Luzider Mix aus feinseligen Gitarrenharmonien, plickernder Elektronik und germanophonem Englisch für Pop-Pessimisten, Kunstliebhaber und Zwangsromantiker.


The Notwist sind der eigentliche Inbegriff für Indietronics, der Musikrichtung, die während der Zeit ihres letzten Albums Neon Golden nicht nur einen Lösungsansatz für die, in retrospektiven “The Band“-Zeiten durchhistorisierte, Indie-Gemeinde darstellte, sondern auch eine Definition des Omni-Pops schufen. Sie brachten Passion in Elektronik, frei von Amphetaminen, und minimales Understatement mit Liebe zu perfekten Arrangements in den damals vorherrschenden Über-Pathos der Rock- und (Post)-Grungemusik.

Dabei war die Entwicklung der Weilheimer so epochenhaft wie vielschichtig. Eine Hauptzäsur mag hier mit Sicherheit der Zugang von Console aka Martin Gretschmann zum Album “Shrink“ gewesen sein, der den Wandel von der Gitarrenband mit Metal-Background in einen Konsens in Sachen unterkühlter Leidenschaft in Tönen maßgeblich mitbestimmt hat.

Im Gegensatz zu den anderen großen deutschen Bands der 90er wie Tocotronic und Blumfeld war nicht der textliche Inhalt und die Arbeit an lyrischen Referenzen wie französischem Autorenfilm oder Poststrukturalismus bestimmend für den Diskurs, es war der Sound selbst, der bestimmt hat, der beeinflusst hat, der Teenager, Studenten und Akademiker gleichermaßen an eine Befreiung durch Klang glauben ließ.

Notwist haben nicht viel zu sagen mit Worten, auch nicht während unseres Gesprächs in der Roten Sonne in München, einem der wenigen authentischen Clubexile frei von Dosenprosecco und Busserl-Gehabe in München. Die vergipsten Wände sind alle komplett wie alte Eichen eingeritzt mit Initialen, apolitschen Klosprüchen oder wie am DJ-Pult mit einem großen Herz mit “Bar 25“ in der Mitte stehend. Das neue Album “The Devil, You and Me“ ist das erste ohne den langjährigen Schlagzeuger Martin Messerschmidt, der die Band vor der Produktion verließ.

Es ginge so auseinander, wie es so sei, aber auch nicht weiter interessant, so die Band. Nicht nur, dass persönliche Befindlichkeiten kaum ausgedrückt werden wollen: Markus, Micha Acher und Martin Gretschmann sind vielleicht die leisesten Gesprächspartner, die man sich vorstellen kann, und es wirkt fast so, als wären sie nach der Produktion wie nach einem Zwölfrunden-Boxkampf erschöpft und alles wäre gesagt. Da scheinen Erklärungen nicht nur müßig, sondern kommen auch nur schwerfällig und mit langen Atempausen über die Lippen …

De:Bug: Olaf Opal hat auch diesmal wieder euer Album produziert. Der war in den Jahren, wo Ruhe um Notwist war, eher mit Großproduktionen wie dem Sportfreunde-WM-Song und Julis “Geile Zeit“ präsent. Wie findet man da noch einen Konsens oder wie wirkt sich so eine Entwicklung auf die Aufnahmen aus?

Martin Gretschmann: Olaf steht bei Notwist schon immer für die Poprichtung. Da gibt es Punkte, wo man sich aneinander reibt, aber im durchweg positiven Sinne. Insofern war das nicht anders oder mehr als früher und Olaf freut sich auch immer auf Notwist, weil er da auch Sachen macht, die er bei den andern Bands nicht machen kann. Das ist für ihn dann auch ein spezielles Ding, wo man einfach mal versucht, Grenzen auszuloten oder Sachen anders zu machen, zu experimentieren. Für so was ist er auch immer komplett offen.

De:Bug: Wie habt ihr rückblickend den Boom um die Weilheim-Connection gesehen, um die es ja scheinbar ein bisschen stiller geworden ist?

Martin Gretschmann: Wie du richtig sagst, gab es einen Hype vor sechs Jahren und irgendwann geht das ganze mediale Interesse dann auch wieder zurück. Die ganze Darstellung war sehr romantisch, wir hängen nicht jeden Abend zusammen … das war vor 15 Jahren vielleicht so.

De:Bug: Die verschiedenen Alben bilden bestimmte Phasen ab. Kann man das skizzieren?

Markus Acher: Notwist-Platten sind im Vergleich zu den anderen Projekten schon immer Marksteine. Neon Golden hat sehr viel gebündelt in Form von Arbeitsweisen: zunächst mit der Elektronik, aber dann auch viel auszuprobieren, mit anderen Musikern zu arbeiten. Die neue Platte ist viel mehr auf uns konzentriert und im Endeffekt, auch wenn es blöd klingt, ist es eine persönlichere Platte oder eine konzentriertere Platte, weil man guckt: Was machen die anderen? Was passiert um uns herum? Da steckt viel Reflektion drin. Allein deshalb ist es eine wichtige Platte, einfach losgelöst von allen Trends oder Dingen zu reflektieren.

