Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt.

K-HOLE ist irgendwo in dem weiten Feld zwischen echtem Consulting und Konzeptkunst gelagert. Für ihren vierten Trendreport, den die New Yorker Mittzwanziger erstmals gemeinsam mit einer großen brasilianischen Agentur geschrieben haben, und der wieder kostenfrei als PDF von ihrer Webseite zu laden ist, erfinden sie so geniale Beschreibungen wie “High-Res Decisions” oder “Youth Mode”. Unter der Hand handelt die Prognose von ihrer eigenen Geschichte: Fünf Freunde sind völlig verstrickt in Hipster-Praxis. Aus der Not machen sie eine Tugend und erzählen der Welt was sie zusammenhält. Und von einem Ausweg: Es geht darum, dass Alter als Konzept überholt ist und wie man endlich von “Mass Indie” nach “Normcore” kommt – nämlich durch absolute Anschlussfähigkeit, in Überwindung der ewigen Sorge um die eigene Individualität. Denn, um es in ihren Worten zu sagen: “This is an HD problem.”

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Was sind die News?
Wir glauben, dass die Krise, etwas Besonderes darzustellen, nicht länger nur ein Problem junger Leute ist. Und das wiederum ist Teil einer größeren Frage, nämlich wie man einen neuen Rahmen für die Beschreibung von Generationen absteckt. Klare Definitionen wie Babyboomer, Generation X oder Millennials funktionieren nicht mehr, denn Demografie ist tot. Wir haben bei der Dekomprimierung der Millennials oder Digital Natives herausgefunden, dass es nicht mehr um Alter geht. Dass dieser einstmals so wesentliche Fakt heute keinen Rahmen mehr bieten kann.

Warum nicht?
Zum Beispiel funktionieren die Narrative des 21. Jahrhunderts zur Beschreibung cooler Adoleszenz nicht mehr, wie sie etwa im Fänger im Roggen dargestellt sind: Du hast deine Wahrheit, dann wirst du missverstanden von Gesellschaft, Vater und Mutter, also musst du eine Authentizität beweisen, beziehungsweise die Gesellschaft stürzen und Künstler oder Rebell werden. Dadurch entgehst du dem Drama, unverstanden zu sein. Dieses System ist heute irrelevant. Wir haben aber gemerkt, dass viele Leute allergisch darauf reagieren, gleichzeitig kreative Individuen und Konsumenten des Kapitalismus sein zu müssen. Für sie fühlt sich das seltsam an und als Reaktion erschaffen sie krass vereinfachte Versionen ihrer selbst, als entweder das eine oder das andere.

Wäret ihr sauer, wenn man eure Arbeit als Konzeptkunst oder Literatur bezeichnen würde?
Nein.

Die Sprache eurer Texte ist sehr schön. Einerseits einnehmend und actionreich, andererseits fast schon wie eine Parodie auf den Stil von Trendberichten, in denen die Zukunft des Konsumverhaltens vorhergesagt werden soll. Was ist denn da beabsichtigt?
Schon beides. Letztlich handelt es sich bei K-HOLE um ein Schreibprojekt. Es ist experimentell und kollaborativ – in der Literatur sehr selten, in der Corporate Culture und dem Marketing aber übliche Praxis. Viele von uns haben in diesem Bereich gearbeitet und von Anfang an diese Sprache sehr spannend gefunden; wenn etwa Emoticons in ernsthafte Texte zu Wirtschaftsthemen gesetzt werden. Im Gegensatz dazu ist Kunstkritik total langweilig. Das ist ein bisschen wie Popmusik: Wir mögen die Punchiness und Popiness und Bullshitiness von Corporate-Sprache – die ist so toll, bizarr und lustig zu lesen. Wir sind wie eine Band: The Annoying Indie Band.

Und ihr seid sehr gut produziert. Als was würdet ihr denn K-HOLE definieren?
Als eine Trendagentur, die die Sphäre der Kunst genauso adressiert wie die des Marketings. Wir sind aber ebenso fünf Freunde, die Beobachtungen über die uns umgebende Welt anstellen und diese als Trendreports verbreiten.

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Being in Youth Mode is about being youthfully present at any given age. Youth isn’t a process, aging is. In Youth Mode, you are infinite.” Was genau meint ihr wohl mit “unendlich”?
Unendlich bedeutet hier, dass du die Grenzen deines Alters, deines Status und deiner Subjektivität nicht mehr identifizieren kannst. Denn diese Grenzen sind total porös geworden.

Könnt ihr dem gewöhnlichen Hipster einen praktischen Tipp geben, wie der von euch beschriebene Zustand des Mass Indie überwunden werden kann?
Der gewöhnliche Hipster möchte aller Voraussicht nach gar nicht über Mass Indie hinwegkommen. Bei unserem Vorschlag Normcore, geht es darum, dass die Idee der Coolness durch Differenz zum Scheitern verurteilt, beziehungsweise an ihr Ende gekommen ist. Eine brauchbare Hilfestellung, um von Mass Indie in den neuen Zustand des Normcore zu wechseln, liegt auf der Hand: Bemühe dich nicht mehr darum, außergewöhnlich zu sein. Sich mit anderen in Beziehung zu setzen ist viel wichtiger.

