Text: riley reinhold aus De:Bug 10

KANZLERAMT-RECORDS von Anton Waldt Das Kanzleramt liegt mitten in Westdeutschland. Steinfurth, im zersiedelten Cluster um Frankfurt, hat die typische Mischung aus renovierten Dorfresten, Einfamilienhäusern & irgendwie gibt es zu viele Fassaden, die nach den 70ern aussehen. Der einzige stabile Bezugspunkt ist der Supermarkt, ideell sowieso, aber auch als letzter geographischer Ort von Bedeutung, die anderen sind längst medial absorbiert. Konsequent wie seine 12″ wohnt Heiko “Herr Kanzleramt Persönlich” Laux über dem örtlichen EDEKA & sein Studio ist im Keller unter demselben. Die Straße heißt “Alte Schul Straße” & dem ist der Sound verpflichtet: Techno, bißchen fies schraubend, klassisch bollernd & Vocal-Samples sind schon unnötiger Schnick-Schnack. Elaborierter Minimalismus. Die Kanzleramt-Acts veröffentlichen meist unter echtem Namen, aber ohne jeden Pathos, Pseudonym-Auswahl lenkt ab & wer POP! sagt, erntet Mißtrauen. Das größte Zugeständnis, das Heiko Laux der Präsentationsoberfläche macht, ist die Brille zu wechseln, wenn er Platten auflegt. Die ist ein bißchen markanter als seine Alltagsbrille. Das Techno-Schwein in mir freut sich natürlich über sowas, aber über solche Acts/Labels zu schreiben, ist wohl recht müßig. Kommt natürlich alles anders. ERWEITERTE ÖFFNUNGSZEITEN Im Kellerstudio spielt mir Herr Laux kommende Releases vor, in der dunkelsten Ecke schweigt sich Christian Morgenstern aus. Wir lauschen & rauchen. “Wenn ich zur Endabmischung richtig aufdrehe, schüttelt es oben die Haarspray-Dosen aus dem Regal. Oder die Alarmanlage geht an. Aber das passiert auch, wenn der Wind komisch kommt, oder morgens, wenn der Schulbus über die Verkehrsberuhigungs-Schwelle vor dem Haus donnert.” Dann kriegen wir Hunger, & es stellt sich heraus, daß Heiko die Schlüssel zum EDEKA hat, der gehört nämlich seinem Bruder. Äußerst praktisch eingerichtet also, & wir haben die freie Wahl im nächtlichen Supermarkt. Auf Bierkisten setzen Heiko & ich uns vor das Kühlregal, das spendet Milchschnitten, Müllermilch, die Beleuchtung & das typische Brummen, aus dem Keller rummst es dazu unverdrossen weiter. Christian kann sich für nichts entscheiden & ergeht sich in gründlicher Lebensmittelkontrolle. Derweil erzählt mir Heiko die ganze KANZLERAMT-Geschichte, die untrennbar mit dem PATEN VON STEINFURTH verbunden ist: Heikos großem Bruder: “Große Brüder sind natürlich was feines, wenn sie einen in die Disco mitnehmen…”. Morgenstern unterbricht mit einer Packung Miracoli in der Hand: “Sowas koche ich mir manchmal. Naja, das ist ja dann auch nicht richtig Kochen, oder?” Verschwindet wieder hinter einem Turm Persil-Packungen. “Also über meinen Bruder kam ich recht früh zum Auflegen, & als das dann mit Techno losging, gab es natürlich hier in der Gegend keinen Club dafür, da hat er das KANZLERAMT aufgemacht, das war eine Bar mit DJs. Zu der Zeit hatte EDEKA so eine Strategie, mehrere Läden unter einem Pächter zusammenzufassen, & da hatte mein Bruder drei Supermärkte, & das hat ganz gut gebrummt, & da hatte er das Kapital aber auch das Know-how gehabt, so eine Club aufzuziehen, illegal, wie in Berlin zu der Zeit, wäre hier natürlich nix gelaufen…” Morgenstern kommt mit einem Plastick-Pack geschälter roter Rüben: “Ich mag keine Rohkost, aber das sieht ja fast aus wie Fleisch!” Ich schlage ihm eine Müllermilch zur Beruhigung vor, aber: “So Milchprodukte mag ich überhaupt nicht! Also Butter…vielleicht so geschmolzen über was Gekochtes, aber sonst nicht!” Laux: “Ins KANZLERAMT kamen dann auch, zuerst als Gäste, fast alle Acts, die jetzt auf dem Label veröffentlichen: Johannes Heil, Anthony Rother usw. Tscha. Als wir dann selber Tracks produziert haben, hat mein Bruder dann noch das Label gegründet.” Morgenstern kommt mit einem riesigen Strunk Bananen: “Obst ist eh das Beste. Das mag ich. Wenn ich morgens, also mittags, aufstehe, esse ich meist erst mal Obst!” Laux: “Nach der Kanzleramt 03 habe ich meinen Bruder dann ausbezahlt. Inzwischen hat er auch nur noch diesen einen Supermarkt. Das Konzept mit mehreren Läden mit einem Geschäftsführer hat nicht so richtig hingehauen. Zuviel Rumfahren, zuwenig Synergie-Effekt. Ich mache neben Kanzleramt inzwischen noch UTURN, ohne Bindestrich, & damit war ich zur gleichen Zeit wie die Jungs aus England am Start. Komische Sache.” Morgenstern: “Gibt’s hier eigentlich Dosen-Ananas?” Wir reden dann noch eine Weile über Studio-Technik-Details, aber wen interessiert das? Im Morgengrauen taumele ich leicht benommen auf die Old-School-Street & über die Verkehrberuhigungs-Schwelle müht sich ein Alufelgen-Golf, dessen türkise Lackierung perfekt den Farbton der Krönung-Light-Auslage des EDEKA trifft. Den Sound dieses Sub-Supermarkt-Studios gibt es übrigens kompakt in seiner Vielseitigkeit auf der Doppel 12″ “Heiko Laux Presents The Old School Street” zu hören, Heiko mit diversen Gästen, eben nicht auf Kanzleramt sondern auf 1220. ————————————————— Zitate: Das größte Zugeständnis, das Heiko Laux der Präsentationsoberfläche macht, ist die Brille zu wechseln, wenn er Platten auflegt. Wenn ich zur Endabmischung richtig aufdrehe, schüttelt es oben die Haarspray-Dosen aus dem Regal.

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Elektronische Lebensaspekte.