De:Bug: Es war schon so, dass die letzten Alben sehr konkrete Referenzen hatten. Bei “Shrink“ Jazz und Elektronik, bei “Neon Golden“ Country- und Bluegrass, bei “The Devil, You and Me“ geht es eher Richtung Singer-Songwritertum zurück mit vielen akustischen Gitarren und klassischen Harmonien. Seht ihr das auch so?

Markus Acher: Die Zusammenarbeit bei dieser Platte war zunächst ähnlich wie bei “Neon Golden“. Es wurde viel hin- und hergetauscht. Es gibt Fundamente von Stücken, die bekommt jeder und macht was dazu. Diesmal haben wir gemerkt, dass die Akustikgitarre und der Gesang ein homogenes Element darstellen, das immer wiederkehrt, Sinn macht. Ich komponiere meine Gesangslinien immer mit der Gitarre. Bei “Neon Golden“ aber sind die Gitarren zum Teil ja komplett rausgeflogen, wir wollten Sachen anders arrangieren. Jetzt hat es wieder gut gepasst, auch wenn wir mit den unterschiedlichsten Ideen arbeiten. Wenn ein Song von Martin ganz auf Elektronik aufbaut und plötzlich diese Elemente alle wegfallen oder umgekehrt, ist die Arbeitsweise zwar ähnlich, aber das Ergebnis klingt dann anders. Bei mir war es auch so, dass ich zu der Zeit viel Gospel und Spirituals gehört habe. So nehmen solche Dinge immer unterbewusst Einfluss auf das, was aufgenommen wird.

De:Bug: Der Gesang ist auch überraschend laut produziert.

Markus Acher: Ja, der wird von mal zu mal lauter. (lacht)

De:Bug: Dadurch treten die Texte auch mehr in den Vordergrund. Geht man mit dem Umstand auch um? Gerade wo klare Songstrukturen anscheinend wieder wichtiger für euch wurden?

Markus Acher: Das ist schon richtig. Es hat nicht unmittelbar damit zu tun, dass man die Texte besser versteht. Die Texte waren mir schon immer sehr wichtig, da habe ich immer sehr lange dran gesessen. Was eher Einfluss genommen hat, war, dass Leute, die man kennen gelernt hat, einem sagen, dass denen die Texte sehr wichtig sind. Darunter sind Amerikaner und Engländer, die sich das wieder ganz anders anhören. Und Adam Trucker, der Dose One, der hat sich immer viel mit mir über Texte unterhalten und so wusste ich, dass, wenn ich wieder Texte mache, er auch wieder genau zuhört. Das funktioniert bei mir im Kopf wie eine Jury. Hinzu kommt dann auch ein neues Selbstbewusstsein, aber auch kritischerer Umgang damit.

De:Bug: Was für Musik habt ihr zu der Zeit gehört oder läuft das total isoliert ab, ohne jegliche Einflüsse von außen?

Markus Acher: Beides. Es gibt immer einen Schub, wenn man während der Produktion Dinge hört, die einen beeindrucken. Animal Collective zum Beispiel: wie diese Band Musik macht und mit welcher Selbstverständlichkeit teils so schwierige, seltsame Dinge aufnimmt … Ich habe sonst viele alte Sachen gehört. Und unser gemeinsamer Nenner: Dubstep. Wen wir alle gut finden, auch weil wir ihn kennen gelernt haben und der total nett ist, ist Shackleton. Der hat eine ganz eigene Definition von der Sache.

De:Bug: Aber der Groove von Dubstep hat es nicht auf die neue Platte geschafft. Ohnehin scheint die rhythmische Struktur vielmehr in den Hintergrund gerückt zu sein. Das Schlagzeug kann man teils nur erahnen. Ging der Rhythmus bewusst auf Kosten des Songs?

Martin Gretschmann: Nicht wirklich, das hat sich so ergeben. Das hatte ich bis jetzt gar nicht so auf dem Schirm, dass das Schlagzeug eher leise ist und die Stimme laut. Aber da hast du Recht …

Micha Acher: Zunächst ist es wichtig, dass es homogen klingt, dann kommen Details, die dir anders auffallen als uns. Vor allem die Elektronik muss sich gut integrieren, so dass man am Ende eine Sound-Einheit schafft, die auch in unseren Ohren gut klingt. Da kann es dann passieren, dass bestimmte Elemente mehr gefeaturet werden und andere weniger.

Markus Acher: Bei Neon Golden waren es eher elektronische Tracks, zu denen dann noch ein Singer-Songwriter und andere Instrumente dazukamen, und bei dieser Platte war es schon mehr eine Band. Ein bisschen das 60s-Klangbild, mehr ein psychedelischer Raum, in dem eine Band spielt. Das ist uns so vorgekommen und da geht das Schlagzeug mehr nach hinten.