Mass Indie is what happens 45 minutes after Kurt Cobains death.” Welche anderen Figuren der Popgeschichte repräsentieren Mass Indie, beziehungsweise sind mit der Massenbewegung verbunden?
Kurt Cobain ist stark verknüpft mit der traditionellen Idee der Alternativkultur der Neunzigerjahre. Er ist also kein Beispiel für Mass Indie, sondern Mass Indie eine Antwort auf ihn beziehungsweise das, was nach Kurt kommen musste. Andere Figuren wären etwa Wes Anderson, Christopher Nolan, Arcade Fire, Opening Ceremony, Chloë Sevigny, Lena Dunham, Frank Ocean, Grimes.

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To us, the reason there’s a shift is that now the crisis of being special is everyone’s crisis because of the internet and globalization.” Wie hängt das konkret zusammen?
Das Internet bietet ein Spielfeld, in dem jeder seine Individualität in mikroskopischen Nuancen ausdrücken kann. Trotzdem gibt es noch Beschränkungen: Die Plattformen, die User benutzen, bestimmen die Grenzen, in denen diese mikroskopische Ausdifferenzierung stattfindet. Es handelt sich um eine Krise, weil jeder versucht, einzigartig zu sein. Aber die Tools, die sie dafür benutzen, also das Internet, macht alles gleichzeitig zur ultimativen Ware.

Irgendeine Idee wie es möglich wäre, sich permanent zwischen FOMO und DGAF zu bewegen und trotzdem lucky zu werden?
Du hast stets die Möglichkeit zum Glück. Glück liegt über deinen Zielen und Zwecken.

Wenn ich Normcore richtig verstehe, glaubt ihr wirklich, dass in der Masse aufzugehen das neue Cool ist, ja?
Normcore bedeutet nicht, sich zu verstecken. Es geht um Passing, also darum, mit seiner selbstgewählten Identität durchzugehen, um Anknüpfungspunkte. Es geht auch nicht um die Masse, sondern um Eins-zu-Eins-Beziehungen und Konversationen. Ein wichtiger Aspekt davon ist, dass man Normcore nur relativ zu einem bestimmten Publikum sein kann.

Ganz ehrlich, ich glaube Normcore ist langweilig. IRL bedeutet Normcore mit uncoolen Leuten rumzuhängen und über uncoole Sachen zu sprechen. Was soll daran gut sein?
Normcore bedeutet ganz sicher nicht, mit uncoolen Leuten rumzuhängen. Es bedeutet vielmehr mit jedem zusammen zu sein, ob cool oder uncool. Normcore zu sein bedeutet, eine gemeinsame Basis mit jedem zu haben, mit dem du zusammen bist, egal ob es deine Großmutter oder Rihanna ist.

Was für große Trends erwartet ihr in 2014?
Das verraten wir noch nicht.

“YOUTH MODE.
A REPORT ON FREEDOM”
BY K-HOLE AND BOX 1824

downloadbar bei khole.net

Text von Timo Feldhaus

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3 Responses

  1. Phantast

    Sorry aber da beißt sich die Schlange doch in den eigenen Schwanz.

    Ist es cool mit Wörtern wie Normcore um sich zu werfen ?!
    Das sind doch Erkenntnisse eins 15 Jährigen.

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  2. Hans

    Ei jei jei! Diese Hipster-Probleme würd ich gern mal haben.
    Sich fragen zu stellen wie ob man jetzt “Mass Indie” oder doch lieber “Normcore” sein soll. Hui, das klingt ja wirklich nach einem interessanten Leben!
    Eigentlich sollte doch klar sein, dass Abgrenzung als Selbstzweck zur Coolness-Simulation genauso Schwachsinn ist wie umgekehrt voll angepasst im Mainstream abzusaufen.

    “Wer gewohnt ist, seinen Geschmack nicht als gottgegebene Eigenschaft wie seine Augenfarbe zu betrachten, sondern als eine Größe, an der beständig gearbeitet werden muß, wird vielleicht Schwierigkeiten haben” an vielen langweilig-durchschnittlichen Sachen “etwas schön zu finden” (Max Goldt – genial formuliert: http://gasknecht.blogspot.de/2013/12/alljahrlich-alldezemberlich-alles.html), aber vorrausgesetzt, dass auch die nötige Toleranz von Leuten anderer Interessen existiert, und irgendwo eine Schnittmenge existiert, spricht doch nichts dagegen auch mit diesen Leuten etwas zu machen. Diese spiessige intolerante Einstellung vieler Hipster für die es anscheinend sogar die Hipstervokabel “Mass Indie” braucht, ist was mir echt immer auf den Kecks geht.
    Dass man jetzt eine neue Vokable “Normcore” braucht, um auszudrücken, dass man manchmal auch was mit vermeintlichen “Normalos” macht und eigentliche Selbstverständlichkeiten normal-sozial-handelnder Individuen dann mit pseudo-philosophisch überhöhtem Sprachgeschwurbel ausdrücken zu lassen, zeigt, dass vieles der Hipsterbewegung -leider- doch eher einem narzistischen Glasperlenspiel gleicht.
    Leider deshalb, weil die durch die Hipster-Kultur befeuerte kulturelle Vielfalt jenseits des Mainstreams für mich schon eine grosse Errungenschaft ist von der ich echt hoffe, dass sie auch langfristig bestand hat.

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