert dort vergleichende Literaturwissenschaften.
Nicolas Jaar ist ein gedankenvoller junger Mann, der sich gerne in Widersprüche verstrickt, wenn er zum Beispiel in einem Interview beklagt, dass afrikanische Musik zum neuen Modeaccessoire vieler House- und Techno-Produzenten geworden ist und damit eigentlich die westliche kulturelle Hegemonie weitergeführt wird.

Gleichzeitig hört er gerne äthiopischen Jazz und auch in seiner Musik finden sich Anspielungen auf afrikanische Musiktraditionen. Nicolas Jaar versucht zwei Welten miteinander in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite seine bildungsbürgerliche Erziehung, das Studium, in dem er sich intensiv mit poststrukturalistischen Philosophen wie Jacques Derrida auseinandersetzt und auf der anderen die schnelllebige Clubkultur, die nach ihm verlangt wie nach wenig anderen Produzenten zur Zeit. Seine Remixes sind begehrt und angesichts seines Debüt-Albums geistert schon seit Monaten ein erwartungsvolles Raunen durch das Internet. Auf einem YouTube-Video zu einem seiner Stücke steht der Kommentar “Nicolas you wanna marry me?“ Trotz der Aufmerksamkeit, die ihm aus der Clubwelt entgegenschlägt, sagt er, dass der Club doch der “Belly of the Beast“ sein kann, das Zentrum des Bösen. Denn hier verschwimmen Spaß, Kultur und Geschäft wie an keinen anderen Ort der westlichen Gesellschaft.

Werd erwachsen!
Jaar stellt sich viele grundsätzliche Fragen, die man nicht zu Ende denken kann. Der Widerspruch zwischen Kunst und Kommerz ist uralt und natürlich nicht aufzulösen. Dennoch ist es schön, einem Musiker dabei zuzuhören, wie er mit seiner eigenen Rolle hadert und seine ernst gemeinte Suche nach einer emotional aufrichtigen Musik zu verfolgen, die die Zeit transzendiert, in der wir leben. Dass Jaar sich selber bei dieser Suche nicht so ganz vertraut, dass er um sein Image besorgt ist, wenn er sagt, dass man bitte nicht schreiben soll, dass er den Philosophen Derrida erwähnt habe, weil das prätentiös klingen könnte, passt ins Bild und ist im Endeffekt wahrscheinlich nur authentischer Ausdruck eines Konflikts, den viele mit sich tragen, die in irgendeiner Art und Weise in künstlerischen oder kreativen Berufen arbeiten. So sehr er die inhaltsleere Coolness der amerikanischen Hipster-Kultur beklagt, so sehr ist Jaar in sie verstrickt. “Wir alle haben aufgegeben, ohne aufgeben zu wollen“, sagt er. Raus kommen wir aus dem ganzen Schlamassel nicht mehr. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man es akzeptieren muss.
Man könnte ihm natürlich zurufen: Grow up, kid! Hör auf zu jammern. Aber es wäre schade, wenn man so schöne Derrida-Gedanken wie den, dass wir der Wahrheit folgen wie Sonnenblumen, die sich zum Licht drehen, nicht mit ihm in Verbindung bringen darf. Dass die gedankliche Anstrengungen, die er in sein Debüt-Album gesteckt hat, eigentlich nicht entschlüsselt werden können, wenn man ihn dazu nicht zitieren darf. Der schönste Track seines Debüt-Albums heißt “Colomb“, ein melancholisches R’n’B-Stück. Der französische Text, der durch einen Vocoder gesungen wird, handelt von Amerika und der Absurdität, ein Land zu entdecken, dass eigentlich immer schon da war. Die Entdeckung Amerikas war nichts anderes als der Anfang einer kapitalistischen Ideologie, meint Jaar. Dieser Ideologie, aber auch der Trend- und Coolness-Versessenheit setzt er Derridas hellsichtige Sonnenblumen-Metapher entgegen. Entsprechend folgt auf dem Album dann das Instrumental “Sunflower“. Und nicht ohne Grund zitiert Jaar den Vocoder, den Kanye West auf seinem Album “808 Heartbreaks“ als Ausdruck emotionaler Entfremdung exzessiv eingesetzt hat.
Allerdings, nicht dass der Eindruck aufkommt, die Platte “Space is only Noise“ wäre ein trockenes Konzeptalbum. Eigentlich ist es eine schöne Elektronika-Platte geworden. In musikalischer Hinsicht ein etwas trauriges Album über Clubmusik, in dem Fragmente herumstehen, die Dancefloor-tauglich wären, hätte Jaar das gewollt. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass der Produzent, der viele Tanzflächen der Welt gerade mit seinem smarten Minimal House auf Trab hält, ein Debüt-Album geschrieben hat, dass man sich zu Hause oder über Kopfhörer anhören sollte. Es unterstreicht die gesunde Skepsis, die er gegenüber der Clubkultur hegt. Als Nicolas Jaar im letzten Sommer an einem Nachmittag in der Bar 25 auflegte, standen ihm die Tränen in den Augen. Als alle vor ihm auf der Tanzfläche vergessen hatten, was das Wort cool bedeutet, wer die richtigen Sneaker trägt. Für einen Moment fiel der ganze eigenartig komplizierte Gesellschaftsdruck ab und er selber zusammen mit den Tänzern aus der Welt heraus. Manchmal ist der Club nicht der Belly of the Beast, sondern der Ort, an dem man sich wie die Sonnenblume zum Licht drehen kann. Oder zur Bassbox. It’s a thin line.

http://www.circusprod.com
http://www.nicolasjaar.net
http://www.clownandsunset.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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