De:Bug: Wie sieht es dann mit der Elektronik aus? Wenn so ein Vintage-Bewusstsein während der Produktion hervorsticht, aber jede Woche neue Produktionstools und Software erscheinen … was ist da gerade wichtig für die Band? Muss man da einen Mittelweg finden, um sich nicht in der reinen Musiktechnik zu verlieren?

Martin Gretschmann: Ich befasse mich sehr intensiv damit. Markus geht Platten kaufen, ich checke im Laden oder im Netz Technik, stoße so auf Sachen, die ich dann auch gerne ausprobiere. Manchmal kann das auch stören, klar, weil man dann den Überblick verliert, aber ich finde, bei Notwist ist insofern meine Leidenschaft gut, weil das für meine Aufgabe in der Band wichtig ist.

De:Bug: Im Vergleich zu früheren Zeiten als reine Gitarrenband oder zu euren Jazzprojekten … wie intuitiv läuft das Live-Spielen bei Notwist, vor allem nach der Zeit?

Markus Acher: Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden, weil man viel mehr vorbereiten muss und es oft eine halbe Tour dauert, bis man so ein bisschen loslassen kann und sich nicht immer konzentrieren muss. Aber das wird von Tour zu Tour, von Platte zu Platte besser.

De:Bug: Vermisst man als Jazzer nicht das Improvisieren? Oder gibt es da andere Möglichkeiten?

Martin Gretschmann: Es war für mich ein Ziel, das SetUp grundsätzlich so minimal wie möglich zu halten. Vor allem, um Fehlerquellen zu vermeiden, aber auch, um annähernd wie in einer stinknormalen Gitarrenband, die keinen Rechner hat und keinen Click braucht, spielen zu können. Also einfach hinstellen und spielen. Dabei entstehen interessante neue Möglichkeiten: Elemente live zu bearbeiten oder Spuren, die nicht vom Rechner kommen, live zu manipulieren, quasi wie ein zweiter Mischer, wie der Tontechniker, der vorne steht und abmischt. Also eine Art Live-Remixing.

De:Bug: Im letzten Jahr hat das Label Hausmusik zugemacht. Das Label stand sehr mit euch im Zusammenhang. Wir beurteilt ihr die momentane Lage der Industrie? Oder wo seht ihr als Band Möglichkeiten im Netz?

Markus Acher: Ein extremer Umbruch ist da auf jeden Fall zu spüren momentan, und keiner weiß, wo es hingeht. Aber ich denke, dass man weiter versuchen muss, was zu veröffentlichen, das den eigenen Ansprüchen gerecht wird und nicht anderen Formatansprüchen. Wir wollen eine CD, die gut aussieht, das darf auch was kosten. Genau da darf man eben nicht sparen oder mit windigen Strategien kommen, wie z.B. Werbung auf die CDs packen.

Micha Acher: Werbung?! Auf die CD oder was?!

Markus Acher: Das wurde mal diskutiert. Und das ist der komplett falsche Weg. Die große Gefahr im Moment ist außerdem die Monopolisierung. Wie sich alles auf Amazon, iTunes, eBay und so konzentriert, finde ich gruselig. Da kann man als Band, als Musiker, als Vertrieb auch flexibler sein und nicht nur sicherstellen, dass man bei iTunes auf der Startseite ist und drei extra Stücke produziert, sondern in die Nischen im Netz investiert, weil das genau die Chance ist, die das Netz bietet. Weil das ist das eigentlich Geniale dran: die Demokratisierung und die Streuung. Ich finde im Netz Kassettenlabels aus Amerika. Ich war mir sicher, dass niemand mehr Kassetten macht, und dann gibt es Leute, die malen jedes Tape einzeln an und stellen davon 30 Stück her und dank Internet kann ich mir das aus Amerika nach Hause holen. So was finde ich genial, das ist die Chance des Internets oder der Globalisierung.

De:Bug: Oder mehr in Richtung Gesamtkunstwerk denken … visuelle Momente direkt mit dem Album verbinden.

Markus Acher: Da haben wir auch schon drüber nachgedacht, die Website übernimmt ja auch immer mehr die Funktion des CD-Covers für viele Leute. Bevor die Platte erscheint, kommt ein Video auf die Seite. Dann vielleicht noch eins. Stück für Stück kann sich da etwas zusammenfügen, etwas, das man vielleicht auch erst versteht, wenn man die Platte dann hat, mit Booklet, die Songs gehört hat, sich mit ihnen beschäftigt hat.

De:Bug: So wird die Musikindustrie auch gerne als untergehendes Schiff gesehen, wenn ihr DJs auf der Titanic wärt, was würdet Ihr spielen?

Markus Acher: Ich spiel natürlich Gavin Bryars’ “ The Sinking of the Titanic“ und dann ein Stück von Mississippi Records “Last Kind Words“, das ist wirklich wunderschön.

Martin Gretschmann: Ich würde mit Sicherheit ein Stück von Leonard Cohen spielen, “Hey, That’s No Way To Say Goodbye.“

Micha Acher: Ein langes Stück muss es sein. Zum Beispiel Samuel Barbers “Adagio for Strings“.

http://www.notwist.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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